Bon­hoef­fer wur­de im April 1945 hin­ge­rich­tet, somit ist sein Werk seit dem 1. Janu­ar 2016 gemein­frei. Wir ver­öf­fent­li­chen hier sein Buch »Nach­fol­ge« aus dem Jahr 1938 in ein­zel­nen Kapi­tel jeweils mitt­wochs um 18 Uhr.

Das Mate­ri­al eig­net sich auch gut, es mit einem Haus­kreis o.ä. zu beden­ken.

Der Ruf in die Nach­fol­ge.

»Und da Jesus vor­über­ging, sah er Levi, den Sohn des Alphä­us, am Zoll sit­zen und sprach zu ihm: Fol­ge mir nach! Und er stand auf und folg­te ihm nach« (Mk. 2,14).

Der Ruf ergeht, und ohne jede wei­te­re Ver­mitt­lung folgt die gehor­sa­me Tat des Geru­fe­nen. Die Ant­wort des Jün­gers ist nicht ein gespro­che­nes Bekennt­nis des Glau­bens an Jesus, son­dern das gehor­sa­me Tun. Wie ist die­ses unmit­tel­ba­re Gegen­über von Ruf und Gehor­sam mög­lich? Es ist der natür­li­chen Ver­nunft über­aus anstö­ßig, sie muß sich bemü­hen, die­ses har­te Auf­ein­an­der zu tren­nen, es muß etwas dazwi­schen­tre­ten, es muß etwas erklärt wer­den. Es muß unter allen Umstän­den eine Ver­mitt­lung gefun­den wer­den, eine psy­cho­lo­gi­sche, eine his­to­ri­sche. Man stellt die törich­te Fra­ge, ob nicht der Zöll­ner Jesus schon vor­her gekannt habe und daher bereit gewe­sen sei, auf sei­nen Ruf hin zu fol­gen. Eben hier­über aber schweigt der Text hart­nä­ckig, es liegt ihm ja gera­de alles an dem gänz­lich unver­mit­tel­ten Gegen­über von Ruf und Tat. Psy­cho­lo­gi­sche Begrün­dun­gen für die from­men Ent­schei­dun­gen eines Men­schen inter­es­sie­ren ihn nicht. War­um nicht? Weil es nur eine ein­zi­ge gül­ti­ge Begrün­dung für die­ses Gegen­über von Ruf und Tat gibt: Jesus Chris­tus selbst. Er ist es, der ruft. Dar­um folgt der Zöll­ner. Die unbe­ding­te, unver­mit­tel­te und unbe­gründ­ba­re Auto­ri­tät Jesu wird in die­ser Begeg­nung bezeugt. Nichts geht hier vor­aus, und es folgt nichts ande­res als der Gehor­sam des Geru­fe­nen. Daß Jesus der Chris­tus ist, gibt ihm Voll­macht zu rufen und auf sein Wort Gehor­sam zu for­dern. Jesus ruft in die Nach­fol­ge, nicht als Leh­rer und Vor­bild, son­dern als der Chris­tus, der Sohn Got­tes. So wird in die­sem kur­zen Text Jesus Chris­tus und sein Anspruch auf den Men­schen ver­kün­digt, sonst nichts. Kein Lob fällt auf den Jün­ger, auf sein ent­schie­de­nes Chris­ten­tum. Der Blick soll nicht auf ihn fal­len, son­dern allein auf den, der ruft, auf sei­ne Voll­macht. Auch nicht ein Weg zum Glau­ben, zur Nach­fol­ge ist gewie­sen, es gibt kei­nen ande­ren Weg zum Glau­ben als den Gehor­sam gegen den Ruf Jesu.

Was wird über den Inhalt der Nach­fol­ge gesagt? Fol­ge mir nach, lau­fe hin­ter mir her! Das ist alles. Hin­ter ihm her­ge­hen, das ist etwas schlecht­hin Inhalt­lo­ses. Es ist wahr­haf­tig kein Lebens­pro­gramm, des­sen Ver­wirk­li­chung sinn­voll erschei­nen könn­te, kein Ziel, kein Ide­al, dem nach­ge­strebt wer­den soll­te. Es ist gar kei­ne Sache, für die es sich nach mensch­li­cher Mei­nung ver­lohn­te, irgend­et­was oder gar sich selbst ein­zu­set­zen. Und was geschieht? Der Geru­fe­ne ver­läßt alles, was er hat, nicht, um damit etwas beson­ders Wert­vol­les zu tun, son­dern ein­fach um des Rufes wil­len, weil er sonst nicht hin­ter Jesus her­ge­hen kann. Die­sem Tun ist an sich nicht der gerings­te Wert bei­gemes­sen. Es bleibt in sich selbst etwas völ­lig Bedeu­tungs­lo­ses, Unbe­acht­li­ches. Die Brü­cken wer­den abge­bro­chen, und es wird ein­fach vor­wärts­ge­gan­gen. Man ist her­aus­ge­ru­fen und soll »her­aus­tre­ten« aus der bis­he­ri­gen Exis­tenz, man soll »exis­tie­ren« im stren­gen Sinn des Wor­tes. Das Alte bleibt zurück, es wird ganz hin­ge­ge­ben. Aus den rela­ti­ven Siche­run­gen des Lebens her­aus in die völ­li­ge Unsi­cher­heit (d. h. in Wahr­heit in die abso­lu­te Sicher­heit und Gebor­gen­heit der Gemein­schaft Jesu); aus dem über­seh­ba­ren und Bere­chen­ba­ren (d. h. dem in Wahr­heit ganz Unbe­re­chen­ba­ren) in das gänz­lich Unüber­seh­ba­re, Zufäl­li­ge (d. h. in Wahr­heit in das ein­zig Not­wen­di­ge und Bere­chen­ba­re); aus dem Bereich der end­li­chen Mög­lich­kei­ten (d. h. in Wahr­heit der unend­li­chen Mög­lich­kei­ten) in den Bereich der unend­li­chen Mög-lich­kei­ten (d. h. in Wahr­heit in die ein­zig befrei­en­de Wirk­lich­keit) ist der Jün­ger gewor­fen. Das ist wie­der­um kein all­ge­mei­nes Gesetz; viel­mehr das genaue Gegen­teil von aller Gesetz­lich­keit. Es ist aber­mals nichts ande­res, als die Bin­dung an Jesus Chris­tus allein, d. h. gera­de die voll­kom­me­ne Durch­bre­chung jeder Pro­gram­ma­tik, jeder Idea­li­tät, jeder Gesetz­lich­keit. Dar­um ist kein wei­te­rer Inhalt mög­lich, weil Jesus der ein­zi­ge Inhalt ist. Neben Jesus gibt es hier kei­ne Inhal­te mehr. Er selbst ist es.

Der Ruf in die Nach­fol­ge ist also Bin­dung an die Per­son Jesu Chris­ti allein, Durch­bre­chung aller Gesetz­lich­kei­ten durch die Gna­de des­sen, der ruft. Er ist gnä­di­ger Ruf, gnä­di­ges Gebot. Er ist jen­seits der Feind­schaft von Gesetz und Evan­ge­li­um. Chris­tus ruft, der Jün­ger folgt. Das ist Gna­de und Gebot in einem. »Ich wand­le fröh­lich, denn ich suche dei­ne Befeh­le« (Psalm 119,45).

Nach­fol­ge ist Bin­dung an Chris­tus; weil Chris­tus ist, dar­um muß Nach­fol­ge sein. Eine Idee von Chris­tus, ein Lehr­sys­tem, eine all­ge­mei­ne reli­giö­se Erkennt­nis von der Gna­de oder Sün­den­ver­ge­bung macht Nach­fol­ge nicht not­wen­dig, ja schließt sie in Wahr­heit aus, ist der Nach­fol­ge feind­lich. Zu einer Idee tritt man in ein Ver­hält­nis der Erkennt­nis, der Begeis­te­rung, viel­leicht auch der Ver­wirk­li­chung, aber nie­mals der per­sön­li­chen gehor­sa­men Nach­fol­ge. Ein Chris­ten­tum ohne den leben­di­gen Jesus Chris­tus bleibt not­wen­dig ein Chris­ten­tum ohne Nach­fol­ge, und ein Chris­ten­tum ohne Nach­fol­ge ist immer ein Chris­ten­tum ohne Jesus Chris­tus; es ist Idee, Mythos. Ein Chris­ten­tum, in dem es nur den Vater­gott, aber nicht Chris­tus als leben­di­gen Sohn gibt, hebt die Nach­fol­ge gera­de­zu auf. Hier gibt es Gott­ver­trau­en, aber nicht Nach­fol­ge. Allein weil der Sohn Got­tes Mensch wur­de, weil er Mitt­ler ist, ist Nach­fol­ge das rech­te Ver­hält­nis zu ihm. Nach­fol­ge ist gebun­den an den Mitt­ler, und wo von Nach­fol­ge recht gespro­chen wird, dort wird von dem Mitt­ler Jesus Chris­tus, dem Sohn Got­tes gespro­chen. Nur der Mitt­ler, der Gott­mensch kann in die Nach­fol­ge rufen. Nach­fol­ge ohne Jesus Chris­tus ist Eigen­wahl eines viel­leicht idea­len Weges, viel­leicht eines Mär­ty­rer­we­ges, aber sie ist ohne Ver­hei­ßung. Jesus muß sie ver­wer­fen.

