Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Die Berg­pre­digt.

Mat­thä­us 5:

Vom  »Außer­or­dent­li­chen« des christ­li­chen Lebens.

Die Selig­prei­sun­gen.

Jesus am Berg­hang, die Volks­men­ge, die Jün­ger. Das Volk sieht: Da ist Jesus mit sei­nen Jün­gern, die zu ihm getre­ten sind. Die Jün­ger – sie gehör­ten ja selbst noch vor kur­zem ganz und gar zur Men­ge des Vol­kes. Sie waren wie alle ande­ren auch. Dann kam der Ruf Jesu; da lie­ßen sie alles zurück und folg­ten ihm nach. Seit­dem gehö­ren sie zu Jesus, ganz und gar. Nun gehen sie mit ihm, leben mit ihm, fol­gen ihm, wohin er sie auch führt. Es ist an ihnen etwas gesche­hen, was an den ande­ren nicht geschah. Das ist eine äußerst beun­ru­hi­gen­de und anstö­ßi­ge Tat­sa­che, die das Volk hier sicht­bar vor Augen hat. Die Jün­ger sehen: Da ist das Volk, aus dem sie kom­men, die ver­lo­re­nen Scha­fe vom Hau­se Isra­el. Es ist die beru­fe­ne Gemein­de Got­tes. Es ist die Volks­kir­che. Als sie aus die­sem Volk erwählt wur­den durch Jesu Ruf, da taten sie, was für die ver­lo­re­nen Scha­fe des Hau­ses Isra­el das Selbst­ver­ständ­li­che und Not­wen­di­ge ist, sie folg­ten der Stim­me des guten Hir­ten, denn sie kann­ten sei­ne Stim­me. Sie gehö­ren also gera­de mit ihrem Weg die­sem Volk zu, sie wer­den in die­sem Volk leben, in es hin­ein­ge­hen und ihm den Ruf Jesu und die Herr­lich­keit der Nach­fol­ge pre­di­gen. Aber was wird das Ende sein? Jesus sieht: da sind sei­ne Jün­ger. Sie sind aus dem Volk her­aus sicht­bar zu ihm getre­ten. Jeden ein­zel­nen hat er geru­fen. Sie haben auf alles Ver­zicht getan auf sei­nen Ruf hin. Nun leben sie in Ent­beh­rung und Man­gel, sie sind die Ärms­ten unter den Armen, die Ange­foch­tens­ten unter den Ange­foch­te­nen, die Hung­rigs­ten unter den Hung­ri­gen. Sie haben nur ihn. Ja, und mit ihm haben sie in der Welt nichts, gar nichts, aber alles, alles bei Gott. Es ist eine klei­ne Gemein­de, die er gefun­den hat, und es ist eine gro­ße Gemein­de, die er sucht, wenn er das Volk ansieht. Jün­ger und Volk, sie gehö­ren zusam­men, die Jün­ger wer­den sei­ne Boten sein, sie wer­den auch hier und dort Hörer und Gläu­bi­ge fin­den. Und doch, es wird eine Feind­schaft bis ans Ende zwi­schen ihnen sein. Aller Zorn gegen Gott und sein Wort wird auf sei­ne Jün­ger fal­len und sie wer­den mit ihm ver­sto­ßen sein. Das Kreuz kommt in Sicht. Chris­tus, die Jün­ger, das Volk – das ist schon das gan­ze Bild der Lei­dens­ge­schich­te Jesu und sei­ner Gemein­de (Anm.: Das exege­ti­sche Recht zu die­sen Aus­füh­run­gen liegt in dem ANOIGEN TO STOMA, was schon in der alt­kirch­li­chen Exege­se stark beach­tet wur­de. Bevor Jesus spricht, lie­gen Augen­bli­cke des Schwei­gens). Dar­um: selig! Jesus spricht zu den Jün­gern. (Vgl. Lk. 6,20ff.). Er