Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind sei­ne Wer­ke seit 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier in wöchent­li­chen Abschnit­ten sein Buch »Nach­fol­ge« von 1938 als gan­zes.

Die Nach­fol­ge und der Ein­zel­ne.

»So jemand zu mir kommt und haßt nicht sei­nen Vater, Mut­ter, Weib, Kin­der, Brü­der, Schwes­tern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jün­ger sein« (Lk. 14,26).

Der Ruf Jesu in die Nach­fol­ge macht den Jün­ger zum Ein­zel­nen. Ob er will oder nicht, er muß sich ent­schei­den, er muß sich allein ent­schei­den. Es ist nicht eige­ne Wahl, Ein­zel­ner sein zu wol­len, son­dern Chris­tus macht den Geru­fe­nen zum Ein­zel­nen. Jeder ist allein geru­fen. Er muß allein fol­gen. In der Furcht vor die­sem Allein­sein sucht der Mensch Schutz bei den Men­schen und Din­gen um ihn her­um. Er ent­deckt auf ein­mal alle sei­ne Ver­ant­wort­lich­kei­ten und klam­mert sich an sie. In ihrer Deckung will er sei­ne Ent­schei­dung fäl­len, aber er will Jesus nicht allein gegen­über­ste­hen, mit dem Blick auf ihn allein sich ent­schei­den müs­sen. Aber nicht Vater und Mut­ter, nicht Weib und Kind, nicht Volk und Geschich­te decken den Geru­fe­nen in die­ser Stun­de. Chris­tus will den Men­schen ein­sam machen, er soll nichts sehen als den, der ihn rief.

In dem Ruf Jesu ist der Bruch mit den natür­li­chen Gege­ben­hei­ten, in denen der Mensch lebt, bereits voll­zo­gen. Nicht der Nach­fol­gen­de voll­zieht ihn, son­dern Chris­tus selbst hat ihn schon voll­zo­gen, wenn er ruft. Chris­tus hat den Men­schen aus sei­ner Unmit­tel­bar­keit zur Welt gelöst und in die Unmit­tel­bar­keit zu sich selbst gestellt. Kein Mensch kann Chris­tus nach­fol­gen, ohne daß er den bereits voll­zo­ge­nen Bruch aner­kennt und bejaht. Nicht die Will­kür eines eigen­wil­li­gen Lebens, son­dern Chris­tus selbst führt den Jün­ger so in den Bruch.

War­um muß das so sein? War­um gibt es nicht ein unge­bro­che­nes Hin­ein­wach­sen, ein lang­sa­mes hei­li­gen­des Fort­schrei­ten aus den natür­li­chen Ord­nun­gen in die Gemein­schaft Chris­ti? Was für eine ärger­li­che Macht stellt sich hier zwi­schen den Men­schen und die gott­ge­ge­be­nen Ord­nun­gen sei­nes natür­li­chen Lebens? Ist die­ser Bruch nicht gesetz­li­cher Metho­dis­mus? Ist das nicht jene unfro­he Ver­ach­tung der guten Gaben Got­tes, die mit der Frei­heit des Chris­ten­men­schen nichts gemein hat? Es ist rich­tig, es stellt sich in der Tat etwas zwi­schen den von Chris­tus Geru­fe­nen und die Gege­ben­hei­ten sei­nes natür­li­chen Lebens. Aber das ist kein unfro­her Ver­äch­ter des Lebens, das ist kein Gesetz der Fröm­mig­keit, son­dern es ist das Leben und das Evan­ge­li­um selbst, es ist Chris­tus selbst. Er hat sich mit sei­ner Mensch­wer­dung zwi­schen mich und die Gege­ben­hei­ten der Welt gestellt. Ich kann nicht mehr zurück. Er ist in der Mit­te. Er hat dem Geru­fe­nen jede Unmit­tel­bar­keit zu die­sen Gege­ben­hei­ten geraubt. Er will das Mit­tel sein, es soll alles allein durch ihn gesche­hen. Er steht nicht nur zwi­schen mir und Gott, son­dern er steht eben damit auch in der Mit­te zwi­schen mir und der Welt, zwi­schen mir und den ande­ren Men­schen und Din­gen. Er ist der Mitt­ler, nicht nur zwi­schen Gott und Mensch, son­dern auch zwi­schen Mensch und Mensch, zwi­schen Mensch und Wirk­lich­keit. Weil alle Welt durch ihn und zu ihm geschaf­fen ist (Joh. 1,3; 1. Kor. 8,6; Hebr. 1,2), dar­um ist er der ein­zi­ge Mitt­ler in der Welt. Es gibt seit Chris­tus kein unmit­tel­ba­res Ver­hält­nis des Men­schen mehr, weder zu Gott noch zur Welt; Chris­tus will der Mitt­ler sein. Zwar bie­ten sich Göt­ter genug an, die dem Men­schen unmit­tel­ba­ren Zugang gewäh­ren, zwar ver­sucht die Welt mit allen Mit­teln sich zum Men­schen unmit­tel­bar zu ver­hal­ten, aber eben hier­in liegt die Feind­schaft gegen Chris­tus, den Mitt­ler. Göt­ter und Welt wol­len Chris­tus ent­rei­ßen, was er ihnen geraubt hat, näm­lich ein­zig und allein unmit­tel­bar zum Men­schen zu sein.

