In die­ser Feri­en­zeit ver­öf­fent­li­chen wir hier Abschnit­te aus Bon­hoef­fers Band »Nach­fol­ge« (gemein­frei seit 2016), ins­be­son­de­re aus dem zwei­ten Teil »Die Kir­che Jesus Chris­ti und die Nach­fol­ge« und dazu eini­ge Gedan­ken von mir heu­te, eben Impul­se, die mir bei der Lek­tü­re durch den Kopf gin­gen, und die mög­li­cher­wei­se auch ande­ren nütz­lich wer­den kön­nen.

Das Bild Chris­ti.

»Wel­che er zuvor erse­hen hat, die hat er auch ver­ord­net, daß sie gleich­ge­stal­tet sein soll­ten dem Bil­de sei­nes Soh­nes, auf daß der­sel­be der Erst­ge­bo­re­ne sei unter vie­len Brü­dern« (Röm. 8,29). Es ist die unfaß­lich gro­ße Ver­hei­ßung, die denen gege­ben ist, die vom Ruf in die Nach­fol­ge Jesu Chris­ti getrof­fen wur­den, daß sie Chris­tus gleich wer­den sol­len. Sie sol­len sein Bild tra­gen als die Brü­der des erst­ge­bo­re­nen Soh­nes Got­tes. Das ist die letz­te Bestim­mung des Jün­gers, daß er wer­den soll »wie Chris­tus«. Das Bild Jesu Chris­ti, das der Nach­fol­gen­de immer vor Augen hat, vor dem ihm alle ande­ren Bil­der ent­schwin­den, dringt in ihn ein, erfüllt ihn, gestal­tet ihn um, daß der Jün­ger dem Meis­ter ähn­lich, ja gleich wird. Das Bild Jesu Chris­ti prägt in der täg­li­chen Gemein­schaft das Bild des Jün­gers. Der Nach­fol­gen­de kann das Bild des Soh­nes Got­tes nicht anschau­en in toter, müßi­ger Betrach­tung; von die­sem Bil­de geht umschaf­fen­de Kraft aus. Wer sich Jesus Chris­tus ganz ergibt, der wird und muß sein Bild tra­gen. Er wird zum Soh­ne Got­tes, er steht neben Chris­tus als dem unsicht­ba­ren Bru­der in glei­cher Gestalt, als das Eben­bild Got­tes.

Gott schuf einst Adam zu sei­nem Eben­bild. Gott such­te in Adam als der Voll­endung sei­ner Schöp­fung das Wohl­ge­fal­len an sei­nem eigens­ten Bild, »und sie­he, es war sehr gut«. In Adam erkann­te Gott sich selbst. So ist es das unauf­lös­li­che Geheim­nis des Men­schen vom Anfang her, daß er Geschöpf ist und doch dem Schöp­fer gleich sein soll. Der geschaf­fe­ne Mensch soll das Bild des unge­schaf­fe­nen Got­tes tra­gen. Adam ist »wie Gott«. Nun soll er sein Geheim­nis, Geschöpf und doch gott­gleich zu sein, dank­bar und gehor­sam tra­gen. Es war die Lüge der Schlan­ge, daß sie Adam vor­hielt, er müs­se erst noch wer­den wie Gott, und zwar aus eig­ner Tat und Ent­schei­dung. Da ver­warf Adam die Gna­de und erwähl­te die eig­ne Tat. Adam woll­te das Geheim­nis sei­nes Wesens, Geschöpf und gott­gleich zu sein, selbst lösen. Er woll­te von sich aus wer­den, was er von Gott her schon war. Das war der Sün­den­fall. Adam wur­de »wie Gott« – sicut deus – in sei­ner Wei­se. Er hat­te sich selbst zum Gott gemacht und hat­te jetzt kei­nen Gott mehr. Er herrsch­te allein als Schöp­fer­gott in einer ent­got­te­ten, unter­wor­fe­nen Welt. Aber das Rät­sel sei­nes Daseins bleibt unge­löst. Der Mensch hat sein eige­nes, gott­glei­ches Wesen, das er von Gott hat­te, ver­lo­ren. Er lebt nun ohne sei­ne wesent­li­che Bestim­mung, Got­tes Eben­bild zu sein. Der Mensch lebt, ohne Mensch zu sein. Er muß leben, ohne leben zu kön­nen. Das ist der Wider­spruch unse­res Daseins und die Quel­le aller unse­rer Not. Seit­dem suchen die stol­zen Kin­der Adams das ver­lo­re­ne Bild Got­tes aus eig­ner Kraft in sich wie­der­her­zu­stel­len. Aber gera­de je erns­ter, je hin­ge­ben­der ihr Stre­ben, das Ver­lo­re­ne wie­der­zu­ge­win­nen, und je über­zeu­gen­der und stol­zer der schein­ba­re Erfolg, des­to tie­fer der Wider­spruch zu Gott. Ihre Miß­ge­stalt, die sie an dem Bild ihres selbst­er­dach­ten Got­tes prä­gen, trägt ohne ihr Wis­sen mehr und mehr das Bild Satans. Das Eben­bild Got­tes als die Gna­de des Schöp­fers bleibt auf die­ser Erde ver­lo­ren.

