Diet­rich Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, seit dem 1. Janu­ar 2016 sind somit sei­ne Wer­ke gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier »häpp­chen­wei­se« den gesam­ten Text sei­nes Buches »Nach­fol­ge« aus dem Jahr 1938.

Das Mate­ri­al eig­net sich etwa auch für Haus­krei­se gut…

I.

Die teu­re Gna­de.

Bil­li­ge Gna­de ist der Tod­feind unse­rer Kir­che. Unser Kampf heu­te geht um die teu­re Gna­de. Bil­li­ge Gna­de heißt Gna­de als Schleu­der­wa­re, ver­schleu­der­te Ver­ge­bung, ver­schleu­der­ter Trost, ver­schleu­der­tes Sakra­ment; Gna­de als uner­schöpf­li­che Vor­rats­kam­mer der Kir­che, aus der mit leicht­fer­ti­gen Hän­den beden­ken­los und gren­zen­los aus­ge­schüt­tet wird; Gna­de ohne Preis, ohne Kos­ten. Das sei ja gera­de das Wesen der Gna­de, daß die Rech­nung im vor­aus für alle Zeit begli­chen ist. Auf die gezahl­te Rech­nung hin ist alles umsonst zu haben. Unend­lich groß sind die auf­ge­brach­ten Kos­ten, unend­lich groß daher auch die Mög­lich­kei­ten des Gebrauchs und der Ver­schwen­dung. Was wäre auch Gna­de, die nicht bil­li­ge Gna­de ist?

Bil­li­ge Gna­de heißt Gna­de als Leh­re, als Prin­zip, als Sys­tem; heißt Sün­den­ver­ge­bung als all­ge­mei­ne Wahr­heit, heißt Lie­be Got­tes als christ­li­che Got­tes­idee. Wer sie bejaht, der hat schon Ver­ge­bung sei­ner Sün­den. Die Kir­che die­ser Gna­den­leh­re ist durch sie schon der Gna­de teil­haf­tig. In die­ser Kir­che fin­det die Welt bil­li­ge Bede­ckung ihrer Sün­den, die sie nicht bereut und von denen frei zu wer­den sie erst recht nicht wünscht. Bil­li­ge Gna­de ist dar­um Leug­nung des leben­di­gen Wor­tes Got­tes, Leug­nung der Mensch­wer­dung des Wor­tes Got­tes.

Bil­li­ge Gna­de heißt Recht­fer­ti­gung der Sün­de und nicht des Sün­ders. Weil Gna­de doch alles allein tut, dar­um kann alles beim alten blei­ben. »Es ist doch unser Tun umsonst«. Welt bleibt Welt, und wir blei­ben Sün­der »auch in dem bes­ten Leben«. Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stel­le sich der Welt in allen Din­gen gleich und unter­fan­ge sich ja nicht – bei der Ket­ze­rei des Schwär­mer­tums! – unter der Gna­de ein ande­res Leben zu füh­ren als unter der Sün­de! Er hüte sich gegen die Gna­de zu wüten, die gro­ße, bil­li­ge Gna­de zu schän­den und neu­en Buch­sta­ben­dienst auf­zu­rich­ten durch den Ver­such eines gehor­sa­men Lebens unter den Gebo­ten Jesu Chris­ti! Die Welt ist durch Gna­de gerecht­fer­tigt, dar­um – um des Erns­tes die­ser Gna­de wil­len!, um die­ser uner-setz­li­chen Gna­de nicht zu wider­stre­ben! – lebe der Christ wie die übri­ge Welt! Gewiß, er wür­de gern ein Außer­or­dent­li­ches tun, es ist für ihn unzwei­fel­haft der schwers­te Ver­zicht, dies nicht zu tun, son­dern welt­lich leben zu müs­sen. Aber er muß den Ver­zicht leis­ten, die Selbst­ver­leug­nung üben, sich von der Welt mit sei­nem Leben nicht zu unter­schei­den. Soweit muß er die Gna­de wirk­lich Gna­de sein las­sen, daß er der Welt den Glau­ben an die­se bil­li­ge Gna­de nicht zer­stört. Der Christ aber sei in sei­ner Welt­lich­keit, in die­sem not­wen­di­gen Ver­zicht, den er um der Welt – nein, um der Gna­de wil­len! – leis­ten muß, getrost und sicher (secu­rus) im Besitz die­ser Gna­de, die alles allein tut. Also, der Christ fol­ge nicht nach, aber er trös­te sich der Gna­de! Das ist bil­li­ge Gna­de als Recht­fer­ti­gung der Sün­de, aber nicht als Recht­fer­ti­gung des buß­fer­ti­gen Sün­ders, der von sei­ner Sün­de läßt und umkehrt; nicht Ver­ge­bung der Sün­de, die von der Sün­de trennt. Bil­li­ge Gna­de ist die Gna­de, die wir mit uns selbst haben. Bil­li­ge Gna­de ist Pre­digt der Ver­ge­bung ohne Buße, ist Tau­fe ohne Gemein­de­zucht, ist Abend-mahl ohne Bekennt­nis der Sün­den, ist Abso­lu­ti­on ohne per­sön­li­che Beich­te. Bil­li­ge Gna­de ist Gna­de ohne Nach­fol­ge, Gna­de ohne Kreuz, Gna­de ohne den leben­di­gen, mensch­ge­wor­de­nen Jesus Chris­tus.