»Und sie gin­gen in einen ande­ren Markt. Es begab sich aber, da sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir fol­gen, wo du hin gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füch­se haben Gru­ben, und die Vögel unter dem Him­mel haben Nes­ter; aber des Men­schen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege. Und er sprach zu einem ande­ren: Fol­ge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlau­be mir, daß ich zuvor hin­ge­he und mei­nen Vater begra­be. Aber Jesus sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begra­ben; gehe du aber hin und ver­kün­di­ge das Reich Got­tes! Und ein ande­rer sprach: Herr, ich will dir nach­fol­gen; aber erlau­be mir zuvor, daß ich einen Abschied mache mit denen, die in mei­nem Hau­se sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer sei­ne Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Rei­che Got­tes« (Lk. 9,57–62).

Der ers­te Jün­ger trägt Jesus die Nach­fol­ge selbst an, er ist nicht geru­fen, die Ant­wort Jesu ver­weist den Begeis­ter­ten dar­auf, daß er nicht weiß, was er tut. Er kann es gar nicht wis­sen. Das ist der Sinn der Ant­wort, in der dem Jün­ger das Leben mit Jesus in sei­ner Wirk­lich­keit gezeigt wird. Hier spricht der, der zum Kreuz geht, des­sen gan­zes Leben im Apos­to­li­kum mit dem einen Wort »gelit­ten« bezeich­net wird. Das kann kein Mensch aus eig­ner Wahl wol­len. Es kann sich kei­ner selbst rufen, sagt Jesus, und sein Wort bleibt ohne Ant­wort. Die Kluft zwi­schen dem frei­en Ange­bot der Nach­fol­ge und der wirk­li­chen Nach­fol­ge bleibt auf­ge­ris­sen.

Wo aber Jesus selbst ruft, da über­win­det er auch die tiefs­te Kluft. Der zwei­te will sei­nen Vater begra­ben, bevor er nach­folgt. Das Gesetz bin­det ihn. Er weiß, was er tun will und tun muß. Erst soll das Gesetz erfüllt wer­den, dann will er fol­gen. Ein kla­res Gebot des Geset­zes steht hier zwi­schen dem Geru­fe­nen und Jesus. Dem tritt der Ruf Jesu mäch­tig ent­ge­gen, gera­de jetzt unter kei­nen Umstän­den irgend­et­was zwi­schen Jesus und den Geru­fe­nen tre­ten zu las­sen, und sei es das Größ­te und Hei­ligs­te, sei es das Gesetz. Gera­de jetzt muß es gesche­hen, daß um Jesu wil­len das Gesetz, das sich dazwi­schen­stel­len woll­te, durch­bro­chen wird; denn es hat zwi­schen Jesus und dem Geru­fe­nen kein Recht mehr. So stellt sich Jesus hier gegen das Gesetz und gebie­tet Nach­fol­ge. So redet allein der Chris­tus. Er behält das letz­te Wort. Der Ande­re kann nicht wider­stre­ben. Die­ser Ruf, die­se Gna­de ist unwi­der­steh­lich.

Der drit­te ver­steht die Nach­fol­ge wie der ers­te als allein von ihm zu leis­ten­des Ange­bot, als eige­nes, selbst­ge­wähl­tes Lebens­pro­gramm. Er fühlt sich aber im Unter­schied zu jenem berech­tigt, auch sei­ner­seits Bedin­gun­gen zu stel­len. Damit ver­wi­ckelt er sich in einen voll­kom­me­nen Wider­spruch. Er will sich zu Jesus stel­len, aber zugleich stellt er etwas zwi­schen sich und Jesus: »Erlau­be mir zuvor.« Er will nach­fol­gen, aber er will sich selbst die Bedin­gun­gen für die Nach­fol­ge schaf­fen. Die Nach­fol­ge ist ihm eine Mög­lich­keit, zu deren Ver­wirk­li­chung die Erfül­lung von Bedin­gun­gen und Vor­aus­set­zun­gen gehört. So wird die Nach­fol­ge etwas mensch­lich Ein­sich­ti­ges und Ver­ständ­li­ches. Erst tut man das Eine, und dann das Ande­re. Es hat alles sein Recht und sei­ne Zeit. Der Jün­ger selbst stellt sich zur Ver­fü­gung, hat aber damit auch das Recht, sei­ne Bedin­gun­gen zu stel­len. Es ist offen­bar, daß in die­sem Augen­blick Nach­fol­ge auf­hört, Nach­fol­ge zu sein. Sie wird zum mensch­li­chen Pro­gramm, das ich mir ein­tei­le nach mei­nem Urteil, das ich ratio­nal und ethisch recht­fer­ti­gen kann. Die­ser drit­te also will nach­fol­gen, aber schon indem er es aus­spricht, will er nicht mehr nach­fol­gen. Er hebt durch sein Ange­bot selbst die Nach­fol­ge auf; denn Nach­fol­ge ver­trägt kei­ne Bedin­gun­gen, die zwi­schen Jesus und den Gehor­sam tre­ten könn­ten. Die­ser drit­te gerät also nicht nur mit Jesus, son­dern schon mit sich selbst in Wider­spruch. Er will nicht, was Jesus will, und er will auch nicht, was er selbst will. Er rich­tet sich selbst, zer­fällt mit sich selbst, und dies alles durch das: »Erlau­be mir zuvor.« Die Ant­wort Jesu bestä­tigt ihm im Bil­de die­sen Zer­fall mit sich selbst, der die Nach­fol­ge aus­schließt: »Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Rei­che Got­tes.«

Nach­fol­gen heißt bestimm­te Schrit­te tun. Bereits der ers­te Schritt, der auf den Ruf hin erfolgt, trennt den Nach­fol­gen­den von sei­ner bis­he­ri­gen Exis­tenz. So schafft sich der Ruf in die Nach­fol­ge sofort eine neue Situa­ti­on. In der alten Situa­ti­on blei­ben und nach­fol­gen schließt sich aus. Das war zunächst ganz sicht­bar so. Der Zöll­ner muß­te den Zoll, Petrus die Net­ze ver­las­sen, um hin­ter Jesus her­zu­ge­hen. Es hät­te ja nach unserm Ver­ständ­nis auch damals schon durch­aus anders sein kön­nen. Jesus hät­te dem Zöll­ner eine neue Got­tes­er­kennt­nis ver­mit­teln und ihn in sei­ner alten Situa­ti­on las­sen kön­nen. Wäre Jesus nicht der mensch­ge­wor­de­ne Sohn Got­tes gewe­sen, so wäre das mög­lich. Weil aber Jesus der Chris­tus ist, dar­um muß­te es von vorn­her­ein deut­lich wer­den, daß sein Wort nicht eine Leh­re, son­dern eine Neu­schöp­fung der Exis­tenz ist. Es galt, mit Jesus wirk­lich zu gehen. Wen er rief, dem war damit gesagt, daß für ihn nur noch eine ein­zi­ge Mög­lich­keit des Glau­bens an Jesus besteht, näm­lich die, daß er alles ver­läßt und mit dem mensch­ge­wor­de­nen Sohn Got­tes geht.

