Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Die sicht­ba­re Gemein­de.

»Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man’s sal­zen? Es ist hin­fort zu nichts nüt­ze, denn daß man es hin­aus­schüt­te und las­se es die Leu­te zer­tre­ten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Ber­ge liegt, nicht ver­bor­gen sein. Man zün­det auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Schef­fel, son­dern auf einen Leuch­ter: so leuch­tet es denn allen, die im Hau­se sind. Also laßt euer Licht leuch­ten vor den Leu­ten, daß sie eure guten Wer­ke sehen und euren Vater im Him­mel prei­sen« (Mt. 5,13–16).

Die in den Selig­prei­sun­gen in die Gna­de der Nach­fol­ge des Gekreu­zig­ten Geru­fe­nen sind ange­re­det. Wäh­rend die Selig­ge­prie­se­nen bis­her wohl als des Him­mel­rei­ches wür­dig, aber doch offen­bar zugleich als für die­se Erde ganz und gar Lebens­un­wer­te, Über­flüs­si­ge erschei­nen muß­ten, wer­den sie jetzt mit dem Sinn­bild des auf Erden unent­behr­lichs­ten Gutes bezeich­net. Sie sind das Salz der Erde. Sie sind das edels­te Gut, der höchs­te Wert, den die Erde besitzt. Ohne sie kann die Erde nicht län­ger leben. Durch das Salz wird die Erde erhal­ten, um eben die­ser Armen, Uned­len, Schwa­chen wil­len, die die Welt ver­wirft, lebt die Erde. Sie ver­nich­tet ihr eige­nes Leben, indem sie die Jün­ger aus­stößt und – o Wun­der! – gera­de um die­ser Ver­sto­ße­nen wil­len darf die Erde wei­ter­le­ben. Die­ses »gött­li­che Salz« (Homer) bewährt sich in sei­ner Wirk­sam­keit. Es durch­wirkt die gan­ze Erde. Es ist ihre Sub­stanz. So sind die Jün­ger nicht nur aufs Him­mel­reich gerich­tet, son­dern an ihre Erden­sen­dung erin­nert. Als die an Jesus allein Gebun­de­nen wer­den sie an die Erde gewie­sen, deren Salz sie sind. Wenn Jesus nicht sich selbst, son­dern sei­ne Jün­ger das Salz nennt, so über­trägt er ihnen die Wirk­sam­keit auf der Erde. Er zieht sie in sei­ne Arbeit hin­ein. Er bleibt im Vol­ke Isra­el, den Jün­gern aber über­trägt er die gan­ze Erde. Allein dadurch, daß das Salz Salz bleibt, die rei­ni­gen­de, wür­zen­de Kraft des Sal­zes bewahrt, wird die Erde durch das Salz erhal­ten wer­den kön­nen. Um sei­ner selbst wie um der Erde wil­len muß Salz Salz blei­ben, muß die Gemein­de der Jün­ger blei­ben, was sie durch Chris­ti Ruf ist. Dar­in wird ihre wah­re Wirk­sam­keit auf Erden lie­gen und ihre erhal­ten­de Kraft. Salz soll unver­wes­lich sein und dadurch eine dau­ern­de Kraft der Rei­ni­gung. Dar­um braucht das Alte Tes­ta­ment Salz zum Opfer, dar­um wird im katho­li­schen Tauf­ri­tus, dem Kind Salz in den Mund gelegt (Ex. 30,35; Ezech. 16,4). In der Unver­wes­lich­keit des Sal­zes liegt die Gewähr der Dau­er der Gemein­de.

»Ihr seid das Salz« – nicht, ihr sollt das Salz sein! Es ist den Jün­gern nicht in ihren Wil­len gestellt, ob sie Salz sein wol­len oder nicht. Es wird auch nicht ein Appell an sie gerich­tet, Salz der Erde zu wer­den. Son­dern sie sind es, ob sie wol­len oder nicht, in der Kraft des Rufes, der sie getrof­fen hat. Ihr seid das Salz – nicht:

ihr habt das Salz. Es wäre eine Ver­kür­zung, woll­te man mit den Refor­ma­to­ren die Bot­schaft der Jün­ger dem Salz gleich­set­zen. Ihre gan­ze Exis­tenz, sofern sie durch den Ruf Chris­ti in die Nach­fol­ge neu begrün­det ist, die­se Exis­tenz, von der die Selig­prei­sun­gen rede­ten, ist gemeint. Wer vom Ruf Jesu getrof­fen in sei­ner Nach­fol­ge steht, ist durch die­sen Ruf in sei­ner gan­zen Exis­tenz Salz der Erde.

