In die­ser Feri­en­zeit ver­öf­fent­li­chen wir hier Abschnit­te aus Bon­hoef­fers Band »Nach­fol­ge« (gemein­frei seit 2016), ins­be­son­de­re aus dem zwei­ten Teil »Die Kir­che Jesus Chris­ti und die Nach­fol­ge« und dazu eini­ge Gedan­ken von mir heu­te, eben Impul­se, die mir bei der Lek­tü­re durch den Kopf gin­gen, und die mög­li­cher­wei­se auch ande­ren nütz­lich wer­den kön­nen.

Die Hei­li­gen.

Die Ekkle­sia Chris­ti, die Jüng­er­ge­mein­de, ist der Herr­schaft der Welt ent­ris­sen. Zwar lebt sie mit­ten in der Welt. Aber sie ist zu Einem Leib gemacht, sie ist ein eige­ner Herr­schafts­be­reich, ein Raum für sich. Sie ist die hei­li­ge Kir­che (Eph. 5,27), die Gemein­de der Hei­li­gen (1. Kor. 14,34), und ihre Glie­der sind die beru­fe­nen Hei­li­gen (Röm. 1,7), die in Jesus Chris­tus gehei­ligt sind (1. Kor. 1,2), aus­er­wählt und aus­ge­son­dert, ehe der Welt Grund gelegt wur­de (Eph. 1,4). Das war das Ziel ihrer Beru­fung zu Jesus Chris­tus, ja ihrer Erwäh­lung vor der Grün­dung der Welt, daß sie hei­lig und unta­de­lig sei­en (Eph. 1,4), dazu hat­te Chris­tus sei­nen Leib in den Tod gege­ben, daß er die Sei­nen hei­lig, unbe­fleckt und unsträf­lich vor sich selbst dar­stell­te (Kol. 1,22), das ist die Frucht der Befrei­ung von der Sün­de durch den Tod Chris­ti, daß die, die einst­mals ihre Glie­der der Unge­rech­tig­keit lie­hen, sie nun zum Dienst der Gerech­tig­keit gebrau­chen, zur Hei­li­gung (Röm. 6,19–22).

Hei­lig ist allein Gott. Er ist es sowohl in der völ­li­gen Abson­de­rung von der sün­di­gen Welt, wie in der Grün­dung sei­nes Hei­lig­tums mit­ten in der Welt. So singt Mose mit den Kin­dern Isra­el nach dem Unter­gang der Ägyp­ter dem Herrn, der sein Volk aus der Knecht­schaft der Welt erlöst hat, das Lob­lied: »Herr, wer ist Dir gleich unter den Göt­tern? Wer ist Dir gleich, der so mäch­tig, hei­lig, schreck­lich an Ruhm und wun­der­tä­tig sei? Da Du Dei­ne Hand aus­streck­test, ver­schlang sie die Erde. Du hast gelei­tet durch Dei­ne Barm­her­zig­keit Dein Volk, das Du erlöst hast und hast sie geführt durch Dei­ne Stär­ke zu Dei­ner hei­li­gen Woh­nung … Du brin­gest sie hin­ein und pflan­zest sie auf dem Ber­ge Dei­nes Erb­teils, den Du Herr, Dir zur Woh­nung gemacht hast, zu Dei­nem Hei­lig­tum, Herr, das Dei­ne Hand berei­tet hat« (Ex. 15,11ff.). Das ist Got­tes Hei­lig­keit, daß er sich mit­ten in der Welt sei­ne Woh­nung, sein Hei­lig­tum berei­tet, und von die­sem Hei­lig­tum Gericht und Erlö­sung aus­ge­hen läßt (Psalm 99 u. ö.). Im Hei­lig­tum aber ver­bin­det sich der Hei­li­ge mit sei­nem Volk. Das geschieht durch Ver­söh­nung, die nir­gends anders erlangt wird als im Hei­lig­tum (Lev. 16,16ff.). Gott schließt mit sei­nem Volk einen Bund. Er son­dert es aus, er macht es zu sei­nem Eigen­tum und ver­bürgt sich selbst für die­sen Bund. »Ihr sollt hei­lig sein, denn ich bin hei­lig, der Herr, euer Gott« (Lev. 19,1), und »ich bin hei­lig, der Herr, der euch hei­ligt« (Lev. 21,8). – Das ist der Grund, auf dem die­ser Bund besteht. Alle wei­te­ren Geset­ze, die dem Volk gege­ben wer­den, und die es hal­ten soll in Gerech­tig­keit, haben zur Vor­aus­set­zung und zum Ziel die Hei­lig­keit Got­tes und sei­ner Gemein­de.

Wie Gott selbst als der Hei­li­ge abge­son­dert ist vom Gemei­nen, von der Sün­de, so ist es auch die Gemein­de sei­nes Hei­lig­tums. Er hat sie selbst erwählt. Er hat sie zur Gemein­de sei­nes Bun­des gemacht. Er hat sie im Hei­lig­tum ver­söhnt und gerei­nigt. Das Hei­lig­tum aber ist der Tem­pel, und der Tem­pel ist der Leib Chris­ti. So ist im Leib Chris­ti der Wil­le Got­tes zu einer hei­li­gen Gemein­de erfüllt. Abge­son­dert von Welt und Sün­de zum Eigen­tum Got­tes gemacht, ist der Leib Chris­ti das Hei­lig­tum Got­tes in der Welt. Gott wohnt in ihm mit dem hei­li­gen Geist.

Wie geht das zu? Wie schafft sich Gott aus sün­di­gen Men­schen eine Gemein­de der Hei­li­gen, die von der Sün­de voll­kom­men getrennt ist? Wie wen­det Gott die Ankla­ge der Unge­rech­tig­keit von sich, wenn er sich mit Sün­dern ver­bin­det? Wie kann der Sün­der gerecht sein, und doch Gott gerecht blei­ben?

Gott recht­fer­tigt sich selbst, er führt den Beweis für sei­ne Gerech­tig­keit. Im Kreuz Jesu Chris­ti geschieht das Wun­der der Selbst­recht­fer­ti­gung Got­tes vor sich selbst und vor den Men­schen (Röm. 3,21ff.). Der Sün­der soll von der Sün­de getrennt wer­den und doch vor Gott leben. Tren­nung von der Sün­de aber gibt es für den Sün­der nur durch den Tod. So sehr ist sein Leben Sün­de, daß er ster­ben muß, soll er von der Sün­de frei sein. Nur dar­in kann Gott gerecht sein, daß er den Sün­der tötet. Aber den­noch soll ja der Sün­der leben und vor Gott hei­lig sein? Wie wird das mög­lich? Gott selbst wird Mensch, er selbst nimmt unser Fleisch an in Jesus Chris­tus, sei­nem Sohn, er trägt in sei­nem Leib unser Fleisch in den Tod am Kreuz. Gott tötet sei­nen Sohn, der unser Fleisch trägt, und mit sei­nem Sohn tötet er alles, was Fleisch ist auf Erden. Nun ist es offen­bar, daß nie­mand gut ist denn der eini­ge Gott, daß kei­ner gerecht ist, als Gott allein. Nun hat Gott den furcht­ba­ren Beweis sei­ner eige­nen Gerech­tig­keit geführt (ENDEIXIS TES DIKAIOSYNES AUTOU Röm. 3,26) durch den Tod sei­nes Soh­nes. Gott muß­te die gan­ze Mensch­heit in den Tod geben im Zor­nes­ge­richt am Kreuz, damit Er allein gerecht sei. Got­tes Gerech­tig­keit ist offen­bar im Tode Jesu Chris­ti. Der Tod Jesu Chris­ti ist der Ort, an dem Gott den gnä­di­gen Beweis sei­ner Gerech­tig­keit geführt, an dem von nun an allein Got­tes Gerech­tig­keit wohnt. Wer an die­sem Tod teil bekom­men könn­te, bekä­me damit auch teil an der Gerech­tig­keit Got­tes. Nun aber hat Chris­tus unser Fleisch ange­nom­men und an sei­nem Leib unse­re Sün­de ans Holz getra­gen (1. Petr. 2,24). Was an ihm geschah, geschah an uns allen. Er nahm teil an unse­rem Leben und Ster­ben, so gewan­nen wir teil an sei­nem Leben und Ster­ben. Muß­te Got­tes Gerech­tig­keit sich in Chris­ti Tod erwei­sen, so sind wir mit ihm dort, wo Got­tes Gerech­tig­keit wohnt, an sei­nem Kreuz, denn er trug unser Fleisch. So gewin­nen wir als die Getö­te­ten teil an der Gerech­tig­keit Got­tes in Jesu Tod. Got­tes eige­ne Gerech­tig­keit, die uns Sün­der tötet, ist im Tode Jesu sei­ne Gerech­tig­keit für uns. Indem im Tode Jesu Got­tes Gerech­tig­keit her­ge­stellt ist, ist auch für uns, die wir im Tode Jesu ein­ge­schlos­sen sind, Got­tes Gerech­tig­keit her­ge­stellt. Gott erweist sei­ne Gerech­tig­keit »auf daß er allein gerecht sei und recht­fer­ti­ge den, der aus dem Glau­ben an Jesus ist« (Röm. 3,26). Dar­in also besteht die Recht­fer­ti­gung des Sün­ders, daß Gott allein gerecht ist und er ganz und gar unge­recht, nicht daß er neben Gott auch noch gerecht sei. Jeder Wil­le, selbst auch gerecht zu sein, trennt uns ganz und gar von der Recht­fer­ti­gung durch die allei­ni­ge Recht­fer­ti­gung Got­tes. Gott allein ist gerecht. Das wird im Kreuz erkannt als Urteil, das über uns als Sün­der ergan­gen ist. Wer sich aber im Glau­ben im Tode Jesu im Kreuz fin­det, der emp­fängt dort, wo er als der Sün­der zum Tode ver­ur­teilt ist, die Gerech­tig­keit Got­tes, die am Kreuz tri­um­phiert. Der erfährt gera­de als der, der nie­mals selbst gerecht sein kann und will, son­dern der Gott ganz allein gerecht sein läßt, sei­ne Recht­fer­ti­gung. Denn nicht anders kann der Mensch vor Gott recht fer­tig gemacht sein, als in der Erkennt­nis, daß Gott allein gerecht und er, der Mensch, ganz und gar Sün­der sei. Die Fra­ge, wie wir Sün­der vor Gott gerecht sein kön­nen, ist im Grun­de die Fra­ge, wie Gott gegen uns allein gerecht sei. Unse­re Recht­fer­ti­gung hat ihren Grund allein in der Recht­fer­ti­gung Got­tes, »auf daß du (Gott) gerecht­fer­tigt wer­dest in dei­nen Wor­ten und den Sieg davon trägst, wenn du gerich­tet wirst« (Röm. 3,4).

