Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Die Wahr­haf­tig­keit.

»Ihr habt wei­ter gehört, daß zu den Alten gesagt ist: ›Du sollst kei­nen fal­schen Eid tun und sollst Gott dei­nen Eid hal­ten.‹ Ich aber sage euch, daß ihr über­haupt nicht schwö­ren sollt, weder bei dem Him­mel, denn er ist Got­tes Stuhl, noch bei der Erde, denn sie ist sei­ner Füße Sche­mel, noch bei Jeru­sa­lem, denn sie ist des gro­ßen Königs Stadt. Auch sollst du nicht bei dei­nem Haupt schwö­ren: denn du ver­magst nicht, ein ein­zi­ges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was dar­über ist, das ist vom Übel« (Mt. 5,33–37).

Die Aus­le­gung die­ser Ver­se ist in der christ­li­chen Kir­che bis zur Stun­de außer­or­dent­lich unsi­cher. Von der rigo­ro­sen Ver­wer­fung jedes Eides als Sün­de bis zu der mil­de­ren Ableh­nung des leicht­sin­ni­gen Eides und Mein­ei­des gehen die Aus­le­ger seit der Alten Kir­che aus­ein­an­der. Die wei­tes­te Aner­ken­nung fand in der Alten Kir­che die Aus­le­gung, der Eid sei zwar den »voll­kom­me­nen« Chris­ten ver­bo­ten, aber für die Schwä­che­ren sei er in bestimm­ten Gren­zen zuläs­sig. Augus­tin hat u. a. die­se Mei­nung ver­tre­ten. Er befand sich in der Beur­tei­lung des Eides in Über­ein­stim­mung mit heid­ni­schen Phi­lo­so­phen wie Pla­to, den Pytha­go­rä­ern, Epik­tet, Marc Aurel. Hier wur­de der Eid als eines edlen Man­nes unwür­dig bezeich­net. Die refor­ma­to­ri­schen Kir­chen haben in ihren Bekennt­nis­sen den von der welt­li­chen Obrig­keit gefor­der­ten Eid als selbst­ver­ständ­lich von dem Wort Jesu nicht betrof­fen ange­se­hen. Die Haupt­ar­gu­men­te waren von Anfang an, im Alten Tes­ta­ment sei der Eid gebo­ten, Jesus selbst habe vor Gericht geschwo­ren, der Apos­tel Pau­lus bedie­ne sich mehr­fach eides­ähn­li­cher For­meln. Für die Refor­ma­to­ren hat hier die Schei­dung des geist­li­chen und welt­li­chen Rei­ches neben dem unmit­tel­ba­ren Schrift­be­weis ent­schei­den­de Bedeu­tung gehabt.

Was ist der Eid? Er ist die öffent­li­che Anru­fung Got­tes als Zeu­gen für eine Aus­sa­ge, die ich über etwas Ver­gan­ge­nes, Gegen­wär­ti­ges oder Zukünf­ti­ges mache. Gott, der All­wis­sen­de, soll die Unwahr­heit rächen. Wie kann die­ser Eid von Jesus Sün­de, ja »vom Bösen«, EK TOU PONEROU, »sata­nisch« genannt wer­den? Weil es Jesus um die völ­li­ge Wahr­haf­tig­keit geht.

Der Eid ist der Beweis für die Lüge in der Welt. Könn­te der Mensch nicht lügen, so wäre kein Eid not­wen­dig. So ist der Eid zwar ein Damm gegen die Lüge. Aber eben dar­in för­dert er sie auch; denn dort, wo allein der Eid letz­te Wahr­haf­tig­keit bean­sprucht, ist zugleich der Lüge im Leben Raum gege­ben, ist ihr ein gewis­ses Lebens­recht zuge­stan­den. Das alt­tes­ta­ment­li­che Gesetz ver­wirft die Lüge durch den Eid. Jesus aber ver­wirft die Lüge durch das Ver­bot des Eides. Es geht hier wie dort um das Eine und Gan­ze, die Ver­nich­tung der Unwahr­heit im Leben der Glau­ben­den. Der Eid, den das Alte Tes­ta­ment gegen die Lüge stell­te, wur­de von der Lüge selbst ergrif­fen und in den Dienst gestellt. Sie ver­moch­te sich noch durch den Eid zu sichern und Recht zu ver­schaf­fen. So muß die Lüge von Jesus dort gefaßt wer­den, wohin sie sich flüch­tet, im Eid. Dar­um muß der Eid fal­len, weil er zum Schutz der Lüge gewor­den ist. Das Atten­tat der Lüge auf den Eid konn­te in dop­pel­ter Wei­se gesche­hen, so daß sie sich unter dem Eid behaup­te­te (Mein­eid), oder so, daß sie sich in die Form des Eides selbst hin­ein­stahl. In die­sem Fall gebrauch­te die Lüge im Eid nicht die Anru­fung des leben­di­gen Got­tes, son­dern die Anru­fung irgend­ei­ner welt­li­chen oder gött­li­chen Macht. Ist die Lüge so tief in den Eid ein­ge­drun­gen, dann kann die völ­li­ge Wahr­haf­tig­keit nur durch Ver­bot des Eides gewähr­leis­tet wer­den.