Teu­re Gna­de ist der ver­bor­ge­ne Schatz im Acker, um des­sent­wil­len der Mensch hin­geht und mit Freu­den alles ver­kauft, was er hat­te; die köst­li­che Per­le, für deren Preis der Kauf­mann alle sei­ne Güter hin­gibt; die Königs­herr­schaft Chris­ti, um derent­wil­len sich der Mensch das Auge aus­reißt, das ihn ärgert, der Ruf Jesu Chris­ti, auf den hin der Jün­ger sei­ne Net­ze ver­läßt und nach­folgt. Teu­re Gna­de ist das Evan­ge­li­um, das immer wie­der gesucht, die Gabe, um die gebe­ten, die Tür, an die ange­klopft wer­den muß. Teu­er ist sie, weil sie in die Nach­fol­ge ruft, Gna­de ist sie, weil sie in die Nach­fol­ge Jesu Chris­ti ruft; teu­er ist sie, weil sie dem Men­schen das Leben kos­tet, Gna­de ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teu­er ist sie, weil sie die Sün­de ver­dammt, Gna­de, weil sie den Sün­der recht­fer­tigt. Teu­er ist die Gna­de vor allem dar­um, weil sie Gott teu­er gewe­sen ist, weil sie Gott das Leben sei­nes Soh­nes gekos­tet hat – »ihr seid teu­er erkauft« –, und weil uns nicht bil­lig sein kann, was Gott teu­er ist. Gna­de ist sie vor allem dar­um, weil Gott sein Sohn nicht zu teu­er war für unser Leben, son­dern ihn für uns hin­gab. Teu­re Gna­de ist Mensch­wer­dung Got­tes.

Teu­re Gna­de ist Gna­de als das Hei­lig­tum Got­tes, das vor der Welt behü­tet wer­den muß, das nicht vor die Hun­de gewor­fen wer­den darf, sie ist dar­um Gna­de als leben­di­ges Wort, Wort Got­tes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt. Es trifft uns als gnä­di­ger Ruf in die Nach­fol­ge Jesu, es kommt als ver­ge­ben­des Wort zu dem geängs­te­ten Geist und dem zer­schla­ge­nen Her­zen. Teu­er ist die Gna­de, weil sie den Men­schen unter das Joch der Nach­fol­ge Jesu Chris­ti zwingt, Gna­de ist es, daß Jesus sagt: »Mein Joch ist sanft und mei­ne Last ist leicht.«

Zwei­mal ist an Petrus der Ruf ergan­gen: Fol­ge mir nach! Es war das ers­te und das letz­te Wort Jesu an sei­nen Jün­ger (Mar­kus 1,17; Joh. 21,22). Sein gan­zes Leben liegt zwi­schen die­sen bei­den Rufen. Das ers­te­mal hat­te Petrus am See Gene­za­reth auf Jesu Ruf hin sei­ne Net­ze, sei­nen Beruf ver­las­sen und war ihm aufs Wort nach­ge­folgt. Das letz­te­mal trifft ihn der Auf­er­stan­de­ne in sei­nem alten Beruf, wie­der­um am See Gene­za­reth, und noch ein­mal heißt es: Fol­ge mir nach! Dazwi­schen lag ein gan­zes Jün­ger­le­ben in der Nach­fol­ge Chris­ti. In sei­ner Mit­te stand das Bekennt­nis zu Jesus als dem Chris­tus Got­tes. Es ist dem Petrus drei-mal ein und das­sel­be ver­kün­digt, am Anfang, am Ende und in Cäs­area Phil­ip­pi, näm­lich daß Chris­tus sein Herr und Gott sei. Es ist die­sel­be Gna­de Chris­ti, die ihn ruft: Fol­ge mir nach! und die sich ihm offen­bart im Bekennt­nis zum Soh­ne Got­tes.

