Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Der Bru­der.

 

»Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: ›Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schul­dig sein.‹ Ich aber sage euch: Wer mit sei­nem Bru­der zür­net, der ist des Gerichts schul­dig; wer aber zu sei­nem Bru­der sagt: Racha! der ist des Rats schul­dig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höl­li­schen Feu­ers schul­dig. Dar­um, wenn du dei­ne Gabe auf dem Altar opferst und wirst all­da ein­ge­denk, daß dein Bru­der etwas wider dich habe, so laß all­da vor dem Altar dei­ne Gabe und gehe zuvor hin und ver­söh­ne dich mit dei­nem Bru­der, und als­dann komm und opfe­re dei­ne Gabe. Sei will­fäh­rig dei­nem Wider­sa­cher bald, die­weil du noch bei ihm auf dem Wege bist, auf daß dich der Wider­sa­cher nicht der­mal­einst über­ant­wor­te dem Rich­ter, und der Rich­ter über­ant­wor­te dich dem Die­ner, und wer­dest in den Ker­ker gewor­fen. Ich sage dir wahr­lich: Du wirst nicht von dan­nen her­aus­kom­men, bis du auch den letz­ten Hel­ler bezahl­test« (Mt. 5,21–26).

»Ich aber sage euch«, – Jesus faßt alles über das Gesetz Gesag­te zusam­men. Es ver­bie­tet sich nach dem Vori­gen von selbst, Jesus hier revo­lu­tio­när zu ver­ste­hen oder ein Gegen­über von Mei­nung und Mei­nung in der Art der Rab­bi­nen anzu­neh­men. Viel­mehr bringt Jesus in Fort­set­zung des Gesag­ten sei­ne Ein­heit mit dem Gesetz des mosai­schen Bun­des zum Aus­druck, macht aber gera­de in wah­rer Ein­heit mit dem Gesetz Got­tes deut­lich, daß er, der Sohn Got­tes, Herr und Geber des Geset­zes sei. Nur wer das Gesetz als Chris­ti Wort ver­nimmt, kann es erfül­len. Das sünd­li­che Miß­ver­ständ­nis, in dem sich die Pha­ri­sä­er befan­den, soll­te kei­nen Raum behal­ten. Allein in der Erkennt­nis Chris­ti als des Herrn und des Erfül­lers des Geset­zes liegt die wah­re Erkennt­nis des Geset­zes. Chris­tus hat sei­ne Hand auf das Gesetz gelegt, er nimmt es in Anspruch. Er tut damit, was das Gesetz in Wahr­heit will. In die­ser Ein­heit mit dem Gesetz aber macht er sich das fal­sche Ver­ständ­nis des Geset­zes zum Feind. Indem er dem Gesetz Ehre tut, lie­fert er sich den fal­schen Eife­rern um das Gesetz aus.