Um den Sieg Got­tes über unse­re Unge­rech­tig­keit geht es allein, dar­um, daß Gott gerecht blei­be vor sich selbst, dar­um, daß er allein gerecht sei. Die­ser Sieg Got­tes ist im Kreuz errun­gen. Dar­um ist die­ses Kreuz nicht nur Gericht, son­dern Ver­söh­nung (HILASTERION V. 25) für alle, die glau­ben, daß im Tode Jesu Gott allein gerecht sei, und die ihre Sün­de erken­nen. Got­tes Gerech­tig­keit schafft selbst die Ver­söh­nung (PROETHETO V. 25). »Gott war in Chris­to und ver­söhn­te die Welt mit sich selbst« (2. Kor. 5,19ff.). »Er rech­ne­te ihnen ihre Sün­de nicht zu« – er trug sie selbst und ertrug dafür den Tod des Sün­ders. »Er hat unter uns auf­ge­rich­tet das Wort von der Ver­söh­nung.« Die­ses Wort will Glau­ben fin­den, Glau­ben, daß Gott allein gerecht sei und in Jesus unse­re Gerech­tig­keit gewor­den sei. Aber zwi­schen Chris­ti Tod und der Bot­schaft vom Kreuz liegt sei­ne Auf­er­ste­hung. Nur als der Auf­er­stan­de­ne ist er der, des­sen Kreuz an uns Macht hat. Die Bot­schaft vom Gekreu­zig­ten ist immer schon die Bot­schaft von dem, der nicht im Tode blieb. »So sind wir nun Bot­schaf­ter an Chris­ti statt, denn Gott ver­mahnt durch uns; so bit­ten wir nun an Chris­ti statt: Seid ver­söhnt mit Gott«. Die Bot­schaft von der Ver­söh­nung ist Chris­ti eige­nes Wort. Er ist der Auf­er­stan­de­ne, der sich uns bezeugt als der Gekreu­zig­te im Wort des Apos­tels: fin­det euch selbst wie­der im Tode Jesu Chris­ti in der Gerech­tig­keit Got­tes, die uns dort geschenkt ist. Wer sich in Jesu Tod fin­den wird, fin­det sich in Got­tes allei­ni­ger Gerech­tig­keit. »Denn er hat den, der von kei­ner Sün­de wuß­te, für uns zur Sün­de gemacht, auf daß wir wür­den die Gerech­tig­keit Got­tes in ihm«. Der Unschul­di­ge wird getö­tet, weil er unser sün­di­ges Fleisch trägt, er ist von Gott und der Welt geh­aßt und ver­flucht, zur Sün­de gemacht um unse­res Flei­sches wil­len. Wir aber fin­den in sei­nem Tode Got­tes Gerech­tig­keit. Wir sind in ihm in der Kraft sei­ner Mensch­wer­dung. So starb er für uns, damit wir, die wir Sün­der sind, in ihm Got­tes Gerech­tig­keit wür­den als die Sün­der, die durch Got­tes allei­ni­ge Gerech­tig­keit von der Sün­de los­ge­spro­chen sind. Ist Chris­tus vor Gott unse­re Sün­de, die ver­ur­teilt wer­den muß, so sind wir in ihm die Gerech­tig­keit, nun aber gewiß nicht unse­re eige­ne Gerech­tig­keit (IDIA DIKAIOSYNE Röm. 10,3; Phil. 3,9), son­dern eben in ganz stren­gem Sinn allein Got­tes Gerech­tig­keit. Das also ist Got­tes Gerech­tig­keit, daß wir als Sün­der sei­ne Gerech­tig­keit wer­den, und das ist unse­re, d. h. Sei­ne Gerech­tig­keit (Jes. 54,7), daß Gott allein gerecht ist und wir von ihm ange­nom­me­ne Sün­der. Got­tes Gerech­tig­keit ist Chris­tus selbst (1. Kor. 1,30). Chris­tus aber ist »Gott mit uns«, »Imma­nu­el« (Jes. 7,14), Gott unse­re Gerech­tig­keit (Jer. 33,16).

Die Ver­kün­di­gung des Todes Chris­ti für uns ist die Recht­fer­ti­gungs­pre­digt. Die Ein­glie­de­rung in den Leib Chris­ti, d. h. in sei­nen Tod und sei­ne Auf­er­ste­hung ist die Tau­fe. Ein­mal ist Chris­tus gestor­ben, so wird auch uns Tau­fe und Recht­fer­ti­gung ein für alle­mal zuteil. Sie sind in strengs­tem Sin­ne unwie­der­hol­bar. Wie­der­hol­bar ist nur die Erin­ne­rung an das, was an uns ein für alle­mal gesche­hen ist, und nicht nur wie­der­hol­bar, son­dern der täg­li­chen Wie­der­ho­lung bedürf­tig. Den­noch bleibt die Erin­ne­rung etwas Ande­res als die Sache selbst. Wer die Sache selbst ver­liert, für den gibt es kei­ne Wie­der­ho­lung. Hier behält der Hebrä­er­brief recht (6,5f. und 10,26f.). Wo das Salz dumm wird, womit soll man sal­zen? Für die Getauf­ten heißt es: »Wis­set ihr nicht…?« (Röm. 6,3; 1. Kor. 3,16 und 6,19) und: »Hal­tet euch dafür, daß ihr der Sün­de abge­stor­ben seid und lebet Gott in Chris­to Jesu« (Röm. 6,11). Es ist alles gesche­hen, nicht nur am Kreuz Jesu, son­dern auch an euch. Ihr seid von der Sün­de getrennt, ihr seid gestor­ben, ihr seid gerecht­fer­tigt. Damit hat Gott sein Werk voll­bracht. Er hat sein Hei­lig­tum auf Erden gegrün­det durch Gerech­tig­keit. Dies Hei­lig­tum heißt Chris­tus, Leib Chris­ti. Die Tren­nung von der Sün­de ist voll­zo­gen durch den Tod des Sün­ders in Jesus Chris­tus. Gott hat eine von der Sün­de gerecht­fer­tig­te Gemein­de. Das ist die Gemein­de der Jün­ger Jesu, die Gemein­de der Hei­li­gen. Sie sind auf­ge­nom­men in sein Hei­lig­tum, sie selbst sind sein Hei­lig­tum, sein Tem­pel. Sie sind aus der Welt her­aus­ge­nom­men und leben in einem neu­en eige­nen Raum mit­ten in der Welt. Von nun an hei­ßen die Chris­ten im Neu­en Tes­ta­ment nur noch »die Hei­li­gen«. Der ande­re Name, der sich den­ken lie­ße, näm­lich »Gerech­te«, fin­det kei­nen Ein­gang. Er ver­mag nicht in der­sel­ben Wei­se den gan­zen Umfang der emp­fan­ge­nen Gabe zu beschrei­ben. Er ist bezo­gen auf das ein­ma­li­ge Ereig­nis der Tau­fe und Recht­fer­ti­gung. Zwar ist das Gedächt­nis die­ses Ereig­nis­ses ein täg­lich zu wie­der­ho­len­des. Zwar blei­ben die Hei­li­gen die gerecht­fer­tig­ten Sün­der. Aber mit der ein­ma­li­gen Gabe der Tau­fe und Recht­fer­ti­gung, der täg­li­chen Erin­ne­rung an sie ist uns zugleich im Tode Chris­ti die Gabe der Bewah­rung des Lebens der Gerecht­fer­tig­ten bis an den jüngs­ten Tag ver­bürgt. Das Leben in die­ser Bewah­rung aber ist die Hei­li­gung. Bei­de Gaben haben den­sel­ben Grund, näm­lich Jesus Chris­tus den Gekreu­zig­ten (1. Kor. 1,2 und 6,11). Bei­de Gaben haben Einen Inhalt, näm­lich die Gemein­schaft mit Chris­tus. Bei­de Gaben gehö­ren unlös­lich zuein­an­der. Aber sie sind eben dar­um auch nicht ein und das­sel­be. Wäh­rend die Recht­fer­ti­gung dem Chris­ten Got­tes gesche­he­ne Tat zuspricht, ver­heißt ihm die Hei­li­gung Got­tes gegen­wär­ti­ges und zukünf­ti­ges Han­deln. Wäh­rend der Glau­ben­de in der Recht­fer­ti­gung durch den ein­ma­li­gen Tod in die Gemein­schaft Jesu Chris­ti ver­setzt wird, bewahrt ihn die Hei­li­gung in dem Raum, in den er ver­setzt wur­de, in Chris­to in der Gemein­de. Wäh­rend bei der Recht­fer­ti­gung die Stel­lung des Men­schen zum Gesetz im Vor­der­grund steht, ist bei der Hei­li­gung die Abson­de­rung von der Welt bis auf die Zukunft Chris­ti ent­schei­dend. Wäh­rend die Recht­fer­ti­gung den ein­zel­nen der Gemein­de ein­glie­dert, bewahrt die Hei­li­gung die Gemein­de mit allen ein­zel­nen. Die Recht­fer­ti­gung ent­reißt den Glau­ben­den sei­ner sün­di­gen Ver­gan­gen­heit, die Hei­li­gung läßt ihn bei Chris­tus blei­ben, in sei­nem Glau­ben ste­hen, in der Lie­be wach­sen. Es mag erlaubt sein, Recht­fer­ti­gung und Hei­li­gung in dem Ver­hält­nis von Schöp­fung und Erhal­tung zu den­ken. Recht­fer­ti­gung ist die Neu­schöp­fung des neu­en Men­schen, Hei­li­gung sei­ne Erhal­tung und Bewäh­rung bis auf den Tag Jesu Chris­ti.

In der Hei­li­gung erfüllt sich Got­tes Wil­le: »Ihr sollt hei­lig sein, denn ich bin hei­lig« und »ich bin hei­lig, der Herr, der euch hei­ligt«. Die­se Erfül­lung voll­bringt Gott, der Hei­li­ge Geist. In ihm voll­endet sich Got­tes Werk am Men­schen. Er ist das »Sie­gel«, mit dem die Gläu­bi­gen zu Got­tes Eigen­tum ver­sie­gelt wer­den bis auf den Tag der Erlö­sung. Wie sie vor­her gefan­gen gehal­ten wur­den unter dem Gesetz als in einem ver­schlos­se­nen Gefäng­nis (Gal. 3,23), so sind die Gläu­bi­gen nun »in Chris­to« abge­schlos­sen, ver­sie­gelt mit Got­tes Sie­gel, dem Hei­li­gen Geist. Nie­mand darf dies Sie­gel bre­chen. Gott selbst hat ver­schlos­sen und hält den Schlüs­sel in der Hand. Das bedeu­tet, daß Gott nun voll­kom­men Besitz ergrif­fen hat von denen, die er in Chris­to gewon­nen hat. Der Kreis ist geschlos­sen. Im hei­li­gen Geist ist der Mensch Got­tes Eigen­tum gewor­den. Von der Welt abge­schlos­sen durch ein unzer­brech­li­ches Sie­gel, war­tet die Gemein­de der Hei­li­gen der letz­ten Erret­tung. Wie ein ver­sie­gel­ter Zug im frem­den Lan­de, so geht die Gemein­de durch die Welt. Wie die Arche Noah »inwen­dig und aus­wen­dig mit Pech ver­picht« wer­den muß­te (Gen. 6,14), um durch die Flut geret­tet zu wer­den, so gleicht der Weg der ver­sie­gel­ten Gemein­de der Fahrt der Arche durch die Was­ser­flut. Ziel der Ver­schlie­ßung ist die Erlö­sung, die Erret­tung, das Heil (Eph. 4,30; 1,14; 1. Thess. 5,23; 1. Pet. 1,5 u. ö.) bei der Wie­der­kunft Chris­ti. Das Pfand aber, das die Ver­sie­gel­ten ihres Ziels gewiß macht, ist eben der Hei­li­ge Geist selbst. »Auf daß wir etwas sei­en zu Lob sei­ner Herr­lich­keit, die wir zuvor auf Chris­tum hoff­ten; durch wel­chen auch ihr gehört habt das Wort der Wahr­heit, das Evan­ge­li­um von eurer Selig­keit; durch wel­chen ihr auch, da ihr gläu­big wur­det, ver­sie­gelt wor­den seid mit dem Hei­li­gen Geist der Ver­hei­ßung, wel­cher ist das Pfand unsers Erbes zu uns­rer Erlö­sung, daß wir sein Eigen­tum wür­den zu Lob sei­ner Herr­lich­keit« (Eph. 1,12–14).