Aber Gott wen­det sein Auge nicht von sei­nem ver­lo­re­nen Geschöpf. Er will in ihm sein Bild zum zwei­ten Male schaf­fen. Gott will wie­der Wohl­ge­fal­len haben an sei­nem Geschöpf. Er sucht an ihm sein eig­nes Bild, um es zu lie­ben. Aber er fin­det es nicht anders, als indem er selbst aus lau­ter Barm­her­zig­keit das Bild und die Gestalt der ver­lo­re­nen Men­schen annimmt. Gott muß dem Men­schen­bild gleich wer­den, weil der Mensch dem Bil­de Got­tes nicht mehr gleich wer­den kann.

Got­tes Bild soll im Men­schen wie­der­her­ge­stellt wer­den. Dabei geht es um ein Gan­zes. Nicht daß der Mensch wie­der rech­te Gedan­ken über Gott habe, nicht daß er sei­ne ein­zel­nen Taten wie­der unter Got­tes Wort stel­le, son­dern daß er als Ganz­heit, als leben­di­ges Geschöpf Got­tes Bild sei, ist das Ziel und die Bestim­mung. Leib, See­le und Geist, die gan­ze Gestalt des Men­schen soll das Bild Got­tes auf Erden tra­gen. Got­tes Wohl­ge­fal­len ruht allein auf sei­nem voll­ende­ten Eben­bild. Das Bild ent­springt am Leben, am leben­di­gen Urbild. Gestalt formt sich an Gestalt. Ent­we­der ist es die erdach­te Got­tes­ge­stalt, an der die mensch­li­che Gestalt sich bil­det, oder es ist die wahr­haf­ti­ge, leben­di­ge Got­tes­ge­stalt selbst, die die Men­schen­ge­stalt zu Got­tes Eben­bild prägt. Es muß eine Umge­stal­tung, eine »Meta­mor­pho­se« (Röm. 12,2; 2. Kor. 3,18), ein Wan­del der Gestalt vor sich gehen, wenn der gefal­le­ne Mensch wie­der zum Bil­de Got­tes wer­den soll. Die Fra­ge ist, wie die Umwand­lung des Men­schen in Got­tes Bild mög­lich wer­den kann.

Weil der gefal­le­ne Mensch Got­tes Gestalt nicht wie­der­fin­den und anneh­men kann, dar­um gibt es nur einen Weg zur Hil­fe. Gott selbst nimmt die Gestalt des Men­schen an und kommt zu ihm. Got­tes Sohn, der in gött­li­cher Gestalt beim Vater leb­te, ent­äu­ßert sich die­ser sei­ner Gestalt und kommt in der Gestalt des Knech­tes zu den Men­schen (Phil. 2,5ff.). Der Wan­del der Gestalt, die sich bei den Men­schen nicht ereig­nen konn­te, geschieht nun in Gott selbst. Got­tes Eben­bild, das in Ewig­keit bei Gott geblie­ben war, nimmt nun das Bild des gefal­le­nen, sün­di­gen Men­schen an. Gott sen­det sei­nen Sohn in der Gleich­ge­stalt des Flei­sches der Sün­de (Röm. 8,2f.).

