In die­ser Feri­en­zeit ver­öf­fent­li­chen wir hier Abschnit­te aus Bon­hoef­fers Band »Nach­fol­ge« (gemein­frei seit 2016), ins­be­son­de­re aus dem zwei­ten Teil »Die Kir­che Jesus Chris­ti und die Nach­fol­ge« und dazu eini­ge Gedan­ken von mir heu­te, eben Impul­se, die mir bei der Lek­tü­re durch den Kopf gin­gen, und die mög­li­cher­wei­se auch ande­ren nütz­lich wer­den kön­nen.

Die sicht­ba­re Gemein­de.

Der Leib Jesu Chris­ti nimmt Raum ein auf Erden. Mit der Mensch­wer­dung for­dert Chris­tus Raum unter den Men­schen. Er kam in sein Eigen­tum. Aber sie gaben ihm bei sei­ner Geburt einen Stall, »denn sie hat­ten sonst kei­nen Raum in der Her­ber­ge«, sie stie­ßen ihn in sei­nem Tode von sich, daß sein Leib zwi­schen Erde und Him­mel am Gal­gen hing. Doch die Flei­sch­wer­dung schließt den Anspruch auf eige­nen Raum auf Erden ein. Was Raum ein­nimmt, ist sicht­bar. So kann der Leib Jesu Chris­ti nur ein sicht­ba­rer Leib sein, oder er ist nicht Leib. Sicht­bar ist der Mensch Jesus, geglaubt wird er als der Sohn Got­tes. Sicht­bar ist der Leib Jesu, geglaubt wird er als der Leib des mensch­ge­wor­de­nen Got­tes. Sicht­bar ist, daß Jesus im Fleisch war, geglaubt wird, daß er unser Fleisch trug. »Auf die­sen Men­schen sollst du zei­gen und spre­chen: das ist Gott« (Luther).

Eine Wahr­heit, eine Leh­re, eine Reli­gi­on braucht kei­nen eige­nen Raum. Sie ist lei­b­los. Sie wird gehört, gelernt, begrif­fen. Das ist alles. Aber der mensch­ge­wor­de­ne Sohn Got­tes braucht nicht nur Ohren oder auch Her­zen, son­dern er braucht leib­haf­ti­ge Men­schen, die ihm nach­fol­gen. Dar­um berief er sei­ne Jün­ger in sei­ne leib­li­che Nach­fol­ge, und sei­ne Gemein­schaft mit ihnen war jeder­mann sicht­bar. Sie war begrün­det und zusam­men­ge­hal­ten durch Jesus Chris­tus den Mensch­ge­wor­de­nen selbst, das fleisch­ge­wor­de­ne Wort hat­te geru­fen, hat­te die leib­li­che sicht­ba­re Gemein­schaft geschaf­fen. Die Geru­fe­nen konn­ten nicht mehr ver­bor­gen blei­ben, sie waren das Licht, das leuch­ten muß, die Stadt auf dem Ber­ge, die gese­hen wer­den muß. Über ihrer Gemein­schaft stand sicht­bar das Kreuz und Lei­den Jesu Chris­ti. Um sei­ner Gemein­schaft wil­len muß­ten die Jün­ger alles auf­ge­ben, muß­ten sie lei­den und ver­folgt wer­den, und doch emp­fin­gen sie gera­de unter Ver­fol­gun­gen in sei­ner Gemein­schaft sicht­bar wie­der, was sie ver­lo­ren, Brü­der und Schwes­tern, Äcker und Häu­ser. Die Gemein­de der Nach­fol­gen­den war offen­bar vor der Welt. Hier waren Lei­ber, die han­del­ten, arbei­te­ten und lit­ten in der Gemein­schaft Jesu. Auch der Leib des erhöh­ten Her­ren ist sicht­ba­rer Leib in der Gestalt der Gemein­de. Wie wird die­ser Leib sicht­bar? Zuerst in der Pre­digt des Wor­tes. »Sie blie­ben aber bestän­dig in der Apos­tel Leh­re« (Apg. 2,42). Jedes Wort ist in die­sem Satz bedeut­sam. Leh­re (DIDACHE) heißt die Pre­digt, hier im Gegen­satz zu jeder Art reli­giö­ser Rede. Hier ist Mit­tei­lung von gesche­he­nen Tat­sa­chen gemeint. Der Inhalt des zu Sagen­den liegt objek­tiv fest, er bedarf nur der Ver­mitt­lung durch die »Leh­re«. Mit­tei­lung beschränkt sich aber ihrem Wesen nach auf Unbe­kann­tes. Ist es bekannt gewor­den, so ist wei­te­re Mit­tei­lung sinn­los; so liegt es an sich im Begriff der »Leh­re«, sich selbst über­flüs­sig zu machen. In eigen­ar­ti­gem Wider­spruch dazu heißt es hier, daß die ers­te Gemein­de sich »bestän­dig« zu die­ser Leh­re hielt, daß sich also die­se Leh­re nicht über­flüs­sig macht, son­dern daß sie gera­de Bestän­dig­keit for­dert. Eine sach­li­che Nöti­gung muß in der Ver­bin­dung die­ser »Leh­re« mit der »Bestän­dig­keit« lie­gen. Sie ist dar­in aus­ge­spro­chen, daß es »Leh­re der Apos­tel« ist, um die es sich han­delt. Was heißt »Leh­re der Apos­tel«? Apos­tel sind die von Gott erwähl­ten Tat­sa­chen­zeu­gen der Offen­ba­rung in Jesus Chris­tus. Sie haben in Jesu leib­li­cher Gemein­schaft gelebt, sie haben den Mensch­ge­wor­de­nen, Gekreu­zig­ten und Auf­er­stan­de­nen gese­hen und sei­nen Leib mit ihren Hän­den betas­tet (1. Joh. 1,1). Sie sind die Zeu­gen, deren sich Gott, der hei­li­ge Geist als Werk­zeug bedient, um das Wort aus­zu­rich­ten. Apos­tel­pre­digt ist Zeug­nis des leib­haf­ti­gen Gesche­hens der Offen­ba­rung Got­tes in Jesus Chris­tus. Auf dem Grun­de der Apos­tel und Pro­phe­ten ist die Kir­che erbaut, deren Eck­stein Jesus Chris­tus ist (Eph. 2,20). Jede wei­te­re Pre­digt muß selbst apos­to­li­sche Pre­digt sein, indem sie auf die­sen Grund auf­baut. So ist die Ein­heit zwi­schen uns und der ers­ten Gemein­de durch das Wort der Apos­tel her­ge­stellt. Inwie­fern macht die­se apos­to­li­sche Leh­re die Bestän­dig­keit des Hörens not­wen­dig? Das apos­to­li­sche Wort ist im Men­schen­wort wahr­haf­tig Got­tes Wort (1. Thess. 