Das ist Hei­li­gung der Gemein­de, daß sie durch Gott abge­son­dert ist vom Unhei­li­gen, von der Sün­de. Das ist ihre Hei­li­gung, daß sie in die­ser Ver­sie­ge­lung Got­tes erwähl­tes Eigen­tum gewor­den ist, die Woh­nung Got­tes auf Erden, der Ort von dem Gericht und Ver­söh­nung aus­geht an alle Welt. Das ist Hei­li­gung, daß die Chris­ten nun­mehr ganz und gar gerich­tet und bewahrt wer­den auf die Zukunft Chris­ti und ihr ent­ge­gen gehen. Das bedeu­tet für die Gemein­de der Hei­li­gen ein Drei­fa­ches: Ihre Hei­li­gung wird sich bewäh­ren in der kla­ren Abson­de­rung von der Welt. Ihre Hei­li­gung wird sich in einem Wan­del bewäh­ren, der des Hei­lig­tums Got­tes wür­dig ist. Ihre Hei­li­gung wird ver­bor­gen sein im War­ten auf den Tag Jesu Chris­ti.

Hei­li­gung gibt es dar­um – das ist das ers­te – nur in der sicht­ba­ren Gemein­de. Die Sicht­bar­keit der Gemein­de ist ein ent­schei­den­des Merk­mal der Hei­li­gung. Der Anspruch der Gemein­de auf Raum in der Welt und die damit gege­be­ne Abgren­zung vom Raum der Welt bezeugt, daß die Gemein­de im Stand der Hei­li­gung ist. Das Sie­gel des hei­li­gen Geis­tes ver­sie­gelt ja die Gemein­de gegen die Welt. In der Kraft die­ses Sie­gels muß die Gemein­de Got­tes Anspruch auf die gan­ze Welt gel­tend machen, muß sie zugleich einen bestimm­ten Raum in der Welt für sich bean­spru­chen und damit die Gren­zen zwi­schen sich und der Welt klar zie­hen. Weil die Gemein­de die von Gott selbst auf die­ser Erde gegrün­de­te Stadt auf dem Ber­ge – Polis (Matth. 5,14) – ist, weil sie als sol­che Got­tes ver­sie­gel­tes Eigen­tum ist, dar­um gehört ihr »poli­ti­scher« Cha­rak­ter unab­ding­bar zu ihrer Hei­li­gung. Ihre »poli­ti­sche Ethik« hat ihren ein­zi­gen Grund in ihrer Hei­li­gung, daß Welt Welt sei und Gemein­de Gemein­de, und daß doch das Wort Got­tes von der Gemein­de aus­ge­he über alle Welt als die Bot­schaft davon, daß die Erde und was dar­in­nen ist, des Herrn ist; das ist der »poli­ti­sche« Cha­rak­ter der Gemein­de. Eine per­sön­li­che Hei­li­gung, die an die­ser öffent­li­chen sicht­ba­ren Abgren­zung der Gemein­de von der Welt vor­über­ge­hen will, ver­wech­selt die from­men Wün­sche des reli­giö­sen Flei­sches mit der im Tode Chris­ti erwirk­ten Hei­li­gung der Gemein­de durch das Sie­gel Got­tes. Es ist der trü­ge­ri­sche Hoch­mut und die fal­sche geist­li­che Sucht des alten Men­schen, der hei­lig sein will außer­halb der sicht­ba­ren Gemein­de der Brü­der. Es ist die Ver­ach­tung des Lei­bes Chris­ti als der sicht­ba­ren Gemein­schaft der gerecht­fer­tig­ten Sün­der, die sich hin­ter der Demut die­ser Inner­lich­keit ver­steckt. Ver­ach­tung des Lei­bes Chris­ti, denn es hat Chris­tus gefal­len, sicht­bar mein Fleisch anzu­neh­men und ans Kreuz zu tra­gen; Ver­ach­tung der Gemein­schaft, denn ich will für mich hei­lig sein ohne die Brü­der; Ver­ach­tung der Sün­der, denn ich ent­zie­he mich der sün­di­gen Gestalt mei­ner Kir­che in selbst­ge­wähl­ter Hei­lig­keit. Hei­li­gung außer­halb der sicht­ba­ren Gemein­de ist Selbst­hei­lig­spre­chung.

Hei­li­gung durch das Sie­gel des Hei­li­gen Geis­tes stellt die Kir­che immer in den Kampf. Es ist im Grun­de der Kampf um die­ses Sie­gel, daß es nicht gebro­chen wer­de, weder von außen noch von innen, daß nicht die Welt Kir­che noch die Kir­che Welt sein wol­le. Der Kampf der Kir­che um den Raum, der dem Leib Chris­ti auf Erden gege­ben ist, ist ihre Hei­li­gung. Abson­de­rung der Welt von der Kir­che und der Kir­che von der Welt ist der hei­li­ge Kampf der Kir­che um das Hei­lig­tum Got­tes auf Erden.

Hei­lig­tum gibt es nur in der sicht­ba­ren Gemein­de. Aber – das ist das zwei­te – gera­de in der Abson­de­rung von der Welt lebt die Gemein­de im Hei­lig­tum Got­tes, und in der Gemein­de lebt auch noch ein Stück Welt in die­sem Hei­lig­tum. Dar­um heißt es für die Hei­li­gen, ihrem Beruf und des Evan­ge­li­ums wür­dig zu wan­deln in allen Stü­cken (Eph. 4,1; Phil. 1,27; Kol. 1,10; 1. Thess. 2,12); wür­dig aber wer­den sie allein dar­in sein, daß sie sich des Evan­ge­li­ums täg­lich erin­nern, von dem sie leben. »Ihr seid abge­wa­schen, ihr seid gehei­ligt, ihr seid gerecht­fer­tigt« (1. Kor. 6,11). Aus die­ser Erin­ne­rung täg­lich zu leben ist ihre Hei­li­gung. Das ist ja die Bot­schaft, deren sie wür­dig sein sol­len, daß die Welt und das Fleisch tot sind, daß sie gekreu­zigt und gestor­ben sind mit Chris­tus am Kreuz und durch die Tau­fe, daß die Sün­de nicht mehr herr­schen kann, weil ihre Königs­ge­walt schon gebro­chen ist, daß es dar­um gar nicht mehr mög­lich ist, daß der Christ sün­digt. »Wer aus Gott gebo­ren ist, der sün­digt nicht« (1. Joh. 3,9).

Der Bruch ist voll­zo­gen. Der »vori­ge« Wan­del (Eph. 4,22) ist zu Ende gebracht. »Ihr wart wei­land Fins­ter­nis, nun aber seid ihr ein Licht in dem Herrn« (Eph. 5,8). Vor­her voll­brach­ten sie die schänd­li­chen und »unfrucht­ba­ren Wer­ke des Flei­sches«, jetzt wirkt der Geist die Frucht der Hei­li­gung.

So dür­fen die Chris­ten nicht mehr »Sün­der« genannt wer­den, sofern dar­un­ter sol­che ver­stan­den sind, die unter der Gewalt der Sün­de leben (HAMARTOLOI vergl. als ein­zi­ge Aus­nah­me und Selbst­aus­sa­ge 1. Tim. 1,15), viel­mehr, einst waren sie Sün­der, Gott­lo­se, Fein­de (Röm. 5,8 u. 19; Gal. 2,15 u. 17), nun aber sind sie die Hei­li­gen um Chris­ti wil­len. Als Hei­li­ge wer­den sie erin­nert und ermahnt zu sein, was sie sind. Nicht das Unmög­li­che wird gefor­dert, daß die, die Sün­der sind, hei­lig sei­en, – das wäre der völ­li­ge Rück­fall in die Werke­rei und Läs­te­rung Chris­ti –, son­dern die Hei­li­gen sol­len hei­lig sein; denn sie sind gehei­ligt in Chris­tus Jesus durch den Hei­li­gen Geist. Von einem furcht­bar schwar­zen Hin­ter­grund hebt sich das Leben der Hei­li­gen ab. Die fins­tern Wer­ke des Flei­sches wer­den durch das hel­le Licht des Lebens im Geist ganz auf­ge­deckt: »Ehe­bruch, Hure­rei, Unei­nig­keit, Unzucht, Abgöt­te­rei, Zau­be­rei, Feind­schaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwie­tracht, Rot­ten, Haß, Mord, Sau­fen, Fres­sen und der­glei­chen« (Gal. 5,19). Dies alles hat in der Gemein­de Chris­ti kei­nen Raum mehr. Es ist abge­tan und am Kreuz gerich­tet und zu Ende gebracht. Es ist den Chris­ten von Anfang an gesagt, daß »die sol­ches tun, das Reich Got­tes nicht erer­ben wer­den« (Gal. 5,21; Eph. 5,5; 1. Kor. 6,9; Röm. 1,32). Die­se Sün­den tren­nen vom ewi­gen Heil. Wird aber eines die­ser Las­ter in der Gemein­de den­noch offen­bar, so muß das den Aus­schluß aus der Gemein­schaft der Gemein­de nach sich zie­hen (1. Kor. 5,1ff.).