Das Gesetz, an das Jesus sei­ne Nach­fol­ger zuerst ver­weist, ver­bie­tet ihnen den Mord und befiehlt ihnen den Bru­der. Das Leben des Bru­ders ist von Gott gesetzt und in Got­tes Hand, allein Gott hat Gewalt über Leben und Tod. Der Mör­der kann in der Gemein­de Got­tes kei­nen Raum haben. Er ver­fällt dem Gericht, das er selbst übt. Daß der Bru­der, der so unter den Schutz des gött­li­chen Gebo­tes gestellt wird, nicht nur der Bru­der in der Gemein­de ist, ergibt sich unzwei­fel­haft dar­aus, daß der Nach­fol­ger Jesu sich in sei­nem Han­deln nicht dadurch bestim­men las­sen kann, wer der Ande­re ist, son­dern allein durch den, dem er im Gehor­sam folgt. Dem Nach­fol­ger Jesu ist der Mord ver­bo­ten bei der Stra­fe des gött­li­chen Gerichts. Das Leben des Bru­ders ist dem Nach­fol­ger Jesu zur Gren­ze gesetzt, die nicht durch­bro­chen wer­den darf. Eine sol­che Durch­bre­chung geschieht aber schon durch den Zorn, es geschieht erst recht durch ein böses Wort, das uns ent­fährt (Racha), es geschieht schließ­lich durch die wis­sent­li­che Schmä­hung des Ande­ren (du Narr). Jeder Zorn rich­tet sich gegen das Leben des Ande­ren, er gönnt ihm das Leben nicht, er trach­tet nach sei­ner Ver­nich­tung. Es gibt auch kei­ne Unter­schei­dung von soge­nann­tem gerech­ten Zorn und unge­rech­tem Zorn (Anm.: Der Zusatz EIKE in der Les­art KD ist die ers­te vor­sich­ti­ge Kor­rek­tur der Schär­fe des Wor­tes Jesu). Der Jün­ger darf den Zorn über­haupt nicht ken­nen, weil er sich dar­in an Gott und am Bru­der ver­geht. Das schnell ent­fah­re­ne Wort, das wir so leicht neh­men, offen­bart, daß wir den Ande­ren nicht ehren, uns über ihn erhe­ben und also unser Leben höher ein­schät­zen als das sei­ne. Die­ses Wort ist ein Schlag nach dem Bru­der, ein Stoß nach sei­nem Her­zen. Es soll tref­fen, ver­let­zen, ver­nich­ten. Das wis­sent­li­che Schmäh­wort aber raubt dem Bru­der auch in der Öffent­lich­keit sei­ne Ehre, will ihn auch bei ande­ren ver­ächt­lich machen, zielt im Haß auf die Ver­nich­tung sei­ner inne­ren und äuße­ren Exis­tenz. Ich voll­stre­cke Gericht an ihm. Das ist Mord. Der Mör­der ver­fällt dem Gericht.

Wer sei­nem Bru­der zürnt, wer ihm ein böses Wort gibt, wer ihn öffent­lich schmäht oder ver­leum­det, hat als Mör­der vor Gott kei­nen Raum mehr. Er hat sich mit dem Bru­der auch von Gott getrennt. Es gibt kei­nen Zugang mehr für ihn zu Gott. Sein Opfer, sein Got­tes­dienst, sein Gebet wird Gott nicht gefäl­lig sein kön­nen. Für den Nach­fol­ger Jesu kann der Got­tes­dienst nie mehr, wie für den Rab­bi­nen, vom Dienst am Bru­der gelöst wer­den. Ver­ach­tung des Bru­ders macht den Got­tes-dienst unwahr und nimmt ihm jede gött­li­che Ver­hei­ßung. Der Ein­zel­ne wie die Gemein­de, die mit ver­ach­ten­dem oder unver­söhn­tem Her­zen vor Gott tre­ten wol­len, trei­ben somit Spiel mit einem Göt­zen. Solan­ge dem Bru­der der Dienst und die Lie­be ver­sagt wird, solan­ge er der Ver­ach­tung preis­ge­ge­ben bleibt, solan­ge der Bru­der eine Sache gegen mich oder die Gemein­de Jesu haben kann, eben­so­lan­ge soll das Opfer unan­ge­nom­men blei­ben. Nicht erst mein eige­ner Zorn, son­dern schon die Tat­sa­che, daß ein von mir gekränk­ter, geschän­de­ter, ent­ehr­ter Bru­der da ist und »etwas wider mich hat«, stellt sich zwi­schen mich und Gott. So prü­fe sich die Gemein­de der Jün­ger Jesu, ob sie sich nicht hier und dort an Brü­dern schul­dig wis­sen muß, ob sie der Welt zulie­be nicht mit­haß­te, mit­ver­ach­te­te, mit­schmäh­te und so des Mor­des am Bru­der schul­dig ist. So prü­fe sich die Gemein­de Jesu heu­te, ob nicht in dem Augen­blick, in dem sie zum Gebet und Got­tes­dienst vor Gott tritt, vie­le Stim­men ankla­gend zwi­schen sie und Gott tre­ten und ihr Gebet ver­hin­dern. So prü­fe sich die Gemein­de Jesu, ob sie den von der Welt Geschmäh­ten und Ent­ehr­ten ein Zei­chen gege­ben hat von der Lie­be Jesu, die Leben erhal­ten, tra­gen, schüt­zen will. Sonst möch­te der kor­rek­tes­te Got­tes­dienst, das frömms­te Gebet, das tap­fers­te Bekennt­nis ihr nicht hel­fen, son­dern müß­te gegen sie zeu­gen, weil sie die Nach­fol­ge Jesu ver­las­sen hat. Gott will sich von unse­rem Bru­der nicht tren­nen las­sen. Er will nicht geehrt sein, wenn ein Bru­der ent­ehrt wird. Er ist der Vater. Ja, er ist der Vater Jesu Chris­ti, der unser aller Bru­der wur­de. Dar­in liegt der letz­te Grund, war­um Gott sich nicht mehr vom Bru­der tren­nen las­sen will. Sein leib­li­cher Sohn wur­de ent­ehrt, geschmäht, um der Ehre des Vaters wil­len. Aber der Vater läßt sich nicht von sei­nem Sohn tren­nen, nun will er sich auch von denen nicht tren­nen las­sen, denen sein Sohn gleich wur­de, um derent­wil­len sein Sohn Schmach trug. Um der Mensch­wer­dung des Soh­nes Got­tes wil­len ist Got­tes­dienst vom Bru­der­dienst nicht mehr zu lösen. Wer da sagt, er lie­be Gott und haßt doch sei­nen Bru­der, der ist ein Lüg­ner.