2,13). Es ist dar­um Wort, das Men­schen anneh­men will und Kraft hat, es zu tun. Got­tes Wort sucht Gemein­de, um sie anzu­neh­men. Es ist wesent­lich in der Gemein­de. Es geht von selbst in die Gemein­de hin­ein. Es hat eine eige­ne Bewe­gung zur Gemein­de hin. Nicht so ist es, daß auf der einen Sei­te ein Wort, eine Wahr­heit ist, und auf der ande­ren Sei­te eine Gemein­de, und der Pre­di­ger habe nun dies Wort zu neh­men, zu hand­ha­ben, zu bewe­gen, um es in die Gemein­de hin­ein zu brin­gen, es auf die Gemein­de anzu­wen­den. Viel­mehr geht das Wort die­sen Weg ganz von selbst, der Pre­di­ger soll und kann nichts tun, als die­ser eige­nen Bewe­gung des Wor­tes zu die­nen, ihr nichts ins den Weg zu stel­len. Das Wort geht aus, um Men­schen anzu­neh­men; das wuß­ten die Apos­tel, und das mach­te ihre Pre­digt aus. Sie hat­ten ja Got­tes Wort selbst gese­hen, wie es gekom­men war, wie es Fleisch ange­nom­men hat­te und in die­sem Fleisch die gan­ze Mensch­heit selbst. Nun hat­ten sie nichts zu bezeu­gen als die­ses, daß Got­tes Wort Fleisch gewor­den ist, daß es kam, um Sün­der anzu­neh­men, um zu ver­ge­ben und zu hei­li­gen. Dies ist das Wort, das nun in die Gemein­de hin­ein geht; das fleisch­ge­wor­de­ne Wort, das schon die gan­ze Mensch­heit trägt, das nicht mehr sein kann ohne die Mensch­heit, die es ange­nom­men hat, kommt zur Gemein­de. In die­sem Wort aber kommt der Hei­li­ge Geist selbst, der dem Ein­zel­nen und der Gemein­de zeigt, was in Chris­tus schon längst geschenkt ist. Er wirkt in den Hören­den den Glau­ben, daß im Wort der Pre­digt Jesus Chris­tus selbst mit­ten unter uns getre­ten ist in der Kraft sei­nes Lei­bes, daß er kommt, um mir zu sagen, daß er mich ange­nom­men hat und heu­te wie­der­um anneh­men will.

Das Wort der apos­to­li­schen Pre­digt ist das Wort, das die Sün­den aller Welt leib­haf­tig getra­gen hat, es ist der gegen­wär­ti­ge Chris­tus im Hei­li­gen Geist. Chris­tus in sei­ner Gemein­de, das ist die »Leh­re der Apos­tel«, die apos­to­li­sche Pre­digt. Die­se Leh­re macht sich nie­mals über­flüs­sig, son­dern sie schafft sich die Gemein­de, die bestän­dig an ihr bleibt, weil sie vom Wort ange­nom­men ist und täg­lich des­sen gewiß wird. Die­se Leh­re schafft sich eine sicht­ba­re Gemein­de. Zu der Sicht­bar­keit des Lei­bes Chris­ti in der Pre­digt des Wor­tes tritt die Sicht­bar­keit in Tau­fe und Abend­mahl. Bei­de kom­men her aus der wahr­haf­ti­gen Mensch­heit unse­res Her­ren Jesu Chris­ti. In bei­den begeg­net er uns leib­haf­tig und macht uns der Gemein­schaft sei­nes Lei­bes teil­haf­tig. Zu bei­den Hand­lun­gen gehört die Ver­kün­di­gung. In der Tau­fe wie beim Abend­mahl ist es die Ver­kün­dung des Todes Chris­ti für uns (Röm. 6,3ff.; 1. Kor. 11,26). Bei bei­den ist die Gabe der Leib Chris­ti. In der Tau­fe wird uns die Glied­schaft am Lei­be geschenkt, im Abend­mahl die leib­li­che Gemein­schaft (KOINONIA) mit dem Leib des Her­ren, den wir emp­fan­gen, und eben dar­in die leib­li­che Gemein­schaft mit den Glie­dern die­ses Lei­bes. So wer­den wir durch die Gaben sei­nes Lei­bes mit Ihm Ein Leib. Weder die Gabe der Tau­fe noch die des Abend­mahls ist ganz umfaßt, wenn wir sie als Sün­den­ver­ge­bung bezeich­nen. Die Gabe des Lei­bes, die in den Sakra­men­ten gespen­det wird, schenkt uns den leib­haf­ti­gen Her­ren in sei­ner Gemein­de. Sün­den­ver­ge­bung aber ist mit ein­ge­schlos­sen in der Gabe des Lei­bes Chris­ti als Gemein­de. Von hier aus ist es ver­ständ­lich, daß die Aus­tei­lung von Tau­fe und Abend­mahl ursprüng­lich – im genau­en Gegen­satz zu unse­rem heu­ti­gen Gebrauch – nicht an das Amt der apos­to­li­schen Ver­kün­di­gung gebun­den ist, son­dern von der Gemein­de selbst voll­zo­gen wird (1. Kor. 1,1 u. 14ff.; 11,17ff.). Tau­fe und Abend­mahl gehö­ren allein der Gemein­de des Lei­bes Chris­ti. Das Wort rich­tet sich an Glau­ben­de und Ungläu­bi­ge. Die Sakra­men­te gehö­ren allein der Gemein­de. So ist die christ­li­che Gemein­de im eigent­li­chen Sin­ne Tauf- und Abend­mahls­ge­mein­de, und erst von hier aus Pre­digt­ge­mein­de.