Es war ein drei­fa­ches Anhal­ten der Gna­de auf dem Wege des Petrus, die Eine Gna­de drei­mal ver­schie­den ver­kün­digt; so war sie Chris­ti eige­ne Gna­de, und gewiß nicht Gna­de, die der Jün­ger sich selbst zusprach. Es war die­sel­be Gna­de Chris­ti, die den Jün­ger über­wand, alles zu ver­las­sen um der Nach­fol­ge wil­len, die in ihm das Bekennt­nis wirk­te, das aller Welt eine Läs­te­rung schei­nen muß­te, die den untreu­en Petrus in die letz­te Gemein­schaft des Mar­ty­ri­ums rief und ihm damit alle Sün­den ver­gab. Gna­de und Nach­fol­ge gehö­ren für das Leben des Petrus unauf­lös­lich zusam­men. Er hat­te die teu­re Gna­de emp­fan­gen. Mit der Aus­brei­tung des Chris­ten­tums und der zuneh­men­den Ver­welt­li­chung der Kir­che ging die Erkennt­nis der teu­ren Gna­de all­mäh­lich ver­lo­ren. Die Welt war chris­tia­ni­siert, die Gna­de war All­ge­mein­gut einer christ­li­chen Welt gewor­den. Sie war bil­lig zu haben. Doch bewahr­te die römi­sche Kir­che einen Rest der ers­ten Erkennt­nis. Es war von ent­schei­den­der Bedeu­tung, daß das Mönch­tum sich nicht von der Kir­che trenn­te und daß die Klug­heit der Kir­che das Mönch­tum ertrug. Hier war am Ran­de der Kir­che der Ort, an dem die Erkennt­nis wach­ge­hal­ten wur­de, daß Gna­de teu­er ist, daß Gna­de die Nach­fol­ge ein­schließt. Men­schen ver­lie­ßen um Chris­ti wil­len alles, was sie hat­ten, und ver­such­ten, den stren­gen Gebo­ten Jesu zu fol­gen in täg­li­cher Übung. So wur­de das mön­chi­sche Leben ein leben­di­ger Pro­test gegen die Ver­welt­li­chung des Chris­ten­tums, gegen die Ver­bil­li­gung der Gna­de. Indem aber die Kir­che die­sen Pro­test ertrug und nicht zum letz­ten Aus­bruch kom­men ließ, rela­ti­vier­te sie ihn, ja sie gewann nun aus ihm sogar die Recht­fer­ti­gung ihres eige­nen ver­welt­lich­ten Lebens; denn jetzt wur­de das mön­chi­sche Leben zu der Son­der­leis­tung Ein­zel­ner, zu der die Mas­se des Kir­chen­vol­kes nicht ver­pflich­tet wer­den konn­te. Die ver­häng­nis­vol­le Begren­zung der Gebo­te Jesu in ihrer Gel­tung auf eine bestimm­te Grup­pe beson­ders qua­li­fi­zier­ter Men­schen führ­te zu der Unter­schei­dung einer Höchst-leis­tung und einer Min­dest­leis­tung des christ­li­chen Gehor­sams. Damit war es gelun­gen, bei jedem wei­te­ren Angriff auf die Ver­welt­li­chung der Kir­che hin­zu-wei­sen auf die Mög­lich­keit des mön­chi­schen Weges inner­halb der Kir­che, neben dem dann die ande­re Mög­lich­keit des leich­te­ren Weges durch­aus gerecht­fer­tigt war. So muß­te der Hin­weis auf das urchrist­li­che Ver­ständ­nis der teu­ren Gna­de, wie er in der Kir­che Roms durch das Mönch­tum erhal­ten blei­ben soll­te, in para­do­xer Wei­se selbst wie­der der Ver­welt­li­chung der Kir­che die letz­te Recht-fer­ti­gung geben. Bei dem allen lag der ent­schei­den­de Feh­ler des Mönch­tums nicht dar­in, daß es – bei allen inhalt­li­chen Miß­ver­ständ­nis­sen des Wil­lens Jesu – den Gna­den­weg der stren­gen Nach­fol­ge ging. Viel­mehr ent­fern­te sich das Mönch­tum wesent­lich dar­in vom Christ­li­chen, daß es sei­nen Weg zu einer frei­en Son­der­leis­tung eini­ger Weni­ger wer­den ließ und damit für ihn eine beson­de­re Ver­dienst­lich­keit in Anspruch nahm. Als Gott durch sei­nen Knecht Mar­tin Luther in der Refor­ma­ti­on das Evan­ge­li­um von der rei­nen, teu­ren Gna­de wie­der erweck­te, führ­te er Luther durch das Klos­ter. Luther war Mönch. Er hat­te alles ver­las­sen und woll­te Chris­tus in voll­kom­me­nem Gehor­sam nach­fol­gen. Er ent­sag­te der Welt und ging an das christ­li­che Werk. Er lern­te den Gehor­sam gegen Chris­tus und sei­ne Kir­che, weil er wuß­te, daß nur der Gehor­sa­me glau­ben kann. Der Ruf ins Klos­ter kos­te­te Luther den vol­len Ein­satz sei­nes Lebens. Luther schei­ter­te mit sei­nem Weg an Gott selbst. Gott zeig­te ihm durch die Schrift, daß die Nach­fol­ge Jesu nicht ver­dienst­li­che Son­der­leis­tung Ein­zel­ner, son­dern gött­li­ches Gebot an alle Chris­ten ist. Das demü­ti­ge Werk der Nach­fol­ge war im Mönch­tum zum ver­dienst­li­chen Tun der Hei­li­gen gewor­den. Die Selbst­ver­leug­nung des Nach­fol­gen­den ent­hüll­te sich hier als die letz­te geist­li­che Selbst­be­haup­tung der From­men. Damit war die Welt mit­ten in das Mönchs­le­ben hin­ein­ge­bro­chen und in gefähr­lichs­ter Wei­se wie­der am Werk. Die Welt­flucht des Mön­ches war als feins­te Welt­lie­be durch­schaut. In die­sem Schei­tern der letz­ten Mög­lich­keit eines from­men Lebens ergriff Luther die Gna­de. Er sah im Zu-sam­men­bruch der mön­chi­schen Welt die ret­ten­de Hand Got­tes in Chris­tus aus­ge­streckt. Er ergriff sie im Glau­ben dar­an, daß »doch unser Tun umsonst ist, auch in dem bes­ten Leben«. Es war eine teu­re Gna­de, die sich ihm schenk­te, sie zer­brach ihm sei­ne gan­ze Exis­tenz. Er muß­te sei­ne Net­ze aber­mals zurück­las­sen und fol­gen. Das ers­te­mal, als er ins Klos­ter ging, hat­te er alles zurück-gelas­sen, nur sich selbst, sein from­mes Ich, nicht. Dies­mal war ihm auch die­ses genom­men. Er folg­te nicht auf eige­nes Ver­dienst, son­dern auf Got­tes Gna­de hin. Es wur­de ihm nicht gesagt: du hast zwar gesün­digt, aber das ist nun alles ver­ge­ben, blei­be nur wei­ter, wo du warst, und trös­te dich der Ver­ge­bung! Luther muß­te das Klos­ter ver­las­sen und zurück in die Welt, nicht weil die Welt an sich gut und hei­lig wäre, son­dern weil auch das Klos­ter nichts ande­res war als Welt. Luthers Weg aus dem Klos­ter zurück in die Welt bedeu­te­te den schärfs­ten Angriff, der seit dem Urchris­ten­tum auf die Welt geführt wor­den war. Die Absa­ge, die der Mönch der Welt gege­ben hat­te, war ein Kin­der­spiel gegen­über der Absa­ge, die die Welt durch den in sie Zurück­ge­kehr­ten erfuhr. Nun kam der Angriff fron­tal. Nach­fol­ge Jesu muß­te nun mit­ten in der Welt gelebt wer­den. Was unter den beson­de­ren Umstän­den und Erleich­te­run­gen des klös­ter­li­chen Lebens als Son­der­leis­tung geübt wur­de, war nun das Not­wen­di­ge und Gebo­te­ne für jeden Chris­ten in der Welt gewor­den. Der voll­kom­me­ne Gehor­sam gegen das Gebot Jesu muß­te im täg­li­chen Berufs­le­ben geleis­tet wer­den. Damit ver­tief­te sich der Kon­flikt zwi­schen dem Leben des Chris­ten und dem Leben der Welt in unab­seh­ba­rer Wei­se. Der Christ war der Welt auf den Leib gerückt. Es war Nah­kampf.

