Bon­hoef­fers Band »Nach­fol­ge« erschien 1938. Er selbst wur­de 1945 hin­ge­rich­tet, somit sind (seit 1. Janu­ar des Jah­res nach dem 70. Todes­da­tum – 1. Janu­ar 2016) sei­ne Wer­ke gemein­frei. Wir haben hier in den Feri­en den 2. Teil des Buches (die Nach­fol­ge und die Gemein­de) ver­öf­fent­licht. Nun folgt der Rest des Buches in wöchent­li­chen Por­tio­nen.

 Vor­wort 

Es stellt sich in Zei­ten der kirch­li­chen Erneue­rung von selbst ein, daß uns die Hei­li­ge Schrift rei­cher wird. Hin­ter den not­wen­di­gen Tages- und Kampf­pa­ro­len der kirch­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung regt sich ein stär­ke­res Suchen und Fra­gen nach dem, um den es allein geht, nach Jesus selbst. Was hat Jesus uns sagen wol­len? Was will er heu­te von uns? Wie hilft er uns dazu, heu­te treue Chris­ten zu sein? Nicht was die­ser oder jener Mann der Kir­che will, ist uns zuletzt wich­tig, son­dern was Jesus will, wol­len wir wis­sen. Sein eige­nes Wort wol­len wir hören, wenn wir zur Pre­digt gehen. Dar­an liegt uns nicht nur um unsert­wil­len, son­dern auch um all der vie­len wil­len, denen die Kir­che und ihre Bot­schaft fremd gewor­den ist. Wir sind wohl auch der Mei­nung, daß ganz ande­re Men­schen das Wort hören und auch ganz ande­re Men­schen sich wie­der abwen­den wür­den, wenn es dazu käme, daß Jesus selbst und Jesus allein mit sei­nem Wor­te in der Pre­digt unter uns wäre. Nicht als wäre die Pre­digt unse­rer Kir­che nicht mehr Got­tes Wort, aber wie­viel unrei­ner Klang, wie­vie­le mensch­li­che, har­te Geset­ze und wie­vie­le fal­sche Hoff­nun­gen und Trös­tun­gen trü­ben noch das rei­ne Wort Jesu und erschwe­ren die ech­te Ent­schei­dung! Es ist doch nicht nur die Schuld der ande­ren, wenn sie unse­re Pre­digt, die ja gewiß ganz allein Chris­tus­pre­digt sein will, hart und schwer fin­den, weil sie belas­tet ist mit For­meln und Begrif­fen, die ihnen fremd sind. Es ist doch nicht wahr, daß jedes Wort, das sich heu­te gegen unse­re Pre­digt rich­tet, schon eine Absa­ge an Chris­tus, Anti­chris­ten­tum ist. Wol­len wir wirk­lich die Gemein­schaft mit denen ver­leug­nen, deren es heu­te eine gro­ße Zahl gibt, die zu unse­rer Pre­digt kom­men, sie hören wol­len und doch immer wie­der betrübt beken­nen müs­sen, daß wir ihnen den Zugang zu Jesus zu schwer machen? Sie glau­ben, daß es nicht das Wort Jesu selbst sei, dem sie sich ent­zie­hen woll­ten, aber daß zuviel Mensch­li­ches, Insti­tu­tio­nel­les, Dok­tri­nä­res zwi­schen sie und Jesus trä­te. Wer von uns wüß­te nun nicht sogleich all die Ant­wor­ten, die man hier geben könn­te, und mit denen man sich der Ver­ant­wor­tung für jene Men­schen leicht ent­zie­hen kann. Wäre es aber nicht auch eine Ant­wort, wenn wir uns frag­ten, ob nicht wir selbst dem Wor­te Jesu oft in den Weg tre­ten, indem wir viel­leicht zu stark an bestimm­ten For­mu­lie­run­gen, an einem für sei­ne Zeit, sei­nen Ort und sei­ne Gesell­schafts­struk­tur bestimm­ten Pre­digt­ty­pus hän­gen, indem wir viel­leicht wirk­lich zu »dog­ma­tisch« und zu wenig »aufs Leben« hin pre­di­gen, indem wir gewis­se Gedan­ken der Schrift gern immer wie­der sagen und dabei an wich­ti­gen andern Wor­ten zu acht­los vor­über­ge­hen, indem wir doch immer noch zu viel eige­ne Mei­nun­gen und Über­zeu­gun­gen und zu wenig Jesus Chris­tus selbst pre­di­gen? Es gäbe ja nichts, was unse­rer eige­nen Absicht tie­fer wider­sprä­che und was zugleich ver­derb­li­cher wäre für unse­re Ver­kün­di­gung, als wenn wir die Müh­se­li­gen und Bela­de­nen, die Jesus zu sich ruft, mit schwe­ren Men­schen­sat­zun­gen belas­te­ten und sie so wie­der von ihm fort­trie­ben. Wie wür­de die Lie­be Jesu Chris­ti damit ver­spot­tet vor Chris­ten und vor Hei­den! Weil aber hier nicht all­ge­mei­ne Fra­gen und Selbst­be­schul­di­gun­gen etwas hel­fen, las­sen wir uns zur Schrift, zum Wort und Ruf Jesu Chris­ti selbst zurück­füh­ren. Hier suchen wir aus der Armut und Enge unse­rer eige­nen Über­zeu­gun­gen und Fra­gen die Wei­te und den Reich­tum, die uns in Jesus geschenkt sind.