Es ist deut­lich gewor­den, daß die Gemein­de Jesu Chris­ti in der Welt einen Raum der Ver­kün­di­gung bean­sprucht. Der Leib Chris­ti ist sicht­bar in der um Wort und Sakra­ment ver­sam­mel­ten Gemein­de. Die­se Gemein­de ist ein geglie­der­tes Gan­zes. Der Leib Chris­ti als Gemein­de schließt Glie­de­rung und Ord­nung der Gemein­de ein. Die­se ist mit dem Leib mit­ge­setzt. Ein unge­glie­der­ter Leib ist im Zustand der Ver­we­sung. Die Gestalt des leben­di­gen Lei­bes Chris­ti ist nach der Leh­re des Pau­lus geglie­der­te Gestalt (Röm. 12,5; 1. Kor. 12,12ff.). Die Unter­schei­dung von Inhalt und Form, von Wesen und Erschei­nung ist hier unmög­lich. Sie bedeu­te­te Leug­nung des Lei­bes Chris­ti, d. h. des fleisch­ge­wor­de­nen Chris­tus (1. Joh. 4,3). So bean­sprucht der Leib Chris­ti mit dem Raum der Ver­kün­di­gung auch den Raum der Gemein­de­ord­nung. Die Ord­nung der Gemein­de ist gött­li­chen Ursprungs und Wesens. Frei­lich steht sie im Dienst, nicht in der Herr­schaft. Die Ämter der Gemein­de sind »Diens­te« (DIAKONIAI) (1. Kor. 12,4). Sie sind von Gott (1. Kor. 12,28), von Chris­tus (Eph. 4,11), vom Hei­li­gen Geist (Apg. 20,28) in der Gemein­de gesetzt, d. h. nicht durch sie. Auch dort, wo die Gemein­de selbst Ämter aus­teilt, tut sie es ganz unter der Lei­tung des Hei­li­gen Geis­tes (Apg. 13,2 u. ö.). Amt und Gemein­de sind gleich ursprüng­lich im drei­ei­ni­gen Gott. Die Ämter die­nen der Gemein­de, sie haben ihr geist­li­ches Recht allein in die­sem Dienst. Dar­um muß es in ver­schie­de­nen Gemein­den ver­schie­de­ne Ämter »Dia­ko­ni­en« geben, z. B. ande­re in Jeru­sa­lem als in den pau­li­ni­schen Mis­si­ons­ge­mein­den. Zwar ist die Glie­de­rung von Gott gesetzt, aber ihre Gestalt ist ver­än­der­lich und allein dem geist­li­chen Urteil der Gemein­de selbst unter­wor­fen, die ihre Glie­der zum Dienst ver­ord­net. Auch die Cha­ris­men, die der Hei­li­ge Geist Ein­zel­nen schenkt, ste­hen streng in der Zucht der Dia­ko­nie an der Gemein­de, denn Gott ist nicht ein Gott der Unord­nung, son­dern des Frie­dens (1. Kor. 14,32f.). Dar­in eben macht sich der Hei­li­ge Geist sicht­bar (PHANEROSIS 1. Kor. 12,6), daß alles zum Nut­zen der Gemein­de geschieht. Apos­tel, Pro­phe­ten, Leh­rer, Auf­se­her (Bischö­fe), Dia­ko­ne, Ältes­te, Vor­ste­her und Lei­ter (1. Kor. 12,28ff.; Eph. 2,20 u. 4,11) sind Die­ner der Gemein­de, des Lei­bes Chris­ti. Sind sie zum Dienst in der Gemein­de ver­ord­net, so ist ihr Amt gött­li­chen Ursprungs und Wesens. Allein die Gemein­de kann sie vom Dienst ent­bin­den. So ist die Gemein­de zwar frei in der Gestal­tung ihrer Ord­nun­gen je nach ihrer Not; wird aber ihre Ord­nung von außen ange­tas­tet, so ist damit die sicht­ba­re Gestalt des Lei­bes Chris­ti selbst ange­tas­tet.