Mit dem ers­ten Schritt ist der Nach­fol­gen­de in die Situa­ti­on gestellt, glau­ben zu kön­nen. Folgt er nicht, bleibt er zurück, so lernt er nicht glau­ben. Der Geru­fe­ne muß aus sei­ner Situa­ti­on, in der er nicht glau­ben kann, in die Situa­ti­on, in der aller­erst geglaubt wer­den kann. In sich hat die­ser Schritt kei­ner­lei pro­gram­ma­ti­schen Wert, er ist gerecht­fer­tigt allein durch die Gemein­schaft mit Jesus Chris­tus, die gewon­nen wird. Solan­ge Levi am Zoll sitzt oder Petrus bei den Net­zen, so lan­ge mögen sie ihren Beruf red­lich und treu tun, solan­ge mögen sie alte oder neue Got­tes­er­kennt­nis­se haben, aber wenn sie Gott glau­ben ler­nen wol­len, so müs­sen sie dem mensch­ge­wor­de­nen Sohn Got­tes fol­gen, mit ihm gehen.

Vor­her war das anders. Da konn­ten sie als die Stil­len im Lan­de uner­kannt in ihrer Arbeit leben, sie hiel­ten das Gesetz und war­te­ten auf den Mes­si­as. Jetzt aber war er da, jetzt erging sein Ruf. Jetzt hieß glau­ben nicht mehr stil­le sein und war­ten, son­dern mit ihm gehen in der Nach­fol­ge. Jetzt lös­te sein Ruf in die Nach­fol­ge alle Bin­dun­gen um der ein­zi­gen Bin­dung an Jesus Chris­tus wil­len. Jetzt muß­ten alle Brü­cken abge­bro­chen wer­den, der Schritt in die unend­li­che Unsi­cher­heit muß­te getan wer­den, um zu erken­nen, was Jesus for­dert und was Jesus gibt. Levi am Zoll hät­te Jesus wohl haben kön­nen als einen Hel­fer in aller­lei Not, aber er hät­te ihn nicht erkannt als den einen Herrn, dem er sein gan­zes Leben in die Hand legen soll, er hät­te nicht glau­ben gelernt. Es muß die Situa­ti­on geschaf­fen wer­den, in der Jesus der mensch­ge­wor­de­ne Gott geglaubt wer­den kann, die unmög­li­che Situa­ti­on, in der alles auf eines gesetzt wird, näm­lich auf das Wort Jesu. Petrus muß aus dem Schiff her­aus­tre­ten auf das schwan­ken­de Was­ser, um sei­ne Ohn­macht und die All­macht sei­nes Herrn zu erfah­ren. Wäre er nicht her­aus­ge­tre­ten, so hät­te er nicht glau­ben gelernt. Die völ­lig unmög­li­che, ethisch schlecht­hin unver­ant­wort­li­che Lage auf dem schwan­ken­den Meer muß her­aus­ge­stellt wer­den, damit geglaubt wer­den kann. Der Weg zum Glau­ben geht durch den Gehor­sam gegen den Ruf Chris­ti. Der Schritt wird gefor­dert, sonst geht der Ruf Jesu ins Lee­re, und alle ver­meint­li­che Nach­fol­ge ohne die­sen Schritt, zu dem Jesus ruft, wird zur unwah­ren Schwär­me­rei.

Die Gefahr der Unter­schei­dung einer Situa­ti­on, in der geglaubt wer­den kann, von einer sol­chen, in der nicht geglaubt wer­den kann, ist groß. Es muß dabei ganz klar sein, daß es ers­tens nie­mals in der Situa­ti­on als sol­cher liegt oder erkenn­bar ist, wel­cher Art sie ist. Allein der Ruf Jesu Chris­ti qua­li­fi­ziert sie als Situa­ti­on, in der geglaubt wer­den kann. Zwei­tens ist die Situa­ti­on, in der geglaubt wer­den kann, nie­mals vom Men­schen aus her­aus­zu­stel­len. Nach­fol­ge ist kein Ange­bot des Men­schen. Allein der Ruf schafft die Situa­ti­on. Drit­tens ent­hält die­se Situa­ti­on nie­mals in sich selbst einen eige­nen Wert. Allein durch den Ruf ist sie gerecht­fer­tigt. Schließ­lich und haupt­säch­lich ist auch die Situa­ti­on, in der geglaubt wer­den kann, bereits selbst immer nur im Glau­ben ermög­licht.

Der Begriff einer Situa­ti­on, in der geglaubt wer­den kann, ist nur die Umschrei­bung des Sach­ver­halts, in dem die fol­gen­den zwei Sät­ze gel­ten, die in glei­cher Wei­se wahr sind: Nur der Glau­ben­de ist gehor­sam, und nur der Gehor­sa­me glaubt.

Es ist eine schwe­re Ein­bu­ße an bibli­scher Treue, wenn wir den ers­ten Satz ohne den zwei­ten las­sen. Nur der Glau­ben­de ist gehor­sam, das mei­nen wir zu ver­ste­hen. Der Gehor­sam fol­ge ja dem Glau­ben, wie die gute Frucht dem guten Baum, sagen wir dann. Erst ist der Glau­be, dann erst Gehor­sam. Soll damit nur dies bezeugt sein, daß allein der Glau­be recht­fer­tigt und nicht das Tun des Gehor­sams, so ist das aller­dings die not­wen­di­ge und unum­stöß­li­che Vor­aus­set­zung für alles wei­te­re. Soll­te aber damit irgend­ei­ne zeit­li­che Bestim­mung gege­ben sein, daß erst geglaubt wer­den müs­se und spä­ter der Gehor­sam fol­ge, so wer­den Glau­be und Gehor­sam aus­ein­an­der­ge­ris­sen, und es bleibt dann die höchst prak­ti­sche Fra­ge offen, wann der Gehor­sam anzu­fan­gen habe. Der Gehor­sam bleibt vom Glau­ben getrennt. Um der Recht­fer­ti­gung wil­len müs­sen ja Glau­be und Gehor­sam getrennt wer­den, aber die­se Tren­nung darf nie­mals die Ein­heit bei­der auf­he­ben, die dar­in liegt, daß Glau­be nur im Gehor­sam exis­tiert, nie­mals ohne Gehor­sam ist, daß Glau­be nur in der Tat des Gehor­sams Glau­be ist.

Um der Unei­gent­lich­keit der Rede vom Gehor­sam als einer Fol­ge des Glau­bens wil­len, um des Hin­wei­ses auf die unauf­lös­li­che Ein­heit von Glau­ben und Ge-hor­sam wil­len muß nun dem Satz, daß nur der Glau­ben­de gehor­sam sei, der ande­re gegen­über­ge­stellt wer­den: Nur der Gehor­sa­me glaubt. Ist dort der Glau­be die Vor­aus­set­zung des Gehor­sams, so ist hier der Gehor­sam die Vor­aus­set­zung des Glau­bens. In genau der­sel­ben Wei­se, in der der Gehor­sam Fol­ge des Glau­bens genannt wird, ist er auch Vor­aus­set­zung des Glau­bens zu nen­nen. Nur der Gehor­sa­me glaubt. Es muß Gehor­sam geleis­tet wer­den gegen einen kon­kre­ten Befehl, damit geglaubt wer­den kann. Es muß ein ers­ter Schritt des Gehor­sams gegan­gen wer­den, damit Glau­be nicht from­mer Selbst­be­trug, bil­li­ge Gna­de wer­de. Es liegt an dem ers­ten Schritt. Er ist von allen fol­gen­den qua­li­ta­tiv unter­schie­den. Der ers­te Schritt des Gehor­sams muß den Petrus fort von den Net­zen, aus dem Schiff her­aus, muß den Jüng­ling aus dem Reich­tum füh­ren. Nur in die­ser neu­en, durch den Gehor­sam geschaf­fe­nen Exis­tenz kann geglaubt wer­den.

