Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als ganzes.

Mat­thä­us 7:
Die Aus­son­de­rung der Jüngergemeinde.

Der Jün­ger und die Ungläubigen.

»Rich­tet nicht, auf daß ihr nicht gerich­tet wer­det. Denn mit wel­cher­lei Gericht ihr rich­tet, wer­det ihr gerich­tet wer­den; und mit wel­cher­lei Maß ihr mes­set, wird euch gemes­sen wer­den. Was sie­hest du aber den Split­ter in dei­nes Bru­ders Auge, und wirst nicht gewahr des Bal­kens in dei­nem Auge? Oder wie darfst du sagen zu dei­nem Bru­der: Halt, ich will dir den Split­ter aus dei­nem Auge zie­hen, – und sie­he, ein Bal­ken ist in dei­nem Auge? Du Heuch­ler, zieh am ers­ten den Bal­ken aus dei­nem Auge; dar­nach sie­he zu, wie du den Split­ter aus dei­nes Bru­ders Auge zie­hest! Ihr sollt das Hei­lig­tum nicht den Hun­den geben, und eure Per­len sollt ihr nicht vor die Säue wer­fen, auf daß sie die­sel­ben nicht zer­tre­ten mit ihren Füßen und sich wen­den und euch zer­rei­ßen. Bit­tet, so wird euch gege­ben; suchet, so wer­det ihr fin­den; klopf­et an, so wird euch auf­ge­tan. Denn wer da bit­tet, der emp­fängt; und wer da sucht, der fin­det; und wer da anklopft, dem wird auf­ge­tan. Wel­cher ist unter euch Men­schen, so ihn sein Sohn bit­tet ums Brot, der ihm einen Stein bie­te? Oder so er ihn bit­tet um einen Fisch, der ihm eine Schlan­ge bie­te? So denn ihr, die ihr doch arg seid, könnt den­noch euren Kin­dern gute Gaben geben, wie viel mehr wird euer Vater im Him­mel Gutes geben denen, die ihn bit­ten! Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leu­te tun sol­len, das tut ihr ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Pro­phe­ten« (Mt. 7,1–12).

Ein not­wen­di­ger Zusam­men­hang führt vom 5. und 6. Kapi­tel zu die­sen Ver­sen und dann zum gro­ßen Abschluß der Berg­pre­digt. Vom Außer­or­dent­li­chen der Nach­fol­ge war im 5. Kapi­tel die Rede (PERISSON), von der ver­bor­ge­nen, ein­fäl­ti­gen Gerech­tig­keit der Jün­ger im 6. Kapi­tel (HAPLOUS). Durch bei­des waren die Nach­fol­gen­den aus der Gemein­schaft, der sie bis­her ange­hör­ten, her­aus­ge­nom­men und allein mit Jesus ver­bun­den wor­den. Die Gren­ze wur­de deut­lich sicht­bar. Das bringt die Fra­ge nach dem Ver­hält­nis der Nach­fol­gen­den zu den Men­schen um sie her­um mit sich. Ist ihnen durch die Aus­son­de­rung, die ihnen zuteil wur­de, ein beson­de­res, eige­nes Recht mit­ge­teilt wor­den, sind sie in den Besitz von Kräf­ten, Maß­stä­ben, Bega­bun­gen gelangt, die es ihnen ermög­lich­ten, die­sen ande­ren gegen­über eine beson­de­re Auto­ri­tät für sich in Anspruch zu neh­men? Es hät­te ja vor allem nahe­ge­le­gen, wenn die Nach­fol­ger Jesu sich nun durch ein schar­fes, tren­nen­des Urteil von ihrer Umge­bung selbst gelöst hät­ten. Ja, es hät­te gera­de­zu die Mei­nung ent­ste­hen kön­nen, als sei es der Wil­le Jesu, daß sol­ches tren­nen­de und rich­ten­de Urteil von den Jün­gern nun auch in ihrem täg­li­chen Umgang mit den Ande­ren voll­zo­gen wür­de. Dar­um muß es Jesus deut­lich machen, daß durch sol­che Miß­ver­ständ­nis­se die Nach­fol­ge ernst­lich gefähr­det wür­de. Die Jün­ger sol­len nicht rich­ten. Tun sie es, so ver­fal­len sie selbst dem Gericht Got­tes. Das Schwert, mit dem sie den Bru­der rich­ten, fällt auf sie selbst her­ab. Der Schnitt, mit dem sie sich vom Ande­ren abson­dern als die Gerech­ten von den Unge­rech­ten, trennt sie selbst von Jesus.