Der Bruch mit den Unmit­tel­bar­kei­ten der Welt ist nichts ande­res als die Erkennt­nis Chris­ti als des Soh­nes Got­tes, des Mitt­lers. Er ist nie­mals ein will­kür­li­cher Akt, in dem sich ein Mensch um irgend­ei­nes Ide­als wil­len von Bin­dun­gen der Welt los­sagt, ein gerin­ge­res Ide­al mit einem grö­ße­ren ver­tau­schend. Das wäre Schwär­me­rei, Eigen­mäch­tig­keit, ja selbst wie­der­um Unmit­tel­bar­keit zur Welt. Allein die Aner­ken­nung einer voll­zo­ge­nen Tat­sa­che, näm­lich daß Chris­tus der Mitt­ler ist, trennt den Jün­ger Jesu von der Welt der Men­schen und Din­ge. Der Ruf Jesu, sofern er nicht als Ide­al, son­dern als Wort des Mitt­lers ver­stan­den wird, voll­streckt die­sen voll­zo­ge­nen Bruch mit der Welt an mir. Han­del­te es sich um ein Abwä­gen von Idea­len, so müß­te ja unter allen Umstän­den ein Aus­gleich gesucht wer­den, der dann viel­leicht zuguns­ten eines christ­li­chen Ide­als aus­fal­len könn­te, aber doch nie­mals ein­sei­tig sein dürf­te. Vom Stand­punkt der Idea­li­tät aus, von den »Ver­ant­wort­lich­kei­ten« des Lebens her wäre es nicht zu recht­fer­ti­gen, die natür­li­chen Lebens­ord­nun­gen gegen­über einem christ­li­chen Lebens­ide­al radi­kal abzu­wer­ten. Viel­mehr lie­ße sich sogar sehr viel zuguns­ten einer umge­kehr­ten Bewer­tung sagen – wohl­ge­merkt, gera­de auch vom Stand­punkt einer christ­li­chen Idea­li­tät, einer christ­li­chen Ver­ant­wor­tungs- oder Gewis­sens­ethik aus! Weil es sich aber gar nicht um Idea­le, Wer­tun­gen, Ver­ant­wort­lich­kei­ten han­delt, son­dern um voll­zo­ge­ne Tat­sa­chen und ihre Aner­ken­nung, also um die Per­son des Mitt­lers selbst, der sich zwi­schen uns und die Welt gestellt hat, dar­um gibt es nur den Bruch mit den Unmit­tel­bar­kei­ten des Lebens, dar­um muß der Geru­fe­ne Ein­zel­ner wer­den vor dem Mitt­ler.