Die­ser ers­te Schritt ist nun zuerst zu betrach­ten als das äußer­li­che Werk, das im Ver­tau­schen einer Exis­ten­zwei­se mit einer ande­ren besteht. Die­sen Schritt kann jeder tun. Der Mensch hat Frei­heit dazu. Es ist ein Tun inner­halb der ius­ti­tia civi­lis, in der der Mensch frei ist. Petrus kann sich nicht bekeh­ren, aber er kann sei­ne Net­ze ver­las­sen. Inhalt­lich ist in den Evan­ge­li­en mit dem ers­ten Schritt bereits ein Tun gefor­dert, das das Lebens­gan­ze betrifft. Die römi­sche Kir­che ver­lang­te einen sol­chen Schritt nur als die außer­or­dent­li­che Mög­lich­keit des Mönch­tums, wäh­rend für die ande­ren Gläu­bi­gen die Bereit­schaft genüg­te, sich der Kir­che und ihren Gebo­ten bedin­gungs­los zu unter­wer­fen. Auch in den luthe­ri­schen Bekennt­nis­schrif­ten ist in bedeut­sa­mer Wei­se die Wich­tig­keit eines ers­ten Schrit­tes erkannt: Nach­dem die Gefahr des syn­er­gis­ti­schen Miß­ver­ständ­nis­ses grund­sätz­lich besei­tigt ist, kann und muß ein Raum gelas­sen wer­den für jenes ers­te äuße­re Tun, das zum Glau­ben gefor­dert wird: Es ist hier der Schritt zur Kir­che, in der das Wort des Heils gepre­digt wird. Die­ser Schritt kann in vol­ler Frei­heit getan wer­den. Komm zur Kir­che! das kannst du kraft dei­ner mensch­li­chen Frei­heit. Du kannst am Sonn­tag dein Haus ver­las­sen und zur Pre­digt gehen. Tust du es nicht, so schließt du dich will­kür­lich von dem Ort aus, an dem geglaubt wer­den kann. Damit bezeu­gen die luthe­ri­schen Bekennt­nis­schrif­ten, daß sie von einer Situa­ti­on wis­sen, in der geglaubt wer­den kann, und von einer sol­chen, in der Glau­be nicht mög­lich ist. Zwar bleibt die­se Erkennt­nis hier sehr im Ver­steck, fast als schä­me man sich ihrer, aber sie ist vor­han­den als eine und die­sel­be Erkennt­nis von der Bedeu­tung des ers­ten Schrit­tes als eines äuße­ren Tuns. Ist die­se Erkennt­nis gesi­chert, dann muß als zwei­tes gesagt wer­den, daß die­ser ers­te Schritt als rein äußer­li­ches Tun ein totes Werk des Geset­zes ist und bleibt, das durch sich selbst nie­mals zu Chris­tus führt. Als äuße­res Tun bleibt die neue Exis­tenz durch­aus die alte; es wird bes­ten­falls ein neu­es Lebens­ge­setz, ein neu­er Lebens­stil erreicht, der aber nichts mit dem neu­en Leben mit Chris­tus zu tun hat. Der Trin­ker, der den Alko­hol läßt, der Rei­che, der sein Geld weg­gibt, wird dadurch wohl vom Alko­hol und vom Gel­de frei, aber nicht von sich selbst. Er bleibt also ganz bei sich selbst, mög­li­cher­wei­se näher bei sich selbst als vor­her, er bleibt unter der For­de­rung des Wer­kes ganz im Tode des alten Lebens. Zwar muß das Werk getan wer­den, aber es führt durch sich selbst aus dem Tod, dem Unge­hor­sam und der Gott­lo­sig­keit nicht her­aus. Ver­ste­hen wir selbst etwa unsern ers­ten Schritt als Vor­aus­set­zung für die Gna­de, für den Glau­ben, so sind wir dar­in durch unser Werk schon gerich­tet und von der Gna­de gänz­lich abge­schnit­ten. Dabei ist in das äuße­re Werk alles ein­ge­schlos­sen, was wir Gesin­nung, guten Vor­satz zu nen­nen pfle­gen, alles was die römi­sche Kir­che face­re quod in se est nennt. Tun wir den ers­ten Schritt in der Absicht, uns damit in die Situa­ti­on des Glau­ben­kön­nens zu ver­set­zen, so ist auch die­ses Glau­ben­kön­nen wie­der nichts als ein Werk, als eine neue Lebens­mög­lich­keit inner­halb unse­rer alten Exis­tenz und damit völ­lig miß­ver­stan­den, wir blei­ben im Unglau­ben.

Und doch muß das äuße­re Werk gesche­hen, doch müs­sen wir in die Situa­ti­on des Glau­ben­kön­nens hin­ein. Wir müs­sen den Schritt tun. Was heißt das? Es heißt, daß die­ser Schritt nur recht geschieht, wenn wir ihn nicht im Blick auf unser Werk, das getan wer­den muß, son­dern allein im Blick auf das Wort Jesu Chris­ti hin tun, das uns dazu ruft. Petrus weiß, er darf nicht eigen­mäch­tig aus dem Schiff stei­gen, der ers­te Schritt wäre schon sein Unter­gang, dar­um ruft er: »Hei­ße mich zu dir kom­men auf dem Was­ser« und Chris­tus ant­wor­tet: »Komm her.« Also Chris­tus muß geru­fen haben, allein auf sein Wort hin kann der Schritt getan wer­den. Die­ser Ruf ist sei­ne Gna­de, die aus dem Tod in das neue Leben des Gehor­sams ruft. Jetzt aber, da Chris­tus geru­fen hat, muß Petrus aus dem Schiff her­aus, um zu Chris­tus zu kom­men. So ist in der Tat der ers­te Schritt des Gehor­sams schon selbst ein Tun des Glau­bens an das Wort Chris­ti. Es wür­de aber den Glau­ben als Glau­ben völ­lig ver­ken­nen, wenn nun dar­aus wie­der geschlos­sen wür­de, es sei also der ers­te Schritt doch nicht mehr nötig, weil doch der Glau­be schon da sei. Dem­ge­gen­über muß dann gera­de­zu der Satz gewagt wer­den: erst muß der Schritt des Gehor­sams getan sein, ehe geglaubt wer­den kann. Der Unge­hor­sa­me kann nicht glau­ben.

Du beklagst dich dar­über, daß du nicht glau­ben kannst? Es darf sich kei­ner wun­dern, wenn er nicht zum Glau­ben kommt, solan­ge er sich an irgend­ei­ner Stel­le in wis­sent­li­chem Unge­hor­sam dem Gebot Jesu wider­setzt oder ent­zieht. Du willst irgend­ei­ne sün­di­ge Lei­den­schaft, eine Feind­schaft, eine Hoff­nung, dei­ne Lebens­plä­ne, dei­ne Ver­nunft nicht dem Gebot Jesu unter­wer­fen? Wun­de­re dich nicht, daß du den hei­li­gen Geist nicht emp­fängst, daß du nicht beten kannst, daß dein Gebet um den Glau­ben leer bleibt! Gehe viel­mehr hin und ver­söh­ne dich mit dei­nem Bru­der, laß von der Sün­de, die dich gefan­gen­hält, und du wirst wie­der glau­ben kön­nen! Willst du Got­tes gebie­ten­des Wort aus­schla­gen, so wirst du auch sein gnä­di­ges Wort nicht emp­fan­gen. Wie soll­test du die Gemein­schaft des­sen fin­den, dem du dich wis­sent­lich an irgend­ei­ner Stel­le ent­ziehst? Der Unge­hor­sa­me kann nicht glau­ben, nur der Gehor­sa­me glaubt.