Beson­de­re Auf­merk­sam­keit ver­dient unter den Ämtern der Gemein­de zu aller Zeit die Sor­ge für die unver­fälsch­te Aus­tei­lung des Wor­tes und der Sakra­men­te. Dabei ist Fol­gen­des zu beden­ken: Immer wird die Ver­kün­di­gung dem Auf­trag und den Gaben der Ver­kün­di­ger ent­spre­chend eine man­nig­fal­ti­ge und ver­schie­de­ne sein. Aber ob pau­lisch oder petrisch oder apost­lisch oder chris­tisch, in allem muß doch der Eine unzer­teil­te Chris­tus erkannt wer­den (1. Kor. 1,11). Einer soll dem andern in die Hän­de arbei­ten (1. Kor. 3,6). Schul­bil­dun­gen füh­ren zu Schul­ge­zänk, in dem jeder sein eige­nes sucht (1. Tim. 6,5 u. 20; 2. Tim. 2,10; 3,8; Tit. 1,10). All­zu leicht wird hier aus der »Gott­se­lig­keit« ein irdi­scher Gewinn, sei es an Ehre, an Macht oder an Geld. Auch wird die Nei­gung zum Pro­ble­ma­ti­sie­ren um des Pro­ble­ma­ti­sie­rens wil­len leicht ent­bren­nen und von der kla­ren, ein­fa­chen Wahr­heit ablen­ken (2. Tim. 3,7). Sie wird zum Eigen­wil­len und Unge­hor­sam gegen Got­tes Gebot ver­lei­ten. Dem gegen­über bleibt die gesun­de heil­sa­me Leh­re das Ziel der Ver­kün­di­gung (2. Tim. 4,3; 1. Tim. 1,10; 4,16; 6,1; Tit. 1,9 u. 13; 2,1; 3,8) und Gewähr für rech­te Ord­nung und Ein­heit. Es ist nicht immer leicht, den Über­gang zwi­schen erlaub­ter Schul­mei­nung und Irr­leh­re zu erken­nen. So ist in man­cher Gemein­de eine Leh­re, die in einer ande­ren schon als Irr­leh­re aus­ge­schie­den ist, noch als Schul­mei­nung gedul­det (Offenb. 2,6 u. 15ff.). Wird aber die Irr­leh­re offen­bar, so ist völ­li­ge Schei­dung nötig. Den Irr­leh­rer aber trifft die Aus­sto­ßung aus der christ­li­chen Gemein­de und aus der per­sön­li­chen Gemein­schaft (Gal. 1,8; 1. Kor. 16,22; Tit. 3,10; 2. Joh. 10ff.). So muß das Wort der rei­nen Ver­kün­di­gung ver­bin­den und tren­nen in sicht­ba­rer Wei­se. Der Raum der Ver­kün­di­gung und der Ord­nung der Gemein­de ist somit in sei­ner gott­ge­setz­ten Not­wen­dig­keit deut­lich gewor­den. Die Fra­ge ist nun, ob hier­mit bereits die sicht­ba­re Gestalt der Gemein­de des Lei­bes Chris­ti umschrie­ben ist, oder ob sie noch wei­te­ren Anspruch auf Raum in der Welt ein­schließt. Die Ant­wort des Neu­en Tes­ta­ments geht unzwei­deu­tig dahin, daß die Gemein­de nicht nur für ihren Got­tes­dienst und ihre Ord­nung, son­dern auch für das täg­li­che Leben ihrer Glie­der Raum auf Erden bean­sprucht. Es wird daher jetzt zu spre­chen sein von dem Lebens­raum der sicht­ba­ren Gemein­de.

Die Gemein­schaft Jesu mit sei­nen Jün­gern war vol­le Lebens­ge­mein­schaft in sämt­li­chen Lebens­be­zie­hun­gen. In der Jüng­er­ge­mein­de spiel­te sich das gan­ze Leben des Ein­zel­nen ab. Die­se Gemein­schaft ist ein leben­di­ges Zeug­nis für die leib­haf­ti­ge Mensch­heit des Soh­nes Got­tes. Die leib­li­che Gegen­wart des Soh­nes Got­tes for­dert den leib­li­chen Ein­satz für ihn und mit ihm im täg­li­chen Leben. Der Mensch mit sei­nem gan­zen leben­di­gen Lei­bes­le­ben gehört zu dem, der um sei­net­wil­len den mensch­li­chen Leib annahm. Der Jün­ger gehört in der Nach­fol­ge mit dem Leib Jesu unzer­trenn­lich zusam­men.

So bezeugt es auch der ers­te Bericht über die jun­ge Gemein­de in der Apos­tel­ge­schich­te (2,42ff.; 4,32ff.). »Sie blie­ben aber bestän­dig in der Apos­tel Leh­re und in der Gemein­schaft und im Brot­bre­chen und im Gebet.« »Aber die gläu­big waren gewor­den, waren bei­sam­men und hat­ten alle Din­ge gemein­sam.« Es ist lehr­reich, daß hier die Gemein­schaft (KONOMIA) zwi­schen Wort und Abend­mahl ihren Ort bekommt. Es ist kei­ne zufäl­li­ge Bestim­mung ihres Wesens, wenn sie ihren Ursprung immer wie­der im Wort, ihr Ziel und ihre Voll­endung immer wie­der im hei­li­gen Abend­mahl haben soll. Alle christ­li­che Gemein­schaft lebt zwi­schen Wort und Sakra­ment, sie ent­springt und sie endet im Got­tes­dienst. Sie war­tet auf das letz­te Abend­mahl mit dem Her­ren im Reich Got­tes. Eine Gemein­schaft, die sol­chen Ursprung und sol­ches Ziel hat, ist völ­li­ge Gemein­schaft, der auch die Din­ge und Güter die­ses Lebens sich ein­ord­nen. In Frei­heit, Freu­de und in der Kraft des Hei­li­gen Geis­tes wird hier eine voll­kom­me­ne Gemein­schaft her­ge­stellt, in der »kei­ner Man­gel hat­te«, und man »einem jeg­li­chen gab, was ihm not war«, in der auch »kei­ner von sei­nen Gütern sag­te, daß sie sein wären«. In der All­täg­lich­keit die­ses Gesche­hens bekun­det sich die vol­le evan­ge­li­sche Frei­heit, die kei­nes Zwan­ges bedarf. Sie waren ja »ein Herz und eine See­le«.