spricht zu denen, die schon unter der Gewalt sei­nes Rufes ste­hen. Die­ser Ruf hat sie arm, ange­foch­ten, hung­rig gemacht. Er preist sie selig, nicht um ihres Man­gels oder um ihres Ver­zich­tes wil­len. Weder Man­gel noch Ver­zicht sind an sich in irgend­ei­ner Wei­se Grund zur Selig­prei­sung. Allein der Ruf und die Ver­hei­ßung, um derent­wil­len die Nach­fol­gen­den in Man­gel und Ver­zicht leben, ist Grund genug. Die Beob­ach­tung, daß in eini­gen Selig­prei­sun­gen vom Man­gel, in ande­ren vom bewuß­ten Ver­zicht bzw. von beson­de­ren Tugen­den der Jün­ger gespro­chen ist, ist ohne Bedeu­tung. Objek­ti­ver Man­gel und per­sön­li­ches Ver­zich­ten haben ihren gemein­sa­men Grund in dem Ruf und der Ver­hei­ßung Chris­ti. Kei­nes von bei­den hat in sich Wert und Anspruch (Anm.: Die Kon­struk­ti­on eines Gegen­sat­zes zwi­schen Mt. und Lk. hat kei­nen Grund in der Schrift. Weder han­delt es sich bei Mt. um eine Spi­ri­tua­li­sie­rung der ursprüng­lich luka­ni­schen Selig­prei­sung, noch bei Lk. um eine Poli­ti­sie­rung der ursprüng­lich nur die »Gesin­nung« betref­fen­den Selig­prei­sun­gen. Weder ist bei Lk. der Man­gel Grund der Selig­prei­sung, noch bei Mt. der Ver­zicht. Viel­mehr ist bei bei­den Man­gel oder Ver­zicht, Spi­ri­tu­el­les oder Poli­ti­sches allein gerecht­fer­tigt durch Ruf und Ver­hei­ßung Jesu, der allein die Selig­ge­prie­se­nen zu dem macht, was sie sind, und der allein Grund ihrer Selig­spre­chung ist. Die katho­li­sche Exege­se hat von den Cle­men­ti­nen an die Tugend der Armut selig­prei­sen las­sen wol­len, dabei einer­seits an die pau­per­tas vol­un­ta­ria der Mön­che, andern­teils an jede frei­wil­li­ge Armut um Chris­ti wil­len gedacht. In bei­den Fäl­len liegt die Fehl­aus­le­gung dar­in, daß nicht allein Ruf und Ver­hei­ßung Jesu, son­dern irgend­ein mensch­li­ches Ver­hal­ten als Grund der Selig­prei­sung gesucht wird).

Jesus preist sei­ne Jün­ger selig. Das Volk hört es und ist ent­setzt Zeu­ge des­sen, was da geschieht. Was nach Got­tes Ver­hei­ßung dem gan­zen Volk Isra­el gehört, fällt hier der klei­nen Gemein­de der von Jesus erwähl­ten Jün­ger zu. »Das Him­mel­reich ist ihr«. Aber die Jün­ger und das Volk sind ja dar­in eins, daß sie alle Got­tes beru­fe­ne Gemein­de sind. So soll die Selig­prei­sung Jesu allen zur Ent­schei­dung und zum Heil wer­den. Alle sind geru­fen zu sein, was sie in Wahr­heit sind. Selig­ge­prie­sen wer­den die Jün­ger um des Rufes Jesu wil­len, dem sie gefolgt sind. Selig­ge­prie­sen wird das gan­ze Volk Got­tes um der Ver­hei­ßung wil­len, die ihm gilt. Aber wird Got­tes Volk die Ver­hei­ßung nun auch im Glau­ben an Jesus Chris­tus und sein Wort ergrei­fen oder wird es sich im Unglau­ben von Chris­tus und sei­ner Gemein­de schei­den? Das bleibt die Fra­ge.