Gott sen­det sei­nen Sohn – nur dar­in kann die Hil­fe lie­gen. Nicht eine neue Idee, nicht eine bes­se­re Reli­gi­on ver­möch­te das Ziel zu errei­chen. Es kommt ein Mensch zum Men­schen. Jeder Mensch trägt ein Bild. Sein Leib und sein Leben tre­ten sicht­bar in Erschei­nung. Ein Mensch ist nicht ein blo­ßes Wort, ein Gedan­ke, ein Wil­le, son­dern er ist vor dem allen und in dem allen eben ein Mensch, eine Gestalt, ein Bild, ein Bru­der. So ent­steht an ihm nicht nur neu­es Den­ken, Wol­len, Han­deln, son­dern ein neu­es Bild, eine neue Gestalt. In Jesus Chris­tus ist Got­tes Eben­bild in der Gestalt unse­res ver­lo­re­nen mensch­li­chen Lebens unter uns getre­ten, in der Gleich­ge­stalt des Flei­sches der Sün­de. In sei­ner Leh­re und sei­nen Taten, sei­nem Leben und sei­nem Ster­ben wird sein Bild offen­bar. In ihm hat Gott sein Eben­bild auf Erden neu geschaf­fen. Mensch­wer­dung, Wort und Tat Jesu und sein Tod am Kreuz gehö­ren unver­äu­ßer­lich zu die­sem Bild. Es ist ein ande­res Bild als das Adams in der ers­ten Herr­lich­keit des Para­die­ses. Es ist das Bild des­sen, der sich mit­ten in die Welt der Sün­de und des Todes hin­ein­stellt, der die Not des mensch­li­chen Flei­sches auf sich nimmt, der sich dem Zorn und Gericht Got­tes über die Sün­der demü­tig unter­wirft, der Got­tes Wil­len gehor­sam bleibt im Tode und im Lei­den; der in Armut Gebo­re­ne, der Zöll­ner und Sün­der Freund und Tisch­ge­nos­se, der am Kreuz von Gott und Men­schen Ver­wor­fe­ne und Ver­las­se­ne – das ist Gott in Men­schen­ge­stalt, das ist der Mensch als das neue Eben­bild Got­tes! Wohl wis­sen wir, daß die Zei­chen des Lei­dens, die Wund­ma­le des Kreu­zes jetzt die Gna­den­zei­chen am Lei­be des auf­er­stan­de­nen und ver­klär­ten Chris­tus sind, daß das Bild des Gekreu­zig­ten hin­fort lebt in der Herr­lich­keit des ewi­gen Hohen­pries­ters, der im Him­mel vor Gott für uns betet. Aus der Knechts­ge­stalt Jesu erstand am Oster­mor­gen ein neu­er Leib in himm­li­scher Gestalt und Klar­heit. Aber wer nach Got­tes Ver­hei­ßung teil­ge­win­nen will an der Klar­heit und Herr­lich­keit Jesu, der muß vor­her gleich­ge­wor­den sein dem Bil­de des gehor­sa­men, lei­den­den Knech­tes Got­tes am Kreuz. Wer das ver­klär­te Bild Jesu tra­gen will, der muß das in der Welt geschän­de­te Bild des Gekreu­zig­ten getra­gen haben. Nie­mand fin­det das ver­lo­re­ne Eben­bild Got­tes wie­der, es sei denn, daß er teil­ge­winnt an der Gestalt des mensch­ge­wor­de­nen und gekreu­zig­ten Jesus Chris­tus. Allein auf die­sem Bil­de ruht Got­tes Wohl­ge­fal­len. Nur wer sich in der Gleich­heit die­ses Bil­des vor ihm fin­den läßt, lebt unter dem Wohl­ge­fal­len Got­tes.