Man kann die Tat Luthers nicht ver­häng­nis­vol­ler miß­ver­ste­hen als mit der Mei­nung, Luther habe mit der Ent­de­ckung des Evan­ge­li­ums der rei­nen Gna­de einen Dis­pens für den Gehor­sam gegen das Gebot Jesu in der Welt pro­kla­miert; die refor­ma­to­ri­sche Ent­de­ckung sei die Hei­lig­spre­chung, die Recht­fer­ti­gung der Welt durch die ver­ge­ben­de Gna­de gewe­sen. Der welt­li­che Beruf des Chris­ten erfährt viel­mehr sei­ne Recht­fer­ti­gung für Luther allein dadurch, daß in ihm der Pro­test gegen die Welt in letz­ter Schär­fe ange­mel­det wird. Nur sofern der welt­li­che Beruf des Chris­ten in der Nach­fol­ge Jesu aus­ge­übt wird, hat er vom Evan­ge­li­um her neu­es Recht emp­fan­gen. Nicht Recht­fer­ti­gung der Sün­de, son­dern Recht­fer­ti­gung des Sün­ders war der Grund für Luthers Rück­kehr aus dem Klos­ter. Teu­re Gna­de war Luther geschenkt wor­den. Gna­de war es, weil sie Was­ser auf das durs­ti­ge Land, Trost für die Angst, Befrei­ung von der Knecht­schaft des selbst-gewähl­ten Weges, Ver­ge­bung aller Sün­den war. Teu­er war die Gna­de, weil sie nicht dis­pen­sier­te vom Werk, son­dern den Ruf in die Nach­fol­ge unend­lich ver­schärf­te. Aber gera­de wor­in sie teu­er war, dar­in war sie Gna­de, und wor­in sie Gna­de war, dar­in war sie teu­er. Das war das Geheim­nis des refor­ma­to­ri­schen Evan­ge­li­ums, das Geheim­nis der Recht­fer­ti­gung des Sün­ders.