»Selig sind, die da geist­lich arm sind, denn das Him­mel­reich ist ihr«. Man­gel haben die Jün­ger an allen Stü­cken. Sie sind schlecht­hin »arm« (Lk. 6,20). Kei­ne Sicher­heit, kein Besitz, den sie ihr eigen nen­nen könn­ten, kein Stück Erde, das sie ihre Hei­mat nen­nen dürf­ten, kei­ne irdi­sche Gemein­schaft, der sie ganz gehö­ren dürf­ten. Aber auch kei­ne eige­ne geist­li­che Kraft, Erfah­rung, Erkennt­nis, auf die sie sich beru­fen, deren sie sich getrös­ten könn­ten. Um sei­net­wil­len haben sie das alles ver­lo­ren. Als sie ihm nach­folg­ten, da ver­lo­ren sie ja sich selbst und damit auch alles, was sie noch reich machen konn­te. Nun sind sie arm, so uner­fah­ren, so töricht, daß sie auf nichts mehr hof­fen kön­nen als auf den, der sie geru­fen hat. Jesus kennt ja auch jene ande­ren, die Ver­tre­ter und Pre­di­ger der Volks­re­li­gi­on, die­se Mäch­ti­gen, Ange­se­he­nen, die fest gegrün­det auf der Erde ste­hen in Volks­tum, Zeit­geist, Volks­fröm­mig­keit unlös­bar ver­wur­zelt. Aber nicht zu ihnen, son­dern allein zu sei­nen Jün­gern sagt er: Selig, – denn das Him­mel­reich ist ihr. Über ihnen, die um Jesu wil­len schlecht­hin in Ver­zicht und Man­gel leben, bricht das Him­mel­reich an. Sie sind mit­ten in der Armut Erben des himm­li­schen Rei­ches. Sie haben ihren Schatz tief in der Ver­bor­gen­heit, sie haben ihn am Kreuz. Das Him­mel­reich ist ihnen ver­hei­ßen in sicht­ba­rer Herr­lich­keit, und es ist ihnen auch schon geschenkt in der voll­kom­me­nen Armut des Kreu­zes. Hier unter­schei­det sich Jesu Selig­prei­sung gänz­lich von ihrer Kari­ka­tur in der Gestalt poli­tisch-sozia­ler Pro­gram­ma­tik. Auch der Anti­christ preist die Armen selig, aber er tut es nicht um des Kreu­zes wil­len, in dem alle Armut beschlos­sen und selig ist, son­dern gera­de um der Abwehr des Kreu­zes wil­len durch poli­tisch-sozia­le Ideo­lo­gie. Er mag die­se Ideo­lo­gie christ­lich nen­nen und wird doch gera­de dar­in zum Feind Chris­ti.