Sicht­bar stand die­se jun­ge Gemein­de vor aller Augen und – selt­sam genug! – »sie hat­ten Gna­de bei dem gan­zen Volk« (Apg. 2,47). Ist das die Blind­heit des Vol­kes Isra­el, das hin­ter die­ser völ­li­gen Gemein­schaft das Kreuz Jesu nicht mehr sah? Ist es die Vor­weg­nah­me des Tages, an dem alles Volk das Volk Got­tes ehren muß? Ist es jene Freund­lich­keit Got­tes, in der er gera­de in Zei­ten des Wachs­tums, des erns­ten Kamp­fes und der Schei­dung in Gläu­bi­ge und Fein­de um die Gemein­de einen Ring rein mensch­li­chen Wohl­wol­lens, mensch­li­cher Anteil­nah­me an den Geschi­cken der Gemein­de legt, oder ist das Volk, bei dem die Gemein­de Gna­de fand, das Volk, das das Hosi­an­na, aber eben nicht das Kreu­zi­ge schrie? »Und der Herr tat hin­zu täg­lich die da selig wur­den zur Gemein­de.« Die­se sicht­ba­re Gemein­de der völ­li­gen Lebens­ge­mein­schaft bricht her­ein in die Welt und ent­reißt ihr ihre Kin­der. Das täg­li­che Wachs­tum der Gemein­de beweist die Kraft des in ihr leben­di­gen Her­ren.

Es gilt für die ers­ten Jün­ger: wo ihr Herr ist, da müs­sen sie auch sein, und wo sie sein wer­den, da wird ihr Herr auch sein bis an der Welt Ende. Alles, was der Jün­ger tut, tut er in der Gemein­schaft der Gemein­de Jesu als ihr Glied. Auch das pro­fans­te Tun geschieht nun in der Gemein­de. So gilt es für den Leib Chris­ti: Wo ein Glied ist, da ist auch der gan­ze Leib, und wo der Leib ist, da ist auch das Glied. Es gibt kei­nen Lebens­be­reich, in dem sich das Glied dem Lei­be ent­zie­hen dürf­te oder woll­te. Wo immer einer ist, was immer einer tut, es geschieht »im Leib«, in der Gemein­de, »in Chris­to«. Das gan­ze Leben ist »in Chris­to« auf­ge­nom­men. Der Christ ist stark oder schwach in Chris­to (Phil. 4,13; 2. Kor. 13,4), er arbei­tet und müht sich oder er freut sich »im Herrn« (Röm. 16,9 u. 12; 1. Kor. 15,58; Phil. 4,4), er redet und ermahnt in Chris­to (2. Kor. 2,17; Phil. 2,1), er übt Gast­freund­schaft in Chris­to (Röm. 16,2), er hei­ra­tet in dem Her­ren (1. Kor. 7,39), er ist im Gefäng­nis in dem Herrn (Phil. 1,13 u. 23), er ist ein Skla­ve in dem Her­ren (1. Kor. 7,22). Die gan­ze Fül­le mensch­li­cher Bezie­hun­gen unter den Chris­ten ist von Chris­tus, von der Gemein­de umschlos­sen.

Die Tau­fe in den Leib Chris­ti hin­ein ist es, die jedem Chris­ten das vol­le Leben in Chris­to, in der Gemein­de gewährt. Es ist eine böse, ganz und gar nicht neu­tes­ta­ment­li­che Ver­kür­zung, wenn die Gabe der Tau­fe auf die Teil­nah­me an Pre­digt und Abend­mahl, d. h. also, auf den Anteil an den Heils­gü­tern, viel­leicht auch noch an den Ämtern und Diens­ten der Gemein­de beschränkt wird. Viel­mehr ist mit der Tau­fe der Raum des gemein­schaft­li­chen Lebens der Glie­der des Lei­bes Chris­ti in sämt­li­chen Lebens­be­zie­hun­gen jedem Getauf­ten vor­be­halt­los auf­ge­tan. Wer einem getauf­ten Bru­der die Teil­nah­me am Got­tes­dienst gewährt, ihm aber im täg­li­chen Leben die Gemein­schaft ver­sagt, ihn miß­braucht oder ver­ach­tet, der macht sich am Leib Chris­ti selbst schul­dig. Wer getauf­ten Brü­dern die Gaben des Heils zuer­kennt, ihnen aber die Gaben des irdi­schen Lebens ver­wei­gert oder sie wis­sent­lich in irdi­scher Not und Bedräng­nis läßt, ver­spot­tet die Gabe des Heils und wird zum Lüg­ner. Wer dort, wo der Hei­li­ge Geist gespro­chen hat, noch der Stim­me sei­nes Blu­tes, sei­ner Natur, sei­ner Sym­pa­thi­en und Anti­pa­thi­en Gehör leiht, ver­sün­digt sich am Sakra­ment. Die Tau­fe in den Leib Chris­ti hin­ein ver-ändert nicht nur den per­sön­li­chen Heils­stand des Getauf­ten, son­dern auch alle sei­ne Lebens­be­zie­hun­gen. Den Skla­ven One­si­mus, der sei­nem gläu­bi­gen Her­ren Phi­le­mon ent­flo­hen ist und ihn sehr geschä­digt hat, soll Phi­le­mon nach sei­ner Tau­fe »ewig wie­der­ha­ben« (Phi­lem. 15) »nicht mehr als einen Knecht, son­dern mehr denn einen Knecht, als einen lie­ben Bru­der … bei­des, nach dem Fleisch und in dem Her­ren« (Phi­lem. 16). »Nach dem Fleisch« ein Bru­der, betont Pau­lus und warnt damit vor jenem gefähr­li­chen Miß­ver­ständ­nis aller »pri­vi­le­gier­ten« Chris­ten, die