Der Gestalt Jesu Chris­ti gleich­zu­wer­den, ist nicht ein uns auf­ge­ge­be­nes Ide­al der Ver­wirk­li­chung irgend­ei­ner Chris­tus­ähn­lich­keit. Nicht wir machen uns zum Eben­bil­de, son­dern es ist das Eben­bild Got­tes selbst, es ist die Gestalt Chris­ti selbst, die in uns Gestalt gewin­nen will (Gal. 4,19). Es ist sei­ne eige­ne Gestalt, die sich in uns zur Erschei­nung brin­gen will. Chris­tus ruht nicht mit sei­ner Arbeit an uns, bis er uns zur Chris­tus­ge­stalt gebracht hat. Es ist die gan­ze Gestalt des Mensch­ge­wor­de­nen, des Gekreu­zig­ten und des Ver­klär­ten, der wir gleich wer­den sol­len.

Chris­tus hat die­se Men­schen­ge­stalt ange­nom­men. Er wur­de Mensch wie wir. In sei­ner Mensch­heit und sei­ner Nied­rig­keit erken­nen wir unse­re eige­ne Gestalt wie­der. Er ist den Men­schen gleich gewor­den, damit sie ihm gleich sei­en. In der Mensch­wer­dung Chris­ti emp­fängt die gan­ze Mensch­heit die Wür­de der Gott­eben­bild­lich­keit zurück. Wer sich jetzt am gerings­ten Men­schen ver­greift, ver­greift sich an Chris­tus, der Men­schen­ge­stalt ange­nom­men hat und in sich das Eben­bild Got­tes für alles, was Men­schen­ant­litz trägt, wie­der­her­ge­stellt hat. In der Gemein­schaft des Mensch­ge­wor­de­nen wird uns unser eigent­li­ches Mensch­sein wie­der­ge­schenkt. Wir wer­den damit aus der Ver­ein­ze­lung der Sün­de her­aus­ge­ris­sen und zugleich der gan­zen Mensch­heit wie­der­ge­schenkt. Sofern wir teil­ha­ben an Chris­tus, dem Mensch­ge­wor­de­nen, haben wir teil an der gan­zen Mensch­heit, die von ihm getra­gen ist. Weil wir in Jesu Mensch­heit uns selbst ange­nom­men und getra­gen wis­sen, dar­um besteht nun auch unser neu­es Mensch­sein dar­in, daß wir die Not und die Schuld der andern tra­gen. Der Mensch­ge­wor­de­ne macht sei­ne Jün­ger zu Brü­dern aller Men­schen. Die »Phil­an­thro­pie« (Tit. 3,4) Got­tes, die in der Mensch­wer­dung Chris­ti offen­bar wur­de, begrün­det die Bru­der­lie­be der Chris­ten zu allem, was Mensch heißt auf Erden. Es ist die Gestalt des Mensch­ge­wor­de­nen, die die Gemein­de zu dem Lei­be Chris­ti wer­den läßt, auf den die Sün­de und die Not der gan­zen Mensch­heit fällt und durch den allein sie getra­gen wird. Die Gestalt des Chris­tus auf Erden ist die Todes­ge­stalt des Gekreu­zig­ten. Das Eben­bild Got­tes ist das Bild Jesu Chris­ti am Kreuz. In die­ses Bild hin­ein muß das Leben des Jün­gers umge­stal­tet wer­den. Es ist ein Leben in der Gleich­ge­stalt des Todes Chris­ti (Phil. 3,10; Röm. 6,4f.). Es ist ein gekreu­zig­tes Leben (Gal. 2,19). Chris­tus prägt dem Leben der Sei­nen sei­ne Todes­ge­stalt auf in der Tau­fe. Gestor­ben dem Fleisch und der Sün­de, ist der Christ tot für die­se Welt und die Welt ist tot für ihn (Gal. 6,14). Wer aus sei­ner Tau­fe lebt, lebt aus sei­nem Tode. Chris­tus zeich­net das Leben der Sei­nen durch das täg­li­che Ster­ben im Kamp­fe des Geis­tes wider das Fleisch, durch das täg­li­che Lei­den der Todes­schmer­zen, die der Teu­fel dem Chris­ten schlägt. Das ist das Lei­den Jesu Chris­ti selbst, das alle sei­ne Jün­ger auf Erden lei­den müs­sen. Chris­tus wür­digt das Leben nur weni­ger sei­ner Nach­fol­ger der engs­ten Gemein­schaft sei­nes Lei­dens, des Mar­ty­ri­ums. Hier erweist das Leben des Jün­gers die tiefs­te Gleich­heit mit der Todes­ge­stalt Jesu Chris­ti. In der öffent­li­chen Schmach, im Lei­den und im Tode um Chris­ti wil­len gewinnt Chris­tus sicht­ba­re Gestalt in sei­ner Gemein­de. Es ist aber von der Tau­fe bis zum Mar­ty­ri­um das­sel­be Lei­den, der­sel­be Tod. Es ist die Neu­schöp­fung des Eben­bil­des Got­tes durch den Gekreu­zig­ten. Wer in der Gemein­schaft des Mensch­ge­wor­de­nen und Gekreu­zig­ten steht, in wem er Gestalt gewon­nen hat, der wird auch dem Ver­klär­ten und Auf­er­stan­de­nen gleich wer­den. »Wir wer­den das Bild des himm­li­schen Men­schen tra­gen« (1. Kor. 15,49). »Wir wer­den ihm gleich sein, denn wir wer­den ihn schau­en, wie er ist« (1. Joh. 3,2). Wie das Bild des Gekreu­zig­ten, so wird auch das Bild des Auf­er­stan­de­nen die umge­stal­ten, die es sehen. Wer Chris­tus schaut, der wird in sein Bild hin­ein­ge­zo­gen, sei­ner Gestalt gleich­ge­macht, ja er wird zum Spie­gel des gött­li­chen Bil­des. Schon auf die­ser Erde wird sich in uns die Herr­lich­keit Jesu Chris­ti wider­spie­geln. Aus der Todes­ge­stalt des Gekreu­zig­ten, in der wir leben, in Not und Kreuz, wird schon die Klar­heit und das Leben des Auf­er­stan­de­nen her­vor­leuch­ten, und immer tie­fer wird die Umge­stal­tung zum gött­li­chen Eben­bild, immer kla­rer wird das Bild Chris­ti in uns; es ist ein Fort­schrei­ten von Erkennt­nis zu Erkennt­nis, von Klar­heit zu Klar­heit, zu immer voll­kom­me­ne­rer Gleich­heit mit dem Bil­de des Soh­nes Got­tes. »Wir alle aber, die wir mit unver­hüll­tem Ange­sicht die Herr­lich­keit des Herrn sich in uns spie­geln las­sen, wer­den dadurch in sein Eben­bild umge­stal­tet von Herr­lich­keit zu Herr­lich­keit« (2. Kor. 3,18).

