Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Die Ver­gel­tung.

»Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn‹. Ich aber sage euch, daß ihr nicht wider­stre­ben sollt dem Bösen; son­dern, so dir jemand einen Streich gibt auf dei­nen rech­ten Backen, dem bie­te den andern auch dar. Und so jemand mit dir rech­ten will und dei­nen Rock neh­men, dem laß auch den Man­tel. Und so dich jemand nötigt eine Mei­le, so gehe mit ihm zwei. Gib dem, der dich bit­tet, und wen­de dich nicht von dem, der dir abbor­gen will« (Mt. 5,38–42).

Jesus koor­di­niert hier das Wort: Auge um Auge, Zahn um Zahn, mit den frü­her genann­ten alt­tes­ta­ment­li­chen Gebo­ten, also etwa auch mit dem Ver­bot des Tötens aus dem Deka­log. Er aner­kennt es also wie jenes als unzwei­fel­haf­tes Gebot Got­tes. Es soll wie jenes nicht auf­ge­löst, son­dern bis ins letz­te erfüllt wer­den. Unse­re Abstu­fung der alt­tes­ta­ment­li­chen Gebo­te zuguns­ten des Zehn­ge­bo­tes kennt Jesus nicht. Für ihn ist das Gebot des Alten Tes­ta­ments eines, und so weist er sei­ne Jün­ger an sei­ne Erfül­lung.

Die Nach­fol­ger Jesu leben um sei­net­wil­len im Ver­zicht auf das eige­ne Recht. Er preist sie als die Sanft­mü­ti­gen selig. Woll­ten sie, nach­dem sie alles auf­ge­ge­ben haben um sei­ner Gemein­schaft wil­len, an die­sem einen Besitz fest­hal­ten, so hät­ten sie die Nach­fol­ge ver­las­sen. So geschieht hier nichts mehr als eine Ent­fal­tung der Selig­prei­sung. Das alt­tes­ta­ment­li­che Gesetz stellt das Recht unter den gött­li­chen Schutz der Ver­gel­tung. Es soll kein Böses ohne Ver­gel­tung geben. Es geht ja um die Her­stel­lung der rech­ten Gemein­schaft, um die Über­win­dung und Über­füh­rung des Bösen, um sei­ne Besei­ti­gung aus der Gemein­schaft des Vol­kes Got­tes. Dazu dient das Recht, das durch Ver­gel­tung in Kraft bleibt. Jesus nimmt die­sen Wil­len Got­tes auf und bejaht die Kraft der Ver­gel­tung, das Böse zu über­füh­ren und zu über­win­den und die Gemein­schaft der Jün­ger als des wah­ren Isra­el zu sichern. Durch rech­te Ver­gel­tung soll das Unrecht abge­tan wer­den, soll der Jün­ger sich in der Nach­fol­ge Jesu bewäh­ren. Sol­che rech­te Ver­gel­tung besteht nach dem Wort Jesu allein dar­in, daß dem Bösen nicht wider­stan­den wird. Mit die­sem Wort löst Jesus sei­ne Gemein­de aus der poli­tisch-recht­li­chen Ord­nung, aus der völ­ki­schen Gestalt des Vol­kes Isra­el und macht sie zu dem, was sie in Wahr­heit ist, näm­lich zu der poli­tisch-völ­kisch nicht gebun­de­nen Gemein­de der Gläu­bi­gen. Bestand die Ver­gel­tung nach gött­li­chem Wil­len in dem von Gott erwähl­ten Volk Isra­el als zugleich poli­ti­scher Gestalt in der Erwi­de­rung des Schla­ges mit dem Schlag, so besteht sie für die Jüng­er­ge­mein­de, die für sich völ­kisch-recht­lich kei­nen Anspruch mehr erhe­ben kann, in dem gedul­di­gen Erlei­den des Schla­ges, auf daß nicht Böses zu Bösem hin­zu­ge­fügt wer­de. So allein wird Gemein­schaft begrün­det und erhal­ten.