War­um ist das so? Der Nach­fol­gen­de lebt ganz und gar aus der Ver­bun­den­heit mit Jesus Chris­tus. Er hat sei­ne Gerech­tig­keit nur in die­ser Ver­bun­den­heit und nie­mals außer­halb der­sel­ben. Sie kann ihm also nie­mals zum Maß­stab wer­den, den er in Besitz hät­te zu belie­bi­ger Ver­fü­gung. Was ihn zum Jün­ger macht, ist nicht ein neu­er Maß­stab sei­nes Lebens, son­dern ist ganz allein Jesus Chris­tus, der Mitt­ler und Sohn Got­tes selbst. Sei­ne eige­ne Gerech­tig­keit ist ihm daher ver­bor­gen in der Gemein­schaft mit Jesus. Er kann sich selbst nicht mehr sehen, beob­ach­ten, beur­tei­len, er sieht allein Jesus, er ist allein von Jesus gese­hen, beur­teilt und begna­digt. So steht auch zwi­schen dem Jün­ger und den Ande­ren nicht ein Maß­stab gerech­ten Lebens, son­dern aber­mals allein Jesus Chris­tus selbst; der Jün­ger sieht den ande­ren Men­schen immer nur als einen, zu dem Jesus kommt. Er begeg­net ja dem Ande­ren nur, weil er mit Jesus zum Ande­ren geht. Jesus geht ihm vor­an zum Ande­ren, und er folgt ihm. So ist die Begeg­nung des Jün­gers mit dem Ande­ren nie­mals die freie Begeg­nung zwei­er Men­schen, die in der Unmit­tel­bar­keit ihre Ansich­ten, Maß­stä­be, Urtei­le gegen­ein­an­der füh­ren. Viel­mehr kann der Jün­ger dem Ande­ren nur als dem begeg­nen, zu dem Jesus selbst kommt. Der Kampf um den Ande­ren, sein Ruf, sei­ne Lie­be, sei­ne Gna­de, sein Gericht kommt hier allein zur Gel­tung. Der Jün­ger hat also nicht eine Posi­ti­on bezo­gen, von der aus der Ande­re ange­grif­fen wird, son­dern er tritt in der Wahr­haf­tig­keit der Lie­be Jesu zu dem Ande­ren mit dem bedin­gungs­lo­sen Ange­bot der Gemeinschaft.

Im Rich­ten tre­ten wir dem Ande­ren gegen­über in dem Abstand der Beob­ach­tung, der Refle­xi­on. Die Lie­be aber läßt dazu kei­nen Raum und kei­ne Zeit. Der Ande­re kann dem Lie­ben­den nie­mals Gegen­stand zuschaue­ri­scher Betrach­tung sein, son­dern er ist jeder­zeit der leben­di­ge Anspruch auf mei­ne Lie­be und mei­nen Dienst. Aber zwingt mich nicht das Böse des Ande­ren not­wen­dig zur Ver­ur­tei­lung, gera­de um des Ande­ren, um der Lie­be zu ihm wil­len? Wir erken­nen, wie scharf hier die Gren­ze gezo­gen ist. Eine miß­ver­stan­de­ne Lie­be zum Sün­der ist der Lie­be zur Sün­de unheim­lich nahe. Aber die Lie­be Chris­ti zum Sün­der ist ja selbst die Ver­ur­tei­lung der Sün­de, sie ist der schärfs­te Aus­druck des Has­ses gegen die Sün­de. Gera­de die bedin­gungs­lo­se Lie­be, in der Jesu Jün­ger leben sol­len in sei­ner Nach­fol­ge, bewirkt das, was sie mit geteil­ter und nach eige­nem Ermes­sen und eige­nen Bedin­gun­gen geschenk­ter Lie­be nie­mals bewir­ken könn­ten, näm­lich die radi­ka­le Ver­ur­tei­lung des Bösen.

