Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Die Ver­bor­gen­heit der from­men Übung.

So oft ihr fas­tet, sollt ihr nicht sau­er sehen wie die Heuch­ler; denn sie ver­stel­len ihr Ange­sicht, auf daß sie vor den Leu­ten schei­nen mit ihrem Fas­ten. Wahr­lich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber fas­test, so sal­be dein Haupt, und wasche dein Ange­sicht, auf daß du nicht schei­nest vor den Leu­ten mit dei­nem Fas­ten, son­dern vor dei­nem Vater, wel­cher ver­bor­gen ist; und dein Vater, der in das Ver­bor­ge­ne sieht, wird dir’s ver­gel­ten öffent­lich“ (Mt. 6,16–18).

Jesus setzt als selbst­ver­ständ­lich vor­aus, daß die Nach­fol­gen­den die from­me Übung des Fas­tens hal­ten. Zum Leben der Nach­fol­gen­den gehört die stren­ge Übung in der Ent­halt­sam­keit. Sol­che Übun­gen haben den ein­zi­gen Zweck, den Nach­fol­gen­den für den ihm befoh­le­nen Weg und für das ihm befoh­le­ne Werk berei­ter und freu­di­ger zu machen. Der selbsti­sche und trä­ge Wil­le, der sich nicht zum Dienst trei­ben läßt, wird gezüch­tigt, das Fleisch wird gede­mü­tigt und gestraft. In der Übung der Ent­halt­sam­keit wird die Ent­frem­dung mei­nes christ­li­chen Lebens von der Welt deut­lich spür­bar. Ein Leben, das ganz ohne aske­ti­sche Übung bleibt, das sich alle Wün­sche des Flei­sches gönnt, so lan­ge sie nach der jus­ti­tia civi­lis erlaubt“ sind, wird sich für den Dienst Chris­ti schwer berei­ten. Das sat­te Fleisch betet nicht gern und schickt sich nicht zum ent­sa­gungs­vol­len Dienst.

So bedarf das Leben des Jün­gers der stren­gen äuße­ren Zucht. Nicht als könn­te hier­durch der Wil­le des Flei­sches erst gebro­chen wer­den, als gesche­he das täg­li­che Ster­ben des alten Men­schen durch etwas ande­res als durch den Glau­ben an Jesus. Aber eben der Glau­ben­de, der Nach­fol­gen­de, des­sen Wil­le gebro­chen ist, der an Jesus Chris­tus gestor­ben ist nach sei­nem alten Men­schen, kennt die Rebel­li­on und den täg­li­chen Stolz sei­nes Flei­sches. Er kennt sei­ne Träg­heit und Zügel­lo­sig­keit und weiß, daß sie die Quel­le des Hoch­muts ist, der geschla­gen wer­den muß. Das geschieht durch täg­li­che und außer­or­dent­li­che Übung der Zucht. Es gilt vom Jün­ger, daß der Geist wil­lig, aber das Fleisch schwach ist. Dar­um wachet und betet“. Der Geist erkennt den Weg der Nach-fol­ge und ist bereit, ihn zu gehen, aber das Fleisch ist zu furcht­sam, der Weg ist ihm zu beschwer­lich, zu unsi­cher, zu müh­sam. So muß der Geist ver­stum­men. Der Geist bejaht das Gebot Jesu zur unbe­ding­ten Fein­des­lie­be, aber Fleisch und Blut sind zu stark, so daß es nicht zur Tat wird. So muß das Fleisch in täg­li­cher und außer­or­dent­li­cher Übung und Zucht erfah­ren, daß es kein eig­nes Recht hat. Hier­zu hilft die täg­li­che, geord­ne­te Übung des Gebets, wie auch die täg­li­che Betrach­tung des Wor­tes Got­tes, hier­zu hilft aller­lei Übung leib­li­cher Zucht und Ent­halt­sam­keit.

