Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Das Weib.

 

»Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: ›Du sollst nicht ehe­bre­chen.‹ Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begeh­ren, der hat schon mit ihr die Ehe gebro­chen in sei­nem Her­zen. Ärgert dich aber dein rech­tes Auge, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist bes­ser, daß eins dei­ner Glie­der ver­der­be, und nicht der gan­ze Leib in die Höl­le gewor­fen wer­de. Ärgert dich dei­ne rech­te Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir bes­ser, daß eins dei­ner Glie­der ver­der­be, und nicht der gan­ze Leib in die Höl­le gewor­fen wer­de. Es ist auch gesagt: ›Wer sich von sei­nem Wei­be schei­det, der soll ihr geben einen Schei­de­brief.‹ Ich aber sage euch: Wer sich von sei­nem Wei­be schei­det (es sei denn um Ehe­bruch), der macht, daß sie die Ehe bricht; und wer eine Abge­schie­de­ne freit, der bricht die Ehe« (Mt. 5,27–32).

Die Bin­dung an Jesus Chris­tus gibt kei­ne Lust frei, die ohne Lie­be ist, son­dern ver­sagt sie dem Nach­fol­gen­den. Weil Nach­fol­ge Selbst­ver­leug­nung und gan­ze Bin­dung an Jesus ist, dar­um kann nicht an irgend­ei­ner Stel­le der eige­ne, lust­be­herrsch­te Wil­le des Jün­gers frei­en Lauf bekom­men. Sol­che Begier­de, und läge sie nur in einem ein­zi­gen Blick, trennt von der Nach­fol­ge und bringt den gan­zen Leib in die Höl­le. Mit ihr ver­kauft der Mensch sei­ne himm­li­sche Erst­ge­burt um ein Lin­sen­ge­richt von Lust. Er glaubt dem nicht, der ihm hun­dert­fäl­tig Freu­de ver­gel­ten kann für ver­sag­te Lust. Er traut nicht aufs Unsicht­ba­re, son­dern ergreift die sicht­ba­re Frucht der Lust. So stürzt er vom Weg der Nach­fol­ge ab und ist von Jesus getrennt. Die Unrein­heit der Begier­de ist Unglau­be. Dar­um allein ist sie Ver­werf­lich. Kein Opfer, das der Nach­fol­gen­de der Frei­heit von die­ser Lust, die von Jesus trennt, zu brin­gen ver­mag, ist zu groß. Das Auge ist weni­ger als Chris­tus, und die Hand ist weni­ger als Chris­tus. Wenn Auge und Hand der Lust die­nen und den gan­zen Leib an der Rein­heit der Nach­fol­ge hin­dern, so sind sie eher zum Opfer zu brin­gen als Jesus Chris­tus. Der Gewinn, den die Lust bringt, ist gering gegen den Scha­den – du gewinnst die Lust des Auges und der Hand für einen Augen­blick, und du ver­lierst den Leib in Ewig­keit. Dein Auge, das der unrei­nen Begier­de dient, kann Gott nicht schau­en.