Rich­ten die Jün­ger, so rich­ten sie Maß­stä­be auf über Gut und Böse. Jesus Chris­tus aber ist kein Maß­stab, den ich auf ande­re anwen­den könn­te. Er ist es, der mich selbst rich­tet und mir mein Gutes als ganz und gar Böses ent­hüllt. Damit aber ist mir ver­bo­ten, auf den Ande­ren anzu­wen­den, was mir nicht gilt. Ja, mit dem Rich­ten nach Gut und Böse bestä­ti­ge ich den Ande­ren gera­de in sei­nem Bösen; denn auch er rich­tet nach Gut und Böse. Aber er weiß nicht um die Bos­heit sei­nes Guten, son­dern recht­fer­tigt sich dar­in. Wird er von mir in sei­nem Bösen gerich­tet, so wird er in sei­nem Guten bestä­tigt, das doch nie­mals das Gute Jesu Chris­ti ist, und so gera­de wird er dem Gericht Chris­ti ent­zo­gen und einem mensch­li­chen Gericht unter­stellt. Ich selbst aber zie­he das Gericht Got­tes über mich her­bei, denn ich lebe nun nicht mehr aus Gna­de Jesu Chris­ti, son­dern aus der Erkennt­nis des Guten und Bösen und ver­fal­le dem Urteil, an das ich mich hal­te. Gott ist einem jeg­li­chen der Gott, als den er ihn glaubt.

Rich­ten ist die uner­laub­te Refle­xi­on auf den Ande­ren. Es zer­setzt die ein­fäl­ti­ge Lie­be. Die­se ver­bie­tet mir zwar nicht mei­ne Gedan­ken über den Ande­ren, mei­ne Wahr­neh­mung sei­ner Sün­de, aber bei­des wird dadurch aus der Refle­xi­on befreit, daß es mir allein Anlaß zur Ver­ge­bung und zur bedin­gungs­lo­sen Lie­be wird, die Jesus mir beweist. Durch die Zurück­hal­tung mei­nes Urteils über den Ande­ren wird nicht das tout com­prend­re c’est tout par­don­ner in Kraft gesetzt, wird nicht dem Ande­ren doch wie­der irgend­wie recht­ge­ge­ben. Weder ich bekom­me hier Recht noch der Ande­re, son­dern Gott allein wird Recht gege­ben, sei­ne Gna­de und sein Gericht wer­den verkündigt.