Es wird hier deut­lich, daß der Nach­fol­ger Jesu, dem Unrecht zuge­fügt ist, nicht mehr an sei­nem eige­nen Recht hängt als an einem Besitz, den er unter allen Umstän­den zu ver­tei­di­gen habe, son­dern daß er völ­lig frei von jeg­li­chem Besitz allein an Jesus Chris­tus gebun­den ist und eben, indem er die­se sei­ne Bin­dung an Jesus allein bezeugt, die ein­zig trag­fä­hi­ge Grund­la­ge der Gemein­schaft schafft und den Sün­der in die Hand Jesu gibt.

Die Über­win­dung des Ande­ren erfolgt nun dadurch, daß sein Böses sich tot­lau­fen muß, daß es nicht fin­det, was es sucht, näm­lich Wider­stand und damit neu­es Böses, an dem es sich um so mehr ent­zün­den könn­te. Das Böse wird dar­in ohn­mäch­tig, daß es kei­nen Gegen­stand, kei­nen Wider­stand fin­det, son­dern wil­lig getra­gen und erlit­ten wird. Hier stößt das Böse auf einen Geg­ner, dem es nicht mehr gewach­sen ist. Frei­lich nur dort, wo auch der letz­te Rest von Wider­stand auf­ge­ho­ben ist, wo der Ver­zicht, Böses mit Bösem zu ver­gel­ten, rest­los ist. Das Böse kann hier sein Ziel nicht errei­chen, Böses zu schaf­fen, es bleibt allein.

Das Lei­den geht vor­über, indem es getra­gen wird. Das Übel fin­det sein Ende, indem wir es wehr­los über uns erge­hen las­sen. Ent­eh­rung und Schmä­hung wird als Sün­de offen­bar, indem der Nach­fol­gen­de sie nicht auch selbst begeht, son­dern sie wehr­los trägt. Ver­ge­wal­ti­gung wird dar­in gerich­tet, daß ihr kei­ne Gewalt ent­ge­gen­tritt. Der unrech­te Anspruch auf mei­nen Rock wird dadurch bloß­ge­stellt, daß ich den Man­tel noch dazu hin­ge­be, die Aus­beu­tung mei­ner Dienst­leis­tung wird als sol­che sicht­bar, daß ich ihr kei­ne Gren­ze set­ze. Die Bereit­schaft alles zu las­sen, wo wir gebe­ten wer­den, ist die Bereit­schaft, mit Jesus Chris­tus allein genug zu haben, ihm allein fol­gen zu wol­len. Im frei­wil­li­gen Ver­zicht auf Gegen­wehr bestä­tigt und bekun­det sich die unbe­ding­te Bin­dung des Nach­fol­gers an Jesus, die Frei­heit, das Ent­bun­den­sein vom eige­nen Ich. Und eben in der Aus­schließ­lich­keit die­ser Bin­dung kann das Böse allein über­wun­den wer­den.

Dabei geht es nicht nur um das Böse, son­dern um den Bösen. Jesus nennt den Bösen böse. Nicht Ent­schul­di­gung und Recht­fer­ti­gung des Gewalt­tä­ti­gen, des mich Bedrän­gen­den soll mein Ver­hal­ten sein. Nicht als woll­te ich mit mei­nem lei­den­den Erdul­den mein Ver­ständ­nis für das Recht des Bösen aus­drü­cken. Mit die­sen sen­ti­men­ta­len Erwä­gun­gen hat Jesus nichts zu tun. Der ent­eh­ren­de Schlag, die Gewalt­tat, die Aus­beu­tung bleibt böse. Der Jün­ger soll das wis­sen und er soll es bezeu­gen, wie Jesus es bezeug­te, eben weil anders der Böse nicht getrof­fen und über­wun­den wird. Aber gera­de weil es das gar nicht zu recht­fer­ti­gen­de Böse ist, das dem Jün­ger gegen­über­tritt, dar­um soll der Jün­ger nicht wider­ste­hen, son­dern lei­dend das Böse zu sei­nem Ende brin­gen und so den Bösen über­win­den. Das wil­li­ge Lei­den ist stär­ker als das Böse, es ist der Tod des Bösen.