Wir wol­len von dem Ruf in die Nach­fol­ge Jesu spre­chen. Laden wir damit den Men­schen ein neu­es, schwe­re­res Joch auf? Sol­len hier zu all den Men­schen­sat­zun­gen, unter denen See­len und Lei­ber seuf­zen, noch här­te­re, uner­bitt­li­che­re hin­zu­ge­fügt wer­den? Soll mit der Erin­ne­rung an die Nach­fol­ge Jesu nur noch ein spit­ze­rer Sta­chel in die beun­ru­hig­ten und ver­letz­ten Gewis­sen getrie­ben wer­den? Sol­len hier etwa zum sound­so­viel­ten Male in der Kir­chen­ge­schich­te unmög­li­che, quä­le­ri­sche, exzen­tri­sche For­de­run­gen auf­ge­stellt wer­den, deren Befol­gung wohl ein from­mer Luxus eini­ger weni­ger sein mag, die aber von dem arbei­ten­den, um sein Brot, um sei­nen Beruf, um sei­ne Fami­lie sor­gen­den Men­schen als das gott­lo­ses­te Gott­ver­su­chen ver­wor­fen wer­den müs­sen? Geht es denn der Kir­che dar­um, eine geist­li­che Gewalt­herr­schaft über die Men­schen auf­zu­rich­ten, indem sie eigen­mäch­tig unter Andro­hung irdi­scher und ewi­ger Stra­fen setzt und befiehlt, was alles ein Mensch zu glau­ben und zu tun habe, um selig zu wer­den? Soll das Wort der Kir­che neue Tyran­nei und Ver­ge­wal­ti­gung über die See­len brin­gen? Es mag ja sein, daß man­che Men­schen sich nach sol­cher Knech­tung seh­nen. Aber könn­te die Kir­che jemals einem sol­chen Ver­lan­gen die­nen?

Wenn die Hei­li­ge Schrift von der Nach­fol­ge Jesu spricht, so ver­kün­digt sie damit die Befrei­ung des Men­schen von allen Men­schen­sat­zun­gen, von allem, was drückt, was belas­tet, was Sor­ge und Gewis­sens­qual macht. In der Nach­fol­ge kom­men die Men­schen aus dem har­ten Joch ihrer eige­nen Geset­ze unter das sanf­te Joch Jesu Chris­ti. Wird damit dem Ernst der Gebo­te Jesu Abbruch getan? Nein, viel­mehr wird erst dort, wo das gan­ze Gebot Jesu, der Ruf in die unein­ge­schränk­te Nach­fol­ge bestehen bleibt, die vol­le Befrei­ung der Men­schen zur Gemein­schaft Jesu mög­lich. Wer unge­teilt dem Gebo­te Jesu folgt, wer das Joch Jesu ohne Wider­stre­ben auf sich ruhen läßt, dem wird die Last leicht, die er zu tra­gen hat, der emp­fängt in dem sanf­ten Druck die­ses Joches die Kraft, den rech­ten Weg ohne Ermat­ten zu gehen. Das Gebot Jesu ist hart, unmensch­lich hart, für den, der sich dage­gen wehrt. Jesu Gebot ist sanft und nicht schwer für den, der sich wil­lig dar­ein ergibt. »Sei­ne Gebo­te sind nicht schwer« (1. Joh. 5,3). Das Gebot Jesu hat nichts zu tun mit see­li­schen Gewalt­ku­ren. Jesus for­dert nichts von uns, ohne uns die Kraft zu geben, es auch zu tun. Jesu Gebot will nie­mals Leben zer­stö­ren, son­dern Leben erhal­ten, stär­ken, hei­len.