»Selig sind die Leid­tra­gen­den, denn sie sol­len getrös­tet wer­den.« Mit jeder wei­te­ren Selig­prei­sung ver­tieft sich die Kluft zwi­schen den Jün­gern und dem Volk. Immer sicht­ba­rer wird die Jün­ger­schaft her­aus­ge­ru­fen. Die Leid­tra­gen­den sind ja die, die im Ver­zicht auf das, was die Welt Glück und Frie­den nennt, zu leben bereit sind, die mit der Welt nicht auf einen Ton gestimmt wer­den kön­nen, die sich der Welt nicht gleich­stel­len kön­nen. Sie tra­gen Leid über die Welt, ihre Schuld, ihr Schick­sal und ihr Glück. Die Welt fei­ert und sie ste­hen abseits; die Welt schreit: freut euch des Lebens, und sie trau­ern. Sie sehen, daß das Schiff, auf dem fest­li­cher Jubel ist, schon leck ist. Die Welt phan­ta­siert von Fort­schritt, Kraft, Zukunft, die Jün­ger wis­sen um das Ende, das Gericht und die Ankunft des Him­mel­rei­ches, für das die Welt so gar nicht geschickt ist. Dar­um sind die Jün­ger Fremd­lin­ge in der Welt, läs­ti­ge Gäs­te, Frie­dens­stö­rer, die ver­wor­fen wer­den. War­um muß die Gemein­de Jesu bei so viel Fes­ten des Vol­kes, in dem sie lebt, drau­ßen ste­hen? Ob sie ihre Mit­men­schen nicht mehr ver­steht? Ob sie dem Men­schen­haß und der Men­schen­ver­ach­tung ver­fal­len ist? Kei­ner ver­steht sei­ne Mit­men­schen bes­ser als die Gemein­de Jesu. Kei­ner liebt die Mit­men­schen mehr als die Jün­ger Jesu – eben dar­um ste­hen sie drau­ßen, eben dar­um tra­gen sie Leid. Es ist bedeu­tungs­voll und schön, daß Luther das grie­chi­sche Wort hier mit Leid-Tra­gen über­setzt. Aufs Tra­gen näm­lich kommt es an. Die Jüng­er­ge­mein­de schüt­telt das Leid nicht ab, als hät­te sie nichts damit zu schaf­fen, son­dern sie trägt es. Eben dar­in ist ihre Ver­bun­den­heit mit den Mit­men­schen bekun­det. Zugleich ist damit gesagt, daß sie das Leid nicht will­kür­lich sucht, daß sie nicht in eigen­wil­li­ger Welt­ver­ach­tung sich ent­zieht, son­dern trägt, was ihr auf­er­legt ist und was auf sie fällt um Jesu Chris­ti wil­len in der Nach­fol­ge. Schließ­lich aber wer­den die Jün­ger von dem Leid auch nicht mür­be gemacht, zer­rie­ben und bit­ter, so daß sie dar­an zer­bre­chen. Sie tra­gen es viel­mehr in der Kraft des­sen, der sie trägt. Die Jün­ger tra­gen das ihnen auf­er­leg­te Leid allein in der Kraft des­sen, der am Kreuz alles Leid trägt. Sie ste­hen als Leid­tra­gen­de in der Gemein­schaft des Gekreu­zig­ten. Sie ste­hen als Fremd­lin­ge in der Kraft des­sen, der der Welt so fremd war, daß sie ihn kreu­zig­te. Dies ist ihr Trost, viel­mehr die­ser ist ihr Trost, ihr Trös­ter (vgl. Lk. 2,25). Die Fremd­lings­ge­mein­de wird getrös­tet im Kreuz, sie wird getrös­tet dar­in, daß sie an den Ort gesto­ßen wird, an dem der Trös­ter Isra­els auf sie war­tet. So fin­det sie ihre wah­re Hei­mat bei dem gekreu­zig­ten Herrn, hier und in Ewig­keit.