Und den­noch bleibt der Sie­ger der Refor­ma­ti­ons­ge­schich­te nicht Luthers Erkennt­nis von der rei­nen, teu­ren Gna­de, son­dern der wach­sa­me reli­giö­se Instinkt des Men­schen für den Ort, an dem die Gna­de am bil­ligs­ten zu haben ist. Es bedurf­te nur einer ganz leich­ten, kaum merk­li­chen Ver­schie­bung des Akzen­tes, und das gefähr­lichs­te und ver­derb­lichs­te Werk war getan. Luther hat­te gelehrt, daß der Mensch auch in sei­nen frömms­ten Wegen und Wer­ken vor Gott nicht bestehen kann, weil er im Grund immer sich selbst sucht. Er hat­te in die­ser Not die Gna­de der frei­en und bedin­gungs­lo­sen Ver­ge­bung aller Sün­den im Glau­ben ergrif­fen. Luther wuß­te dabei, daß ihm die­se Gna­de ein Leben gekos­tet hat­te und noch täg­lich kos­te­te; denn er war ja durch die Gna­de nicht dis­pen­siert von der Nach­fol­ge, son­dern erst recht in sie hin­ein­ge­sto­ßen. Wenn Luther von der Gna­de sprach, so mein­te er sein eige­nes Leben immer mit, das durch die Gna­de erst in den vol­len Gehor­sam Chris­ti gestellt wor­den war. Er konn­te gar nicht anders von der Gna­de reden, als eben so. Daß die Gna­de allein es tut, hat­te Luther gesagt, und wört­lich so wie­der­hol­ten es sei­ne Schü­ler, mit dem ein­zi­gen Unter­schied, daß sie sehr bald das aus­lie­ßen und nicht mit­dach­ten und sag­ten, was Luther immer selbst­ver­ständ­lich mit­ge­dacht hat­te, näm­lich die Nach­fol­ge, ja, was er nicht mehr zu sagen brauch­te, weil er ja immer selbst als einer rede­te, den die Gna­de in die schwers­te Nach­fol­ge Jesu geführt hat­te. Die Leh­re der Schü­ler war also unan­fecht­bar von der Leh­re Luthers her, und doch wur­de die­se Leh­re das Ende und die Ver­nich­tung der Refor­ma­ti­on als der Offen­ba­rung der teu­ren Gna­de Got­tes auf Erden. Aus der Recht­fer­ti­gung des Sün­ders in der Welt wur­de die Recht­fer­ti­gung der Sün­de und der Welt. Aus der teu­ren Gna­de wur­de die bil­li­ge Gna­de ohne Nach­fol­ge.

Sag­te Luther, daß unser Tun umsonst ist, auch in dem bes­ten Leben, und daß dar­um bei Gott nichts gilt »denn Gnad und Gunst, die Sün­den zu ver­ge­ben«, so sag­te er es als einer, der sich bis zu die­sem Augen­blick und schon im sel­ben Augen­blick wie­der neu in die Nach­fol­ge Jesu, zum Ver­las­sen von allem, was er hat­te, beru­fen wuß­te. Die Erkennt­nis der Gna­de war für ihn der letz­te radi­ka­le Bruch mit der Sün­de sei­nes Lebens, nie­mals aber ihre Recht­fer­ti­gung. Sie war im Ergrei­fen der Ver­ge­bung die letz­te radi­ka­le Absa­ge an das eigen­wil­li­ge Leben, sie war dar­in selbst erst eigent­lich erns­ter Ruf zur Nach­fol­ge. Sie war ihm jeweils »Resul­tat«, frei­lich gött­li­ches, nicht mensch­li­ches Resul­tat. Die­ses Resul­tat aber wur­de von den Nach­fah­ren zur prin­zi­pi­el­len Vor­aus­set­zung einer Kal­ku­la­ti­on gemacht. Dar­in lag das gan­ze Unheil. Ist Gna­de das von Chris­tus selbst geschenk­te »Resul­tat« christ­li­chen Lebens, so ist die­ses Leben kei­nen Augen­blick dis­pen­siert von der Nach­fol­ge. Ist aber Gna­de prin­zi­pi­el­le Vor­aus­set­zung mei­nes christ­li­chen Lebens, so habe ich damit im vor­aus die Recht­fer­ti­gung mei­ner Sün­den, die ich im Leben in der Welt tue. Ich kann nun auf die­se Gna­de hin sün­di­gen, die Welt ist ja im Prin­zip durch Gna­de gerecht­fer­tigt. Ich blei­be daher in mei­ner bür­ger­lich-welt­li­chen Exis­tenz wie bis­her, es bleibt alles beim alten, und ich darf sicher sein, daß mich die Gna­de Got­tes bedeckt. Die gan­ze Welt ist unter die­ser Gna­de »christ­lich« gewor­den, das Chris­ten­tum aber ist unter die­ser Gna­de in nie dage­we­se­ner Wei­se zur Welt gewor­den. Der Kon­flikt zwi­schen christ­li­chem und bür­ger­lich-welt­li­chem Berufs­le­ben ist auf­ge­ho­ben. Das christ­li­che Leben besteht eben dar­in, daß ich in der Welt und wie die Welt lebe, mich in nichts von ihr unter­schei­de, ja mich auch gar nicht – um der Gna­de wil­len! – von ihr unter­schei­den darf, daß ich mich aber zu gege­be­ner Zeit aus dem Raum der Welt in den Raum der Kir­che bege­be, um mich dort der Ver­ge­bung mei­ner Sün­den ver­ge­wis­sern zu las­sen. Ich bin von der Nach­fol­ge Jesu befreit – durch die bil­li­ge Gna­de, die der bit­ters­te Feind der Nach­fol­ge sein muß, die die wah­re Nach­fol­ge has­sen und schmä­hen muß. Gna­de als Vor­aus­set­zung ist bil­ligs­te Gna­de; Gna­de als Resul­tat teu­re Gna­de. Es ist erschre­ckend, zu erken­nen, was dar­an liegt, in wel­cher Wei­se eine evan­ge­li­sche Wahr­heit aus­ge­spro­chen und gebraucht wird. Es ist das­sel­be Wort von der Recht­fer­ti­gung aus Gna­den allein; und doch führt der fal­sche Gebrauch des­sel­ben Sat­zes zur voll­kom­me­nen Zer­stö­rung sei­nes Wesens.

