Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Der Feind – das Außer­or­dent­li­che“.

»Ihr habt gehört, daß gesagt ist: ›Du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben und dei­nen Feind has­sen‹. Ich aber sage euch: Lie­bet eure Fein­de; seg­net, die euch flu­chen; tut wohl denen, die euch has­sen; bit­tet für die, so euch belei­di­gen und ver­fol­gen, auf daß ihr Kin­der seid eures Vaters im Him­mel, denn er läßt sei­ne Son­ne auf­ge­hen über die Bösen und über die Guten und läßt reg­nen über Gerech­te und Unge­rech­te. Denn so ihr lie­bet, die euch lie­ben, was wer­det ihr für Lohn haben? Tun nicht das­sel­be auch die Zöll­ner? Und so ihr euch nur zu euren Brü­dern freund­lich tut, was tut ihr Son­der­li­ches? Tun nicht die Zöll­ner auch also? Dar­um sollt ihr voll­kom­men sein, gleich­wie euer Vater im Him­mel voll­kom­men ist« (Mt. 5,43–48).

Hier fällt zum ers­ten Male in der Berg­pre­digt das Wort, in dem alles Gesag­te zusam­men­ge­faßt ist: Lie­be, und sogleich in der ein­deu­ti­gen Bestim­mung der Fein­des­lie­be. Lie­be zum Bru­der wäre ein miß­ver­ständ­li­ches Gebot, Lie­be zum Feind macht unmiß­ver­ständ­lich deut­lich, was Jesus will.

Der Feind war den Jün­gern kein lee­rer Begriff. Sie kann­ten ihn wohl. Sie begeg­ne­ten ihm täg­lich. Da waren die, die ihnen fluch­ten als Zer­stö­rern des Glau­bens und Geset­zes­über­tre­tern; da waren die, die sie haß­ten, weil sie alles ver­las­sen hat­ten um Jesu wil­len, alles gering ach­te­ten um sei­ner Gemein­schaft wil­len; da waren die, von denen sie belei­digt und ver­höhnt wur­den um ihrer Schwä­che und Demut wil­len; da waren die Ver­fol­ger, die in der Jün­ger­schar eine auf­zie­hen­de revo­lu­tio­nä­re Gefahr wit­ter­ten und auf ihre Ver­nich­tung aus­gin­gen. Der eine Feind stand also bei den Ver­tre­tern der Volks­fröm­mig­keit, die den allei­ni­gen Anspruch Jesu nicht ertra­gen konn­ten. Er war mit Macht und Anse­hen gerüs­tet. Der ande­re Feind, an den jeder Jude den­ken muß­te, war der poli­ti­sche Feind in Rom. Auch ihn spür­te man kräf­tig als Bedrü­ckung. Neben die­sen bei­den feind­se­li­gen Grup­pen stand all die per­sön­li­che Feind­schaft, die den trifft, der nicht den Weg der Mehr­zahl mit­geht, täg­li­che Ver­leum­dung, Schmä­hung und Bedro­hung.

Zwar gibt es im Alten Tes­ta­ment nir­gends einen Satz, der den Fein­des­haß gebö­te. Viel­mehr besteht das Gebot der Fein­des­lie­be (2. Mose 23,4f.; Sprü­che 25,21f.; 1. Mose 45,1ff.; 1. Sam. 24,7; 2. Kön. 6,22 u. ö.). Aber Jesus spricht hier von kei­ner natür­li­chen Feind­schaft, son­dern von der Feind­schaft des Got­tes­vol­kes gegen die Welt. Die Krie­ge Isra­els waren die ein­zi­gen »hei­li­gen« Krie­ge, die es in der Welt gab. Sie waren die Krie­ge Got­tes gegen die Göt­zen­welt. Jesus ver­ur­teilt die­se Feind­schaft nicht, er müß­te ja sonst die gan­ze Geschich­te Got­tes mit sei­nem Volk ver­ur­tei­len. Viel­mehr bejaht Jesus den Alten Bund. Es geht auch ihm allein um die Über­win­dung der Fein­de, um den Sieg der Gemein­de Got­tes. Aber er löst mit sei­nem Gebot aber­mals sei­ne Jüng­er­ge­mein­de aus der poli­ti­schen Gestalt des Vol­kes Isra­el. Damit gibt es kei­ne Glau­bens­krie­ge mehr, damit hat Gott die Ver­hei­ßung des Sie­ges über den Feind in die Fein­des­lie­be gelegt. Fein­des­lie­be ist nicht nur dem natür­li­chen Men­schen ein uner­träg­li­cher Anstoß. Sie geht ihm über die Kraft, und sie ver­stößt gegen sei­nen Begriff von Gut und Böse. Wich­ti­ger ist, daß Fein­des­lie­be auch dem Men­schen unter dem Gesetz als eine Ver­sün­di­gung gegen das Gesetz Got­tes erscheint: die Tren­nung vom Fein­de und sei­ne Ver­ur­tei­lung ist die For­de­rung des Geset­zes. Aber Jesus nimmt Got­tes Gesetz in sei­ne Hän­de und legt es aus. Über­win­dung des Fein­des – durch Fein­des­lie­be, das ist der Wil­le Got­tes in sei­nem Gesetz.