Gemein­schaft mit den Chris­ten min­de­ren Anse­hens und Rechts wohl im Got­tes­dienst zu dul­den, aber dar­über hin­aus nicht wirk­sam wer­den zu las­sen. Nach dem Fleisch ein Bru­der des Phi­le­mon! Brü­der­lich soll Phi­le­mon den Skla­ven auf­neh­men, als wäre es Pau­lus selbst (V. 17), brü­der­lich ihm den zuge­füg­ten Scha­den nicht zurech­nen (V. 18). Frei­wil­lig soll Phi­le­mon dies tun, wie­wohl Pau­lus auch den Frei­mut hät­te, hier zu gebie­ten (V. 8–14), und gewiß wird Phi­le­mon mehr tun als gefor­dert (V. 21). Nach dem Fleisch ein Bru­der, weil getauft. Ob nun One­si­mus auch Knecht sei­nes Herrn Phi­le­mon bleibt, es ist auch in die­ser ihrer Bezie­hung zuein­an­der jetzt alles anders gewor­den. Wodurch? Frei­er und Knecht sind Glie­der am Lei­be Chris­ti gewor­den. In ihrer Gemein­schaft lebt nun als in einer klei­nen Zel­le der Leib Chris­ti, die Gemein­de. »Wie­viel ihrer getauft sind, die haben Chris­tum ange­zo­gen. Hier ist kein Jude noch Grie­che, hier ist kein Knecht noch Frei­er, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid all­zu­mal einer in Chris­to Jesu« (Gal. 3,27f.; Kol. 3,11). In der Gemein­de sieht der eine im andern nicht mehr den Frei­en oder den Knecht, den Mann oder die Frau, son­dern das Glied am Leib Chris­ti. Gewiß heißt dies nicht, daß nun der Knecht nicht mehr Knecht und der Mann nicht mehr Mann sei. Aber es heißt dar­um noch lan­ge nicht, daß nun wei­ter­hin in der Gemein­de ein jeder dar­auf­hin anzu­spre­chen sei, ob er Jude oder Grie­che, Frei­er oder Knecht ist. Gera­de dies soll aus­ge­schlos­sen sein. Wir sehen ein­an­der nur auf unse­re Glied­schaft am Lei­be Chris­ti hin an, dar­auf also, daß wir all­zu­mal Einer sind in ihm. Jude und Grie­che, Frei­er und Knecht, Mann und Frau ste­hen nun in der Gemein­schaft als Teil der Gemein­de des Lei­bes Chris­ti. Wo sie mit­ein­an­der leben, spre­chen, han­deln, ist die Gemein­de, sind sie in Chris­to. Damit aber ist auch ihre Gemein­schaft ent­schei­dend bestimmt und ver­än­dert. Das Weib gehorcht dem Mann »im Herrn«, der Knecht dient Gott, wenn er sei­nem Herrn dient, der Herr weiß, daß auch er einen Her­ren im Him­mel hat (Kol. 3,18–4,1), aber sie sind nun Brü­der »nach dem Fleisch und in dem Her­ren.« So greift die Gemein­de mit­ten hin­ein in das Leben der Welt und erobert Raum für Chris­tus; denn was »in Chris­to« ist, ist nicht mehr unter der Herr­schaft der Welt, der Sün­de und des Geset­zes. In die­ser neu­ge­wor­de­nen Gemein­schaft hat kein Gesetz der Welt etwas zu bestim­men. Der Bereich der christ­li­chen Bru­der­lie­be steht unter Chris­tus, nicht unter der Welt. Den Dienst der Lie­be am Bru­der, den Dienst der Barm­her­zig­keit kann sich die Gemein­de nie­mals mehr beschrän­ken las­sen. Denn wo der Bru­der ist, da ist Chris­ti eige­ner Leib, und wo Chris­ti Leib ist, da ist immer auch sei­ne Gemein­de, da muß ich auch sein. Wer zu Chris­ti Leib gehört, der ist aus der Welt befreit und her­aus­ge­ru­fen, der muß der Welt sicht­bar wer­den, nicht nur durch die Gemein­schaft des Got­tes­diens­tes und der gemeind­li­chen Ord­nung, son­dern auch durch die neue Gemein­schaft des brü­der­li­chen Lebens. Wo die Welt den christ­li­chen Bru­der ver­ach­tet, wird der Christ ihn lie­ben und ihm die­nen; wo die Welt ihm Gewalt tut, wird er hel­fen und lin­dern; wo die Welt ihn ent­ehrt und belei­digt, wird er sei­ne Ehre geben für die Schan­de des Bru­ders. Wo die Welt Gewinn sucht, wird er ver­zich­ten; wo die Welt aus­beu­tet, wird er sich ent­äu­ßern, wo die Welt unter­drückt, wird er sich her­ab­beu­gen und auf­rich­ten. Ver­wei­gert die Welt Gerech­tig­keit, so wird er Barm­her­zig­keit üben, hüllt sich die Welt. in Lüge, so wird er sei­nen Mund für die Stum­men auf­tun und für die Wahr­heit Zeug­nis geben. Um des Bru­ders wil­len, sei er Jude oder Grie­che, Knecht oder Frei­er, stark oder schwach, edel oder unedel, wird er auf alle Gemein­schaft der Welt ver­zich­ten; denn er dient der Gemein­schaft des Lei­bes Jesu Chris­ti. So kann er in die­ser Gemein­schaft auch nicht ver­bor­gen blei­ben vor der Welt. Er ist her­aus­ge­ru­fen und folgt nach.