Es ist auf­fal­lend, daß in den soge­nann­ten Las­ter­ka­ta­lo­gen eine weit­ge­hen­de Gemein­sam­keit in der Auf­zäh­lung der Sün­den begeg­net. Fast aus­nahms­los steht an ers­ter Stel­le die Sün­de der Hure­rei (PORNEIA), die mit dem neu­en Leben des Chris­ten unver­ein­bar ist. Meist folgt dann die Sün­de der Hab­gier (PLEONEXIA 1. Kor. 5,10; 6,10; Eph. 4,19; 5,3.5; Kol. 3,5; 1. Thess. 4,4ff.), die mit der vori­gen zusam­men­ge­faßt wer­den kann als »Unrei­nig­keit« und »Abgöt­te­rei« (1. Kor. 5,10; 6,9; Gal. 5,3 u. 19; Kol. 3,5 u. 8). Es fol­gen dann die Sün­den gegen die Bru­der­lie­be, schließ­lich die Sün­de der Schwel­ge­rei (Anm.: Als Ursprung die­ser Las­ter­ka­ta­lo­ge mag das Wort des Herrn Mark. 7,21f. anzu­se­hen sein). Es ist gewiß nicht zufäl­lig, daß in der Rei­he der Sün­den die Sün­de der Hure­rei am Anfang steht. Der Grund hier­für liegt nicht in beson­de­ren Zeit­ver­hält­nis­sen, son­dern in der beson­de­ren Art die­ser Sün­de. In ihr lebt die Sün­de Adams wie­der auf, selbst wie Gott sein zu wol­len, Schöp­fer des Lebens sein zu wol­len, herr­schen und nicht die­nen zu wol­len. In ihr greift der Mensch über die ihm von Gott gesetz­ten Gren­zen hin­aus und ver­greift sich an Got­tes Geschöp­fen. Es war die Sün­de Isra­els, daß es immer wie­der die Treue sei­nes Herrn ver­leug­ne­te und »mit den Abgöt­tern Hure­rei« trieb (1. Kor. 10,7), sich an sie häng­te. Hure­rei ist zuerst Sün­de gegen Gott den Schöp­fer. Es ist für den Chris­ten aber in beson­de­rer Wei­se Sün­de gegen den Leib Chris­ti selbst; denn der Leib des Chris­ten ist ein Glied Chris­ti. Er gehört allein Chris­tus zu. Die leib­li­che Ver­ei­ni­gung mit der Hure aber hebt die geist­li­che Gemein­schaft mit Chris­tus auf. Wer Chris­tus sei­nen Leib raubt und ihn der Sün­de leiht, der hat sich von ihm getrennt. Die Hure­rei ist Sün­de am eige­nen Leib. Der Christ aber soll wis­sen, daß auch sein Leib Tem­pel des Hei­li­gen Geis­tes ist, der in ihm wohnt (1. Kor. 6,13ff.). So eng ist die Gemein­schaft des Lei­bes des Chris­ten mit Chris­tus, daß er auch mit sei­nem Leib nicht zugleich der Welt gehö­ren kann. Die Gemein­schaft des Lei­bes Chris­ti ver­bie­tet die Sün­de gegen den eige­nen Leib. Den Hurer muß der Zorn Got­tes tref­fen (Röm. 1,29; 1. Kor. 1,5f.; 7,2; 10,7; 2. Kor. 12,21; Hebr. 12,16; 13,4). Der Christ ist keusch, er gibt sei­nen Leib ganz in den Dienst des Lei­bes Chris­ti. Er weiß, daß mit dem Lei­den und Ster­ben des Lei­bes Chris­ti am Kreuz auch sein Leib getrof­fen und dem Tode anheim gege­ben ist. Die Gemein­schaft mit dem gemar­ter­ten und ver­klär­ten Lei­be Chris­ti befreit den Chris­ten von der Zucht­lo­sig­keit des leib­li­chen Lebens. Die wil­den leib­li­chen Begier­den ster­ben täg­lich in die­ser Gemein­schaft. In Zucht und Ent­halt­sam­keit dient der Christ mit sei­nem Leib allein der Auf­er­bau­ung des Lei­bes Chris­ti, der Gemein­de. Er tut das auch in der Ehe und macht sie dadurch selbst zu einem Stück des Lei­bes Chris­ti.

Mit der Hure­rei ist die Hab­gier ver­bun­den. Die Uner­sätt­lich­keit des Begeh­rens ist bei­den gemein­sam und läßt auch den Hab­gie­ri­gen der Welt ver­fal­len. Du sollst nicht begeh­ren, sagt Got­tes Gebot. Der Hurer und der Hab­gie­ri­ge sind nichts als Begier­de. Der Hurer begehrt den Besitz eines andern Men­schen. Der Hab­gie­ri­ge begehrt den Besitz der Güter der Welt. Der Hab­gie­ri­ge will Herr­schaft und Macht, aber er wird zum Knecht der Welt, an die er sein Herz gehängt hat. Hure­rei und Hab­gier brin­gen den Men­schen mit der Welt in eine Berüh­rung, die ihn befleckt und unrein macht. Hure­rei und Hab­gier sind Abgöt­te­rei, weil hier des Men­schen Herz nicht mehr Gott und Chris­tus zuge­hört, son­dern den begehr­ten Gütern der eige­nen Welt. Wer sich aber sei­nen Gott und sei­ne Welt selbst schafft, wem sei­ne eige­ne Sucht zum Gott wird, der muß den Bru­der has­sen, der ihm im Wege steht und sei­nen Wil­len hin­dert. Streit, Haß, Neid, Mord gehen alle aus der Quel­le der eige­nen Begier­de her­vor. »Woher kommt Streit und Krieg unter euch? Kommt’s nicht daher, aus euren Wol­lüs­ten, die da strei­ten in euren Glie­dern?« (Jak. 1,4f.). Der Hurer und der Hab­gie­ri­ge kann kei­ne Bru­der­lie­be ken­nen. Er lebt aus der Fins­ter­nis sei­nes eige­nen Her­zens. Indem er sich am Lei­be Chris­ti ver­sün­digt, ver­sün­digt er sich an sei­nem Bru­der. Hure­rei und Bru­der­lie­be schlie­ßen sich aus um des Lei­bes Chris­ti wil­len. Der Leib, den ich der Gemein­schaft des Lei­bes Chris­ti ent­zie­he, kann auch dem Nächs­ten nicht die­nen. Wie­der­um muß der Nicht­ach­tung des eige­nen Lei­bes und des Bru­ders die fre­che, gott­lo­se Schwel­ge­rei in Fres­sen und Sau­fen fol­gen. Wer sei­nen Leib ver­ach­tet, der ver­fällt sei­nem Fleisch und »sein Bauch wird ihm sein Gott sein« (Röm. 16,18). Die Häß­lich­keit die­ser Sün­de besteht dar­in, daß sich hier das tote Fleisch selbst pfle­gen will und so den Men­schen auch in sei­ner äuße­ren Gestalt schän­det. Der Schwel­ger hat am Lei­be Chris­ti kei­nen Teil.

Die Welt die­ser Las­ter ist für die Gemein­de Ver­gan­gen­heit. Von denen, die in sol­chen Las­tern leben, hat sich die Gemein­de getrennt und soll sie sich immer wie­der tren­nen (1. Kor. 5,9ff.); denn »was hat das Licht für Gemein­schaft mit der Fins­ter­nis« (2. Kor. 6,14ff.)? Dort sind »die Wer­ke des Flei­sches«, hier ist »die Frucht des Geis­tes« (Gal. 5,19ff.; Eph. 5,9).

Was heißt Frucht? Es sind vie­le »Wer­ke« des Flei­sches, aber es ist nur eine »Frucht« des Geis­tes. Wer­ke wer­den gewirkt von Men­schen­hand, die Frucht treibt und wächst, ohne daß der Baum es weiß. Wer­ke sind tot, die Frucht lebt und ist Trä­ger von Samen, der neue Frucht her­vor­bringt. Wer­ke kön­nen für sich da sein, die Frucht ist nie­mals ohne den Baum. Frucht ist immer das ganz Wun­der­ba­re, Gewirk­te, sie ist nicht ein Gewoll­tes, son­dern ein Gewach­se­nes. Die Frucht des Geis­tes ist von Gott allein gewirk­te Gabe. Wer sie trägt, weiß von ihr so wenig, wie der Baum von sei­ner Frucht. Er weiß allein von der Kraft des­sen, aus dem er lebt. Es gibt hier kei­nen Ruhm, son­dern allein die immer inni­ge­re Ver­ei­ni­gung mit dem Ursprung, mit Chris­tus. Die Hei­li­gen wis­sen selbst nicht um die Frucht der Hei­li­gung, die sie brin­gen. Die lin­ke Hand weiß nicht, was die rech­te tut. Woll­ten sie hier etwas wis­sen, woll­ten sie hier in Selbst­be­trach­tung fal­len, dann hät­ten sie sich schon von der Wur­zel los­ge­ris­sen und die Zeit ihres Frucht­tra­gens wäre dahin. »Die Frucht des Geis­tes ist Lie­be, Freu­de, Frie­de, Geduld, Freund­lich­keit, Gütig­keit, Glau­be, Sanft­mut, Keusch­heit« (Gal. 5,22). Neben der Hei­lig­keit der Gemein­de tritt hier die Hei­li­gung des Ein­zel­nen ins hells­te Licht. Aber die Quel­le ist ein- und die­sel­be, die Gemein­schaft mit Chris­tus, die Gemein­schaft am sel­ben Lei­be. Wie die Abson­de­rung von der Welt nur im fort­wäh­ren­den Kampf sicht­bar voll­zo­gen wird, so besteht auch die per­sön­li­che Hei­li­gung im Kampf des Geis­tes gegen das Fleisch. Die Hei­li­gen sehen nur Streit, Not, Schwach­heit und Sün­de in ihrem eige­nen Leben; und je rei­fer sie in der Hei­li­gung ste­hen, des­to mehr erken­nen sie sich als die Unter­lie­gen­den, als die Ster­ben­den nach dem Fleisch.»Welche Chris­to ange­hö­ren, die kreu­zi­gen ihr Fleisch samt den Lüs­ten und Begier­den« (Gal. 5,24). Noch leben sie im Fleisch, aber eben dar­um muß ihr gan­zes Leben ein Glau­be an den Sohn Got­tes sein, der in ihnen Sein Leben ange­fan­gen hat (Gal. 2,20). Der Christ stirbt täg­lich (1. Kor. 15,31), aber ob sein Fleisch dar­un­ter lei­det und zugrun­de geht, so wird doch der inne­re Mensch von Tag zu Tag erneu­ert (2. Kor. 4,6). Das Ster­ben der Hei­li­gen nach ihrem Fleisch hat sei­nen ein­zi­gen Grund dar­in, daß Chris­tus durch den Hei­li­gen Geist sein Leben in ihnen ange­fan­gen hat. Die Hei­li­gen ster­ben an Chris­tus und sei­nem Leben. Nun brau­chen sie kei­ne eige­nen selbst­ge­wähl­ten Lei­den mehr zu suchen, wodurch sie sich nur aber­mals in ihrem Fleisch behaup­ten wür­den. Chris­tus ist ihr täg­li­cher Tod und ihr täg­li­ches Leben.