Der Feind ist im Neu­en Tes­ta­ment immer der, der mir feind­lich ist. Mit einem, dem der Jün­ger Feind sein könn­te, rech­net Jesus gar nicht. Dem Feind aber soll zukom­men, was dem Bru­der zukommt, die Lie­be des Nach­fol­gers Jesu. Das Han­deln des Jün­gers soll nicht bestimmt sein durch das Han­deln der Men­schen, son­dern durch das Han­deln Jesu an ihm. Es hat dar­um nur eine Quel­le, den Wil­len Jesu.

Vom Feind ist die Rede, also von dem, der Feind bleibt, unge­rührt von mei­ner Lie­be; der mir nichts ver­gibt, wenn ich ihm alles ver­ge­be; der mich haßt, wenn ich ihn lie­be; der mich um so mehr schmäht, je erns­ter ich ihm die­ne. »Dafür, daß ich sie lie­be, sind sie wider mich; ich aber bete« (Ps. 109,4). Aber nicht danach soll die Lie­be fra­gen, ob sie erwi­dert wird, viel­mehr sucht sie den, der ihrer bedarf. Wer aber ist der Lie­be bedürf­ti­ger als der, der selbst ohne alle Lie­be im Haß lebt? Wer ist also auch der Lie­be wür­di­ger als mein Feind? Wo wird die Lie­be herr­li­cher geprie­sen als mit­ten unter ihren Fein­den?

Kei­nen Unter­schied kennt die­se Lie­be zwi­schen ver­schie­de­nen Arten von Fein­den als den, daß, je feind­li­cher der Feind ist, des­to mehr mei­ne Lie­be erfor­dert ist. Sei es der poli­ti­sche, sei es der reli­giö­se Feind, er hat von dem Nach­fol­ger Jesu nichts zu erwar­ten als unge­teil­te Lie­be. Kei­nen Zwie­spalt kennt die­se Lie­be auch in mir selbst, zwi­schen mir als Pri­vat­per­son und als Amts­per­son. Ich kann doch in bei­den nur eines sein, oder ich bin es über­haupt nicht, näm­lich Nach­fol­ger Jesu Chris­ti. Wie die­se Lie­be hand­le, wer­de ich gefragt? Jesus sagt es: seg­nen, wohl­tun, beten, ohne Bedin­gung, ohne Anse­hen der Per­son.

»Lie­bet eure Fein­de«. Wäh­rend in dem vor­an­ge­gan­ge­nen Gebot nur von dem wehr­lo­sen Erlei­den des Bösen gere­det wur­de, geht Jesus hier noch weit dar­über hin­aus. Nicht nur dul­dend sol­len wir das Böse und den Bösen ertra­gen, nicht nur Schlag nicht mit Wider­schlag ver­gel­ten, son­dern in herz­li­cher Lie­be sol­len wir unse­rem Fein­de zuge­tan sein. Unge­heu­chelt und rein sol­len wir unserm Fein­de die­nen und hel­fen in allen Din­gen. Kein Opfer, das der Lie­ben­de dem Gelieb­ten dar­brin­gen wür­de, kann uns zu groß und zu kost­bar sein für unse­ren Feind. Sind wir der Lie­be zum Bru­der unser Gut, unse­re Ehre, unser Leben schul­dig, so schul­den wir es in glei­cher Wei­se unserm Feind. Machen wir uns damit sei­nes Bösen teil­haf­tig? Nein, denn wie soll­te die Lie­be, die nicht aus Schwach­heit, son­dern aus Kraft gebo­ren ist, die nicht aus der Furcht, son­dern aus der Wahr­heit kommt, am Haß des Ande­ren schul­dig wer­den? Und wem müß­te sol­che Lie­be geschenkt wer­den, wenn nicht dem, des­sen Herz in Haß erstickt?