Aber »ein jeg­li­cher blei­be in dem Beruf, dar­in er beru­fen ist. Du bist als Skla­ve beru­fen, laß es dich nicht anfech­ten! Auch wenn du frei wer­den könn­test, brau­che es lie­ber« (näm­lich: Skla­ve zu blei­ben!); »denn der als Skla­ve beru­fen ist im Herrn, ist ja der Frei­ge­las­se­ne des Herrn; des­glei­chen wer als Frei­er beru­fen ist, der ist ein Knecht Chris­ti. Ihr seid teu­er erkauft; wer­det nicht der Men­schen Knech­te. Ein jeg­li­cher, lie­be Brü­der, wor­in er beru­fen ist, dar­in­nen blei­be er bei Gott« (1. Kor. 7,20–24). Ist hier nicht alles anders gewor­den als damals beim ers­ten Rufe Jesu in die Nach­fol­ge? Dort muß­ten die Jün­ger alles ver­las­sen, um mit Jesus zu gehen. Hier heißt es: Ein jeg­li­cher blei­be in dem Beruf, dar­in­nen er beru­fen ist! Wie löst sich die­ser Wider­spruch? Allein dar­in, daß wir erken­nen, daß es bei dem Ruf Jesu wie bei der Ermah­nung der Apos­tel allein dar­um geht, daß der Ange­spro­che­ne in die Gemein­schaft des Lei­bes Jesu Chris­ti kommt. Die ers­ten Jün­ger muß­ten mit Jesus gehen, um in sei­ner leib­li­chen Gemein­schaft zu ste­hen. Jetzt aber ist der Leib Chris­ti durch Wort und Sakra­ment nicht mehr an einen ein­zi­gen Ort der Erde gebun­den. Der auf­er­stan­de­ne und erhöh­te Chris­tus ist der Welt näher gerückt, der Leib Chris­ti ist mit­ten in die Welt – in der Gestalt der Gemein­de – ein­ge­drun­gen. Wer getauft ist, ist in Chris­ti Leib hin­ein­ge­tauft. Chris­tus ist zu ihm gekom­men, hat sein Leben ange­nom­men und hat damit der Welt geraubt, was ihr gehör­te. Ist einer als Skla­ve getauft, so ist er nun als Skla­ve der Gemein­schaft des Lei­bes Jesu Chris­ti teil­haf­tig gewor­den. Als Skla­ve ist er der Welt schon ent­ris­sen, ist er ein Frei­ge­las­se­ner Chris­ti gewor­den. So mag denn der Skla­ve Skla­ve blei­ben! Als Glied der Gemein­de Chris­ti ist ihm ja eine Frei­heit zuteil gewor­den, die ihm kei­ne Auf­leh­nung, kei­ne Revo­lu­ti­on ein­ge­bracht hät­ten oder noch ein­brin­gen könn­ten! Wahr­haf­tig nicht, um ihn der Welt fes­ter zu ver­bin­den, um sein Leben in der Welt auch noch »reli­gi­ös zu ver­an­kern«, um aus ihm einen bes­se­ren, treue­ren Bür­ger die­ser Welt zu machen, ermahnt Pau­lus den Skla­ven, Skla­ve zu blei­ben! Wahr­haf­tig nicht zur Recht­fer­ti­gung, zur christ­li­chen Ver­brä­mung einer dunk­len sozia­len Ord­nung spricht Pau­lus. Nicht weil die beruf­li­che Ord­nung der Welt so gut und gött­lich wäre, daß sie nicht umge­sto­ßen wer­den dürf­te, son­dern allein dar­um, weil die gan­ze Welt ja schon aus den Angeln geho­ben ist durch die Tat Jesu Chris­ti, durch die Befrei­ung, die der Skla­ve wie der Freie durch Jesus Chris­tus erfah­ren hat. Müß­te eine Revo­lu­ti­on, ein Umsturz der Gesell­schafts­ord­nung nicht nur den Blick für die gött­li­che Neu­ord­nung aller Din­ge durch Jesus Chris­tus und die Grün­dung sei­ner Gemein­de ver­dun­keln? Müß­te nicht sogar durch jeden sol­chen Ver­such der Abbruch der gan­zen Welt­ord­nung, der Anbruch des Rei­ches Got­tes gehin­dert und ver­zö­gert wer­den? Also gewiß auch nicht dar­um, weil in der welt­li­chen Berufs­er­fül­lung an sich schon die Erfül­lung des christ­li­chen Lebens zu sehen wäre, son­dern weil in dem Ver­zicht auf Auf­leh­nung gegen die Ord­nun­gen die­ser Welt der ange­mes­sens­te Aus­druck dafür liegt, daß der Christ nichts von der Welt, aber alles von Chris­tus und sei­nem Reich erwar­tet, – dar­um blei­be der Skla­ve Skla­ve! Weil die­se Welt nicht reform­be­dürf­tig, son­dern zum Abbruch reif ist, – dar­um blei­be der Skla­ve Skla­ve! Er hat eine bes­se­re Ver­hei­ßung! Ist es nicht auch Gericht genug über die Welt und Trost genug für den Skla­ven, daß Got­tes Sohn »die Gestalt eines Skla­ven« annahm (Phil. 2,5), als er auf die­se Erde kam? Ist nicht der Christ, der als Skla­ve beru­fen wur­de, gera­de mit­ten in sei­nem Skla­ven­da­sein in der Welt schon weit genug von der Welt ent­fernt, die er lie­ben und begeh­ren, um die er sich sor­gen könn­te? Dar­um lei­de der Skla­ve nicht als Auf­säs­si­ger, son­dern als Glied der Gemein­de und des Lei­bes Chris­ti! Dar­in wird die Welt zum Abbruch reif.