Wenn Faust am Ende sei­nes Lebens in der Arbeit an der Erkennt­nis sagt: »Ich sehe, daß wir nichts wis­sen kön­nen«, so ist das Resul­tat, und etwas durch­aus ande­res, als wenn die­ser Satz von einem Stu­den­ten im ers­ten Semes­ter über­nom­men wird, um damit sei­ne Faul­heit zu recht­fer­ti­gen (Kier­ke­gaard). Als Resul­tat ist der Satz wahr, als Vor­aus­set­zung ist er Selbst­be­trug. Das bedeu­tet, daß eine Erkennt­nis nicht getrennt wer­den kann von der Exis­tenz, in der sie gewon­nen ist. Nur wer in der Nach­fol­ge Jesu im Ver­zicht auf alles, was er hat­te, steht, darf sagen, daß er allein aus Gna­den gerecht wer­de. Er erkennt den Ruf in die Nach­fol­ge selbst als Gna­de und die Gna­de als die­sen Ruf. Wer sich aber mit die­ser Gna­de von der Nach­fol­ge dis­pen­sie­ren will, betrügt sich selbst. Aber geriet nicht Luther selbst in die gefähr­lichs­te Nähe die­ser völ­li­gen Ver­keh­rung im Ver­ständ­nis der Gna­de? Was bedeu­tet es, wenn Luther sagen kann: »Pec­ca for­ti­ter, sed for­ti­us fide et gau­de in Chris­to« – »Sün­di­ge tap­fer, aber glau­be und freue dich in Chris­to um so tap­fe­rer!« (Anm.: End­ers III, S. 208, 118 ff.). Also, du bist nun ein­mal ein Sün­der, und kommst doch nie aus der Sün­de her­aus; ob du ein Mönch bist oder ein Welt­li­cher, ob du fromm sein willst oder böse, du ent-fliehst dem Stri­cke der Welt nicht, du sün­digst. So sün­di­ge denn tap­fer – und zwar gera­de auf die gesche­he­ne Gna­de hin! Ist das die unver­hüll­te Pro­kla­ma­ti­on der bil­li­gen Gna­de, der Frei­brief für die Sün­de, die Auf­he­bung der Nach­fol­ge? Ist das die läs­ter­li­che Auf­for­de­rung zum mut­wil­li­gen Sün­di­gen auf Gna­de hin? Gibt es eine teuf­li­sche­re Schmä­hung der Gna­de, als auf die geschenk­te Gna­de Got­tes hin zu sün­di­gen? Hat der katho­li­sche Kate­chis­mus nicht recht, wenn er hier­in die Sün­de wider den hei­li­gen Geist erkennt?

Es kommt hier zum Ver­ständ­nis alles dar­auf an, die Unter­schei­dung von Resul­tat und Vor­aus­set­zung in Anwen­dung zu brin­gen. Wird Luthers Satz zur Vor­aus­set­zung einer Gna­den­theo­lo­gie, so ist die bil­li­ge Gna­de aus­ge­ru­fen. Aber eben nicht als Anfang, son­dern ganz aus­schließ­lich als Ende, als Resul­tat, als Schluß­stein, als aller­letz­tes Wort ist Luthers Satz recht zu ver­ste­hen. Als Vor­aus­set­zung ver­stan­den, wird das pec­ca for­ti­ter zum ethi­schen Prin­zip; einem Prin­zip der Gna­de muß ja das Prin­zip des pec­ca for­ti­ter ent­spre­chen. Das ist Recht­fer­ti­gung der Sün­de. So wird Luthers Satz in sein Gegen­teil ver­kehrt. »Sün­di­ge tap­fer« – das konn­te für Luther nur die aller­letz­te Aus­kunft, der Zuspruch für den sein, der auf sei­nem Wege der Nach­fol­ge erkennt, daß er nicht sünd­los wer­den kann, der in der Furcht vor der Sün­de ver­zwei­felt an Got­tes Gna­de. Für ihn ist das »Sün­di­ge tap­fer« nicht etwa eine grund­sätz­li­che Bestä­ti­gung sei­nes unge­hor­sa­men Lebens, son­dern es ist das Evan­ge­li­um von der Gna­de Got­tes, vor dem wir immer und in jedem Stan­de Sün­der sind und das uns gera­de als Sün­der sucht und recht­fer­tigt. Beken­ne dich tap­fer zu dei­ner Sün­de, ver­su­che ihr nicht zu ent­flie­hen, aber »glau­be noch viel tap­fe­rer«. Du bist ein Sün­der, so sei nun auch ein Sün­der, wol­le nicht etwas ande­res sein, als was du bist, ja wer­de täg­lich wie­der ein Sün­der und sei tap­fer dar­in. Zu wem aber darf das gesagt sein als zu dem, der täg­lich von Her­zen der Sün­de absagt, der täg­lich allem absagt, was ihn an der Nach­fol­ge Jesu hin­dert, und der doch unge­trös­tet ist über sei­ne täg­li­che Untreue und Sün­de? Wer anders kann das ohne Gefahr für sei­nen Glau­ben hören, als der, der sich durch sol­chen Trost erneut in die Nach­fol­ge Chris­ti geru­fen weiß? So wird Luthers Satz, als Resul­tat ver­stan­den, zur teu­ren Gna­de, die allein Gna­de ist.