»Selig sind die Sanft­mü­ti­gen, denn sie wer­den das Erd­reich besit­zen.« Kein eige­nes Recht schützt die­se Fremd­lings­ge­mein­de in der Welt. Sie bean­spru­chen es auch nicht, denn das sind die Sanft­mü­ti­gen, die in Ver­zicht auf jedes eige­ne Recht leben um Jesu Chris­ti wil­len. Schilt man sie, so sind sie still, tut man ihnen Gewalt, so dul­den sie es, stößt man sie weg, so wei­chen sie. Sie pro­zes­sie­ren nicht um ihr Recht, sie machen kein Auf­se­hen, wenn ihnen Unrecht geschieht. Sie wol­len kein eige­nes Recht. Sie wol­len alles Recht Gott allein las­sen; non cupi­di vin­dic­tae, lau­tet die alt­kirch­li­che Aus­le­gung. Was ihrem Herrn Recht ist, das soll ihnen auch Recht sein. Nur das. In jedem Wort, in jeder Gebär­de wird es offen­bar, daß sie nicht auf die­se Erde gehö­ren. Laßt ihnen den Him­mel, sagt die Welt mit­lei­dig, da gehö­ren sie hin (Anm.: Der Kai­ser Juli­an schrieb in sei­nem 43. Brief höh­nisch, er kon­fis­zie­re die Güter der Chris­ten nur, damit sie arm ins Him­mel­reich ein­ge­hen könn­ten). Aber Jesus sagt: sie sol­len das Erd­reich besit­zen. Die­sen Recht­lo­sen und Ohn­mäch­ti­gen gehört die Erde. Die sie jetzt besit­zen mit Gewalt und Unrecht, sol­len sie ver­lie­ren, und die hier ganz auf sie Ver­zicht geleis­tet haben, die sanft­mü­tig waren bis zum Kreuz, sol­len die neue Erde beherr­schen. Es wird hier nicht an inner­welt­li­che Straf­ge­rech­tig­keit Got­tes zu den­ken sein (Cal­vin), son­dern wenn das Him­mel­reich her­ab­kommt, dann wird die Gestalt der Erde erneu­ert wer­den, und es wird die Erde der Gemein­de Jesu sein. Gott ver­läßt die Erde nicht. Er hat sie erschaf­fen. Er hat sei­nen Sohn auf die Erde gesandt. Er bau­te sei­ne Gemein­de auf Erden. So ist der Anfang schon in die­ser Zeit gemacht. Ein Zei­chen ist gege­ben. Schon hier ist den Ohn­mäch­ti­gen ein Stück Erde gege­ben, die haben die Kir­che, ihre Gemein­schaft, ihre Güter, Brü­der und Schwes­tern – mit­ten unter Ver­fol­gun­gen bis ans Kreuz. Aber auch Gol­ga­tha ist ein Stück Erde. Von Gol­ga­tha her, wo der Sanft­mü­tigs­te starb, soll die Erde neu wer­den. Wenn das Reich Got­tes kommt, dann wer­den die Sanft­mü­ti­gen das Erd­reich besit­zen.

»Selig sind, die da hun­gert und dürs­tet nach der Gerech­tig­keit, denn sie sol­len satt wer­den.« Nicht nur im Ver­zicht auf das eige­ne Recht, son­dern sogar im Ver­zicht auf die eige­ne Gerech­tig­keit leben die Nach­fol­gen­den. Sie haben kei­ner­lei eige­nen Ruhm aus dem, was sie tun und opfern. Sie kön­nen Gerech­tig­keit nicht anders haben als in Hun­ger und Durst nach ihr; weder eige­ne Gerech­tig­keit, noch die Gerech­tig­keit Got­tes auf Erden; sie sehen alle­zeit auf die zukünf­ti­ge Gerech­tig­keit Got­tes, aber sie kön­nen sie nicht selbst auf­rich­ten. Die Jesus nach­fol­gen, wer­den hung­rig und durs­tig auf dem Weg. Nach Ver­ge­bung aller Sün­den und völ­li­ger Erneue­rung tra­gen sie Ver­lan­gen, nach dem Neu-wer­den der Erde und voll­kom­me­ner Gerech­tig­keit Got­tes. Noch deckt der Fluch der Welt die­se zu, noch fällt die Sün­de der Welt auf sie. Der, dem sie nach­fol­gen, muß als Ver­fluch­ter am Kreuz ster­ben. Ein ver­zwei­fel­tes Ver­lan­gen nach der Gerech­tig­keit ist sein letz­ter Schrei: mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen? Der Jün­ger aber ist nicht über sei­nen Meis­ter. Ihm fol­gen sie nach. Selig sind sie dar­in, denn ihnen ist ver­hei­ßen, daß sie satt wer­den sol­len. Gerech­tig­keit sol­len sie emp­fan­gen, nicht nur durchs Ohr, son­dern leib­li­che Sät­ti­gung mit Gerech­tig­keit soll ihnen wider­fah­ren. Das Brot des wahr­haf­ti­gen Lebens sol­len sie essen im zukünf­ti­gen Abend­mahl mit ihrem Herrn. Um die­ses zukünf­ti­gen Bro­tes wil­len sind sie selig; denn sie haben die­ses Brot ja schon gegen­wär­tig. Der das Brot des Lebens ist, ist in all ihrem Hun­ger unter ihnen. Das ist die Selig­keit der Sün­der.