Eure Rede sei Ja, ja und Nein, nein. Hier­durch wird das Wort des Jün­gers nicht etwa der Ver­ant­wort­lich­keit vor dem all­wis­sen­den Gott ent­zo­gen. Viel­mehr ist gera­de dadurch, daß der Name Got­tes nicht aus­drück­lich ange­ru­fen wird, schlecht­hin jedes Wort des Jün­gers unter die selbst­ver­ständ­li­che Gegen­wart des all­wis­sen­den Got­tes gestellt. Weil es über­haupt kein Wort gibt, das nicht vor Gott gespro­chen wäre, dar­um soll der Jün­ger Jesu nicht schwö­ren. Jedes sei­ner Wor­te soll nichts als Wahr­heit sein, so daß kei­nes der Bestä­ti­gung durch den Schwur bedür­fe. Der Schwur stellt ja alle sei­ne ande­ren Wor­te ins Dun­kel des Zwei­fel­haf­ten. Dar­um ist er »vom Bösen«. Der Jün­ger aber soll mit allen sei­nen Wor­ten Licht sein.

Ist der Eid damit abge­lehnt, so ist doch zugleich deut­lich, daß es dabei allein um das Ziel der Wahr­haf­tig­keit geht. Es ist selbst­ver­ständ­lich, daß das Gebot Jesu kei­ne Aus­nah­me lei­det, vor wel­chem Forum auch immer. Eben­so muß aber gesagt wer­den, daß nicht die Ver­wei­ge­rung des Eides selbst wie­der der Ver­hül­lung der Wahr­heit die­nen darf. Wo dies der Fall ist, d. h. wo gera­de um der Wahr­haf­tig­keit wil­len der Eid zu leis­ten ist, ist nicht gene­rell zu ent­schei­den, son­dern wird vom Ein­zel­nen ent­schie­den wer­den müs­sen. Die refor­ma­to­ri­schen Kir­chen sind der Mei­nung, daß jeder Eid, der von der welt­li­chen Obrig­keit gefor­dert wird, die­sen Fall schaf­fe. Ob die­se all­ge­mei­ne Ent­schei­dung mög­lich ist, muß frag­lich blei­ben.