Muß nun nicht an die­ser Stel­le die Fra­ge wirk­lich zur Ent­schei­dung kom­men, ob Jesus sein Gebot wört­lich gemeint habe oder in über­tra­ge­nem Sinn? Hängt nicht von einer kla­ren Ant­wort auf die­se Fra­ge unser gan­zes Leben ab? Ist nicht ange­sichts der Hal­tung der Jün­ger auch die Ant­wort schon gege­ben? In die­ser schein­bar so tod­erns­ten Ent­schei­dungs­fra­ge rät unser Wil­le zur Flucht vor der Ent­schei­dung. Aber die­se Fra­ge selbst ist falsch und böse. Sie kann kei­ne Ant­wort fin­den. Wür­de näm­lich gesagt, natür­lich sei das nicht wört­lich gemeint, so wären wir bereits dem Ernst des Gebo­tes ent­wi­chen, wür­de aber gesagt, natür­lich sei es wört­lich zu ver­ste­hen, so wäre nicht nur die grund­sätz­li­che Absur­di­tät der christ­li­chen Exis­tenz offen­bar gemacht und damit das Gebot außer Kraft gesetzt. Gera­de dar­in, daß uns die­se grund­sätz­li­che Fra­ge nicht beant­wor­tet wird, wer­den wir erst ganz und gar in Jesu Gebot gefan­gen genom­men. Wir kön­nen nach kei­ner Sei­te aus­wei­chen. Wir sind gestellt und müs­sen gehor­chen. Jesus zwingt sei­ne Jün­ger nicht in einen unmensch­li­chen Krampf, er ver­bie­tet ihnen nicht den Blick, aber er lenkt den Blick des Jün­gers auf sich und weiß, daß hier der Blick rein bleibt, auch wenn er sich nun auf die Frau rich­tet. So legt er sei­nen Jün­gern nicht ein uner­träg­li­ches Joch des Geset­zes auf, son­dern er hilft ihnen barm­her­zig durch das Evan­ge­li­um. Kei­ne Auf­for­de­rung zur Ehe gibt Jesus den Nach­fol­gen­den. Aber er hei­ligt die Ehe nach dem Gesetz, indem er sie für unver­brüch­lich erklärt und dort, wo sich ein Teil durch Ehe­bruch vom ande­ren schei­det, dem ande­ren die zwei­te Ehe ver­wehrt. Durch sol­ches Gebot befreit Jesus die Ehe von der selbsti­schen bösen Lust und will sie als Dienst der Lie­be, wie sie in der Nach­fol­ge allein mög­lich ist, geführt wis­sen. Jesus tadelt nicht den Leib und sein natür­li­ches Ver­lan­gen, aber er ver­wirft den Unglau­ben, der in ihm ver­bor­gen ist. So löst er nicht die Ehe auf, son­dern fes­tigt und hei­ligt sie durch den Glau­ben. So wird der Nach­fol­gen­de sei­ne allei­ni­ge Bin­dung an Chris­tus auch in sei­ner Ehe bewah­ren müs­sen in Zucht und Ver­leug­nung. Chris­tus ist der Herr auch sei­ner Ehe. Daß damit die Ehe des Jün­gers etwas ande­res ist als die bür­ger­li­che Ehe, ist wie­der­um nicht eine Ver­ach­tung der Ehe, son­dern gera­de ihre Hei­li­gung.

Es scheint, als set­ze sich Jesus durch die For­de­rung der Unauf­lös­lich­keit der Ehe in Wider­spruch zum alt­tes­ta­ment­li­chen Gesetz. Aber er gibt selbst (Mt. 19,8) sei­ne Ein­heit mit dem mosai­schen Gesetz zu ver­ste­hen. »Um des Her­zens Här­tig­keit wil­len« war den Israe­li­ten der Schei­de­brief erlaubt, d.h. nur um ihr Herz vor grö­ße­rer Zucht­lo­sig­keit zu bewah­ren. Die Absicht des alt­tes­ta­ment­li­chen Geset­zes aber stimmt mit Jesus über­ein, daß es auch in ihm allein um die Rein­heit der Ehe, um die Ehe, die im Glau­ben an Gott geführt wird, geht. Die­se Rein­heit, d.h. Keusch­heit aber ist gewahrt in der Gemein­schaft Jesu, in sei­ner Nach­fol­ge.

Weil es Jesus allein um die voll­kom­me­ne Rein­heit, d. h. Keusch­heit sei­ner Jün­ger zu tun ist, dar­um muß er sagen, daß auch der voll­ende­te Ver­zicht auf die Ehe um des Rei­ches Got­tes wil­len zu prei­sen ist. Jesus macht aus Ehe oder Ehe­lo­sig­keit kein Pro­gramm, son­dern er befreit sei­ne Jün­ger von der PORNEIA, der Hure­rei in der Ehe und außer­halb der Ehe, die nicht nur eine Ver­sün­di­gung am eige­nen Lei­be, son­dern eine Ver­sün­di­gung am Lei­be Chris­ti selbst ist (1. Kor. 6,13–15). Auch der Leib des Jün­gers gehört Chris­tus und der Nach­fol­ge, unse­re Lei­ber sind Glie­der sei­nes Lei­bes. Weil Jesus, der Sohn Got­tes, einen mensch­li­chen Leib trug und weil wir Gemein­schaft mit sei­nem Lei­be haben, dar­um ist Hure­rei Sün­de gegen Jesu eig­nen Leib. Jesu Leib wur­de gekreu­zigt. Der Apos­tel sagt von denen, die Chris­tus ange­hö­ren, daß sie ihren Leib mit sei­nen Lüs­ten und Begier­den kreu­zi­gen (Gal. 5,24). So wird die Erfül­lung auch die­ses alt­tes­ta­ment­li­chen Geset­zes allein wahr in dem gekreu­zig­ten, gemar­ter­ten Leib Jesu Chris­ti. Der Anblick und die Gemein­schaft die­ses Lei­bes, der für sie gege­ben ist, ist den Jün­gern die Kraft zur Keusch­heit, die Jesus gebie­tet.