Es gibt also auch kei­ne denk­ba­re Tat, in der das Böse so groß und stark wäre, daß es nun doch eine ande­re Hal­tung des Chris­ten erfor­der­lich mach­te. Je furcht­ba­rer das Böse, des­to bereit­wil­li­ger zum Lei­den soll der Jün­ger sein. Der Böse muß Jesus in die Hän­de fal­len. Nicht ich, son­dern Jesus soll mit ihm han-deln.

Die refor­ma­to­ri­sche Aus­le­gung hat an die­ser Stel­le einen ent­schei­den­den neu­en Gedan­ken ein­ge­führt, daß näm­lich zu unter­schei­den sei zwi­schen dem, was mir per­sön­lich und dem, was mir in mei­nem Amt, d.h. in mei­ner mir von Gott auf­ge­tra­ge­nen Ver­ant­wor­tung zulei­de getan wird. Habe ich im ers­ten Fall zu han­deln, wie Jesus gebie­tet, so bin ich doch im zwei­ten Fall davon ent­bun­den, ja um der wah­ren Lie­be wil­len ver­pflich­tet, umge­kehrt zu han­deln, näm­lich Gewalt gegen Gewalt zu set­zen, um dem Ein­bruch des Bösen zu wider­ste­hen. Hier­aus recht­fer­tigt sich die Stel­lung der Refor­ma­ti­on zum Krieg, zu jedem Gebrauch der öffent­li­chen recht­li­chen Mit­tel zur Abwehr des Bösen. Jesus aber ist die­se Unter­schei­dung zwi­schen mir als Pri­vat­per­son und als Trä­ger des Amtes als maß­geb­lich für mein Han­deln fremd. Er sagt uns dar­über kein Wort. Er redet sei­ne Nach­fol­ger an als sol­che, die alles ver­las­sen hat­ten, um ihm nach­zu­fol­gen. »Pri­va­tes« und »amt­li­ches« soll­te ganz und gar dem Gebot Jesu unter­wor­fen sein. Jesu Wort hat­te sie unge­teilt in Anspruch genom­men. Er for­der­te unge­teil­ten Gehor­sam. In der Tat ist ja die genann­te Unter­schei­dung einer unlös­ba­ren Schwie­rig­keit aus­ge­setzt. Wo bin ich im wirk­li­chen Leben nur Pri­vat­per­son, wo nur Amts­trä­ger? Bin ich nicht, wo immer ich ange­grif­fen wer­de, zugleich der Vater mei­ner Kin­der, der Pre­di­ger mei­ner Gemein­de, der Staats­mann mei­nes Vol­kes? Bin ich nicht aus die­sem Grun­de jedem Angriff die Abwehr schul­dig, eben um der Ver­ant­wor­tung für mein Amt wil­len? Bin ich nicht auch in mei­nem Amt wie­der­um jeder­zeit ich selbst, der allein Jesus gegen­über­steht? Soll­te also mit die­ser Unter­schei­dung doch ver­ges­sen sein, daß der Nach­fol­ger Jesu immer ganz allein ist, der Ein­zel­ne, der zuletzt auch nur für sich allein han­deln und ent­schei­den kann? und daß gera­de in die­sem Han­deln die erns­tes­te Ver­ant­wor­tung für die mir Befoh­le­nen liegt?