Der Wider­stand des Flei­sches gegen die­se täg­li­che Demü­ti­gung kommt anfangs fron­tal, spä­ter ver­steckt hin­ter den Wor­ten des Geis­tes, d. h. im Namen der evan­ge­li­schen Frei­heit. Wo die evan­ge­li­sche Frei­heit vom gesetz­li­chen Zwang, von Selbst­zer­mar­te­rung und Kas­tei­ung grund­sätz­lich gegen den rech­ten evan­ge­li­schen Gebrauch von Zucht, Übung und Aske­se aus­ge­spielt wird, wo Zucht­lo­sig­keit und Unord­nung im Gebet, im Umgang mit dem Wort, im leib­li­chen Leben gerecht­fer­tigt wer­den im Namen christ­li­cher Frei­heit, dort ist der Wider­spruch gegen das Wort Jesu offen­bar. Dort weiß man nichts mehr von der Welt­fremd­heit des täg­li­chen Lebens in der Nach­fol­ge, eben­so­we­nig aber von der Freu­de und nun gera­de auch von der wah­ren Frei­heit, die die rech­te Übung dem Leben des Jün­gers ver­leiht. Wo immer der Christ erkennt, daß er in sei­nem Dienst ver­sagt, daß sei­ne Bereit­schaft erlahmt, daß er schul­dig gewor­den ist an frem­dem Leben, an frem­der Schuld, daß sei­ne Freu­de an Gott ihm ermat­tet, daß die Kraft zum Gebet nicht mehr da ist, dort wird er den Angriff auf sein Fleisch unter­neh­men, um sich durch Übung, durch Fas­ten und Beten (Lk. 2,37; 4,2; Mk. 9,29; 1. Kor. 7,5), zu bes­se­rem Dienst zu berei­ten. Der Ein­wand, der Christ müs­se statt zur Aske­se sei­ne Zuflucht zum Glau­ben, zum Wort neh­men, bleibt völ­lig leer. Er ist unbarm­her­zig und ohne hel­fen­de Kraft. Was ist denn ein Leben im Glau­ben, wenn nicht der unend­li­che man­nig­fa­che Kampf des Geis­tes gegen das Fleisch? Wie will einer im Glau­ben leben, den das Gebet trä­ge macht, dem das Schrift­wort ver­lei­det ist, dem Schla­fen, Essen und Geschlechts­lust immer wie­der die Freu­de an Gott rau­ben? Aske­se ist selbst­ge­wähl­tes Lei­den, es ist pas­sio acti­va, nicht pas­sio pas­si­va, und eben­da­rin aufs höchs­te gefähr­det. Aske­se ist dau­ernd belau­ert von dem gott­lo­sen from­men Wunsch, sich selbst Jesus Chris­tus durch Lei­den gleich zu machen. Es schlum­mert in ihr auch immer schon der Anspruch, an die Stel­le des Lei­dens Chris­ti zu tre­ten, das Werk des Lei­dens Chris­ti selbst zu voll­brin­gen, näm­lich den alten Men­schen zu töten. Hier maßt sich die Aske­se den bit­te­ren und letz­ten Ernst des Erlö­sungs­wer­kes Chris­ti an. Hier stellt sie sich mit furcht­ba­rer Här­te sicht­bar zur Schau. Das frei­wil­li­ge Lei­den, das nur auf Grund des Lei­dens Chris­ti zu bes­se­rem Dienst, zu tie­fe­rer Demü­ti­gung die­nen soll­te, wird hier zur grau­en­vol­len Ver­zer­rung des Lei­dens des Herrn selbst. Nun will es gese­hen wer­den, nun ist es der unbarm­her­zi­ge leben­di-ge Vor­wurf für die Mit­men­schen; denn es ist Heils­weg gewor­den. In sol­cher Öffent­lich­keit“ ist der Lohn wahr­haf­tig dahin, indem er von Men­schen gesucht wird.

Sal­be dein Haupt und wasche dein Ange­sicht“, könn­te ja aber­mals eine Gele­gen­heit zu noch ver­fei­ner­tem Genuß oder Selbst­ruhm sein. Es wäre dann als Ver­stel­lung miß­deu­tet. Jesus aber sagt sei­nen Jün­gern, daß sie in den frei-wil­li­gen Übun­gen der Demut ganz demü­tig blei­ben, daß sie sie nie­mand als Vor­wurf oder als Gesetz auf­bür­den, viel­mehr daß sie dafür dank­bar und fröh­lich wer­den sol­len, im Dienst ihres Herrn blei­ben zu dür­fen. Nicht das fröh­li­che Gesicht des Jün­gers als ein christ­li­cher Typ ist hier gemeint, son­dern die rech­te Ver­bor­gen­heit des christ­li­chen Tuns, die Demut, die um sich selbst nicht weiß, wie das Auge sich nicht selbst sieht, son­dern nur den Ande­ren. Sol­che Ver­bor­gen­heit wird einst­mals offen­bar wer­den, aber allein durch Gott, nie­mals durch sich selbst.