Dar­um gilt aber für sie in vol­lem Maße der Jubel, daß der von Gott Gebo­re­ne nicht mehr sün­di­gen kann, daß die Sün­de über sie nicht mehr herrscht, daß sie der Sün­de gestor­ben sind und im Geis­te leben (Anm.: »Ich lebe aber, spricht der Gläu­bi­ge. Ich lebe vor dem Ange­sicht Got­tes, ich lebe vor sei­nem Rich­ter­stuhl in sei­ner Gna­de; ich lebe in sei­ner Huld, in sei­nem Licht, in sei­ner Lie­be; ich bin voll­kom­men erlöst von allen mei­nen Sün­den; es steht in dem Schuld­buch nichts mehr offen oder unbe­zahlt. Das Gesetz for­dert nichts mehr von mir, es treibt mich nicht mehr, es ver­dammt mich nicht mehr. Ich bin gerecht vor mei­nem Gott, wie er gerecht ist; hei­lig und voll­kom­men, wie mein Gott hei­lig ist, wie mein Vater im Him­mel voll­kom­men ist. Das gan­ze Wohl­ge­fal­len Got­tes umfaßt mich; es ist mein Grund, wor­auf ich ste­he, mein Obdach, dar­un­ter ich gebor­gen bin. Die gan­ze Selig­keit Got­tes, alle sei­ne Ruhe hebt und trägt mich; dar­in atme ich auf und befin­de mich dar­in ewig wohl. Sün­de habe ich nicht mehr und tue ich nicht mehr; ich weiß mit gutem Gewis­sen, daß ich in Got­tes Wegen bin und sei­nen Wil­len tue, daß ich ganz nach sei­nem Wil­len bin, – ich gehe oder ste­he, ich sit­ze oder lie­ge, ich wache oder schla­fe. Auch was ich den­ke oder rede, ist nach sei­nem Wil­len. Wo ich mich befin­de, es sei drau­ßen oder daheim, es ist nach sei­nem gnä­di­gen Wil­len. Ich bin ihm ange­nehm, es sei, daß ich wir­ke oder ruhe. Mei­ne Schuld ist auf ewig aus­ge­tilgt, und neue Schul­den, die nicht soll­ten aus­ge­tilgt sein, kann ich nicht mehr machen. Ich bin wohl­ver­wahrt in sei­ner Gna­de und kann nicht mehr sün­di­gen. Kein Tod kann mich mehr töten, ich lebe ewig, wie alle Engel Got­tes. Auf mich zür­nen oder mich schel­ten wird mein Gott nicht mehr; ich bin für immer erlöst von dem zukünf­ti­gen Zorn. Der Arge wird mich nicht mehr antas­ten, die Welt bekommt mich nie mehr in ihre Stri­cke. Wer will uns schei­den von der Lie­be Got­tes? So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?« Kohl­brüg­ge). »So ist nichts Ver­damm­li­ches in denen, die in Chris­tus Jesus sind« (Röm. 8,1). Gott hat Gefal­len an sei­nen Hei­li­gen; denn er selbst ist es, der ihren Kampf und ihr Ster­ben wirkt, und eben dar­in die Frucht der Hei­li­gung trei­ben läßt, von der die Hei­li­gen ganz gewiß sein soll­ten, daß sie da ist, auch wenn sie ihnen tief ver­bor­gen bleibt. Frei­lich, es ist nicht so, daß nun wei­ter­hin Hure­rei, Geiz, Mord, Bru­der­haß in der Gemein­de herr­schen kann unter der Bot­schaft von der Ver­ge­bung. Es ist auch nicht so, daß die Frucht der Hei­li­gung unsicht­bar blei­ben kann. Aber gera­de dort, wo sie weit­hin sicht­bar wird, wo die Welt im Anblick der christ­li­chen Gemein­de spre­chen muß, wie in den ers­ten Tagen der Chris­ten­heit: »Sehet, wie lieb sie ein­an­der haben«, gera­de dort wer­den die Hei­li­gen ganz allein und unent­wegt auf den sehen, dem sie ange­hö­ren, wer­den sie unwis­send um ihr Gutes Ver­ge­bung erbit­ten für ihre Sün­den. Die­sel­ben Chris­ten, die es sich zu eigen machen, daß die Sün­de nicht mehr herrscht, daß der Glau­ben­de nicht mehr sün­digt, wer­den beken­nen: »So wir sagen, wir haben kei­ne Sün­de, so ver­füh­ren wir uns selbst, und die Wahr­heit ist nicht in uns. So wir aber unse­re Sün­den beken­nen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sün­den ver­gibt und rei­nigt uns von aller Untu­gend. So wir sagen, wir haben nicht gesün­digt, so machen wir ihn zum Lüg­ner, und sein Wort ist nicht in uns. Mei­ne Kind­lein, sol­ches schrei­be ich euch, auf daß ihr nicht sün­di­get. Und ob jemand sün­digt, so haben wir einen Für­spre­cher bei dem Vater, Jes­um Chris­tum, der gerecht ist« (1. Joh. 1,8–2,1). So hat sie der Herr selbst gelehrt zu beten: Ver­gib uns unse­re Schuld. So hat er sie gehei­ßen, ein­an­der die Sün­den zu ver­ge­ben ohne Auf­hö­ren (Eph. 4,32; Matth. 18,21ff.). Indem die Chris­ten ein­an­der brü­der­lich ver­ge­ben, geben sie der Ver­ge­bung Jesu Raum in ihrer Gemein­schaft. Sie erken­nen in dem Andern nicht mehr den, der ihnen etwas zulei­de tat, son­dern den, dem Chris­tus am Kreuz die Ver­ge­bung erwirkt hat. Sie begeg­nen ein­an­der als die durch Jesu Kreuz Gehei­lig­ten. Unter die­sem Kreuz wird durch täg­li­ches Ster­ben ihr Den­ken, ihr Wort, ihr Leib gehei­ligt. Unter die­sem Kreuz wächst die Frucht der Hei­li­gung.

Die Gemein­de der Hei­li­gen ist nicht die »idea­le« Gemein­de der Sünd­lo­sen und Voll­kom­me­nen. Es ist nicht die Gemein­de der Rei­nen, die dem Sün­der kei­nen Raum zur Buße mehr gibt. Sie ist viel­mehr gera­de die Gemein­de, die sich des Evan­ge­li­ums von der Sün­den­ver­ge­bung wür­dig erweist, indem hier wahr­haf­tig Got­tes Ver­ge­bung ver­kün­digt wird, die nichts mehr mit Selbst­ver­ge­bung zu schaf­fen hat; die Gemein­de derer, denen wahr­haf­tig Got­tes teu­re Gna­de wider­fah­ren ist, und die dar­in des Evan­ge­li­ums wür­dig wan­deln, daß sie es nicht ver­schleu­dern und weg­wer­fen.

Damit ist gesagt, daß in der Gemein­de der Hei­li­gen Ver­ge­bung nur gepre­digt wer­den kann, wo auch Buße gepre­digt wird, wo das Evan­ge­li­um nicht ohne Geset­zes­pre­digt bleibt, wo die Sün­den nicht nur und nicht bedin­gungs­los ver­ge­ben, son­dern auch behal­ten wer­den. So ist es der Wil­le des Herrn selbst, daß das Hei­lig­tum des Evan­ge­li­ums nicht den Hun­den gege­ben wird, son­dern daß es nur im Schutz der Buß­pre­digt gepre­digt wer­den kann. Eine Gemein­de, die nicht Sün­de Sün­de nennt, kann auch kei­nen Glau­ben fin­den, wo sie Sün­de ver­ge­ben will. Sie ver­sün­digt sich am Hei­lig­tum, sie wan­delt unwür­dig des Evan­ge­li­ums. Sie ist unhei­li­ge Gemein­de, weil sie die teu­re Ver­ge­bung des Herrn ver­schleu­dert. Nicht damit ist es getan, daß über die all­ge­mei­ne Sünd­haf­tig­keit der Men­schen auch in sei­nen guten Wer­ken geklagt wird, das ist kei­ne Buß­pre­digt, son­dern kon­kre­te Sün­de muß genannt, gestraft und gerich­tet wer­den. Das ist der rech­te Gebrauch der Schlüs­sel­ge­walt (Matth. 16,19; 18,18; Joh. 20,23), die der Herr sei­ner Kir­che gege­ben hat, und von der die Refor­ma­to­ren noch so nach­drück­lich gespro­chen haben. Um des Hei­lig­tums wil­len, um der Sün­der wil­len und um der Gemein­de wil­len muß in der Gemein­de auch der Schlüs­sel des Bin­dens, des Sün­den­be­hal­tens geübt wer­den. Zum wür­di­gen Wan­del der Gemein­de vor dem Evan­ge­li­um gehört die Übung der Gemein­de­zucht. Eben­so wie die Hei­li­gung die Abschei­dung der Gemein­de von der Welt bewirkt, muß sie auch die Abschei­dung der Welt von der Gemein­de bewir­ken. Eins ohne das And­re bleibt unecht und unwahr. Die Gemein­de, die von der Welt abge­son­dert ist, muß nach innen Gemein­de­zucht üben.

Gemein­de­zucht dient nicht der Her­stel­lung einer Gemein­de der Voll­kom­me­nen, son­dern allein der Erbau­ung einer Gemein­de derer, die wahr­haf­tig unter Got­tes ver­ge­ben­der Barm­her­zig­keit leben. Gemein­de­zucht steht im Dienst der teu­ren Gna­de Got­tes. Der Sün­der in der Gemein­de muß ver­mahnt und gestraft wer­den, damit er nicht sei­nes Heils ver­lus­tig gehe, und damit das Evan­ge­li­um nicht miß­braucht wer­de. So kann nur der die Tauf­gna­de emp­fan­gen, der Buße tut und sei­nen Glau­ben an Jesus Chris­tus bekennt. So kann nur der die Gna­de des Abend­mahls emp­fan­gen, der »unter­schei­den kann« (1. Kor. 11,29) zwi­schen dem wahr­haf­ti­gen Leib und Blut Jesu Chris­ti zur Ver­ge­bung der Sün­den und irgend­ei­nem ande­ren Mahl sym­bo­li­scher oder sons­ti­ger Art. Dazu gehört wie­der­um, daß er sich aus­wei­sen kann über sei­ne Glau­bens­er­kennt­nis, daß er sich »prüft« oder sich der Prü­fung durch den Bru­der unter­wirft, ob er wahr­haf­tig Chris­ti Leib und Blut und sei­ne Ver­ge­bung begehrt. Zum Glau­bens­ver­hör tritt die Beich­te, in der der Christ die Gewiß­heit der Ver­ge­bung sei­ner Sün­den sucht und emp­fängt. Hier gibt Gott dem Sün­der Hil­fe aus der Gefahr des Selbst­be­tru­ges und der Selbst­ver­ge­bung. In dem Bekennt­nis der Sün­de vor sei­nem Bru­der stirbt das Fleisch mit sei­nem Stolz. Es wird mit Chris­tus in die Schan­de und in den Tod gege­ben, und durch das Wort der Ver­ge­bung ersteht ein neu­er Mensch, der der Barm­her­zig­keit Got­tes gewie­sen ist. So gehört der Gebrauch der Beich­te in das Leben der Hei­li­gen. Sie ist Got­tes Gna­den­ga­be, die nicht unge­straft miß­braucht wird. In der Beich­te wird Got­tes teu­re Gna­de emp­fan­gen. Hier wird der Christ dem Tode Chris­ti ähn­lich. »Dar­um wenn ich zur Beich­te ver­mah­ne, so tue ich nichts anders, denn daß ich ver­mah­ne, ein Christ zu sein« (Luther, Gro­ßer Kate­chis­mus).