»Seg­net, die euch flu­chen.« Trifft uns die Ver­flu­chung des Fein­des, weil er unse­re Gegen­wart nicht ertra­gen kann, so sol­len wir die Hän­de zum Segen erhe­ben: Ihr, unse­re Fein­de, ihr Geseg­ne­ten Got­tes, euer Fluch kann uns nicht ver­let­zen, aber eure Armut möge erfüllt wer­den von dem Reich­tum Got­tes, von dem Segen des­sen, gegen den ihr ver­geb­lich anlauft. Auch wol­len wir euren Fluch wohl tra­gen, wenn ihr nur den Segen davon­tragt.

»Tut wohl denen, die euch has­sen.« Nicht nur bei Wor­ten und Gedan­kens soll es blei­ben. Wohl­tun geschieht in all den Din­gen des täg­li­chen Lebens. »So nun dei­nen Feind hun­gert, so spei­se ihn; dürs­tet ihn, so trän­ke ihn« (Röm. 12,20). Wie ein Bru­der dem Bru­der bei­steht in der Not, ihm die Wun­den ver­bin­det, ihm die Schmer­zen lin­dert, so tue es unse­re Lie­be am Feind. Wo in der Welt ist auch tie­fe­re Not, wo sind schwe­re­re Wun­den und Schmer­zen als bei unserm Fein­de? Wo ist das Wohl­tun nöti­ger und seli­ger als bei unserm Feind? »Geben ist seli­ger denn neh­men.«

»Bit­tet für die, so euch belei­di­gen und ver­fol­gen.« Das ist das Äußers­te. Im Gebet tre­ten wir zum Feind, an sei­ne Sei­te, wir sind mit ihm, bei ihm, für ihn vor Gott. Jesus ver­heißt uns nicht, daß uns der Feind, den wir lie­ben, den wir seg­nen, dem wir wohl­tun, nicht belei­di­gen und ver­fol­gen wer­de. Er wird es tun. Aber auch hier­in kann er uns nicht scha­den und über­win­den, wenn wir den letz­ten Schritt zu ihm tun in für­bit­ten­dem Gebet. Nun neh­men wir sei­ne Not und Armut, sei­ne Schuld und Ver­lo­ren­heit mit auf uns, tre­ten vor Gott für ihn ein. Wir tun stell­ver­tre­tend für ihn, was er nicht tun kann. Jede Belei­di­gung des Fein­des wird uns nur näher mit Gott und mit unserm Feind ver­bin­den. Jede Ver­fol­gung kann nur dazu die­nen, daß der Feind der Ver­söh­nung mit Gott näher gebracht wird, daß die Lie­be unüber­wind­li­cher wird.