Unfrag­lich aber ist es, daß dort, wo die­ser Fall gege­ben erscheint, der Eid nur geleis­tet wer­den kann, wo ers­tens völ­li­ge Klar­heit und Durch­sich­tig­keit dar­über herrscht, was inhalt­lich in den Eid ein­ge­schlos­sen ist; zwei­tens ist zu unter­schei­den zwi­schen Eides­leis­tun­gen, die sich auf ver­gan­ge­ne oder gegen­wär­ti­ge Tat­be­stän­de, die uns bekannt sind, bezie­hen, und sol­chen, die den Cha­rak­ter eines Gelüb­des tra­gen. Da der Christ nie­mals in der Kennt­nis des Ver­gan­ge­nen irr­tums­frei ist, wird die Anru­fung des All­wis­sen­den Got­tes für ihn nicht der Bestä­ti­gung der dem Irr­tum unter­wor­fe­nen Aus­sa­ge, son­dern der Rein­heit sei­nes Wis­sens und Gewis­sens die­nen. Da aber der Christ auch nie­mals über sei­ne Zukunft ver­fügt, ist ein eid­li­ches Gelüb­de, z. B. ein Treu­eid für ihn von vorn­her­ein von größ­ten Gefah­ren bedroht. Denn nicht nur sei­ne eige­ne Zukunft hat der Christ nicht in der Hand, son­dern erst recht nicht die Zukunft des­sen, der ihn mit dem Treu­eid bin­det. Es ist also um der Wahr­haf­tig­keit und der Nach­fol­ge Jesu wil­len unmög­lich, einen sol­chen Eid zu leis­ten, ohne ihn unter den Vor­be­halt des Wil­lens Got­tes zu stel­len. Es gibt für den Chris­ten kei­ne abso­lu­te irdi­sche Bin­dung. Ein Treu­eid, der den Chris­ten abso­lut bin­den will, wird ihm zur Lüge, ist »vom Bösen«. Die Anru­fung des Namens Got­tes kann in einem sol­chen Eid nie­mals die Bestä­ti­gung des Gelüb­des, son­dern ein­zig und allein die Bezeu­gung des­sen sein, daß wir in der Nach­fol­ge Jesu allein an Got­tes Wil­len gebun­den sind, daß jeg­li­che ande­re Bin­dung um Jesu wil­len unter die­sem Vor­be­halt steht. Wird die­ser Vor­be­halt in Fäl­len des Zwei­fels nicht aus­ge­spro­chen oder wird er nicht aner­kannt, so kann der Eid nicht geleis­tet wer­den, weil ich eben mit die­sem Eid den irre­füh­re, der ihn mir abnimmt. Es sei aber eure Rede Ja, ja und Nein, nein.

Das Gebot der völ­li­gen Wahr­haf­tig­keit ist nur ein ande­res Wort für die Ganz­heit der Nach­fol­ge. Nur wer ein in der Nach­fol­ge Gebun­de­ner Jesu ist, steht in der völ­li­gen Wahr­haf­tig­keit. Er hat vor sei­nem Herrn nichts zu ver­ber­gen. Er lebt auf­ge­deckt vor ihm. Er ist von Jesus erkannt, in die Wahr­heit gestellt. Er ist als Sün­der vor Jesus offen­bar. Nicht er hat sich Jesus offen­bart, son­dern als Jesus sich ihm offen­bar­te in sei­nem Ruf, da wuß­te er sich von Jesus in sei­ner Sün­de offen­bart. Völ­li­ge Wahr­haf­tig­keit gibt es nur aus der auf­ge­deck­ten Sün­de her­aus, die auch von Jesus ver­ge­ben ist. Wer im Bekennt­nis sei­ner Sün­de vor Jesus in der Wahr­heit steht, der allein schämt sich nicht der Wahr­heit, wo auch immer sie gesagt wer­den muß. Die Wahr­haf­tig­keit, die Jesus von sei­nem Jün­ger for­dert, besteht in der Selbst­ver­leug­nung, die die Sün­de nicht ver­deckt. Es ist alles offen-bar und licht.

Weil es in der Wahr­haf­tig­keit zuletzt und zuerst um die Auf­de­ckung des Men­schen in sei­nem gan­zen Sein, in sei­nem Bösen vor Gott geht, dar­um erregt die­se Wahr­haf­tig­keit den Wider­spruch der Sün­der, dar­um wird sie ver­folgt und gekreu­zigt. Die Wahr­haf­tig­keit des Jün­gers hat ihren ein­zi­gen Grund in der Nach­fol­ge Jesu, in der er uns am Kreuz unse­re Sün­de offen­bart. Allein das Kreuz als die Wahr­heit Got­tes über uns macht uns wahr­haf­tig. Wer das Kreuz kennt, scheut ande­re Wahr­heit nicht mehr. Wer unter dem Kreuz lebt, für den ist der Eid als Gesetz zur Her­stel­lung der Wahr­haf­tig­keit abge­tan; denn er ist in der voll­kom­me­nen Wahr­heit Got­tes.

Es gibt kei­ne Wahr­heit Jesus gegen­über ohne Wahr­heit den Men­schen gegen­über. Die Lüge zer­stört die Gemein­schaft. Wahr­heit aber zer­schnei­det fal­sche Gemein­schaft und begrün­det ech­te Bru­der­schaft. Es gibt kei­ne Nach­fol­ge Jesu ohne das Leben in der auf­ge­deck­ten Wahr­heit vor Gott und den Men­schen.