Die Zucht durch­wal­tet das gan­ze Leben der Gemein­de. Es besteht hier eine im Dienst der Barm­her­zig­keit wohl­be­grün­de­te Stu­fen­rei­he. Der Ursprung aller Zucht­übung bleibt die Ver­kün­di­gung des Wor­tes nach bei­den Schlüs­seln. Sie bleibt nicht beschränkt auf die got­tes­dienst­li­che Ver­samm­lung, Viel­mehr ist der Amts­trä­ger nie­mals von sei­nem Auf­trag ent­bun­den. »Pre­di­ge das Wort, hal­te an, die Zeit sei güns­tig oder ungüns­tig, stra­fe, dro­he, ermah­ne mit aller Geduld und Leh­re« (2. Tim. 4,2). Das ist der Beginn der Gemein­de­zucht. Dabei muß sogleich deut­lich sein, daß hier nur Sün­den gestraft wer­den kön­nen, die offen­bar gewor­den sind. »Etli­cher Men­schen Sün­den sind offen­bar, daß man sie zuvor rich­ten kann, bei etli­chen aber wird sie her­nach offen­bar« (1. Tim. 5,24). So ist die Gemein­de­zucht eine Ver­scho­nung vor der Stra­fe des letz­ten Gerichts.

Ver­sagt die Gemein­de­zucht aber schon auf die­ser ers­ten Stu­fe, d. h. in dem täg­li­chen Hir­ten­dienst des Amts­trä­gers, so ist damit auch alles fol­gen­de in Fra­ge gestellt. Die zwei­te Stu­fe näm­lich ist die brü­der­li­che Ver­mah­nung der Gemein­de­glie­der unter­ein­an­der: »leh­ret und ver­mah­net euch unter­ein­an­der« (Kol. 3,16; 1. Thess. 5,11 u. 14). Zur Ver­mah­nung gehört auch das Trös­ten der Klein­mü­ti­gen, Tra­gen der Schwa­chen, Geduld üben gegen jeder­mann (1. Thess. 5,14). Allein so kann ja der täg­li­chen Anfech­tung und dem Abfall in der Gemein­de gewehrt wer­den.

Wo sol­cher brü­der­li­cher Dienst in der Gemein­de nicht mehr lebt, da wird auch schwer­lich die drit­te Stu­fe recht erreicht wer­den. Fällt näm­lich den­noch ein Bru­der in offen­ba­re Sün­de des Wor­tes oder der Tat, so muß die Gemein­de die Kraft haben, das eigent­li­che Gemein­de­zucht­ver­fah­ren gegen ihn ein­zu­lei­ten. Auch die­ses ist ein lan­ger Weg: Die Gemein­de muß sich zunächst über­win­den kön­nen, sich von dem Sün­der zu tren­nen. »Habt nichts mit ihm zu schaf­fen« (2. Thess. 3,14), »Wei­chet von ihnen« (Röm. 16,17), »Ihr sollt auch nicht mit ihm essen« (Abend­mahl?) (1. Kor. 5,11), »Mei­de sol­che« (2. Tim. 3,5; 1. Tim. 6,4). »Wir gebie­ten euch aber, lie­be Brü­der, in dem Namen unse­res Herrn Jesu Chris­ti (!), daß ihr euch ent­zie­het von jedem Bru­der, der da unor­dent­lich wan­delt und nicht nach der Sat­zung, die ihr von uns emp­fan­gen habt« (2. Thess. 3,6). Die­ses Ver­hal­ten der Gemein­de ist dazu da, den Sün­der »scham­rot« wer­den zu las­sen (2. Thess. 3,14), und ihn dadurch zurück­zu­ge­win­nen. Gewiß schließt die­ses Mei­den des Sün­ders auch sei­nen zeit­wei­li­gen Aus­schluß aus den Hand­lun­gen der Gemein­de in sich. Doch soll sol­ches Mei­den des offen­ba­ren Sün­ders nicht schon die Auf­he­bung jeder Gemein­schaft sein. Viel­mehr soll die Gemein­de, die sich vom Sün­der trennt, die­sem wei­ter­hin begeg­nen mit dem Wort der Ver­mah­nung »Hal­tet ihn nicht als einen Feind, son­dern ver­mah­net ihn als einen Bru­der« (2. Thess. 3,15). Der Sün­der bleibt noch Bru­der und erfährt eben dar­um Stra­fe und Ver­mah­nung der Gemein­de. Es ist barm­her­zi­ge Brü­der­lich­keit, die die Gemein­de Zucht üben läßt. Mit aller Sanft­mut müs­sen die Wider­spens­ti­gen gestraft, die Bösen getra­gen wer­den, »ob ihnen Gott nicht der­mal­einst Buße gäbe, die Wahr­heit zu erken­nen, daß sie wie­der nüch­tern wer­den und der Schlin­ge des Teu­fels ent­ge­hen und sich von Ihm ein­fan­gen las­sen in sei­nen Wil­len« (2. Tim. 2,26). Der Weg die­ser Ver­mah­nung wird je nach dem Sün­der ein ver­schie­de­ner sein, aber er wird immer das­sel­be Ziel haben, zur Buße und zur Ver­söh­nung zu füh­ren. Kann die Sün­de ver­bor­gen blei­ben zwi­schen dir und dem Sün­der, so sollst du sie nicht offen­ba­ren, viel­mehr sollst du ihn allein stra­fen und zur Buße rufen, »so hast du einen Bru­der gewon­nen«. Hört er dich aber nicht, son­dern ver­harrt er in sei­ner Sün­de, so sollst du aber­mals nicht sogleich die Sün­de offen­ba­ren, son­dern sollst dir einen oder zwei Zeu­gen suchen (Matth. 18,15f.). Des Zeu­gen bedarf es sowohl wegen des sün­di­gen Tat­be­stan­des – d. h. ist der­sel­be nicht zu erwei­sen und wird er von dem Gemein­de­glied geleug­net, so befeh­le man die Sache Gott; Zeu­gen, nicht Inqui­si­to­ren sind die Brü­der! – als auch wegen der Ver­sto­ckung des Sün­ders gegen die Buße. Die Heim­lich­keit der Zucht­übung soll dem Sün­der die Umkehr erleich­tern. Hört er auch jetzt nicht oder ist die Sün­de sowie­so schon offen­bar vor der gan­zen Gemein­de, dann ist es Sache der gan­zen Gemein­de, den Sün­der zu ermah­nen, zur Umkehr zu rufen (Matth. 18,17; cf. 2. Thess. 3,14). Ist der Sün­der Trä­ger eines Amtes der Gemein­de, so soll er nur auf zwei­er oder drei­er Zeu­gen Ankla­ge hin ver­klagt wer­den.

»Die da sün­di­gen, die stra­fe vor allen, auf daß sich auch die ande­ren fürch­ten« (1. Tim. 5,20). Nun ist die Gemein­de auf­ge­ru­fen, mit dem Amts­trä­ger zusam­men das Schlüs­sel­amt zu ver­wal­ten. Der öffent­li­che Spruch bedarf der öffent­li­chen Ver­tre­tung der Gemein­de und des Amtes. »Ich beschwö­re dich vor Gott und dem Herrn Jesus Chris­tus und den aus­er­wähl­ten Engeln, daß du sol­ches hal­test ohne eige­nes Vor­ur­teil und nichts tust nach Gunst« (1. Tim. 5,21); denn nun soll Got­tes eige­nes Urteil über den Sün­der erge­hen. Tut die­ser auf­rich­ti­ge Buße, bekennt er öffent­lich sei­ne Sün­de, so emp­fängt er die Ver­ge­bung aller sei­ner Sün­den im Namen Got­tes (cf. 2. Kor. 2,6ff.), beharrt er bei sei­ner Sün­de, so muß ihm die Gemein­de im Namen Got­tes sei­ne Sün­de behal­ten. Das aber bedeu­tet den Aus­schluß aus jeder Gemein­schaft der Gemein­de. »Hal­te ihn für einen Hei­den und Zöll­ner« (Matth. 18,17), »Wahr­lich, ich sage euch; was ihr auf Erden bin­den wer­det, soll auch im Him­mel gebun­den sein, und was ihr auf Erden lösen wer­det, soll auch im Him­mel los sein« … »Denn wo zwei oder drei ver­sam­melt sind in mei­nem Namen, da bin ich mit­ten unter ihnen« (18,18ff.). Im Aus­schluß aus der Gemein­de aber wird nur bestä­tigt, was schon Tat­sa­che ist, näm­lich, daß der unbuß­fer­ti­ge Sün­der ein sol­cher ist, der »sich selbst ver­ur­teilt hat« (Tit. 3,10). Nicht die Gemein­de ver­ur­teilt ihn, er selbst hat sich das Urteil gespro­chen. Die­sen voll­kom­me­nen Aus­schluß bezeich­net Pau­lus mit »dem Satan über­ge­ben« (1. Kor. 5,5; 1. Tim. 1,20). Der Schul­di­ge wird der Welt zurück­ge­ge­ben, in der der Satan herrscht und den Tod wirkt. (Daß hier nicht an einen Akt der Todes­stra­fe wie Act. 5 gedacht ist, beweist ein Ver­gleich von 1. Tim. 1,20 und 2. Tim. 2,17; 2. Tim. 4,15). Der Schul­di­ge ist aus der Gemein­schaft des Lei­bes Chris­ti aus­ge­sto­ßen, weil er sich selbst getrennt hat. Kein Anrecht an die Gemein­de steht ihm mehr zu. Den­noch bleibt auch die­ses letz­te Han­deln noch ganz im Diens­te des Heils­zie­les mit dem Betrof­fe­nen, »daß der Geist selig wer­de am Tage des Herrn Jesu« (1. Kor. 5,5), »daß er gezüch­tigt wer­de, nicht mehr zu läs­tern« (1. Tim. 1,20). Die Rück­kehr zur Gemein­de oder die Erlan­gung des Heils bleibt das Ziel der Gemein­de­zucht. Sie bleibt päd­ago­gi­sches Han­deln. So gewiß der Spruch der Gemein­de in Ewig­keit besteht, wo der ande­re nicht Buße tut, so ist die­ser Spruch, in dem dem Sün­der das Heil genom­men wer­den muß, nur das letzt­mög­li­che Ange­bot der Gemein­schaft der Gemein­de und des Heils (Anm.: Jen­seits aller Gemein­de­zucht­übung, die immer im Dienst der Barm­her­zig­keit steht, selbst über die Aus­lie­fe­rung des hart­nä­cki­gen Sün­ders an den Satan hin­aus, kennt das Neue Tes­ta­ment als furcht­bars­te Stra­fe die Ver­flu­chung, das Anathe­ma. Sie ist nicht mehr ver­bun­den mit dem Heils­zweck. Sie tritt als Vor­weg­nah­me des gött­li­chen Urteils auf. Im Alten Tes­ta­ment ent­spricht ihr der »Che­rem«, der an Gott­lo­sen voll­streckt wird. Er bedeu­tet defi­ni­ti­ve Abson­de­rung von der Gemein­de, der Gebann­te wird getö­tet. Damit ist ein Dop­pel­tes gesagt: Die Gemein­de ver­mag den Gebann­ten unter kei­nen Umstän­den mehr zu tra­gen und zu absol­vie­ren. Dar­um wird er Gott allein hin­ge­ge­ben. Damit aber ist der Gebann­te zugleich ver­flucht und doch hei­lig, weil er Gott aus­ge­lie­fert ist. Weil er aber Gott allein gehört als Ver­fluch­ter, dar­um kann die Gemein­de hier nicht mehr Heils­ab­sich­ten ver­fol­gen. Daß Anathe­ma Tren­nung vom Heil bedeu­tet, beweist Röm. 9,3; daß Anathe­ma escha­to­lo­gisch bezo­gen ist, legt 1. Kor. 16,22 nahe. Daß vom Anathe­ma der getrof­fen wird, der das Evan­ge­li­um selbst durch sei­ne Pre­digt wil­lent­lich zer­stört, sagt Gal. 1,8f. Es ist gewiß kein Zufall, daß die ein­zi­ge Stel­le, die über bestimm­te Men­schen das Anathe­ma spricht, sich auf die Irr­leh­rer bezieht. Doc­tri­na est coel­um, vita ter­ra, Luther).