Der von Jesus Geru­fe­ne lernt also, daß er in sei­ner Bezie­hung zur Welt in einer Täu­schung gelebt hat. Die­se Täu­schung heißt Unmit­tel­bar­keit. Sie hat ihn am Glau­ben und am Gehor­sam gehin­dert. Nun weiß er, daß er selbst in den engs­ten Bin­dun­gen sei­nes Lebens, in der Bin­dung des Blu­tes an Vater und Mut­ter, an Kin­der, Brü­der und Schwes­tern, in der ehe­li­chen Lie­be, in den geschicht­li­chen Ver­ant­wort­lich­kei­ten kei­ne Unmit­tel­bar­keit haben kann. Es gibt seit Jesus für sei­nen Jün­ger kei­ne natür­li­chen, kei­ne geschicht­li­chen, kei­ne erleb­nis­mä­ßi­gen Unmit­tel­bar­kei­ten. Zwi­schen Sohn und Vater, zwi­schen Mann und Weib, zwi­schen dem Ein­zel­nen und dem Volk steht Chris­tus, der Mitt­ler, ob sie ihn erken­nen kön­nen oder nicht. Es gibt für uns kei­nen Weg zum Ande­ren mehr, als den Weg über Chris­tus, über sein Wort, und unse­re Nach­fol­ge. Unmit­tel­bar­keit ist Trug. Weil aber der Trug geh­aßt wer­den muß, der uns die Wahr­heit ver­birgt, dar­um muß die Unmit­tel­bar­keit zu den natür­li­chen Gege­ben­hei­ten des Lebens geh­aßt wer­den, um des Mitt­ler Jesu Chris­ti wil­len. Wo immer eine Gemein­schaft uns hin­dert, vor Chris­tus ein Ein­zel­ner zu sein, wo immer eine Gemein­schaft Anspruch auf Unmit­tel­bar­keit erhebt, dort muß sie um Chris­ti wil­len geh­aßt wer­den; denn jede Unmit­tel­bar­keit ist, wis­sent­lich oder nicht, Haß gegen Chris­tus den Mitt­ler, auch und gera­de dort, wo sie sich christ­lich ver­stan­den wis­sen will. Es ist eine schwe­re Ver­ir­rung der Theo­lo­gie, wenn sie die Mitt­ler­schaft Jesu zwi­schen Gott und Mensch dazu benutzt, die Unmit­tel­bar­kei­ten des Lebens damit zu recht­fer­ti­gen. Ist Chris­tus der Mitt­ler, so sagt man, dann hat er eben­da­mit die Sün­de aller unse­rer Unmit­tel­bar­kei­ten zur Welt getra­gen und uns dar­in gerecht­fer­tigt. Jesus ist unser Mitt­ler mit Gott, damit wir uns wie­der mit gutem Gewis­sen unmit­tel­bar zur Welt ver­hal­ten kön­nen, zu der Welt, die Chris­tus kreu­zig­te. Damit ist die Lie­be zu Gott mit der Lie­be zur Welt auf einen Nen­ner gebracht. Der Bruch mit den Gege­ben­hei­ten der Welt wird jetzt zum »gesetz­li­chen« Miß­ver­ständ­nis der Gna­de Got­tes, die uns die­sen Bruch ja gera­de erspa­ren wol­le. Aus den Wor­ten Jesu über den Haß gegen die Unmit­tel­bar­kei­ten wird jetzt das selbst­ver­ständ­li­che, freu­di­ge Ja zu den »gott­ge­ge­be­nen Wirk­lich­kei­ten« die­ser Welt. Aus der Recht­fer­ti­gung des Sün­ders wird aber­mals die Recht­fer­ti­gung der Sün­de.