Hier wird der gnä­di­ge Ruf Jesu Chris­ti in die Nach­fol­ge zum har­ten Gesetz: Tue dies! Laß jenes! Komm her­aus aus dem Schiff zu Jesus! Wer mit sei­nem Glau­ben oder sei­nem Unglau­ben sei­nen tat­säch­li­chen Unge­hor­sam gegen den Ruf Jesu ent­schul­digt, zu dem sagt Jesus: Erst sei gehor­sam, tue das äuße­re Werk, laß, was dich bin­det, gib auf, was dich vom Wil­len Got­tes schei­det! Sage nicht: Ich habe den Glau­ben dazu nicht. Du hast ihn solan­ge nicht, als du in Unge­hor­sam bleibst, solan­ge du den ers­ten Schritt nicht tun willst. Sage nicht: Ich habe ja den Glau­ben, ich brau­che den ers­ten Schritt nicht mehr zu tun. Du hast ihn nicht, solan­ge und weil du den Schritt nicht tun willst, son­dern dich im Unglau­ben unter dem Schein des demü­ti­gen Glau­bens ver­stockst. Es ist eine böse Aus­flucht, vom man­geln­den Gehor­sam auf den man­geln­den Glau­ben und vom man­geln­den Glau­ben wie­der auf den man­geln­den Gehor­sam zurück­zu­ver­wei­sen. Es ist der Unge­hor­sam der »Glau­ben­den«, dort wo ihr Gehor­sam gefor­dert wird, ihren Unglau­ben zu beken­nen und mit die­sem Bekennt­nis (Mk. 9,24) Spiel zu trei­ben. Glaubst du – so tu den ers­ten Schritt! Er führt zu Jesus Chris­tus. Glaubst du nicht – so tu eben den­sel­ben Schritt, er ist dir gebo­ten! Die Fra­ge nach dei­nem Glau­ben oder dei­nem Unglau­ben ist dir nicht auf­ge­tra­gen, son­dern die Tat des Gehor­sams ist dir befoh­len und sofort zu tun. In ihr wird die Situa­ti­on gege­ben, in der Glau­be mög­lich wird und wirk­lich exis­tiert. Also nicht es gibt, son­dern Er gibt dir eine Situa­ti­on, in der du glau­ben kannst. In jene Situa­ti­on gilt es zu kom­men, damit der Glau­be rech­ter Glau­be und nicht Selbst­be­trug sei. Gera­de weil es allein um das rech­te Glau­ben an Jesus Chris­tus geht, weil der Glau­be allein das Ziel ist und bleibt (»aus Glau­ben in Glau­ben«, Römer 1,17), ist die­se Situa­ti­on uner­läß­lich. Wer hier all­zu­schnell und all­zu pro­tes­tan­tisch pro­tes­tiert, der muß sich fra­gen las­sen, ob es nicht die bil­li­ge Gna­de sei, für die er spricht. Denn in der Tat kön­nen die bei­den Sät­ze, wenn sie nur neben­ein­an­der ste­hen blei­ben, dem rech­ten Glau­ben nicht zum Anstoß wer­den, wäh­rend frei­lich jeder für sich allein ein gro­ßes Ärger­nis sein muß. Nur der Glau­ben­de ist gehor­sam – das ist dem Gehor­sa­men im Glau­ben­den gesagt; nur der Gehor­sa­me glaubt – das ist dem Glau­ben­den im Gehor­sa­men gesagt. Bleibt der ers­te Satz allein, so wird der Glau­ben­de der bil­li­gen Gna­de, d. h. der Ver­damm­nis aus­ge­lie­fert; bleibt der zwei­te Satz allein, so wird der Glau­ben­de dem Werk, d. h. der Ver­damm­nis aus­ge­lie­fert. Von hier aus dür­fen wir nun einen Blick tun in die christ­li­che Seel­sor­ge. Es ist für den Seel­sor­ger von gro­ßer Wich­tig­keit, daß er aus der Kennt­nis bei­der Sät­ze spricht. Er muß wis­sen, daß die Kla­ge über den Man­gel an Glau­ben immer wie­der aus bewuß­tem oder schon nicht mehr bewuß­tem Unge­hor­sam kommt, und daß die­ser Kla­ge all­zu leicht der Trost der bil­li­gen Gna­de ent­spricht. Dabei bleibt aber der Unge­hor­sam unge­bro­chen, und das Wort von der Gna­de wird zu dem Trost, den sich der Unge­hor­sa­me selbst zuspricht, zu der Sün­den­ver­ge­bung, die er sich selbst erteilt. Damit aber wird ihm die Ver­kün­di­gung leer, er hört sie nicht mehr. Und ob er sich tau­send­mal die Sün­den selbst ver­gibt, ver­mag er doch nicht an die wirk­li­che Ver­ge­bung zu glau­ben, eben weil sie ihm in Wahr­heit auch gar nicht geschenkt wor­den ist. Der Unglau­be nährt sich an der bil­li­gen Gna­de, weil er im Unge­hor­sam behar­ren will. Das ist eine häu­fi­ge Situa­ti­on in der heu­ti­gen christ­li­chen Seel­sor­ge. Es muß nun dahin kom­men, daß sich der Mensch durch selbst­er­teil­te Sün­den­ver­ge­bung in sei­nem Unge­hor­sam ver­stockt, daß er vor­gibt, das Gute und das Gebot Got­tes nicht erken­nen zu kön­nen. Es sei zwei­deu­tig und las­se man­cher­lei Aus­le­gun­gen zu. Das anfäng­lich noch kla­re Wis­sen um den Unge­hor­sam ver­dun­kelt sich mehr und mehr und wird zur Ver­sto­ckung. Hier hat sich der Unge­hor­sa­me selbst so ver­fan­gen und ver­strickt, daß er das Wort nicht mehr hören kann. Hier kann in der Tat nicht mehr geglaubt wer­den. Es wird sich dann zwi­schen dem Ver­stock­ten und dem Seel­sor­ger etwa fol­gen­des Gespräch erge­ben: »Ich kann nicht mehr glau­ben.« – »Höre das Wort, es wird dir gepre­digt!« – »Ich höre es, aber es sagt mir nichts, es bleibt mir leer, es geht an mir vor­bei.« – »Du willst nicht hören.« – »Doch, ich will.« – Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem das seel­sor­ger­li­che Gespräch meist abbricht, weil der Seel­sor­ger nicht weiß, wor­an er ist. Er kennt nur den einen Satz: Nur der Glau­ben­de ist gehor­sam. Mit die­sem Satz ver­mag er dem Ver­stock­ten nicht mehr zu hel­fen, der eben die­sen Glau­ben nicht hat und nicht haben kann. Der Seel­sor­ger meint also schon hier vor dem letz­ten Rät­sel zu ste­hen, daß Gott dem einen den Glau­ben schenkt, den er dem ande­ren ver­sagt. Mit die­sem Satz wird dann kapi­tu­liert. Der Ver­stock­te bleibt allein und beklagt resi­gniert wei­ter sei­ne Not. Aber gera­de hier liegt der Wen­de­punkt des Gesprächs. Die Wen­dung ist eine tota­le. Es wird nicht mehr argu­men­tiert, die Fra­gen und die Nöte des Ande­ren wer­den nicht mehr letzt­lich ernst­ge­nom­men, dafür um so mehr der Ande­re selbst, der sich hin­ter ihnen ver­ber­gen will. Jetzt geschieht der Ein­bruch in die Fes­tung, die die­ser sich gebaut hat, mit dem Satz: Nur der Gehor­sa­me glaubt. Also, das Gespräch wird abge­bro­chen, und der nächs­te Satz des Seel­sor­gers heißt: »Du bist unge­hor­sam, du ver­wei­gerst Chris­tus den Gehor­sam, du willst ein Stück eige­ner Herr­schaft für dich behal­ten. Du kannst Chris­tus nicht hören, weil du unge­hor­sam bist, du kannst die Gna­de nicht glau­ben, weil du nicht gehor­chen willst. Du ver­stockst dich an irgend­ei­ner Stel­le dei­nes Her­zens gegen den Ruf Chris­ti. Dei­ne Not ist dei­ne Sün­de.« Jetzt ist Chris­tus selbst wie­der auf dem Plan, jetzt greift er den Teu­fel im Ande­ren an, der sich bis­her hin­ter der bil­li­gen Gna­de ver­steckt hielt. Jetzt wird alles dar­auf ankom­men, daß der Seel­sor­ger die bei­den Sät­ze bereit hat: Nur der Gehor­sa­me glaubt, und nur der Glau­ben­de gehorcht. Er muß im Namen Jesu zum Gehor-sam, zur Tat, zum ers­ten Schritt auf­ru­fen. Ver­las­se, was dich bin­det und fol­ge ihm nach! In die­sem Augen­blick hängt alles an die­sem Schritt. Die Stel­lung, die der Unge­hor­sa­me bezo­gen hat­te, muß durch­bro­chen wer­den; denn in ihr konn­te Chris­tus nicht mehr gehört wer­den. Der Flücht­ling muß her­aus aus sei­nem Ver­steck, das er sich gebaut hat. Erst drau­ßen kann er wie­der frei sehen, hören, glau­ben. Zwar ist vor Chris­tus nichts damit gewon­nen, daß das Werk getan ist, es bleibt an sich ein totes Werk. Den­noch muß Petrus auf das schwan­ken­de Meer, damit er glau­ben kann.

Der Tat­be­stand ist also kurz der: Der Mensch hat sich durch den Satz, daß der Glau­ben­de allein gehor­sam sei, ver­gif­tet mit der bil­li­gen Gna­de. Er bleibt im Unge­hor­sam und trös­tet sich einer Ver­ge­bung, die er sich selbst zuspricht, und ver­schließt sich damit dem Wort Got­tes. Der Ein­bruch in die Fes­tung miß­lingt, solan­ge ihm allein der Satz wie­der­holt wird, hin­ter dem er sich ver­steck­te. Es muß die Wen­dung ein­tre­ten, der Ande­re muß zum Gehor­sam geru­fen wer­den: Nur der Gehor­sa­me glaubt!