Rich­ten macht blind, aber die Lie­be macht sehend. Im Rich­ten bin ich blind gegen mein eig­nes Böses und gegen die Gna­de, die dem Ande­ren gilt. In der Lie­be Chris­ti aber weiß der Jün­ger um alle denk­ba­re Schuld und Sün­de, denn er weiß um das Lei­den Jesu Chris­ti, zugleich aber erkennt die Lie­be den Ande­ren als den, dem unter dem Kreuz ver­ge­ben ist. Die Lie­be sieht den Ande­ren unter dem Kreuz, und eben dar­in ist sie in Wahr­heit sehend. Gin­ge es mir beim Rich­ten wirk­lich um die Ver­nich­tung des Bösen, so wür­de ich das Böse dort suchen, wo es mich eigent­lich bedroht, näm­lich bei mir selbst. Suche ich aber das Böse beim Andern, so wird gera­de dar­in offen­bar, daß ich auch in sol­chem Rich­ten mein eige­nes Recht suche, daß ich in mei­nem Bösen unge­straft blei­ben will, indem ich den Ande­ren rich­te. So ist die Vor­aus­set­zung alles Rich­tens der gefähr­lichs­te Selbst­be­trug, daß näm­lich mir das Wort Got­tes anders gel­te als mei­nem Nächs­ten. Ich mache ein Son­der­recht gel­tend, indem ich sage: mir gel­te die Ver­ge­bung, dem Ande­ren aber das rich­ten­de Urteil. Weil aber die Jün­ger von Jesus kein eige­nes Recht bekom­men, das sie einem Ande­ren gegen­über gel­tend zu machen hät­ten, weil sie nichts emp­fan­gen als sei­ne Gemein­schaft, dar­um ist das Rich­ten als die Anma­ßung eines fal­schen Rech­tes über den Nächs­ten dem Jün­ger ganz und gar ver­wehrt. Aber nicht nur das rich­ten­de Wort ist dem Jün­ger ver­bo­ten, son­dern auch das ver­kün­di­gen­de Heils­wort der Ver­ge­bung an den Ande­ren hat sei­ne Gren­ze. Der Jün­ger Jesu hat nicht Macht und Recht, die­ses jedem zu jeder Zeit auf­zu­nö­ti­gen. Alles Drän­gen, Nach­lau­fen, Pro­se­ly­ten­ma­chen, jeder Ver­such, mit eig­ner Macht etwas am Ande­ren aus­zu­rich­ten, ist ver­geb­lich und gefähr­lich. Ver­geb­lich – denn die Säue erken­nen die Per­len nicht, die man vor sie hin­wirft; gefähr­lich – denn nicht nur wird so das Wort der Ver­ge­bung ent­hei­ligt, nicht nur wird hier der Ande­re, dem ich die­nen will, zum Sün­der am Hei­lig­tum gemacht, son­dern auch die pre­di­gen­den Jün­ger kom­men in Gefahr, von der blin­den Wut der Ver­stock­ten und Ver­fins­ter­ten ohne Not und ohne Nut­zen Scha­den zu lei­den. Die Ver­schleu­de­rung der bil­li­gen Gna­de wird der Welt zum Über­druß. So wen­det sie sich schließ­lich gewalt­sam gegen die, die ihr auf­drän­gen wol­len, was sie nicht begehrt. Das bedeu­tet für die Jün­ger eine erns­te Beschrän­kung ihres Wir­kens, die der Wei­sung von Mt. 10 ent­spricht, den Staub von den Füßen zu schüt­teln, wo das Wort des Frie­dens nicht gehört wird. Die trei­ben­de Unru­he der Jün­ger­schar, die kei­ne Gren­zen ihrer Wirk­sam­keit ken­nen will, der Eifer, der den Wider­stand nicht ach­tet, ver­wech­selt das Wort des Evan­ge­li­ums mit einer sieg­rei­chen Idee. Die Idee for­dert Fana­ti­ker, die kei­nen Wider­stand ken­nen und ach­ten. Die Idee ist stark. Das Wort Got­tes aber ist so schwach, daß es sich von Men­schen ver­ach­ten und ver­wer­fen läßt. Es gibt für das Wort ver­stock­te Her­zen und ver­schlos­se­ne Türen, und das Wort aner­kennt den Wider­stand, auf den es stößt, und erlei­det ihn. Es ist eine har­te Erkennt­nis: für die Idee gibt es nichts Unmög­li­ches, für das Evan­ge­li­um aber gibt es Unmög­lich­kei­ten. Das Wort ist schwä­cher als die Idee. So sind auch die Zeu­gen des Wor­tes mit die­sem Wort schwä­cher als die Pro­pa­gan­dis­ten einer Idee. Aber in die­ser Schwä­che sind sie frei von der kran­ken Unru­he der Fana­ti­ker, sie lei­den ja mit dem Wort. Die Jün­ger kön­nen auch wei­chen, kön­nen auch flie­hen, wenn sie nur mit dem Wort wei­chen und flie­hen, wenn nur ihre Schwä­che die Schwä­che des Wor­tes selbst ist, wenn sie nur das Wort nicht im Sti­che las­sen auf ihrer Flucht. Sie sind ja nichts als Die­ner und Werk­zeu­ge des Wor­tes und wol­len nicht stark sein, wo das Wort schwach sein will. Woll­ten sie das Wort unter allen Umstän­den, mit allen Mit­teln der Welt auf­zwin­gen, so mach­ten sie aus dem leben­di­gen Wort Got­tes eine Idee, und die Welt wird sich mit Recht gegen eine Idee zur Wehr set­zen, die ihr nichts hel­fen kann. Gera­de als die schwa­chen Zeu­gen aber sind sie von denen, die nicht wei­chen, son­dern die blei­ben – frei­lich allein dort, wo das Wort ist. Die Jün­ger, die von die­ser Schwä­che des Wor­tes nichts wis­sen, hät­ten das Geheim­nis der Nied­rig­keit Got­tes nicht erkannt. Die­ses schwa­che Wort, das den Wider­spruch der Sün­der erlei­det, ist ja allein das star­ke, barm­her­zi­ge Wort, das Sün­der bekehrt von Grund ihres Her­zens. Sei­ne Kraft ist ver­hüllt in der Schwach­heit; käme das Wort in unver­hüll­ter Kraft, so wäre der Gerichts­tag da. Es ist eine gro­ße Auf­ga­be, die den Jün­gern gestellt ist, die Gren­zen ihres Auf­tra­ges zu erken­nen. Das miß­brauch­te Wort aber wird sich gegen sie kehren.