»Gott­ge­ge­be­ne Wirk­lich­kei­ten« gibt es für den Nach­fol­ger Jesu nur durch Jesus Chris­tus hin­durch. Was mir nicht durch Chris­tus, den mensch­ge­wor­de­nen, gege­ben wird, ist mir nicht von Gott gege­ben. Was mir nicht um Chris­ti wil­len gege­ben ist, kommt nicht von Gott. Der Dank für die Gaben der Schöp­fung geschieht durch Jesus Chris­tus, und die Bit­te um gnä­di­ge Erhal­tung die­ses Lebens geschieht um Chris­ti wil­len. Wofür ich nicht um Chris­ti wil­len dan­ken kann, dafür darf ich über­haupt nicht dan­ken, es wird mir zur Sün­de. Auch der Weg zu der »gott­ge­ge­be­nen Wirk­lich­keit« des ande­ren Men­schen, mit dem ich zusam­men­le­be, geht durch Chris­tus, oder es ist ein Irr­weg. All unse­re Ver­su­che, die Kluft, die uns vom ande­ren Men­schen trennt, die unüber­wind­li­che Distanz, Anders­heit, Fremd­heit des ande­ren Men­schen durch Mit­tel natür­li­cher oder see­li­scher Ver­bin­dung zu über­win­den, müs­sen schei­tern. Es führt kein eige­ner Weg von Mensch zu Mensch. Die lie­be­volls­te Ein­füh­lung, die durch­dach­tes­te Psy­cho­lo­gie, die natür­lichs­te Offen­heit dringt nicht zum ande­ren Men­schen vor, es gibt kei­ne see­li­schen Unmit­tel­bar­kei­ten. Chris­tus steht dazwi­schen. Nur durch ihn hin­durch geht der Weg zum Nächs­ten. Dar­um ist die Für­bit­te der ver­hei­ßungs­volls­te Weg zum Ande­ren, und das gemein­sa­me Gebet im Namen Chris­ti die ech­tes­te Gemein­schaft. Es gibt kei­ne rech­te Erkennt­nis der Gaben Got­tes ohne die Erkennt­nis des Mitt­lers, um des­sent­wil­len allein sie uns gege­ben sind. Es gibt kei­nen ech­ten Dank für Volk, Fami­lie, Geschich­te und Natur ohne eine tie­fe Buße, die Chris­tus über dem allen allein die Ehre gibt. Es gibt kei­ne ech­te Bin­dung an die Gege­ben­hei­ten der geschaf­fe­nen Welt, es gibt kei­ne ech­ten Ver­ant­wort­lich­kei­ten in der Welt ohne die Aner­ken­nung des Bru­ches, durch den wir bereits von ihr getrennt sind. Es gibt kei­ne ech­te Lie­be zur Welt außer der Lie­be, mit der Gott die Welt geliebt hat in Jesus Chris­tus. »Habt nicht lieb die Welt« (1. Joh. 2,15). Aber: »Also hat Gott die Welt geliebt, daß er sei­nen ein­ge­bo­re­nen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glau­ben, nicht ver­lo­ren wer­den, son­dern das ewi­ge Leben haben« (Joh. 3,16).