Wird einer damit auf den Weg der eige­nen Wer­ke ver­führt? Nein, viel­mehr wird er dar­auf ver­wie­sen, daß sein Glau­be kein Glau­be ist, er wird aus der Ver­stri­ckung in sich selbst befreit. Er muß in die freie Luft der Ent­schei­dung. So wird ihm der Ruf Jesu zum Glau­ben und zur Nach­fol­ge neu hör­bar gemacht.

Damit ste­hen wir bereits mit­ten in der Geschich­te vom rei­chen Jüng­ling. »Und sie­he, einer trat zu ihm und sprach: Guter Meis­ter, was soll ich Gutes tun, daß ich das ewi­ge Leben möge haben? Er aber sprach zu ihm: Was hei­ßest du mich gut? Nie­mand ist gut denn der eini­ge Gott. Willst du aber zum Leben ein­ge­hen, so hal­te die Gebo­te. Da sprach er zu ihm: Wel­che? Jesus aber sprach: »Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehe­bre­chen; du sollst nicht steh­len; du sollst nicht falsch Zeug­nis geben; ehre Vater und Mut­ter!« und: du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben wie dich selbst.« Da sprach der Jüng­ling zu ihm: Das habe ich alles gehal­ten von mei­ner Jugend auf; was fehlt mir noch? Jesus sprach zu ihm: Willst du voll­kom­men sein, so gehe hin, ver­kau­fe was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Him­mel haben; und komm und fol­ge mir nach! Da der Jüng­ling das Wort hör­te, ging er betrübt von ihm; denn er hat­te vie­le Güter« (Mtt. 19,16–22).

Die Fra­ge des Jüng­lings nach dem ewi­gen Leben ist die Fra­ge nach dem Heil, sie ist die ein­zig erns­te Fra­ge schlecht­hin. Aber es ist nicht leicht, die­se Fra­ge recht zu stel­len. Das zeigt sich dar­an, daß der Jüng­ling, der doch offen­bar die­se Fra­ge meint, im Grun­de schon eine ganz ande­re Fra­ge stellt, ja daß er tat­säch­lich der Fra­ge aus­weicht. Er rich­tet näm­lich sei­ne Fra­ge an den »guten Meis­ter«. Er will die Mei­nung, den Rat, das Urteil des guten Meis­ters, des gro­ßen Leh­rers zu die­ser Fra­ge hören. Er gibt damit zwei­er­lei zu erken­nen: Ers­tens, ihm ist sei­ne Fra­ge von größ­ter Wich­tig­keit, Jesus muß zu ihr etwas Bedeu­tungs­vol­les zu sagen haben. Zwei­tens aber erwar­tet er von dem guten Meis­ter, dem gro­ßen Leh­rer wohl eine wesent­li­che Äuße­rung, aber doch nicht eine unbe­dingt ver­bind­li­che gött­li­che Wei­sung. Die Fra­ge nach dem ewi­gen Leben ist dem Jüng­ling eine Fra­ge, über die er mit einem »guten Meis­ter« zu spre­chen und zu dis­ku­tie­ren wünscht. Aber schon hier stellt sich ihm das Wort Jesu in den Weg: »Was hei­ßest du mich gut? Nie­mand ist gut denn der eini­ge Gott.« Die Fra­ge hat schon sein Herz ver­ra­ten. Er woll­te mit einem guten Rab­bi über das ewi­ge Leben reden, jetzt bekommt er zu hören, daß er in Wahr­heit mit die­ser Fra­ge nicht vor einem guten Meis­ter, son­dern vor Gott selbst steht. Er wird also kei­ne Ant­wort vom Soh­ne Got­tes emp­fan­gen, die etwas ande­res wäre, als der kla­re Hin­weis auf das Gebot des eini­gen Got­tes. Er wird kei­ne Ant­wort eines »guten Meis­ters« emp­fan­gen, die zu dem offen­ba­ren Wil­len Got­tes noch eine eige­ne Mei­nung hin­zu­füg­te. Jesus weist auf den allein guten Gott von sich weg und bewährt sich gera­de dar­in als der voll­kom­me­ne gehor­sa­me Sohn Got­tes. Steht aber der Fra­ger vor Gott selbst, so ist er zugleich ertappt als einer, der auf der Flucht war vor dem offen­ba­ren Gebot Got­tes, das er ja selbst kennt. Der Jüng­ling weiß ja die Gebo­te. Aber dies eben ist sei­ne Lage, daß er sich nicht mit ihnen zufrie­den­ge­ben kann, daß er über sie hin­aus will. Sei­ne Fra­ge ist durch­schaut als die Fra­ge einer selbst­er­dach­ten und selbst­er­wähl­ten Fröm­mig­keit. War­um hat der Jüng­ling nicht genug an dem offen­ba­ren Gebot? War­um tut er, als wüß­te er nicht längst die Ant­wort auf sei­ne Fra­ge? War­um will er Gott beschul­di­gen, er habe ihn in die­ser ent­schei­den­den Fra­ge des Lebens in Unwis­sen­heit gelas­sen? So ist der Jüng­ling bereits gefan­gen und vor Gericht gezo­gen. Er wird von der unver­bind­li­chen Fra­ge nach dem Heil zurück­ge­ru­fen zum schlich­ten Gehor­sam gegen die offen­ba­ren Gebo­te.

Es folgt ein zwei­ter Flucht­ver­such. Der Jüng­ling ant­wor­tet mit einer wei­te­ren Fra­ge: »Wel­che«? In die­ser einen Fra­ge steckt der Satan selbst. Hier war ja der ein­zig mög­li­che Aus­weg für den, der sich gefan­gen sah. Natür­lich weiß der Jüng­ling die Gebo­te; aber wer will denn aus der Fül­le der Gebo­te wis­sen, wel­ches Gebot gera­de ihm, gera­de jetzt gilt? Die Offen­ba­rung des Gebo­tes ist viel­deu­tig, ist unklar, sagt der Jüng­ling. Er sieht nicht die Gebo­te, son­dern er sieht wie­der­um nur sich selbst, sei­ne Pro­ble­me, sei­ne Kon­flik­te. Vom kla­ren Gebot Got­tes zieht er sich zurück auf die inter­es­san­te unbe­streit­bar mensch­li­che Situa­ti­on des »ethi­schen Kon­flikts«. Nicht dies ist dar­an falsch, daß er die­sen Kon­flikt kennt, son­dern daß die­ser Kon­flikt aus­ge­spielt wird gegen die Gebo­te Got­tes. Viel­mehr sind die Gebo­te gera­de dazu gege­ben, um den ethi­schen Kon­flikt zu Ende zu brin­gen. Der ethi­sche Kon­flikt als das ethi­sche Urphä­no­men des Men­schen nach dem Fall ist selbst der Wider­spruch des Men­schen gegen Gott. Die Schlan­ge im Para­dies leg­te die­sen Kon­flikt in das Herz des ers­ten Men­schen. »Soll­te Gott gesagt haben?« Vom kla­ren Gebot und vom ein­fäl­ti­gen kind­li­chen Gehor­sam wird der Mensch los­ge­ris­sen durch den ethi­schen Zwei­fel, durch den Hin­weis dar­auf, daß das Gebot ja noch durch­aus der Aus­le­gung und Deu­tung bedarf. »Soll­te Gott gesagt haben?« Der Mensch selbst soll dar­über ent­schei­den, in der Kraft sei­nes Wis­sens um Gut und Böse, in Kraft sei­nes Gewis­sens, was das Gute sei. Das Gebot ist viel­deu­tig, Gott will, daß der Mensch es deu­te und aus­le­ge und sich in Frei­heit ent­schei­de.