Was sol­len die Jün­ger tun ange­sichts der ver­schlos­se­nen Her­zen? Dort wo der Zugang zum Ande­ren nicht gelingt? Sie sol­len aner­ken­nen, daß sie in kei­ner Wei­se Recht oder Macht über die Ande­ren besit­zen, daß sie auch kei­ner­lei unmit­tel­ba­ren Zugang zu ihnen haben, so daß ihnen allein der Weg zu dem bleibt, in des­sen Hand sie selbst ste­hen wie auch jene Ande­ren. Hier­von redet das fol­gen­de. Die Jün­ger wer­den ins Gebet geführt. Es wird ihnen gesagt, daß kein ande­rer Weg zum Nächs­ten führt als das Gebet zu Gott. Gericht und Ver­ge­bung blei­ben in Got­tes Hand. Er schließt zu und er schließt auf. Die Jün­ger aber sol­len bit­ten, suchen, anklop­fen, so wird er sie erhö­ren. Das sol­len die Jün­ger wis­sen, daß ihre Sor­ge und Unru­he um die Ande­ren sie ins Gebet füh­ren muß. Die Ver­hei­ßung, die ihrem Gebet gege­ben ist, ist die größ­te Macht, die sie haben.

Das unter­schei­det das Suchen der Jün­ger von dem Gott­su­chen der Hei­den, daß jene wis­sen, was sie suchen. Gott suchen kann nur, wer ihn schon kennt. Wie könn­te er suchen, was er nicht kennt? Wie soll­te er fin­den, wenn er nicht weiß, was er sucht? So suchen die Jün­ger Gott, den sie gefun­den haben in der Ver­hei­ßung, die Jesus Chris­tus ihnen gab.

Zusam­men­fas­send ist hier deut­lich gewor­den, daß dem Jün­ger im Ver­kehr mit dem Ande­ren kein eige­nes Recht, kei­ne eige­ne Macht gehört. Er lebt ganz und gar von der Kraft der Gemein­schaft Jesu Chris­ti. Eine ein­fa­che Regel gibt Jesus dem Jün­ger, an der selbst der Ein­fäl­tigs­te prü­fen kann, ob sein Umgang mit dem Ande­ren recht ist oder unrecht; er braucht nur das Ver­hält­nis von Ich und Du umzu­keh­ren, er braucht sich nur an die Stel­le des Ande­ren und die­sen an sei­ne Stel­le zu set­zen. »Was ihr wollt, daß euch die Leu­te tun, das tut ihr ihnen auch.« Im sel­ben Augen­blick ver­liert der Jün­ger jeg­li­ches Son­der­recht vor dem Ande­ren, er kann nicht bei sich ent­schul­di­gen, was er beim Ande­ren anklagt. Er ist nun gegen das Böse in sich so hart, wie er gegen das Böse des Ande­ren zu sein pfleg­te, und gegen das Böse des Ande­ren so nach­sich­tig, wie er gegen sich selbst ist. Denn unser Böses ist nichts ande­res als das Böse des Ande­ren. Es ist ein Gericht, ein Gesetz, eine Gna­de. So wird der Jün­ger dem Ande­ren immer nur begeg­nen als der, dem sei­ne Sün­den ver­ge­ben sind und der von nun an allein von der Lie­be Got­tes lebt. »Das ist das Gesetz und die Pro­phe­ten« – denn es ist nichts ande­res als das höchs­te Gebot selbst: Gott lie­ben über alle Din­ge und dei­nen Nächs­ten als dich selbst.