Aber noch bedrängt uns die Fra­ge, was der Ruf in die Nach­fol­ge Jesu heu­te für den Arbei­ter, für den Geschäfts­mann, für den Land­wirt, für den Sol­da­ten bedeu­ten kön­ne, die Fra­ge, ob hier nicht ein uner­träg­li­cher Zwie­spalt in das Dasein des in der Welt arbei­ten­den Men­schen und Chris­ten getra­gen wer­de. Ist das Chris­ten­tum der Nach­fol­ge Jesu nicht doch eine Sache für eine gar zu klei­ne Zahl von Men­schen? Bedeu­tet es nicht ein Zurück­sto­ßen der gro­ßen Mas­sen des Vol­kes, eine Ver­ach­tung der Schwa­chen und Armen? Wird aber nicht gera­de damit die gro­ße Barm­her­zig­keit Jesu Chris­ti ver­leug­net, der zu den Sün­dern und Zöll­nern, den Armen und Schwa­chen, den Irren­den und Ver­zwei­feln­den kam? Was sol­len wir dazu sagen? Sind es weni­ge oder sind es vie­le, die zu Jesus gehö­ren? Jesus starb am Kreuz allein, ver­las­sen von sei­nen Jün­gern. Neben ihm hin­gen nicht zwei sei­ner Getreu­en, son­dern zwei Mör­der. Aber unter dem Kreuz stan­den sie alle, Fein­de und Gläu­bi­ge, Zwei­feln­de und Furcht­sa­me, Spöt­ter und Über­wun­de­ne, und ihnen allen und ihrer Sün­de galt in die­ser Stun­de das Gebet Jesu um Ver­ge­bung. Die barm­her­zi­ge Lie­be Got­tes lebt mit­ten unter ihren Fein­den. Es ist der­sel­be Jesus Chris­tus, der uns aus Gna­de in sei­ne Nach­fol­ge ruft und des­sen Gna­de den Schä­cher am Kreuz in sei­ner letz­ten Stun­de selig macht.

Wohin wird der Ruf in die Nach­fol­ge die­je­ni­gen füh­ren, die ihm fol­gen? Wel­che Ent­schei­dun­gen und Schei­dun­gen wird er mit sich brin­gen? Wir müs­sen mit die­ser Fra­ge zu dem gehen, der allein die Ant­wort weiß. Jesus Chris­tus, der Nach­fol­ge gebie­tet, weiß allein, wo der Weg hin­geht. Wir aber wis­sen, daß es ganz gewiß ein über alle Maßen barm­her­zi­ger Weg sein wird. Nach­fol­ge ist Freu­de. Es scheint heu­te so schwer zu sein, den schma­len Weg der kirch­li­chen Ent­schei­dung in aller Gewiß­heit zu gehen und doch in der gan­zen Wei­te der Chris­tus­lie­be zu allen Men­schen, der Geduld, der Barm­her­zig­keit, der »Phil­an­thro­pie« Got­tes (Tit. 3,4) mit den Schwa­chen und Gott­lo­sen zu blei­ben; und doch muß bei­des bei­ein­an­der sein, sonst gehen wir Men­schen­we­ge. Gott schen­ke uns in allem Ernst des Nach­fol­gens die Freu­de, in allem Nein zur Sün­de das Ja zum Sün­der, in aller Abwehr der Fein­de das über­win­den­de und gewin­nen­de Wort des Evan­ge­li­ums. »Kom­met her zu mir alle, die ihr müh­se­lig und bela­den seid; ich will euch erqui­cken. Neh­met auf euch mein Joch und ler­net von mir; denn ich bin sanft­mü­tig und von Her­zen demü­tig; so wer­det ihr Ruhe fin­den für eure See­len. Denn mein Joch ist sanft und mei­ne Last ist leicht« (Matth. 11,28 ff.).