So bleibt dem, der wah­ren Got­tes­dienst in der Nach­fol­ge Jesu tun will, nur ein Weg, der Weg zur Ver­söh­nung mit dem Bru­der. Wer mit unver­söhn­tem Her­zen zum Wort und zum Abend­mahl kommt, emp­fängt dadurch sein Gericht. Er ist ein Mör­der vor Got­tes Ange­sicht. Dar­um »gehe zuvor hin und ver­söh­ne dich mit dei­nem Bru­der, und als­dann komm und opfe­re dei­ne Gabe«. Es ist ein schwe­rer Weg, den Jesus sei­nem Nach­fol­ger zumu­tet. Er ist mit viel eig­ner Demü­ti­gung und Schmach ver­bun­den. Aber es ist ja der Weg zu ihm, dem gekreu­zig­ten Bru­der, und dar­um ein gna­den­vol­ler Weg. In Jesus wur­de Dienst am gerin­gen Bru­der und Got­tes­dienst eins. Er ging hin und ver­söhn­te sich dem Bru­der und brach­te dann das eine, wah­re Opfer dem Vater, sich selbst. Noch ist Gna­den­zeit, denn noch ist uns ein Bru­der gege­ben, noch sind wir »mit ihm auf dem Wege«. Vor uns steht das Gericht. Noch kön­nen wir dem Bru­der will­fah­ren, noch kön­nen wir dem, des­sen Schuld­ner wir gewor­den sind, die Schuld bezah­len. Es kommt die Stun­de, in der wir dem Rich­ter anheim­fal­len. Dann ist es zu spät, dann gilt Recht und Stra­fe bis zur letz­ten Schuld. Begrei­fen wir es, daß hier den Jün­gern Jesu der Bru­der nicht zum Gesetz, son­dern zur Gna­de gemacht ist? Es ist Gna­de, dem Bru­der will­fah­ren zu dür­fen, ihm sein Recht wer­den zu las­sen, es ist Gna­de, daß wir uns dem Bru­der ver­söh­nen kön­nen. Der Bru­der ist unse­re Gna­de vor dem Gericht.

So kann nur der zu uns spre­chen, der selbst als unser Bru­der unse­re Gna­de gewor­den ist, unse­re Ver­söh­nung, unse­re Ret­tung vor dem Gericht. In der Mensch­heit des Soh­nes Got­tes ist uns die Gna­de des Bru­ders geschenkt. Daß die Jün­ger Jesu sie doch recht beden­ken möch­ten!

Der Dienst am Bru­der, der ihm will­fäh­rig ist, ihm Recht und Leben läßt, ist der Weg der Selbst­ver­leug­nung, der Weg ans Kreuz. Nie­mand hat grö­ße­re Lie­be, denn die, daß er sein Leben läßt für sei­ne Freun­de. Das ist die Lie­be des Gekreu­zig­ten. So wird die­ses Gesetz allein im Kreuz Jesu erfüllt.