Wie wird die Lie­be unüber­wind­lich? Dar­in, daß sie nie­mals danach fragt, was der Feind ihr antut, son­dern allein danach, was Jesus getan hat. Die Fein­des­lie­be führt den Jün­ger auf den Weg des Kreu­zes und in die Gemein­schaft des Gekreu­zig­ten. Aber je gewis­ser der Jün­ger auf die­sen Weg gedrängt wird, des­to gewis­ser bleibt sei­ne Lie­be unüber­wun­den, des­to gewis­ser über­win­det sie den Haß des Fein­des; denn sie ist ja nicht sei­ne eige­ne Lie­be. Sie ist ganz allein die Lie­be Jesu Chris­ti, der für sei­ne Fein­de zum Kreuz ging und am Kreuz für sie bete­te. Vor dem Kreu­zes­weg Jesu Chris­ti aber erken­nen auch die Jün­ger, daß sie selbst unter den Fein­den Jesu waren, die von sei­ner Lie­be über­wun­den wur­den. Die­se Lie­be macht den Jün­ger sehend, daß er im Feind den Bru­der erkennt, daß er an ihm han­delt wie an sei­nem Bru­der. War­um? Weil er ja selbst allein aus der Lie­be des­sen lebt, der an ihm gehan­delt hat wie an einem Bru­der, der ihn als sei­nen Feind annahm und in sei­ne Gemein­schaft zog wie sei­nen Nächs­ten. Dar­in macht die Lie­be den Nach­fol­gen­den sehend, daß sie auch den Feind ein­ge­schlos­sen sieht in die Lie­be Got­tes, daß sie den Feind unter dem Kreuz Jesu Chris­ti sieht. Gott frag­te bei mir nicht nach Gut und Böse, weil auch mein Gutes vor ihm gott­los war. Got­tes Lie­be such­te den Feind, der ihrer bedarf, den er ihrer für wür­dig ach­tet. Gott preist sei­ne Lie­be am Feind. Das weiß der Nach­fol­gen­de. An die­ser Lie­be hat er durch Jesus teil­ge­nom­men. Denn Gott läßt sei­ne Son­ne schei­nen und reg­nen über Gerech­te und Unge­rech­te. Es ist aber nicht nur die irdi­sche Son­ne und der irdi­sche Regen, die über Gute und Böse gehen, son­dern es ist auch die »Son­ne der Gerech­tig­keit«, Jesus Chris­tus selbst, und der Regen des gött­li­chen Wor­tes, der die Gna­de des Vaters im Him­mel über die Sün­der offen­bart. Die unge­teil­te, voll­kom­me­ne Lie­be ist die Tat des Vaters, sie ist auch die Tat der Söh­ne des Vaters im Him­mel, wie sie die Tat des ein­ge­bo­re­nen Soh­nes war.

»Die Gebo­te der Nächs­ten­lie­be und des Nich­trä­chens wer­den in dem Got­tes­kampf, dem wir ent­ge­gen­ge­hen, und in dem wir zum Teil schon seit Jah­ren ste­hen, beson­ders her­vor­tre­ten, wo auf der einen Sei­te der Haß, auf der ande­ren die Lie­be kämpft. Dar­auf hat jede Chris­ten­see­le hoch not sich ernst­lich zu schi­cken. Es kommt die Zeit her­an, in wel­cher Jeder, wel­cher den leben­di­gen Gott bekennt, um die­ses Bekennt­nis­ses wil­len nicht allein ein Gegen­stand des Has­ses und der Wut sein wird – denn soweit sind wir so ziem­lich schon jetzt gekom­men –, son­dern wo man ihn bloß um die­ses Bekennt­nis­ses wil­len aus der ›mensch­li­chen Gesell­schaft‹, wie man das nennt, aus­schlie­ßen, von Ort zu Ort jagen, wo man leib­lich über ihn her­fal­len, ihn miß­han­deln und nach Umstän­den töten wird. – Es naht eine all­ge­mei­ne Chris­ten­ver­fol­gung, und das ist eigent­lich der rech­te Sinn aller Bewe­gun­gen und Kämp­fe unse­rer Tage. Die auf die Ver­nich­tung der christ­li­chen Kir­che und des christ­li­chen Glau­bens aus­ge­hen­den Geg­ner kön­nen mit uns nicht zusam­men­le­ben, weil sie in jedem unse­rer Wor­te und in jeder unse­rer Hand­lun­gen, wenn die­sel­ben auch gar nicht gegen sie gerich­tet sind, eine Ver­ur­tei­lung ihrer Wor­te und Hand­lun­gen, und gar nicht mit Unrecht, sehen und dabei wohl her­aus­füh­len, daß wir nach ihrer Ver­ur­tei­lung, die sie über uns aus­spre­chen, ganz und gar nicht fra­gen, weil sie sich selbst sagen müs­sen, daß die­se Ver­ur­tei­lung voll­kom­men unmäch­tig und nich­tig ist, daß wir also gar nicht, wie es ihnen ganz recht wäre, auf dem Fuße des gegen­sei­ti­gen Haderns und Zan­kens mit ihnen ste­hen. Und wie den Kampf kämp­fen? Die Zeit kommt her­an, daß wir nicht mehr als Ein­zel­ne und Ver­ein­zel­te, son­dern zusam­men als Gemein­de, als Kir­che, die Hän­de also zum Gebe­te erhe­ben, daß wir in Scha­ren, wenn auch als ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne Scha­ren, unter den viel tau­send­mal tau­send Abge­fal­le­nen laut den Herrn, der gekreu­zigt und auf­er­stan­den ist, und sei­ne Wie­der­kunft beken­nen und prei­sen. Und wel­ches Gebet, wel­ches Bekennt­nis, wel­cher Lob­ge­sang ist dies? Das ist eben ein Gebet der innigs­ten Lie­be zu eben die­sen Ver­lo­re­nen, wel­che um uns her ste­hen und mit den rol­len­den Augen des Has­ses uns anschau­en, wohl gar schon die Hän­de zum töd­li­chen Strei­che wider uns erho­ben haben; das ist ein Gebet um Frie­den für die­se irre­ge­wor­de­nen und zer­rüt­te­ten, ver­stör­ten und ver­wüs­te­ten See­len, ein Gebet um die­sel­be Lie­be und den­sel­ben Frie­den, deren wir uns freu­en; ein Gebet, wel­ches ihnen tief in die See­le drin­gen und an ihren Her­zen rei­ßen wird mit weit stär­ke­ren Grif­fen, als sie mit der äußers­ten Anstren­gung des Has­ses an unse­ren Her­zen zu rei­ßen ver­mö­gen. Ja, die Kir­che, wel­che wirk­lich des Herrn war­tet, wirk­lich die Zeit mit ihren Zei­chen der end­li­chen Schei­dung begreift, muß auch aus allen Kräf­ten der See­le, aus allen Gesamt­kräf­ten ihres hei­li­gen Lebens sich auf dies Gebet der Lie­be wer­fen« (A. F. C. Vil­mar 1880).