Damit ist der Gehor­sam gegen das Gebot schon ver­wei­gert. An die Stel­le des ein­fäl­ti­gen Tuns ist ein zwie­fäl­ti­ges Den­ken getre­ten. Der Mensch des frei­en Gewis­sens rühmt sich gegen das Kind des Gehor­sams. Die Beru­fung auf den ethi­schen Kon­flikt ist die Auf­sa­ge des Gehor­sams. Es ist der Rück­zug von der Wirk­lich­keit Got­tes auf das Mög­li­che des Men­schen, vom Glau­ben auf den Zwei­fel. So geschieht nun das Uner­war­te­te, daß die­sel­be Fra­ge, in der der Jüng­ling sei­nen Unge­hor­sam zu ver­hül­len sucht, ihn ent­hüllt als den, der er ist, näm­lich als den Men­schen unter der Sün­de. Die­se Ent­hül­lung voll­zieht sich durch die Ant­wort Jesu. Die offen­ba­ren Gebo­te Got­tes wer­den genannt. Indem Jesus sie nennt, bestä­tigt er sie aufs neue als Got­tes Gebo­te. Aber­mals ist der Jüng­ling gestellt. Er hoff­te noch ein­mal in die Unver­bind­lich­keit eines Gesprä­ches über ewi­ge Fra­gen durch­bre­chen zu kön­nen. Er hoff­te, Jesus wer­de ihm eine Lösung des ethi­schen Kon­flikts bie­ten. Statt des­sen wird nicht die Fra­ge, son­dern er selbst ange­packt. Die ein­zi­ge Ant­wort auf die Not des ethi­schen Kon­flikts ist das Gebot Got­tes selbst und damit die For­de­rung, jetzt nicht mehr zu dis­ku­tie­ren, son­dern end­lich zu gehor­chen. Nur der Teu­fel hat eine Lösung des ethi­schen Kon­flikts anzu­bie­ten, und die heißt: Blei­be im Fra­gen, so bist du frei vom Gehor­chen. Jesus zielt nicht auf das Pro­blem des Jüng­lings, son­dern auf den Jüng­ling selbst. Er nimmt den von dem Jüng­ling so tod­ernst genom­me­nen ethi­schen Kon­flikt gar nicht ernst. Ernst ist ihm nur eines, näm­lich daß der Jüng­ling end­lich das Gebot hört und gehorcht. Gera­de dort, wo der ethi­sche Kon­flikt so ernst genom­men sein will, wo er den Men­schen quält und knech­tet, weil er ihn nicht zur befrei­en­den Tat des Gehor­sams kom­men läßt, gera­de dort ent­hüllt sich sei­ne gan­ze Gott­lo­sig­keit, dort muß er in sei­ner gan­zen ungött­li­chen Unernst­haf­tig­keit als defi­ni­ti­ver Unge­hor­sam offen­bar wer­den. Ernst ist allein die gehor­sa­me Tat, die den Kon­flikt been­det und zer­stört, in der wir befreit sind zum Kin­de Got­tes. Das ist die gött­li­che Dia­gno­se, die dem Jüng­ling gestellt wird.

Zwei­mal ist der Jüng­ling nun unter die Wahr­heit des Wor­tes Got­tes gestellt. Er kommt um das Gebot Got­tes nicht mehr her­um. Jawohl, das Gebot ist klar, und man muß ihm gehor­chen! Aber – es genügt nicht! »Das habe ich alles gehal­ten von mei­ner Jugend auf, was fehlt mir noch?« Der Jüng­ling wird bei die­ser Ant­wort von der Auf­rich­tig­keit sei­nes Anlie­gens eben­so über­zeugt gewe­sen sein, wie in allem Vor­an­ge­gan­ge­nen. Eben dar­in liegt ja sein Trotz gegen Jesus. Er kennt das Gebot, er hat es gehal­ten, aber er meint, das kön­ne nicht der gan­ze Wil­le Got­tes sein, es müs­se noch etwas dazu­kom­men, etwas Außer­or­dent­li­ches, Ein­zig­ar­ti­ges. Das will er tun. Das offen­ba­re Gebot Got­tes ist unvoll­kom­men, sagt der Jüng­ling in sei­ner letz­ten Flucht vor dem wah­ren Gebot, in sei­nem letz­ten Ver­such, bei sich selbst zu blei­ben, selbst zu ent­schei­den über Gut und Böse. Das Gebot wird jetzt bejaht, aber es wird zugleich fron­tal ange­grif­fen. »Das habe ich alles gehal­ten; was fehlt mir noch?« Mar­kus fügt an die­ser Stel­le ein: »Und Jesus sah ihn an und lieb­te ihn« (10,21). Jesus erkennt, wie hoff­nungs­los sich der Jüng­ling ver­schlos­sen hat gegen das leben­di­ge Wort Got­tes, wie er mit gan­zem Ernst, mit sei­nem gan­zen Wesen wütet gegen das leben­di­ge Gebot, gegen den schlich­ten Gehor­sam. Er will dem Jüng­ling hel­fen, er lieb­te ihn. Dar­um gibt er ihm die letz­te Ant­wort: »Willst du voll­kom­men sein, so gehe hin, ver­kau­fe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Him­mel haben; und komm und fol­ge mir nach!« – Drei­er­lei ist in die­sen Wor­ten an dem Jüng­ling zu beach­ten: Ers­tens, es ist jetzt Jesus selbst, der gebie­tet. Jesus, der eben noch den Jüng­ling von dem guten Meis­ter an den allein guten Gott gewie­sen hat­te, nimmt nun selbst die Voll­macht in Anspruch, das letz­te Wort und Gebot zu sagen. Der Jüng­ling muß erken­nen, daß vor ihm der Sohn Got­tes selbst steht. Es war die dem Jüng­ling ver­bor­ge­ne Sohn­schaft Jesu, die ihn von sich weg auf den Vater wei­sen ließ, womit er sich voll­kom­men mit sei­nem Vater ein­te. Es ist die sel­be Ein­heit, die Jesus jetzt das Gebot des Vaters selbst spre­chen läßt. Unmiß­ver­ständ­lich klar muß das dem Jüng­ling wer­den, als er den Ruf Jesu in die Nach­fol­ge ver­nimmt. Das ist die Sum­me aller Gebo­te, der Jüng­ling soll in der Gemein­schaft des Chris­tus leben, Chris­tus ist das Ziel der Gebo­te. Die­ser Chris­tus steht ihm jetzt gegen­über und ruft ihn. Es gibt kei­ne Aus­flucht mehr in die Unwahr­heit des ethi­schen Kon­flikts Das Gebot ist ein­deu­tig: Fol­ge mir nach. Das zwei­te ist dies: Auch die­ser Ruf in die Nach­fol­ge bedarf noch einer Klä­rung, um unmiß­ver­ständ­lich zu sein. Es muß dem Jüng­ling unmög­lich gemacht wer­den, die Nach­fol­ge selbst wie­der­um als ethi­sches Aben­teu­er, als abson­der­li­chen inter­es­san­ten, aber gege­be­nen­falls doch noch revo­zier­ba­ren Weg und Lebens­stil miß­zu­ver­ste­hen. Die Nach­fol­ge wäre auch dann noch miß­ver­stan­den, wenn der Jüng­ling sie als einen letz­ten Abschluß sei­nes bis­he­ri­gen Tuns und Fra­gens anse­hen könn­te, als eine Addi­ti­on des Vor­an­ge­gan­ge­nen, als Er-gän­zung, Ver­voll­stän­di­gung, Ver­voll­komm­nung des Bis­he­ri­gem. Es muß dar­um zur unmiß­ver­ständ­li­chen Klä­rung eine Situa­ti­on geschaf­fen wer­den, die es nicht zuläßt, daß man hin­ter sie wie­der zurück kann, eine unre­vo­zier­ba­re Situa­ti­on, und zugleich muß in ihr deut­lich wer­den, daß sie kei­nes­wegs nur eine Ergän­zung des Bis­he­ri­gen ist. Die­se erfor­der­te Situa­ti­on wird geschaf­fen durch die Auf­for­de­rung Jesu zur frei­wil­li­gen Armut. Sie ist die exis­ten­ti­el­le, die seel­sor­ger­li­che Sei­te der Sache. Sie will dem Jüng­ling hel­fen, end­lich recht zu ver­ste­hen und recht gehor­sam zu sein. Sie ent­springt der Lie­be Jesu zu dem Jüng­ling. Sie ist nur das Zwi­schen­glied zwi­schen dem bis­he­ri­gen Weg des Jüng­lings und der Nach­fol­ge. Aber sie ist – wohl­ge­merkt – nicht iden­tisch mit der Nach­fol­ge selbst, sie ist nicht ein­mal der ers­te Schritt in der Nach­fol­ge, son­dern der Gehor­sam, in dem Nach­fol­ge erst wirk­lich wer­den kann. Erst soll der Jüng­ling hin­ge­hen, alles ver­kau­fen und den Armen geben, und dann kom­men und nach­fol­gen. Das Ziel ist die Nach­fol­ge, der Weg in die­sem Fal­le die frei­wil­li­ge Armut. Und das drit­te: Jesus nimmt die Fra­ge des Jüng­lings, was ihm noch feh­le, auf. »Willst du voll­kom­men sein,…« das könn­te den Anschein erwe­cken, als wer­de hier tat­säch­lich von einer Hin­zu­fü­gung zum Bis­he­ri­gen gere­det. Es ist auch eine Hin­zu­fü­gung, in deren Inhalt aber bereits die Auf­he­bung alles Bis­he­ri­gen beschlos­sen ist. Der Jüng­ling ist eben bis­her nicht voll­kom­men; denn er hat das Gebot falsch ver­stan­den und falsch getan. Er kann es jetzt nur recht ver­ste­hen und recht tun in der Nach­fol­ge, aber eben auch hier nur, weil Jesus Chris­tus ihn dazu beruft. Indem er die Fra­ge des Jüng­lings auf­nimmt, ent­win­det er sie ihm. Der Jüng­ling frag­te nach sei­nem Weg zum ewi­gen Leben, Jesus ant­wor­tet: Ich rufe dich, das ist alles.