»Selig sind die Barm­her­zi­gen, denn sie wer­den Barm­her­zig­keit erlan­gen.« Die­se Besitz­lo­sen, die­se Fremd­lin­ge, die­se Ohn­mäch­ti­gen, die­se Sün­der, die­se Nach-fol­ger Jesu leben mit ihm nun auch im Ver­zicht auf die eige­ne Wür­de, denn sie sind barm­her­zig. Sie haben nicht genug an eige­ner Not, eige­nem Man­gel, son­dern sie machen sich auch noch frem­der Not, frem­der Nied­rig­keit, frem­der Schuld teil­haf­tig. Sie haben eine unwi­der­steh­li­che Lie­be zu den Gerin­gen, Kran­ken, Elen­den, zu den Ernied­rig­ten und Ver­ge­wal­tig­ten, zu den Unrecht­lei­den­den und Aus­ge­sto­ße­nen, zu allem, was sich quält und sorgt; sie suchen die in Sün­de und Schuld Gera­te­nen. Kei­ne Not ist zu tief, kei­ne Sün­de zu furcht­bar, die Barm­her­zig­keit geht zu ihr ein. Die eige­ne Ehre schenkt der Barm­her­zi­ge dem in Schan­de Gera­te­nen und nimmt des­sen Schan­de auf sich. Er läßt sich fin­den bei den Zöll­nern und Sün­dern und trägt die Schmach ihrer Gemein­schaft wil­lig. Das höchs­te Gut des Men­schen, die eige­ne Wür­de und Ehre, geben sie hin und sind barm­her­zig. Nur eine Wür­de und Ehre ken­nen sie: die Barm­her­zig­keit ihres Herrn, aus der allein sie leben. Er schäm­te sich nicht sei­ner Jün­ger, er wur­de den Men­schen ein Bru­der, er trug ihre Schan­de bis zum Tod am Kreuz. Das ist die Barm­her­zig­keit Jesu, aus der die an ihn Gebun­de­nen allein leben wol­len, die Barm­her­zig­keit des Gekreu­zig­ten. Die­se Barm­her­zig­keit läßt sie alle eige­ne Ehre und Wür­de ver­ges­sen und allein die Gemein­schaft der Sün­der suchen. Fällt nun Schan­de auf sie, so sind sie doch selig. Denn sie sol­len Barm­her­zig­keit erlan­gen. Gott wird sich einst tief zu ihnen her­ab­beu­gen und sich ihrer Sün­de und Schan­de anneh­men. Gott wird sei­ne Ehre ihnen geben und ihre Uneh­re selbst von ihnen neh­men. Es wird Got­tes Ehre sein, die Schmach der Sün­der zu tra­gen und sie mit sei­ner Ehre zu klei­den. Selig sind die Barm­her­zi­gen, weil sie den Barm­her­zi­gen zum Herrn haben.