Der Bruch mit den Unmit­tel­bar­kei­ten ist unver­meid­lich. Ob er sich äußer­lich voll­zieht im Bruch mit Fami­lie oder Volk, ob einer geru­fen wird, hier sicht­bar die Schmach Chris­ti zu tra­gen, den Vor­wurf des Men­schen­has­ses (odi­um gene­ris huma­ni) auf sich zu neh­men, oder ob der Bruch ver­bor­gen, von ihm allein gewußt, getra­gen wer­den muß in der Bereit­schaft, ihn jeder­zeit sicht­bar zu voll­zie­hen, das ist kein letz­ter Unter­schied. Abra­ham wur­de zum Vor­bild für bei­de Mög­lich­kei­ten. Er muß­te Freund­schaft und Vater­haus ver­las­sen, Chris­tus trat zwi­schen ihn und die Sei­nen. Da muß­te der Bruch sicht­bar wer­den. Abra­ham wur­de ein Fremd­ling um des gelob­ten Lan­des wil­len. Das war sein ers­ter Ruf. Spä­ter wird Abra­ham von Gott geru­fen, sei­nen Sohn Isaak zu opfern. Chris­tus tritt zwi­schen den Vater des Glau­bens und den Sohn der Ver­hei­ßung. Nicht nur natür­li­che Unmit­tel­bar­keit, son­dern selbst geist­li­che Unmit­tel­bar­keit wird hier zer­bro­chen. Abra­ham muß ler­nen, daß die Ver­hei­ßung auch nicht an Isaak, son­dern eben an Gott allein hängt. Kein Mensch erfährt von die­sem Ruf Got­tes, selbst die Knech­te nicht, die Abra­ham bis zur Stät­te des Opfers beglei­ten. Abra­ham bleibt ganz allein. Er ist wie­der­um ganz und gar Ein­zel­ner, wie damals, als er aus sei­nem Vater­hau­se aus­zog. Er nimmt den Ruf, wie er ergan­gen ist, er deu­tet nicht an ihm her­um, er ver­geis­tigt ihn nicht, er nimmt Gott bei sei­nem Wort und ist bereit zu gehor­chen. Gegen jede natür­li­che Unmit­tel­bar­keit, gegen jede ethi­sche Unmit­tel­bar­keit, gegen jede reli­giö­se Unmit­tel­bar­keit wird er dem Wor­te Got­tes gehor­sam. Er bringt sei­nen Sohn zum Opfer. Er ist wil­lens, den heim­li­chen Bruch sicht­bar zu voll­zie­hen, um des Mitt­lers wil­len. Da wird ihm zur sel­ben Stun­de alles wie­der­ge­schenkt, was er hin­ge­ge­ben hat­te. Abra­ham emp­fängt sei­nen Sohn zurück. Ein bes­se­res Opfer wird ihm von Gott gezeigt, das an die Stel­le des Isaak tre­ten soll. Es ist eine Wen­dung um 360 Grad, Abra­ham hat den Isaak wie­der­be­kom­men, aber er hat ihn jetzt anders als vor­her. Er hat ihn durch den Mitt­ler und um des Mitt­lers wil­len. Als der, der bereit war, Got­tes Befehl wört­lich zu hören und zu tun, darf er den Isaak haben, als hät­te er ihn nicht, darf er ihn haben durch Jesus Chris­tus. Kein ande­rer Mensch weiß etwas davon. Abra­ham kommt mit Isaak vom Ber­ge, wie er hin­aus­ge­gan­gen war, aber es war alles anders gewor­den. Chris­tus ist zwi­schen Vater und Sohn getre­ten. Abra­ham hat­te alles ver­las­sen und war Chris­tus nach­ge­folgt, und mit­ten in der Nach­fol­ge darf er nun wie­der in der Welt leben, in der er zuvor leb­te. Äußer­lich bleibt alles beim alten. Aber das Alte ist ver­gan­gen, sie­he, es ist alles neu gewor­den. Es hat alles durch Chris­tus hin­durch­ge­mußt.

Das ist die ande­re Mög­lich­keit, Ein­zel­ner zu sein, mit­ten in der Gemein­schaft, in Volk und Vater­haus, Gut und Besitz Chris­ti Nach­fol­ger zu sein. Aber es ist eben Abra­ham, der zu die­ser Exis­tenz geru­fen wird, Abra­ham, der vor­her selbst durch den sicht­ba­ren Bruch hin­durch­ge­gan­gen war, des­sen Glau­be dem Neu­en Tes­ta­ment zum Vor­bild wur­de. Gar zu leicht möch­ten wir die­se Mög­lich­keit des Abra­ham ver­all­ge­mei­nern, gesetz­lich ver­ste­hen, d. h. sie ohne wei­te­res auf uns selbst bezie­hen. Das eben sei auch unse­re christ­li­che Exis­tenz, mit­ten in dem Besitz der Güter die­ser Welt Chris­tus zu fol­gen und so Ein­zel­ner zu sein. Es ist aber gewiß, daß es der leich­te­re Weg für den Chris­ten ist, in den äuße­ren Bruch geführt zu wer­den, als den heim­li­chen Bruch ver­bor­gen im Glau­ben zu tra­gen. Wer das nicht weiß, d. h. wer es nicht aus der Schrift und aus der Erfah­rung weiß, der betrügt sich gewiß auf dem ande­ren Wege. Er wird in die Unmit­tel­bar­keit zurück­fal­len und Chris­tus ver­lie­ren. Es steht nicht in unse­rer Will­kür, die­se oder jene Mög­lich­keit zu wäh­len. Wir wer­den nach Jesu Wil­len so oder anders her­aus­ge­ru­fen aus der Unmit­tel­bar­keit, und wir müs­sen Ein­zel­ne wer­den, sicht­bar oder heim­lich. Eben­der­sel­be Mitt­ler aber, der uns zu Ein­zel­nen macht, ist damit auch der Grund ganz neu­er Gemein­schaft. Er steht in der Mit­te zwi­schen dem ande­ren Men­schen und mir. Er trennt, aber er ver­eint auch. So ist zwar jeder unmit­tel­ba­re Weg zum Ande­ren abge­schnit­ten, aber es wird nun dem Nach­fol­gen­den der neue und allein wirk­li­che Weg zum Andern über den Mitt­ler gewie­sen.