Das ist die Ein­woh­nung Jesu Chris­ti in unse­ren Her­zen. Das Leben Jesu Chris­ti ist auf die­ser Erde noch nicht zu Ende gebracht. Chris­tus lebt es wei­ter in dem Leben sei­ner Nach­fol­ger. Nicht von unse­rem christ­li­chen Leben, son­dern von dem wahr­haf­ti­gen Leben Jesu Chris­ti in uns ist nun zu reden. »Nun aber lebe nicht ich, son­dern Chris­tus lebt in mir« (Gal. 2,20). Der Mensch­ge­wor­de­ne, der Gekreu­zig­te, der Ver­klär­te ist in mich ein­ge­gan­gen und lebt mein Leben. »Chris­tus ist mein Leben« (Phil. 1,21). Mit Chris­tus aber wohnt der Vater bei mir, und Vater und Sohn durch den Hei­li­gen Geist. Es ist die hei­li­ge Drei­ei­nig­keit selbst, die in dem Chris­ten Woh­nung gemacht hat, ihn erfüllt und ihn zu ihrem Eben­bil­de macht. Der mensch­ge­wor­de­ne, der gekreu­zig­te und der ver­klär­te Chris­tus nimmt Gestalt an in den Ein­zel­nen, weil sie Glie­der sei­nes Lei­bes, der Kir­che sind. Die Kir­che trägt die Men­schen­ge­stalt, die Todes­ge­stalt und die Auf­er­ste­hungs­ge­stalt Jesu Chris­ti. Sie ist zuerst sein Eben­bild (Eph. 4,24; Kol. 3,10), und durch sie sind es alle ihre Glie­der. Im Lei­be Chris­ti sind wir »wie Chris­tus« gewor­den.