»Selig sind, die rei­nes Her­zens sind, denn sie sol­len Gott schau­en.« Wer ist rei­nes Her­zens? Allein der, der sein Herz Jesus ganz hin­ge­ge­ben hat, daß er allein dar­in herr­sche; der sein Herz nicht befleckt durch eige­nes Böses, aber auch nicht durch eige­nes Gutes. Das rei­ne Herz ist das ein­fäl­ti­ge Herz des Kin­des, das nicht weiß um Gut und Böse, das Herz Adams vor dem Fall, das Herz, in dem nicht das Gewis­sen, son­dern Jesu Wil­le herrscht. Wer im Ver­zicht steht auf das eige­ne Gute und Böse, auf das eige­ne Herz, wer so in der Buße steht, und allein an Jesus hängt, des­sen Herz ist rein durch das Wort Jesu. Rein­heit des Her­zens steht hier im Gegen­satz zu aller äußer­li­chen Rein­heit, zu der selbst die Rein­heit der guten Gesin­nung noch gehört. Das rei­ne Herz ist rein von Gut und Böse, es gehört ganz und unge­teilt Chris­tus an, es sieht allein auf ihn, der vor­an­geht. Gott schau­en wird allein der, der in die­sem Leben allein auf Jesus Chris­tus gese­hen hat, den Sohn Got­tes. Sein Herz ist frei von befle­cken­den Bil­dern, nicht hin- und her­ge­zo­gen durch die Man­nig­fal­tig­keit eige­ner Wün­sche und Absich­ten. Es ist ganz im Anschau­en Got­tes hin­ge­nom­men. Gott schau­en wird der, des­sen Herz ein Spie­gel des Bil­des Jesu Chris­ti gewor­den ist.

»Selig sind die Fried­fer­ti­gen, denn sie wer­den Got­tes Kin­der hei­ßen.« Jesu Nach­fol­ger sind zum Frie­den beru­fen. Als Jesus sie rief, fan­den sie ihren Frie­den. Jesus ist ihr Frie­de. Nun sol­len sie den Frie­den nicht nur haben, son­dern auch schaf­fen (Anm.: EIRENOPOIOI hat dop­pel­ten Sinn: Auch »fried­fer­tig« ist nach Luthers eige­ner Aus­le­gung nicht nur pas­si­visch zu ver­ste­hen. Die eng­li­sche Über­set­zung »peace­ma­ker« ist ein­sei­tig und Anlaß zu man­cher­lei miß­ver­stan­de­nem christ­li­chen Akti­vis­mus gewor­den). Damit tun sie Ver­zicht auf Gewalt und Auf­ruhr. In der Sache Chris­ti ist damit nie­mals etwas gehol­fen. Das Reich Chris­ti ist ein Reich des Frie­dens, und die Gemein­de Chris­ti grüßt sich mit dem Frie­dens­gruß. Die Jün­ger Jesu hal­ten Frie­den, indem sie lie­ber selbst lei­den, als daß sie einem Ande­ren Leid tun, sie bewah­ren Gemein­schaft, wo der Ande­re sie bricht, sie ver­zich­ten auf Selbst­be­haup­tung und hal­ten dem Haß und Unrecht stil­le. So über­win­den sie Böses mit Gutem. So sind sie Stif­ter gött­li­chen Frie­dens mit­ten in einer Welt des Has­ses und Krie­ges. Nir­gends aber wird ihr Frie­den grö­ßer sein als dort, wo sie den Bösen im Frie­den begeg­nen und von ihnen zu lei­den bereit sind. Die Fried­fer­ti­gen wer­den mit ihrem Herrn das Kreuz tra­gen; denn am Kreuz wur­de der Frie­de gemacht. Weil sie so in das Frie­dens­werk Chris­ti her­ein­ge­zo­gen sind, beru­fen zum Werk des Soh­nes Got­tes, dar­um wer­den sie selbst Söh­ne Got­tes genannt wer­den.