Aber wie will sich denn der Satz Jesu recht­fer­ti­gen vor der Erfah­rung, der gemäß das Böse sich gera­de am Schwa­chen ent­zün­det und sich gera­de am Wehr­lo­sen am unge­hin­derts­ten aus­tobt? Bleibt die­ser Satz nicht ein­fach Ideo­lo­gie, die nicht mit den Rea­li­tä­ten, sagen wir mit der Sün­de der Welt rech­net. Es könn­te die­ser Satz viel­leicht sein Recht haben inner­halb der Gemein­de. Der Welt gegen­über scheint er schwär­me­ri­sches Über­se­hen der Sün­de zu sein. Weil wir in der Welt leben und die Welt böse ist, dar­um eben kann die­ser Satz nicht gel­ten. Jesus aber sagt: weil ihr in der Welt lebt und weil die Welt böse ist, dar­um gilt die­ser Satz: ihr sollt dem Bösen nicht wider­ste­hen. Man wird Jesus schwer­lich den Vor­wurf machen wol­len, er habe die Macht des Bösen nicht gekannt, er, der vom ers­ten Tage sei­nes Lebens an im Kampf mit dem Teu­fel lag. Jesus nennt das Böse böse und gera­de dar­um spricht er so zu sei­nen Nach­fol­gern. Wie ist das mög­lich?

Es wäre in der Tat alles bare Schwär­me­rei, was Jesus sei­nen Nach­fol­gern sagt, wenn wir die­se Sät­ze als all­ge­mei­nes ethi­sches Pro­gramm zu ver­ste­hen hät­ten, wenn der Satz, daß das Böse allein durch das Gute über­wun­den wird, als all­ge­mei­ne Welt- und Lebens­weis­heit auf­zu­fas­sen wäre. Es wäre in der Tat unver­ant­wort­li­ches Phan­ta­sie­ren von Geset­zen, denen die Welt nie­mals gehorcht. Wehr­lo­sig­keit als Prin­zip des welt­li­chen Lebens ist gott­lo­se Zer­stö­rung der von Gott gnä­dig erhal­te­nen Ord­nung der Welt. Aber hier redet ja nicht ein Pro­gram­ma­ti­ker, son­dern hier redet der von der Über­win­dung des Bösen durch das Erlei­den, der selbst von dem Bösen am Kreuz über­wun­den wur­de und der aus die­ser Nie­der­la­ge als der Über­win­der und Sie­ger her­vor­ging. Es kann kei­ne ande­re Recht­fer­ti­gung die­ses Gebo­tes Jesu geben als sein eige­nes Kreuz. Allein wer in die­sem Kreuz Jesu den Glau­ben fin­det an den Sieg über das Böse, kann sei­nem Gebot gehor­chen, und allein sol­cher Gehor­sam hat die Ver­hei­ßung. Wel­che Ver­hei­ßung? Die Ver­hei­ßung der Gemein­schaft des Kreu­zes Jesu und der Gemein­schaft sei­nes Sie­ges.

Die Pas­si­on Jesu als die Über­win­dung des Bösen durch die gött­li­che Lie­be ist der ein­zig trag­fä­hi­ge Grund für den Gehor­sam des Jün­gers. Jesus ruft den Nach­fol­gen­den mit sei­nem Gebot aber­mals in die Gemein­schaft sei­ner Pas­si­on. Wie soll­te auch die Pre­digt von der Pas­si­on Jesu Chris­ti der Welt sicht­bar und glaub­wür­dig sein, wenn die Jün­ger Jesu sich die­ser Pas­si­on ent­zie­hen, wenn sie sie an ihrem eige­nen Lei­be ver­schmä­hen? Jesus selbst erfüllt das Gesetz, das er gibt, in sei­nem Kreuz (Anm.: Es ist eine böse Leicht­fer­tig­keit unter Beru­fung auf Joh. 18,23 zu behaup­ten, Jesus selbst habe sein Gebot nicht wört­lich erfüllt, und damit sich selbst vom Gehor­sam zu ent­bin­den. Jesus nennt das Böse böse, aber er erlei­det wehr­los bis zum Kreu­zes­tod) und hält durch sein Gebot zugleich sei­ne Nach­fol­ger gnä­dig in der Gemein­schaft sei­nes Kreu­zes. Im Kreuz allein ist es wahr und wirk­lich, daß die Ver­gel­tung und Über­win­dung des Bösen die lei­den­de Lie­be ist. Die Gemein­schaft des Kreu­zes aber ist den Jün­gern durch den Ruf in die Nach­fol­ge geschenkt. In die­ser sicht­ba­ren Gemein­schaft sind sie selig­ge­prie­sen.