Gna­de als Prin­zip, pec­ca for­ti­ter als Prin­zip, bil­li­ge Gna­de ist zuletzt nur ein neu­es Gesetz, das nicht hilft und nicht befreit. Gna­de als leben­di­ges Wort, pec­ca for­ti­ter als Trost in der Anfech­tung und Ruf in die Nach­fol­ge, teu­re Gna­de ist allein rei­ne Gna­de, die wirk­lich Sün­den ver­gibt und den Sün­der befreit. Wie die Raben haben wir uns um den Leich­nam der bil­li­gen Gna­de gesam­melt; von ihr emp­fin­gen wir das Gift, an dem die Nach­fol­ge Jesu unter uns starb. Die Leh­re von der rei­nen Gna­de erfuhr zwar eine Apo­theo­se ohne­glei­chen, die rei­ne Leh­re von der Gna­de wur­de Gott selbst, die Gna­de selbst. Über­all Luthers Wor­te und doch aus der Wahr­heit in Selbst­be­trug ver­kehrt. Hat unse­re Kir­che nur die Leh­re von der Recht­fer­ti­gung, dann ist sie gewiß auch eine gerecht­fer­tig­te Kir­che! so hieß es. Dar­in soll­te also das rech­te Erbe Luthers erkenn­bar wer­den, daß man die Gna­de so bil­lig wie mög­lich mach­te. Das soll­te luthe­risch hei­ßen, daß man die Nach­fol­ge Jesu den Gesetz­li­chen, den Refor­mier­ten oder den Schwär­mern über­ließ, alles um der Gna­de wil­len; daß man die Welt recht­fer­tig­te und die Chris­ten in der Nach­fol­ge zu Ket­zern mach­te. Ein Volk war christ­lich, war luthe­risch gewor­den, aber auf Kos­ten der Nach­fol­ge, zu einem all­zu bil­li­gen Preis. Die bil­li­ge Gna­de hat­te gesiegt.

Aber wis­sen wir auch, daß die­se bil­li­ge Gna­de in höchs­tem Maße unbarm­her­zig gegen uns gewe­sen ist? Ist der Preis, den wir heu­te mit dem Zusam­men­bruch der orga­ni­sier­ten Kir­chen zu zah­len haben, etwas ande­res als eine not­wen­di­ge Fol­ge der zu bil­lig erwor­be­nen Gna­de? Man gab die Ver­kün­di­gung und die Sakra­men­te bil­lig, man tauf­te, man kon­fir­mier­te, man absol­vier­te ein gan­zes Volk, unge­fragt und bedin­gungs­los, man gab das Hei­lig­tum aus mensch­li­cher Lie­be den Spöt­tern und Ungläu­bi­gen, man spen­de­te Gna­den­strö­me ohne Ende, aber der Ruf in die stren­ge Nach­fol­ge Chris­ti wur­de sel­te­ner gehört. Wo blie­ben die Erkennt­nis­se der alten Kir­che, die im Tauf­kat­echu­me­nat so sorg­sam über der Gren­ze zwi­schen Kir­che und Welt, über der teu­ren Gna­de wach­te? Wo blie­ben die War­nun­gen Luthers vor einer Ver­kün­dung des Evan­ge­li­ums, die die Men-schen sicher mach­te in ihrem gott­lo­sen Leben? Wann wur­de die Welt grau­en-vol­ler und heil­lo­ser chris­tia­ni­siert als hier? Was sind die 3000 von Karl dem Gro­ßen am Lei­be getö­te­ten Sach­sen gegen­über den Mil­lio­nen getö­te­ter See­len heu­te? Es ist an uns wahr gewor­den, daß die Sün­de der Väter an den Kin­dern heim­ge­sucht wird bis ins drit­te und vier­te Glied. Die bil­li­ge Gna­de war unse­rer evan­ge­li­schen Kir­che sehr unbarm­her­zig.