Was ist unge­teil­te Lie­be? Lie­be, die sich nicht par­tei­isch denen zuwen­det, die uns ihre Gegen­lie­be schen­ken. In der Lie­be zu denen, die uns lie­ben, zu uns­ren Brü­dern, zu uns­rem Volk, zu uns­ren Freun­den, ja auch zu uns­rer christ­li­chen Gemein­de, sind wir den Hei­den und den Zöll­nern gleich. Sie ist das Selbst-ver­ständ­li­che, Regu­lä­re, Natür­li­che, aber kei­nes­wegs das Christ­li­che. Ja, es ist wirk­lich »das­sel­be«, was hier Hei­den und Chris­ten tun. Die Lie­be zu denen, die mir durch Blut, Geschich­te oder Freund­schaft gehö­ren, ist die­sel­be bei Hei­den und Chris­ten. Jesus hat über die­se Lie­be nicht viel zu sagen. Das wis­sen die Men­schen allein, was sie ist. Er braucht sie auch nicht erst zu ent­zün­den, zu beto­nen, her­vor­zu­he­ben. Die natür­li­chen Gege­ben­hei­ten erzwin­gen sich ihre Aner­ken­nung allein, bei Hei­den und bei Chris­ten. Daß einer sei­ne Brü­der, sein Volk, sei­ne Freun­de lie­ben sol­le, braucht Jesus nicht zu sagen, es ver­steht sich von selbst. Aber gera­de indem er das nur fest­stellt und kein wei­te­res Wort dar­über ver­liert, son­dern dem allen gegen­über ein­zig und allein die Lie­be zum Feind gebie­tet, sagt er, was er Lie­be nennt und was von jener Lie­be zu hal­ten sei.

Wor­in unter­schei­det sich der Jün­ger vom Hei­den? Wor­in besteht »das Christ­li­che«? Hier fällt nun das Wort, auf das hin das gan­ze 5. Kapi­tel aus­ge­rich­tet ist, in dem alles Vori­ge zusam­men­ge­faßt ist: das Christ­li­che ist das »Son­der­li­che«, das PERISSON, das Außer­or­dent­li­che, das Nicht­re­gu­lä­re, Nicht­selbst­ver­ständ­li­che. Es ist das, was an »bes­se­rer Gerech­tig­keit« die Pha­ri­sä­er »über­trifft«, über sie hin­aus­ragt, das Mehr, das Dar­über­hin­aus. Das Natür­li­che ist TO AUTO (ein und das­sel­be) für Hei­den und Chris­ten, das Christ­li­che fängt an bei dem PERISSON und stellt nun von hier aus erst das Natür­li­che ins rech­te Licht. Wo dies Son­der­li­che, Außer­or­dent­li­che nicht ist, da ist das Christ­li­che nicht. Nicht inner­halb der natür­li­chen Gege­ben­hei­ten geschieht das Christ­li­che, son­dern in dem Über-sie-hin­aus­tre­ten. Das PERISSON geht nie­mals in dem TO AUTO auf. Das ist der gro­ße Irr­tum einer fal­schen pro­tes­tan­ti­schen Ethik, daß hier Chris­tus­lie­be auf­geht in Vater­lands­lie­be, in Freund­schaft oder in Beruf, daß die bes­se­re Gerech­tig­keit auf­geht in der jus­ti­tia civi­lis. So redet Jesus nicht. Das Christ­li­che hängt am »Außer­or­dent­li­chen«. Dar­um kann sich der Christ nicht der Welt gleich­stel­len, weil er auf das PERISSON bedacht sein muß.