(Anm.: Die Lehr­zucht ist von der Gemein­de­zucht inso­fern ver­schie­den, als letz­te­re aus rech­ter Leh­re, d. h. aus rech­tem Gebrauch der Schlüs­sel folgt, ers­te­re sich aber gegen den Miß­brauch der Leh­re selbst rich­tet. Durch fal­sche Leh­re wird die Quel­le des Lebens der Gemein­de und der Gemein­de­zucht ver­dor­ben. Dar­um wiegt die Ver­sün­di­gung gegen die Leh­re schwe­rer als die Ver­sün­di­gung im Wan­del. Wer der Gemein­de das Evan­ge­li­um raubt, ver­dient unein­ge­schränk­te Ver­ur­tei­lung, wer aber in sei­nem Wan­del sün­digt, für den ist das Evan­ge­li­um da. Lehr­zucht erstreckt sich in ers­ter Linie auf die Trä­ger des Lehr­am­tes in der Kir­che. Vor­aus­set­zung von allem ist, daß bei der Über­tra­gung des Amtes Gewähr dafür besteht, daß der Amts­trä­ger »didak­ti­kos«, zur Leh­re befä­higt ist (1. Tim. 3,2; 2. Tim. 2,24; Tit. 1,9), »tüch­tig auch ande­re zu leh­ren« (2. Tim. 2,2), daß kei­nem die Hän­de vor­ei­lig auf­ge­legt wer­den, weil sonst des­sen Schuld auf den zurück­fällt, der ihn ein­setz­te (1. Tim. 5,22). Die Lehr­zucht setzt also bereits vor der Beru­fung ins Lehr­amt ein. An der äußers­ten Gewis­sen­haf­tig­keit hängt hier Leben und Tod von Gemein­den. Die Lehr­zucht aber hat mit der Beru­fung ins Lehr­amt kein Ende, viel­mehr erst ihren Anfang. In unauf­hör­li­cher Ermah­nung muß selbst der bewähr­te Amts­trä­ger – Timo­theus – zur Bewäh­rung der rech­ten, heil­sa­men Leh­re ange­hal­ten wer­den. Das Lesen der Schrift wird ihm dafür beson­ders nahe gelegt. Zu groß ist die Gefahr des Abir­rens (2. Tim. 3,10; 3,14; 4,2; 2,15; 1. Tim. 4,13,16; Tit. 1,9; 3,8). Dazu muß aber noch die Ermah­nung zum vor­bild­li­chen Lebens­wan­del kom­men »Habe acht auf dich selbst und auf die Leh­re« (1. Tim. 4,13f.; Act. 20,28). Zur Keusch­heit, Demut, Unpar­tei­lich­keit, zum Fleiß ermahnt zu wer­den, ist für Timo­theus kei­ne Beschä­mung. So steht vor aller Gemein­de­zucht­übung die Übung der Zucht an den Amts­trä­gern. Es ist die Auf­ga­be des Amts­trä­gers, in sei­ner Gemein­de die rech­te Leh­re zu ver­brei­ten und jeder Ver­keh­rung ent­ge­gen­zu­tre­ten. Wo offen­ba­re Irr­leh­re ein­zieht, dort soll der Amts­trä­ger gebie­ten, »daß sie nicht anders lehr­ten« (1. Tim. 1,3); denn er trägt das Lehr­amt und kann gebie­ten. Wei­ter soll er war­nen und erin­nern, das Wort­ge­zänk zu mei­den (2. Tim. 2,14). Ist einer als Irr­leh­rer offen­bar, so soll er »ein­mal und aber­mals ermahnt« wer­den. Hört er nicht, so soll mit einem ket­ze­ri­schen Men­schen die Gemein­schaft abge­bro­chen wer­den (Tit. 3,10; 1. Tim. 6,4f.); denn er ver­führt die Gemein­de (2. Tim. 3,6f.). »Wer nicht in der Leh­re Chris­ti bleibt, der hat kei­nen Gott«. Einem sol­chen fal­schen Leh­rer soll auch die häus­li­che Gemein­schaft und der from­me Gruß­wunsch ver­sagt wer­den (2. Joh. 10). Im Irr­leh­rer kommt der Wider­christ. Nicht der Sün­der in sei­nem Lebens­wan­del, son­dern allein der Irr­leh­rer wird Anti­christ genannt. Ihm allein gilt das Anathe­ma von Gal. 1,9. Über das Ver­hält­nis von Lehr­zucht und Gemein­de­zucht gilt: Es gibt kei­ne Gemein­de­zucht ohne Lehr­zucht. Es gibt aber auch kei­ne Lehr­zucht, die nicht zur Gemein­de­zucht füh­ren müß­te. Pau­lus wirft den Korin­thern vor, daß sie in ihrer Auf­ge­bla­sen­heit Schis­ma­ta anrich­ten wol­len ohne doch Gemein­de­zucht zu üben (1. Kor. 5,2). Die­se Tren­nung der Lehr­fra­ge von der Fra­ge des Wan­dels in der Gemein­de ist unmög­lich).

So bewährt sich die Hei­li­gung der Gemein­de in ihrem Wan­del, der des Evan­ge­li­ums wür­dig ist. Sie bringt die Frucht des Geis­tes und steht in der Zucht des Wor­tes. In alle­dem bleibt sie Gemein­de derer, deren Hei­li­gung allein Chris­tus ist (1. Kor. 1,30) und die dem Tag der Wie­der­kunft ent­ge­gen­geht.

Damit ste­hen wir bei der drit­ten Bestim­mung ech­ter Hei­li­gung. Alle Hei­li­gung ist auf das Bestehen am Tage Jesu Chris­ti gerich­tet. »Jaget nach der Hei­li­gung, ohne wel­che wird nie­mand den Herrn sehen« (Hebr. 12,14). Hei­li­gung ist immer auf das Ende bezo­gen. Sie hat ihr Ziel nicht dar­in, vor dem Urteil der Welt oder vor dem eige­nen Urteil, son­dern vor dem Herrn bestehen zu kön­nen. Vor sich selbst und vor der Welt mag ihre Hei­lig­keit Sün­de, ihr Glau­be Unglau­be, ihre Lie­be Här­te, ihre Zucht Schwä­che sein. Ihre wah­re Hei­lig­keit bleibt ver­bor­gen. Aber Chris­tus selbst berei­tet sich sei­ne Gemein­de, so daß sie vor ihm bestehen kann. »Ihr Män­ner, lie­bet eure Wei­ber, gleich­wie Chris­tus auch geliebt hat die Gemein­de und hat sich selbst für sie gege­ben, auf daß er sie hei­lig­te, und hat sie gerei­nigt durch das Was­ser­bad im Wort, auf daß er sie sich selbst dar­stell­te als eine Gemein­de, die herr­lich sei, die nicht habe einen Fle­cken oder Run­zel oder des etwas, son­dern daß sie hei­lig sei und unsträf­lich« (Eph. 5,25–27; Kol. 1,22; Eph. 1,4). Vor Jesus Chris­tus kann nur die gehei­lig­te Gemein­de bestehen; der die Fein­de Got­tes ver­söhn­te und sein Leben für die Gott­lo­sen gab, der tat es, damit sei­ne Gemein­de hei­lig sei bis zu sei­ner Wie­der­kunft. Das geschieht durch die Ver­sie­ge­lung mit dem Hei­li­gen Geist, wodurch die Hei­li­gen im Hei­lig­tum der Gemein­de ver­schlos­sen und bewahrt wer­den bis auf den Tag Jesu Chris­ti. An jenem Tage sol­len sie nicht mit Befle­ckung und Schan­de, son­dern an Geist, See­le und Leib hei­lig und unsträf­lich vor ihm erfun­den wer­den (1. Thess. 5,23). »Wis­set ihr nicht, daß die Unge­rech­ten wer­den das Reich Got­tes nicht erer­ben? Las­set euch nicht ver­füh­ren! Weder die Hurer noch die Abgöt­ti­schen noch die Ehe­bre­cher noch die Weich­lin­ge noch die Kna­ben­schän­der noch die Die­be noch die Gei­zi­gen noch die Trun­ken­bol­de noch die Läs­te­rer noch die Räu­ber wer­den das Reich Got­tes erer­ben. Und sol­che sind euer etli­che gewe­sen; aber ihr seid abge­wa­schen, ihr seid gehei­ligt, ihr seid gerecht gewor­den durch den Namen des Herrn Jesu und durch den Geist unse­res Got­tes« (1. Kor. 6,9–11). Dar­um trot­ze kei­ner auf Got­tes Gna­de, der in der Sün­de ver­har­ren will! Nur die gehei­lig­te Gemein­de wird am Tage Jesu Chris­ti erret­tet wer­den vor dem Zorn; denn der Herr wird nach den Wer­ken rich­ten und die Per­son nicht anse­hen. Es wird eines jeg­li­chen Werk offen­bar wer­den, und er wird einem jeg­li­chen geben »danach er gehan­delt hat bei leib­li­chem Leben, es sei gut oder böse« (2. Kor. 5,10; Röm. 2,6ff.; Matth. 16,26). Was hier auf Erden sein Urteil nicht emp­fan­gen hat, das wird am Gerichts­ta­ge nicht ver­bor­gen blei­ben, es muß alles ans Licht. Wer wird dann bestehen? Der in guten Wer­ken erfun­den wird. Nicht die Hörer, son­dern die Täter des Geset­zes wer­den gerecht­fer­tigt wer­den (Röm. 2,13). Es ist des Herrn eige­nes Wort, daß in sein Him­mel­reich nur die kom­men kön­nen, die den Wil­len sei­nes Vaters im Him­mel tun.