Der Jüng­ling such­te eine Ant­wort auf sei­ne Fra­ge. Die Ant­wort heißt: Jesus Chris­tus. Der Jüng­ling woll­te das Wort des guten Meis­ters hören, nun erkennt er, daß die­ses Wort – der Mann, den er frag­te, selbst ist. Der Jüng­ling steht vor Jesus, dem Soh­ne Got­tes, die vol­le Begeg­nung ist da. Es gibt nur noch Ja oder Nein, Gehor­sam oder Unge­hor­sam. Die Ant­wort des Jüng­lings ist Nein. Trau­rig ging der Jüng­ling davon, er sah sich ent­täuscht, betro­gen um sei­ne Hoff­nung, und er kann doch von sei­ner Ver­gan­gen­heit nicht las­sen. Er hat­te vie­le Güter. Der Ruf in die Nach­fol­ge bekommt auch hier kei­nen ande­ren Inhalt als Jesus Chris­tus selbst, die Bin­dung an ihn, die Gemein­schaft mit ihm. Aber nicht schwär­me­ri­sche Ver­eh­rung eines guten Meis­ters, son­dern Gehor­sam gegen den Sohn Got­tes ist die Exis­tenz des Nach­fol­gen­den.

Die­se Geschich­te vom rei­chen Jüng­ling hat ihre genaue Ent­spre­chung in der Rah­men­er­zäh­lung zum Gleich­nis vom barm­her­zi­gen Sama­ri­ter. »Und sie­he, da stand ein Schrift­ge­lehr­ter auf, ver­such­te ihn und sprach: Meis­ter, was muß ich tun, daß ich das ewi­ge Leben erer­be? Er aber sprach zu ihm: Wie ste­het im Gesetz geschrie­ben? Wie lie­sest du? Er ant­wor­te­te und sprach: »Du sollst Gott, dei­nen Herrn, lie­ben von gan­zem Her­zen, von gan­zer See­le, von allen Kräf­ten und von gan­zem Gemü­te und dei­nen Nächs­ten als dich selbst.« Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geant­wor­tet. Tue das, so wirst du leben. Er aber woll­te sich selbst recht­fer­ti­gen und sprach zu Jesu: Wer ist denn mein Nächs­ter?« (Lk. 10,25–29).

Die Fra­ge des Schrift­ge­lehr­ten ist die­sel­be wie die des Jüng­lings. Nur ist hier von vorn­her­ein fest­ge­stellt, daß es eine ver­su­che­ri­sche Fra­ge ist. Die Lösung steht für den Ver­su­cher schon fest. Sie soll in der Apo­rie des ethi­schen Kon­flikts aus­lau­fen. Jesu Ant­wort gleicht der an den rei­chen Jüng­ling voll­kom­men. Der Fra­gen­de weiß im Grun­de die Ant­wort auf sei­ne Fra­ge, aber indem er noch fragt, obwohl er schon weiß, will er sich dem Gehor­sam gegen Got­tes Gebot ent­zie­hen. Es bleibt für ihn nur noch die Aus­kunft: Tue was du weißt, so wirst du leben.

So ist ihm sei­ne ers­te Posi­ti­on abge­won­nen. Es folgt, aber­mals wie beim Jüng­ling, die Flucht in den ethi­schen Kon­flikt: Wer ist denn mein Nächs­ter? Unzäh­li­ge Male ist seit­her dem ver­su­che­ri­schen Schrift­ge­lehr­ten die­se Fra­ge gut­gläu­big und unwis­send nach­ge­spro­chen wor­den, sie erfreut sich des Anse­hens einer erns­ten und ver­nünf­ti­gen Fra­ge eines suchen­den Men­schen. Aber man hat den Zusam­men­hang nicht recht gele­sen. Die gan­ze Geschich­te vom barm­her­zi­gen Sama­ri­ter ist eine ein­zi­ge Abwehr und Zer­stö­rung die­ser Fra­ge als einer sata­ni­schen durch Jesus. Sie ist eine Fra­ge ohne Ende, ohne Ant­wort. Sie ent­springt den »zer­rüt­te­ten Sin­nen derer, die der Wahr­heit beraubt sind«, »die die Seu­che der Fra­gen und Wort­krie­ge haben«. Aus ihr »ent­springt Neid, Hader, Läs­te­rung, böser Arg­wohn, Schul­ge­zänk« (1. Tim. 6,4f.). Es ist die Fra­ge der Auf­ge­bla­se­nen, die »immer­dar ler­nen und kön­nen doch nim­mer zur Erkennt­nis der Wahr­heit kom­men«, »die den Schein eines gott­se­li­gen Wesens haben, aber sei­ne Kraft ver­leug­nen sie« (2. Tim. 3,5ff.). Sie sind untüch­tig zum Glau­ben, sie fra­gen so, weil sie »ein Brand­mal im Gewis­sen haben« (1. Tim. 4,2), weil sie nicht gehor­sam sein wol­len dem Wor­te Got­tes. Wer ist mein Nächs­ter? Gibt es eine Ant­wort dar­auf, ob es mein leib­li­cher Bru­der, mein Volks­ge­nos­se, mein Bru­der in der Gemein­de oder mein Feind sei? Läßt sich nicht eins wie das ande­re mit glei­chem Recht behaup­ten und ver­nei­nen? Ist nicht das Ende die­ser Fra­ge Zwie­spalt und Unge­hor­sam? Ja, die­se Fra­ge ist der Auf­ruhr gegen Got­tes Gebot selbst. Ich will ja gehor­sam sein, aber Gott sagt mir nicht, wie ich es kann. Got­tes Gebot ist zwei­deu­tig, es läßt mich im ewi­gen Kon­flikt. Die Fra­ge: was soll ich tun?, war der ers­te Betrug. Die Ant­wort ist: Tue das Gebot, das du weißt. Nicht fra­gen sollst du, son­dern tun. Die Fra­ge: Wer ist denn mein Nächs­ter? ist die letz­te Fra­ge der Ver­zweif­lung oder der Selbst­si­cher­heit, in der der Unge­hor­sam sich recht­fer­tigt. Die Ant­wort ist: Du selbst bist der Nächs­te. Gehe hin und sei gehor­sam in der Tat der Lie­be. Nächs­ter zu sein, ist nicht eine Qua­li­fi­ka­ti­on des Ande­ren, son­dern ist sein Anspruch an mich, sonst nichts. In jedem Augen­blick, in jeder Situa­ti­on bin ich der zum Han­deln, zum Gehor­sam Gefor­der­te. Es ist buch­stäb­lich kei­ne Zeit dafür übrig, nach einer Qua­li­fi­ka­ti­on des Ande­ren zu fra­gen. Ich muß han­deln und muß gehor­chen, ich muß dem Ande­ren der Nächs­te sein. Fragst du aber­mals erschreckt, ob ich denn nicht vor­her wis­sen und beden­ken müs­se, wie ich zu han­deln habe, – so gibt es dar­auf nur die Aus­kunft, daß ich das nicht anders wis­sen und beden­ken kann, als indem ich eben immer schon hand­le, indem ich mich selbst immer schon als den Gefor­der­ten weiß. Was Gehor­sam ist, ler­ne ich allein im Gehor­chen, nicht durch Fra­gen. Erst im Gehor­sam erken­ne ich die Wahr­heit. Aus dem Zwie­spalt des Gewis­sens und der Sün­de trifft uns der Ruf Jesu zur Ein­falt des Gehor­sams. Aber der rei­che Jüng­ling wur­de von Jesus in die Gna­de der Nach­fol­ge geru­fen, der ver­su­che­ri­sche Schrift­ge­lehr­te wird zurück­ge­sto­ßen ins Gebot.