Unbarm­her­zig ist die bil­li­ge Gna­de gewiß auch den meis­ten von uns ganz per­sön­lich gewe­sen. Sie hat uns den Weg zu Chris­tus nicht geöff­net, son­dern ver­schlos­sen. Sie hat uns nicht in die Nach­fol­ge geru­fen, son­dern in Unge-hor­sam hart gemacht. Oder war es nicht unbarm­her­zig und hart, wenn wir dort, wo wir den Ruf in die Nach­fol­ge Jesu wohl ein­mal gehört hat­ten als den Gna­den­ruf Chris­ti, wo wir viel­leicht ein­mal die ers­ten Schrit­te der Nach­fol­ge in der Zucht des Gehor­sams gegen das Gebot gewagt hat­ten, über­fal­len wur­den mit dem Wort von der bil­li­gen Gna­de? Konn­ten wir die­ses Wort anders hören, als daß es unse­ren Weg auf­hal­ten woll­te mit dem Ruf zu einer höchst welt­li­chen Nüch­tern­heit, daß es die Freu­dig­keit zur Nach­fol­ge in uns erstick­te mit dem Hin­weis, das alles sei ja nur unser selbst­ge­wähl­ter Weg, ein Auf­wand an Kraft, Anstren­gung und Zucht, der unnö­tig, ja höchst gefähr­lich sei? denn es sei ja eben in der Gna­de schon alles bereit und voll­bracht! Der glim­men­de Docht wur­de unbarm­her­zig aus­ge­löscht. Es war unbarm­her­zig, zu einem Men­schen so zu reden, weil er, durch sol­ches bil­li­ges Ange­bot ver­wirrt, sei­nen Weg ver­las­sen muß­te, auf den ihn Chris­tus rief, weil er nun nach der bil­li­gen Gna­de griff, die ihm die Erkennt­nis der teu­ren Gna­de für immer ver­sperr­te. Es konn­te ja auch nicht anders kom­men, als daß der betro­ge­ne schwa­che Mensch sich im Besitz der bil­li­gen Gna­de auf ein­mal stark fühl­te und in Wirk­lich­keit die Kraft zum Gehor­sam, zur Nach­fol­ge ver­lo­ren hat­te. Das Wort von der bil­li­gen Gna­de hat mehr Chris­ten zugrun­de gerich­tet als irgend­ein Gebot der Wer­ke. Wir wol­len nun in allem fol­gen­den das Wort für die­je­ni­gen ergrei­fen, die eben dar­in ange­foch­ten sind, denen das Wort der Gna­de erschre­ckend leer gewor­den ist. Es muß um der Wahr­haf­tig­keit wil­len für die unter uns gespro­chen wer­den, die beken­nen, daß sie mit der bil­li­gen Gna­de die Nach­fol­ge Chris­ti ver­lo­ren haben und mit der Nach­fol­ge Chris­ti wie­der­um das Ver­ständ­nis der teu­ren Gna­de. Ein­fach, weil wir es nicht leug­nen wol­len, daß wir nicht mehr in der rech­ten Nach­fol­ge Chris­ti ste­hen, daß wir wohl Glie­der einer recht­gläu­bi­gen Kir­che der rei­nen Leh­re von der Gna­de, aber nicht mehr eben­so Glie­der einer nach­fol­gen­den Kir­che sind, muß der Ver­such gemacht wer­den, Gna­de und Nach­fol­ge wie­der in ihrem rech­ten Ver­hält­nis zuein­an­der zu ver­ste­hen. Hier dür­fen wir heu­te nicht mehr aus­wei­chen. Immer deut­li­cher erweist sich die Not unse­rer Kir­che als die eine Fra­ge, wie wir heu­te als Chris­ten leben kön­nen.

Wohl denen, die schon am Ende des Weges, den wir gehen wol­len, ste­hen und stau­nend begrei­fen, was wahr­haf­tig nicht begreif­lich erscheint, daß Gna­de teu­er ist, gera­de weil sie rei­ne Gna­de, weil sie Gna­de Got­tes in Jesus Chris­tus ist. Wohl denen, die in ein­fäl­ti­ger Nach­fol­ge Jesu Chris­ti von die­ser Gna­de über­wun­den sind, daß sie mit demü­ti­gem Geist die allein­wirk­sa­me Gna­de Chris­ti loben dür­fen. Wohl denen, die in der Erkennt­nis sol­cher Gna­de in der Welt leben kön­nen, ohne sich an sie zu ver­lie­ren, denen in der Nach­fol­ge Jesu Chris­ti das himm­li­sche Vater­land so gewiß gewor­den ist, daß sie wahr­haft frei sind für das Leben in die­ser Welt. Wohl ihnen, für die Nach­fol­ge Jesu Chris­ti nichts heißt, als Leben aus der Gna­de, und für die Gna­de nichts heißt, als Nach­fol­ge. Wohl ihnen, die in die­sem Sin­ne Chris­ten gewor­den sind, denen das Wort der Gna­de barm­her­zig war.