Nun wird es begreif­lich, daß das Neue Tes­ta­ment immer wie­der davon spricht, daß wir sein sol­len »wie Chris­tus« (KATHOS CHRISTOS). Weil wir zum Eben­bil­de Chris­ti gemacht sind, dar­um sol­len wir sein wie Chris­tus. Weil wir Chris­ti Bild schon tra­gen, dar­um allein kann Chris­tus das »Vor­bild« sein, dem wir fol­gen. Weil er selbst sein wahr­haf­ti­ges Leben in uns führt, dar­um kön­nen wir »wan­deln gleich­wie er gewan­delt ist« (1. Joh. 2,6), »tun wie er getan« hat (Joh. 13,15), »lie­ben wie er geliebt hat« (Eph. 5,2; Joh. 13,34; 15,12), »ver­ge­ben wie er ver­ge­ben hat« (Kol. 3,13), »gesinnt sein wie Jesus Chris­tus auch war« (Phil. 2,5), dar­um kön­nen wir dem Bei­spiel fol­gen, das er uns gelas­sen hat (1. Pt. 2,21), unser Leben las­sen für unse­re Brü­der, wie er es für uns gelas­sen hat (1. Joh. 3,16). Allein dar­um kön­nen wir sein, wie er war, weil er war, wie wir sind. Allein dar­um kön­nen wir sein »wie Chris­tus«, weil wir ihm gleich­ge­macht sind. Nun da wir zum Bil­de Chris­ti gemacht sind, kön­nen wir nach sei­nem Vor­bild leben. Hier gesche­hen nun wirk­lich Taten, hier wird in der Ein­falt der Nach­fol­ge ein Leben gelebt, das Chris­tus gleich ist. Hier geschieht der schlich­te Gehor­sam gegen das Wort. Kein Blick fällt mehr auf mein eige­nes Leben, auf das neue Bild, das ich tra­ge. Ich müß­te es in dem­sel­ben Augen­blick ver­lie­ren, in dem ich es zu sehen begehr­te. Es ist ja nur der Spie­gel für das Bild Jesu Chris­ti, auf das ich unver­wandt schaue. Der Nach­fol­gen­de sieht allein auf den, dem er folgt. Von ihm aber, der in der Nach­fol­ge das Bild des mensch­ge­wor­de­nen, gekreu­zig­ten und auf­er­stan­de­nen Jesus Chris­tus trägt, von ihm, der zum Eben­bild Got­tes gewor­den ist, darf es nun zuletzt hei­ßen, daß er beru­fen ist, »Got­tes Nach­ah­mer« zu sein. Der Nach­fol­ger Jesu ist der Nach­ah­mer Got­tes. »So seid nun Got­tes Nach­ah­mer als die lie­ben Kin­der« (Eph. 5,1).

Wenn ich die­sen Text wie­der ein­mal lese – wie eben gera­de – den­ke ich an die unsäg­li­che Ver­wen­dung des Adjek­tivs »christ­lich«: Meist ist aller­lei gemeint, aber eben gera­de nicht Chris­tus. Wenn eine Leit­kul­tur »christ­lich« wäre – im Sin­ne des­sen, was Bon­hoef­fer schreibt, dass also die Ein­zel­nen mit Chris­tus gestor­ben sind in der Tau­fe, nur aus ihm, ihn wider­spie­gelnd, leben: Dann wäre das nichts, was man mit Kreu­zen in Amts­stu­ben oder Schul­zim­mern aus­drü­cken kann. – Es wäre schon gar nicht geeig­net, die­sen Wan­del, ganz dem Chris­tus zu leben und der Welt gestor­ben zu sein, in einer Par­tei.

Es ist eine Zumu­tung, aber das war wohl auch die Mensch­wer­dung für Chris­tus. – Es fehlt an Men­schen, die nach dem Bil­de Chris­ti leben. – Das näm­lich ist Nach­fol­ge. Dass die Men­schen-Freund­lich­keit Got­tes (PHILANTHROPIE) eben gera­de kein Gut­men­schen­tum ist, das wird leicht und meist über­se­hen.

Es gibt viel zu tun, aber das passt, denn die Feri­en gehen ja bald zu Ende.

F.W.