Wor­in besteht das PERISSON, das Außer­or­dent­li­che? Es ist die Exis­tenz der Selig­ge­prie­se­nen, der Nach­fol­gen­den, es ist das leuch­ten­de Licht, die Stadt auf dem Ber­ge, es ist der Weg der Selbst­ver­leug­nung, völ­li­ger Lie­be, völ­li­ger Rein­heit, völ­li­ger Wahr­haf­tig­keit, völ­li­ger Gewalt­lo­sig­keit; es ist hier die unge­teil­te Lie­be zum Feind, die Lie­be zu dem, der kei­nen liebt und den kei­ner liebt; die Lie­be zum reli­giö­sen, zum poli­ti­schen, zum per­sön­li­chen Feind. Es ist in all dem der Weg, der sei­ne Erfül­lung fand am Kreu­ze Jesu Chris­ti. Was ist das PERISSON? Es ist die Lie­be Jesu Chris­ti selbst, die lei­dend und gehor­sam ans Kreuz geht, es ist das Kreuz. Das Son­der­li­che des Christ­li­chen ist das Kreuz, das den Chris­ten über-die-Welt-hin­aus­sein läßt und ihm dar­in den Sieg über die Welt gibt. Die pas­sio in der Lie­be des Gekreu­zig­ten – das ist das »Außer­or­dent­li­che« an der christ­li­chen Exis­tenz.

Das Außer­or­dent­li­che ist unzwei­fel­haft das Sicht­ba­re, über dem der Vater im Him­mel geprie­sen wird. Es kann nicht ver­bor­gen blei­ben. Die Leu­te müs­sen es sehen. Die Gemein­de der Nach­fol­ger Jesu, die Gemein­de der bes­se­ren Gerech­tig­keit ist sicht­ba­re Gemein­de, her­aus­ge­tre­ten aus den Ord­nun­gen der Welt, sie hat alles ver­las­sen, um das Kreuz Chris­ti zu gewin­nen.

Was tut ihr Son­der­li­ches? Das Außer­or­dent­li­che – und das ist das Anstö­ßigs­te – ist ein Tun der Nach­fol­gen­den. Es muß getan wer­den – wie die bes­se­re Gerech­tig­keit –, sicht­bar getan wer­den! Nicht in ethi­scher Rigo­ro­si­tät, nicht in der Exzen­trik christ­li­cher Lebens­for­men, son­dern in der Ein­falt christ­li­chen Gehor­sams gegen den Wil­len Jesu. Dies Tun wird sich als »Son­der­li­ches« dar­in bewäh­ren, daß es in die pas­sio Chris­ti führt. Die­ses Tun selbst ist fort­wäh­ren­des Erlei­den. In ihm wird Chris­tus von sei­nem Jün­ger erlit­ten. Ist es das nicht, so ist es nicht die­ses Tun, das Jesus meint. Das PERISSON ist so die Erfül­lung des Geset­zes, das Hal­ten der Gebo­te. In Chris­tus dem Gekreu­zig­ten und sei­ner Gemein­de wird das »Außer­or­dent­li­che« Ereig­nis. Hier sind die Voll­kom­me­nen, die in der unge­teil­ten Lie­be voll­kom­men sind wie der Vater im Him­mel. War es die unge­teil­te, voll­kom­me­ne Lie­be des Vaters, die uns den Sohn ans Kreuz gab, so ist das Erlei­den der Gemein­schaft die­ses Kreu­zes die Voll­kom­men­heit der Nach­fol­ger Jesu. Die Voll­kom­me­nen sind kei­ne ande­ren als die Selig­ge­prie­se­nen.