»Da sag­te Petrus zu ihm: Sie­he, wir haben alles ver­las­sen und sind dir nach­ge­folgt. Jesus ant­wor­te­te und sprach: Wahr­lich, ich sage euch: Es ist nie­mand, so er ver­läßt Haus oder Brü­der oder Schwes­tern oder Vater oder Mut­ter oder Weib oder Kin­der oder Acker um mei­net­wil­len und um des Evan­ge­li­ums wil­len, der nicht hun­dert­fäl­tig emp­fan­ge: jetzt in die­ser Zeit Häu­ser und Brü­der und Schwes­tern und Müt­ter und Kin­der und Äcker mit­ten unter Ver­fol­gun­gen, und in der zukünf­ti­gen Welt das ewi­ge Leben. Vie­le aber wer­den die Letz­ten sein, die die Ers­ten sind, und die Ers­ten sein, die die Letz­ten sind« (Mk. 10,28–31).

Jesus spricht hier zu sol­chen, die Ein­zel­ne gewor­den sind um sei­net­wil­len, die alles ver­lie­ßen, als er rief, die von sich sagen kön­nen: sie­he, wir haben alles ver­las­sen und sind dir nach­ge­folgt. Ihnen wird die Ver­hei­ßung neu­er Gemein­schaft gege­ben. Hun­dert­fäl­tig sol­len sie nach Jesu Wort schon in die­ser Zeit emp­fan­gen, was sie ver­las­sen haben. Jesus spricht hier von sei­ner Gemein­de, die sich in ihm fin­det. Wer den Vater ver­ließ um Jesu wil­len, der fin­det hier gewiß einen Vater wie­der, er fin­det Brü­der und Schwes­tern, ja es sind ihm sogar Äcker und Häu­ser berei­tet. Jeder tritt allein in die Nach­fol­ge, aber kei­ner bleibt allein in der Nach­fol­ge. Dem, der es wagt, Ein­zel­ner zu wer­den auf das Wort hin, ist die Gemein­schaft der Gemein­de geschenkt. Er fin­det sich wie­der in einer sicht­ba­ren Bru­der­schaft, die ihm hun­dert­fäl­tig ersetzt, was er ver­lor. Hun­dert­fäl­tig? eben dar­in, daß er jetzt alles nur durch Jesus hat, daß er es hat durch den Mitt­ler, das bedeu­tet aller­dings »unter Ver­fol­gun­gen«. »Hun­dert­fäl­tig« – »unter Ver­fol­gun­gen«, das ist die Gna­de der Gemein­de, die ihrem Herrn unter dem Kreuz nach­folgt. Das also ist die Ver­hei­ßung für die Nach­fol­gen­den, Glie­der der Kreuz­ge­mein­de zu wer­den, Volk des Mitt­lers, Volk unter dem Kreuz zu sein.

»Sie waren aber auf dem Wege und gin­gen hin­auf gen Jeru­sa­lem; und Jesus ging vor ihnen, und sie ent­setz­ten sich, folg­ten ihm nach und fürch­te­ten sich. Und Jesus nahm aber­mals zu sich die Zwölf und sag­te ihnen, was ihm wider­fah­ren wür­de« (Mk. 10,32). – Wie zur Bestä­ti­gung des Erns­tes sei­nes Rufes in die Nach­fol­ge und zugleich der Unmög­lich­keit der Nach­fol­ge aus mensch­li­cher Kraft, und der Ver­hei­ßung, unter Ver­fol­gun­gen ihm zuzu­ge­hö­ren, geht Jesus nun vor­an nach Jeru­sa­lem zum Kreuz, und die ihm Nach­fol­gen­den kommt Stau­nen und Furcht an über die­sen Weg, auf den er sie ruft.