Die ande­re Mög­lich­keit aller­dings besteht dar­in, daß das Salz dumm wird, auf­hört Salz zu sein. Es hört auf zu wir­ken. Dann frei­lich ist es in der Tat zu nichts mehr gut, als daß es weg­ge­wor­fen wird. Das ist die Aus­zeich­nung des Sal­zes. Es muß alles Ding gesal­zen wer­den. Aber das Salz, das dumm wird, kann nie mehr gesal­zen wer­den. Es kann alles, auch der ver­derb­tes­te Stoff durch Salz geret­tet wer­den, nur das Salz, das dumm wur­de, ist hoff­nungs­los ver­derbt. Das ist die ande­re Sei­te. Das ist das dro­hen­de Gericht, das über der Jüng­er­ge­mein­de steht. Die Erde soll durch die Gemein­de geret­tet wer­den, nur die Gemein­de selbst, die auf­hört zu sein, was sie ist, ist ret­tungs­los ver­lo­ren. Der Ruf Jesu Chris­ti heißt Salz der Erde sein oder ver­nich­tet wer­den, nach­fol­gen oder – der Ruf selbst ver­nich­tet den Geru­fe­nen. Eine noch­ma­li­ge Mög­lich­keit der Ret­tung gibt es nicht. Es kann sie nicht geben.

Nicht nur die unsicht­ba­re Wirk­sam­keit des Sal­zes, son­dern das sicht­ba­re Leuch­ten des Lich­tes ist der Jüng­er­ge­mein­de mit dem Ruf Jesu zuge­spro­chen. »Ihr seid das Licht« – wie­der­um nicht: ihr sollt es sein! Der Ruf selbst hat sie dazu gemacht. Es kann nun gar nicht anders sein, sie sind ein Licht, das gese­hen wird; wäre es anders, dann wäre der Ruf offen­bar nicht bei ihnen. Was für ein unmög­li­ches, unsin­ni­ges Ziel wäre es für die Jün­ger Jesu, für die­se Jün­ger, Licht der Welt wer­den zu wol­len! Sie sind viel­mehr schon dazu gemacht durch den Ruf, in der Nach­fol­ge. Wie­der­um nicht: ihr habt das Licht, son­dern: ihr seid es! Nicht etwas euch Gege­be­nes, also etwa eure Pre­digt ist das Licht, son­dern ihr selbst seid es. Der­sel­be, der von sich in eigent­li­cher Rede sagt: Ich bin das Licht, sagt zu sei­nen Jün­gern in eigent­li­cher Rede: Ihr seid das Licht in eurem gan­zen Leben, sofern ihr am Ruf bleibt. Weil ihr es denn seid, dar­um könnt ihr nicht mehr ver­bor­gen blei­ben, ob ihr es gleich woll­tet. Licht scheint, und die Stadt auf dem Ber­ge kann nicht ver­bor­gen sein. Sie kann es nicht. Sie ist weit­hin ins Land sicht­bar, sei es nun als fes­te Stadt oder bewach­te Burg, sei es als zer­fal­le­ne Rui­ne. Die­se Stadt auf dem Ber­ge – wel­cher Israe­lit dach­te dabei nicht an Jeru­sa­lem, die hoch­ge­bau­te Stadt! – ist die Jüng­er­ge­mein­de. Die Nach­fol­gen­den sind mit all dem nicht mehr vor eine Ent­schei­dung gestellt: die ein­zi­ge Ent­schei­dung, die es für sie gibt, ist schon gefal­len. Nun müs­sen sie sein, was sie sind, oder sie sind nicht Nach­fol­ger Jesu. Die Nach­fol­gen­den sind die sicht­ba­re Gemein­de, ihre Nach­fol­ge ist ein sicht­ba­res Tun, durch das sie sich aus der Welt her­aus­he­ben – oder es ist eben nicht Nach­fol­ge. Und zwar ist die Nach­fol­ge so sicht­bar wie Licht in der Nacht, wie ein Berg in der Ebe­ne.