»Selig sind, die um Gerech­tig­keit wil­len ver­folgt wer­den, denn das Him­mel­reich ist ihr.« Es ist hier nicht die Rede von der Gerech­tig­keit Got­tes, son­dern vom Lei­den um einer gerech­ten Sache (Anm.: Beach­te das Feh­len des Arti­kels!), um des gerech­ten Urtei­lens und Tuns der Jün­ger Jesu wil­len. In Urteil und Tat wer­den sich die, die Jesus nach­fol­gen in Ver­zicht auf Besitz, auf Glück, auf Recht, auf Gerech­tig­keit, auf Ehre, auf Gewalt, unter­schei­den von der Welt; sie wer­den der Welt anstö­ßig sein. Dar­um wer­den die Jün­ger um Gerech­tig­keit wil­len ver­folgt wer­den. Nicht Aner­ken­nung, son­dern Ver­wer­fung ist der Lohn ihres Wor­tes und Wer­kes durch die Welt. Es ist wich­tig, daß Jesus sei­ne Jün­ger auch dort selig preist, wo sie nicht unmit­tel­bar um des Bekennt­nis­ses zu sei­nem Namen wil­len, son­dern um einer gerech­ten Sache wil­len lei­den. Es wird ihnen die­sel­be Ver­hei­ßung zuteil wie den Armen. Als die Ver­folg­ten sind sie ja ihnen gleich.

Hier am Ende der Selig­prei­sun­gen ent­steht die Fra­ge, wel­cher Ort die­ser Welt einer sol­chen Gemein­de eigent­lich noch bleibt. Es ist deut­lich gewor­den, daß es für sie nur einen Ort gibt, näm­lich den, an dem der Aller­ärms­te, Aller­an­ge­foch­tens­te, All­ersanft­mü­tigs­te zu fin­den ist, das Kreuz auf Gol­ga­tha. Die Gemein­de der Selig­ge­prie­se­nen ist die Gemein­de des Gekreu­zig­ten. Mit ihm ver­lor sie alles und mit ihm fand sie alles. Vom Kreuz her heißt es nun: selig, selig. Nun aber spricht Jesus ganz allein zu denen, die es begrei­fen kön­nen, zu den Jün­gern, dar­um in direk­ter Anre­de: »Selig seid ihr, wenn euch die Men­schen um mei­net­wil­len schmä­hen und ver­fol­gen und reden aller­lei Übles wider euch, so sie dar­an lügen. Seid fröh­lich und getrost; es wird euch im Him­mel wohl belohnt wer­den. Denn also haben sie ver­folgt die Pro­phe­ten, die vor euch gewe­sen sind.« »Um mei­net­wil­len« – die Jün­ger wer­den geschmäht, aber getrof­fen wird Jesus selbst. Auf ihn fällt alles, denn um sei­net­wil­len wer­den sie geschmäht. Er trägt die Schuld. Das Schmäh­wort, die töd­li­che Ver­fol­gung und die üble Nach­re­de besie­geln die Selig­keit der Jün­ger in ihrer Gemein­schaft mit Jesus. Es kann ja nicht anders sein, als daß die Welt sich an den sanft­mü­ti­gen Fremd­lin­gen aus­tobt mit Wort, Gewalt und Ver­leum­dung. Zu bedroh­lich, zu laut ist die Stim­me die­ser Armen und Sanft­mü­ti­gen, zu gedul­dig und still ihr Lei­den; zu gewal­tig zeugt die­se Jün­ger­schar Jesu durch Armut und Lei­den von dem Unrecht der Welt. Das ist töd­lich. Wäh­rend Jesus ruft: selig, selig, schreit die Welt: hin­weg, hin­weg! Ja, hin­weg! Aber wohin? Ins Him­mel­reich. Seid fröh­lich und getrost, es wird euch im Him­mel wohl belohnt wer­den. Da ste­hen die Armen im Freu­den­saal. Gott selbst wischt den Wei­nen­den die Trä­nen der Frem­de ab, er speist die Hung­ri­gen mit sei­nem Abend­mahl. Die ver­wun­de­ten und gemar­ter­ten Lei­ber ste­hen ver­klärt da, und statt der Klei­der der Sün­de und Buße tra­gen sie das wei­ße Kleid der ewi­gen Gerech­tig­keit. Aus die­ser ewi­gen Freu­de dringt schon hier ein Ruf zu der Gemein­de der Nach­fol­gen­den unter dem Kreuz, der Ruf Jesu: selig, selig.