Weil wir nach unse­ren Wer­ken gerich­tet wer­den, dar­um ist uns das »gute Werk« gebo­ten. Die Furcht vor dem guten Werk, mit der wir unse­re bösen Wer­ke recht­fer­ti­gen wol­len, ist der Bibel aller­dings fremd. Nir­gends setzt die Schrift den Glau­ben so gegen das gute Werk, daß sie in dem guten Werk die Zer­stö­rung des Glau­bens sieht, viel­mehr ist es das böse Werk, das den Glau­ben hin­dert und ver­nich­tet. Gna­de und Tun gehö­ren zusam­men. Es gibt kei­nen Glau­ben ohne das gute Werk, wie es kein gutes Werk ohne Glau­ben gibt (Anm.: Der Unter­schied zwi­schen Pau­lus und Jako­bus besteht dar­in, daß durch Jako­bus der Demut des Glau­bens die Mög­lich­keit des Selbst­ruhms genom­men wird, und daß durch Pau­lus der Demut des Wer­kes die Mög­lich­keit des Selbst­ruhms ent­zo­gen wird. Jako­bus will nicht die Gül­tig­keit des Sat­zes, daß der Mensch allein durch den Glau­ben gerecht­fer­tigt wer­de, bestrei­ten, son­dern er will den Glau­ben­den selbst von der Gefahr der Sicher­heit in sei­nem Glau­ben auf das Werk des Gehor­sams wei­sen und ihn damit wahr­haf­tig demü­ti­gen. Pau­lus wie Jako­bus geht es dar­um, daß der Mensch wahr­haf­tig aus der Gna­de und nicht aus sich selbst lebe).

Um sei­nes Heils wil­len sind dem Chris­ten gute Wer­ke von­nö­ten; denn wer in bösen Wer­ken erfun­den wird, der wird das Reich Got­tes nicht sehen. Dar­um ist das gute Werk das Ziel des Christ­seins. Weil in die­sem Leben nur eins wich­tig ist, näm­lich wie der Mensch im letz­ten Gericht bestehen kann, und weil jeder nach sei­nen Wer­ken gerich­tet wer­den wird, dar­um geht es in allem um die Berei­tung des Chris­ten zum guten Werk. So hat auch die Neu­schöp­fung des Men­schen in Chris­tus die guten Wer­ke zum Ziel. »Denn aus Gna­de seid ihr selig gewor­den durch den Glau­ben, und das nicht aus euch, Got­tes Gabe ist es; nicht aus den Wer­ken, auf daß sich nicht jemand rüh­me. Denn wir sind sein Werk, geschaf­fen in Chris­to Jesu zu guten Wer­ken, zu wel­chen Gott uns zuvor berei­tet hat, daß wir dar­in wan­deln sol­len« (Eph. 2,8–10; vgl. 2. Tim. 2,21; 3,17; Tit. 1,16; 3,1.8.14). Hier ist alles ganz deut­lich. Das Ziel ist die Her­stel­lung des guten Wer­kes, das Gott for­dert. Got­tes Gesetz bleibt auf­ge­rich­tet und muß erfüllt wer­den (Röm. 3,31). Das geschieht durch das gute Werk. Es gibt aber nur ein gutes Werk, das ist Got­tes Werk in Chris­tus Jesus. Durch Got­tes eige­nes Werk in Chris­tus sind wir selig gewor­den, nicht durch unse­re eige­nen Wer­ke. So fällt uns nie­mals ein Ruhm aus eige­nen Wer­ken zu; denn wir sind sein Werk. Aber dazu sind wir neu geschaf­fen in Chris­tus, daß wir in ihm zu guten Wer­ken kämen. Alle unse­re guten Wer­ke aber sind allein Got­tes eige­ne gute Wer­ke, zu denen er uns zuvor berei­tet hat. Also gute Wer­ke sind zwar gebo­ten um des Heils wil­len, und gute Wer­ke sind doch immer nur die Wer­ke, die Gott selbst an uns wirkt. Sie sind sein Geschenk. Wir selbst sind es, die in guten Wer­ken wan­deln sol­len, die jeden Augen­blick zu guten Wer­ken gefor­dert sind, und wir wis­sen doch, daß wir mit unse­ren Wer­ken vor Got­tes Gericht nie­mals bestehen könn­ten, son­dern daß es Chris­tus allein ist und sein Werk, an das wir uns im Glau­ben klam­mern. So ver­heißt Gott denen, die in Chris­tus Jesus sind, gute Wer­ke, mit denen sie einst bestehen kön­nen, er ver­heißt ihnen die Bewah­rung in der Hei­li­gung bis zum Tage Jesu. Wir aber kön­nen die­ser Ver­hei­ßung Got­tes nur glau­ben auf sein Wort hin, und hin­ge­hen und in den guten Wer­ken wan­deln, zu denen er uns berei­tet hat. So bleibt unsern Augen unser gutes Werk gänz­lich ent­zo­gen. Unse­re Hei­li­gung bleibt uns ver­bor­gen bis auf den Tag, da alles offen­bar wird. Wer hier etwas sehen will, wer sich hier selbst offen­bar wer­den will und nicht in Geduld war­ten, der hat sei­nen Lohn dahin. Gera­de in unse­rem ver­meint­lich sicht­ba­ren Fort­schritt der Hei­li­gung, an dem wir uns freu­en wol­len, sind wir erst recht in die Buße geru­fen und erken­nen wir unse­re Wer­ke als durch und durch sün­dig. Wir sind aber zur immer grö­ße­ren Freu­de an unse­rem Herrn geru­fen. Gott allein kennt unse­re guten Wer­ke, wir ken­nen nur sein gutes Werk und hören sein Gebot und gehen unter sei­ner Gna­de hin, wan­deln in sei­nen Gebo­ten und sün­di­gen. Es muß dabei blei­ben, daß die neue Gerech­tig­keit, die Hei­li­gung, das Licht, das leuch­ten soll, uns ganz ver­bor­gen bleibt. Die lin­ke Hand weiß nicht, was die rech­te tut. Aber wir glau­ben es, und sind des­sel­bi­gen guter Zuver­sicht, daß »der in uns ange­fan­gen hat das gute Werk, der wird es auch voll­füh­ren bis an den Tag Jesu Chris­ti« (Phil. 1,6). An jenem Tag wird uns Chris­tus selbst die guten Wer­ke offen­ba­ren, die wir nicht kann­ten. Als wir es nicht wuß­ten, haben wir ihn gespeist, getränkt, geklei­det und besucht, und als wir es nicht wuß­ten, haben wir ihn von uns gesto­ßen. Dann wird ein gro­ßes Ver­wun­dern anhe­ben, und wir wer­den erken­nen, daß es nicht unse­re Wer­ke sind, die hier bestehen, son­dern das Werk, das Gott zu sei­ner Zeit ohne unser Wol­len und Mühen durch uns getan hat (Matth. 25,31ff.). So bleibt uns aber­mals nichts als von uns weg­zu­se­hen auf den, der alles schon für uns voll­bracht hat und ihm nach­zu­fol­gen. Der Glau­ben­de wird gerecht­fer­tigt, der Gerecht­fer­tig­te wird gehei­ligt, der Gehei­lig­te wird im Gericht erret­tet, nicht weil unser Glau­be, unse­re Gerech­tig­keit, unse­re Hei­li­gung, soweit es an uns ist, etwas ande­res wäre als Sün­de, son­dern weil Jesus Chris­tus uns gemacht ist »zur Gerech­tig­keit und zur Hei­li­gung und zur Erlö­sung, auf daß, wer sich rühmt, der rüh­me sich des Herrn« (1. Kor. 1,30).

Hei­li­gung ist metho­dis­ti­scher Kern­be­griff

Schon die frü­hes­ten Metho­dis­ten wur­den so genannt, weil sie sich regel­mä­ßig tra­fen, um die eige­ne Hei­li­gung und die der ande­ren vor­an­zu­trei­ben. Hei­li­ge sind bloß Hei­li­ge in der Hei­li­gung (die zuerst durch Gott in Chris­tus gesche­hen ist, die ihnen in der Gemein­schaft der Hei­li­gen, in der Gemein­de, im Wort und im Sakra­ment zuteil wird und die sich ereig­net im Bemü­hen mit dem eige­nen Leben ange­mes­sen auf Got­tes Ruf zu ant­wor­ten.)

Zu oft wird Hei­li­gung miss­ver­stan­den als etwas, das der Chris­ten­mensch selbst machen könn­te. Dass er oder sie dann bloß ein Pha­ri­sä­er 2.0 wür­de, hat so jemand nicht erkannt. Bon­hoef­fer zeigt, wie kom­pli­ziert und dabei zugleich wie ein­fach und schlicht die Hei­li­gung sein kann.

Die Rol­le der Gemein­de erscheint mir heu­te außer­or­dent­lich wich­tig. Es geht dabei stets um die kon­kre­ten Men­schen, die ich brau­che, um mit Gott wei­ter zu kom­men, weil sie mich auf mein lieb­lo­ses, unacht­sa­mes Leben hin­wei­sen. Weil sie mich zurecht brin­gen, wenn ich zweif­le oder mich der Mut ver­lässt.

Ich brau­che die ande­ren, die, wenn ich sie bit­te, mit mir beten oder mit mir den Segen Got­tes zuspre­chen, wenn ich vor Gott und ihnen mei­ne erkann­ten Feh­ler beken­ne.

Die Gefahr der Macht besteht in jeder Gemein­de. Ein­an­der zu die­nen aber ist eben genau die ande­re Wei­se, wie wir den ande­ren begeg­nen (kön­nen und sol­len). Mensch­lich ist das kaum mög­lich, aber der Geist Got­tes kann es wir­ken.

Gemein­de muss, weil sie kon­kret ist, über­schau­bar sein. Idea­ler­wei­se nicht zu klein, vor allem aber kei­ne Mega-Church, denn in sol­chen Groß­un­ter­neh­men ist kon­kre­te Gemein­schaft schon wie­der nicht (mehr) mög­lich.

Erstaun­li­cher­wei­se macht mich hier Bon­hoef­fers Text außer­or­dent­lich dank­bar für die Gemein­de und Gemein­schaft in der ich lebe.

F.W.

Fort­set­zung folgt.