Flucht in die Unsicht­bar­keit ist Ver­leug­nung des Rufes. Gemein­de Jesu, die unsicht­ba­re Gemein­de sein will, ist kei­ne nach­fol­gen­de Gemein­de mehr. »Man zün­det nicht ein Licht an und setzt es unter einen Schef­fel, son­dern auf einen Leuch­ter« – das ist wie­der­um die ande­re Mög­lich­keit, daß das Licht will­kür­lich ver­deckt wird, daß es unter dem Schef­fel erlischt, daß der Ruf ver­leug­net wird. Der Schef­fel, unter dem die sicht­ba­re Gemein­de ihr Licht ver­steckt, kann eben-sowohl die Men­schen­furcht sein wie eine bewuß­te Welt­för­mig­keit um irgend-wel­cher Zwe­cke wil­len – und sei­en sie mis­sio­na­ri­scher Art oder ent­sprän­gen sie einer miß­ver­stan­de­nen Lie­be zu den Men­schen! Es mag aber auch – und das ist noch gefähr­li­cher – eine soge­nann­te refor­ma­to­ri­sche Theo­lo­gie sein, die sich sogar theo­lo­gia cru­cis zu nen­nen wagt und die ihr Signum dar­in hat, daß sie der »pha­ri­säi­schen« Sicht­bar­keit eine demü­ti­ge“ Unsicht­bar­keit in Gestalt von tota­lem Auf­ge­hen in Welt­för­mig­keit vor­zieht. Nicht außer­or­dent­li­che Sicht­bar­keit, son­dern Bewäh­rung in der jus­ti­tia civi­lis wird hier zum Kenn­zei­chen der Gemein­de. Daß das Licht gera­de nicht leuch­te, ist hier das Kri­te­ri­um der Christ­lich-keit. Jesus aber sagt: las­set euer Licht leuch­ten vor den Hei­den. Es ist ja in jedem Fall das Licht des Rufes Jesu, das da leuch­tet. Aber was für ein Licht ist das nun, in dem die­se Nach­fol­ger Jesu, die­se Jün­ger der Selig­prei­sun­gen leuch­ten sol­len? Was für ein Licht soll von jenem Ort kom­men, an dem die Jün­ger allein ein Anrecht haben? Was hat die Unsicht­bar­keit und Ver­bor­gen­heit des Kreu­zes Jesu, unter dem die Jün­ger ste­hen, mit dem Licht gemein, das leuch­ten soll? Soll­te nicht aus jener Ver­bor­gen­heit gera­de fol­gen, daß auch die Jün­ger in der Ver­bor­gen­heit und gera­de nicht im Licht ste­hen sol­len? Es ist ein böser Sophis­mus, der aus dem Kreuz Jesu die Welt­för­mig­keit der Kir­che her­lei­tet. Erkennt nicht der ein­fäl­ti­ge Hörer ganz deut­lich, daß eben gera­de dort am Kreuz etwas Außer­or­dent­li­ches sicht­bar gewor­den ist? Oder ist das etwa alles jus­ti­tia civi­lis, ist das Kreuz Welt­för­mig­keit? Ist nicht das Kreuz etwas, was zum Erschre­cken der Ande­ren gera­de in aller Dun­kel­heit uner­hört sicht­bar wur­de? Ist es nicht sicht­bar genug, daß Chris­tus ver­wor­fen ist und lei­den muß, daß sein Leben vor den Toren der Stadt auf dem Schand­hü­gel endet? Ist das Unsicht­bar­keit? In die­sem Licht sol­len die guten Wer­ke der Jün­ger gese­hen wer­den. Nicht euch, son­dern eure guten Wer­ke sol­len sie sehen, sagt Jesus. Was sind die­se guten Wer­ke, die in die­sem Licht gese­hen wer­den kön­nen? Es kön­nen ja kei­ne ande­ren Wer­ke sein als die, die Jesus selbst in ihnen schuf, als er sie rief, als er sie zum Licht der Welt mach­te unter sei­nem Kreuz – Armut, Fremd­ling­schaft, Sanft­mut, Fried­fer­tig­keit und zuletzt Ver­folgt- und Ver­wor­fen-wer­den und in dem allen eines: das Kreuz Jesu Chris­ti tra­gen. Das Kreuz ist das selt­sa­me Licht, das da leuch­tet, in dem alle die­se guten Wer­ke der Jün­ger allein gese­hen wer­den kön­nen. Es ist ja in all­dem nicht davon gere­det, daß Gott sicht­bar wird, son­dern daß die »guten Wer­ke« gese­hen wer­den und daß die Leu­te über die­sen Wer­ken Gott prei­sen. Sicht­bar wird das Kreuz und sicht­bar wer­den die Wer­ke des Kreu­zes, sicht­bar wird der Man­gel und Ver­zicht der Selig­ge­prie­se­nen. Über dem Kreuz und sol­cher Gemein­de aber kann nicht mehr der Mensch geprie­sen wer­den, son­dern allein Gott. Wären die guten Wer­ke aller­lei Tugen­den von Men­schen, so wür­de über ihnen nicht der Vater, son­dern der Jün­ger geprie­sen. So aber bleibt nichts zu prei­sen am Jün­ger, der das Kreuz trägt, an der Gemein­de, deren Licht so leuch­tet, die sicht­bar auf dem Ber­ge liegt, – über ihren »guten Wer­ken« kann allein der Vater im Him­mel geprie­sen wer­den. So sehen sie das Kreuz und die Kreu­zes­ge­mein­de und glau­ben Gott. Das aber ist das Licht der Auf­er­ste­hung.