»Wer­det nicht der Men­schen Knech­te!« Auf zwei­er­lei Wei­se aber wür­de das gesche­hen: Durch Auf­leh­nung und durch Umsturz der gege­be­nen Ord­nun­gen einer­seits, durch reli­giö­se Ver­klä­rung der gege­be­nen Ord­nun­gen and­rer­seits. »Ein jeg­li­cher, lie­be Brü­der, wor­in er beru­fen ist, dar­in blei­be er bei Gott.« »Bei Gott« – und dar­um »wer­det nicht der Men­schen Knech­te«, weder durch Auf­leh­nung, noch durch fal­sche Unter­wer­fung. Im Beruf bei Gott blei­ben, heißt eben mit­ten in der Welt am Lei­be Chris­ti in der sicht­ba­ren Gemein­de blei­ben, im Got­tes­dienst und im Leben in der Nach­fol­ge das leben­di­ge Zeug­nis der Über­win­dung die­ser Welt aus­rich­ten.

Dar­um »sei jeder­mann unter­tan den Obrig­kei­ten, die Gewalt über ihn haben« (Röm. 13,1ff.). Nicht nach oben hin zu den Gewalt­ha­bern soll es den Chris­ten ver­lan­gen, son­dern unten zu blei­ben ist sei­nes Beru­fes. Die Obrig­kei­ten sind über (HYPER) ihm, er blei­be dar­un­ter (HYPO). Die Welt herrscht, der Christ dient, dar­in hat er Gemein­schaft mit sei­nem Herrn, der Skla­ve wur­de. »Aber Jesus rief sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wis­set, daß die welt­li­chen Fürs­ten herr­schen, und die Mäch­ti­gen unter ihnen haben Gewalt. Aber also soll es unter euch nicht sein, son­dern wel­cher will groß wer­den unter euch, der soll euer Die­ner sein; und wel­cher unter euch will der Vor­nehms­te wer­den, der soll aller Knecht sein. Denn auch des Men­schen Sohn ist nicht gekom­men, daß er sich die­nen las­se, son­dern daß er die­ne und gebe sein Leben zur Bezah­lung für vie­le« (Mark. 10,42–45). »Denn es ist kei­ne Obrig­keit ohne von Gott.« – Dem Chris­ten ist das gesagt, nicht den Obrig­kei­ten! Die Chris­ten sol­len wis­sen, daß sie gera­de dort unten, wohin sie durch die Obrig­kei­ten ver­wie­sen sind, Got­tes Wil­len erken­nen und tun. Die Chris­ten sol­len getrös­tet sein, daß Gott selbst durch die Obrig­keit hin­durch ihnen zugu­te wir­ken will, daß ihr Gott der Herr auch der Obrig­kei­ten ist. Das aber soll nicht eine all­ge­mei­ne Erwä­gung und Erkennt­nis über das Wesen der Obrig­keit (EXOUSIA – Sin­gu­lar!) blei­ben, son­dern es soll sei­ne Anwen­dung fin­den auf die Stel­lung des Chris­ten zu den tat­säch­lich bestehen­den Obrig­kei­ten (HAI DE OUSAI…). Wer sich ihnen wider­setzt, wider­setzt sich der Set­zung Got­tes (DIATACHE TOU THEOU), der es so gewollt hat, daß die Welt herrscht, und daß Chris­tus im Dienst siegt und mit ihm sei­ne Chris­ten. Der Christ, der das nicht begrif­fe, müß­te dem Gericht ver­fal­len (V. 2); denn er wäre der Welt wie­der­um gleich gewor­den. Wor­an ent­steht denn so leicht der Wider­spruch der Chris­ten gegen die Obrig­kei­ten? Dar­an, daß sie Anstoß neh­men an den Feh­lern und dem Unrecht der Obrig­keit. Aber mit sol­chen Betrach­tun­gen sind die Chris­ten bereits in höchs­ter Gefahr, auf etwas ande­res zu ach­ten, als auf den Wil­len Got­tes, den sie selbst zu erfül­len haben. Mögen sie selbst nur über­all auf das Gute bedacht sein und es auch tun, wie es ihnen Gott befiehlt, so kön­nen sie »ohne Furcht« vor der Obrig­keit leben, »denn die Gewal­ti­gen sind ein Schre­cken nicht dem guten Werk, son­dern dem bösen« (V. 3). Wie soll­te sich auch der Christ, der bei sei­nem Her­ren bleibt und das Gute tut, fürch­ten müs­sen? »Du willst ohne Furcht vor der Obrig­keit leben, tue das Gute.« – Tue du das Gute! dar­auf allein kommt es an. Nicht was Ande­re tun, son­dern was du tun wirst, wird für dich wich­tig sein. Tue du das Gute, ohne Furcht, ohne Ein­schrän­kung, ohne Bedin­gung! Wie könn­test du auch die Obrig­keit tadeln um ihrer Feh­ler wil­len, wenn du selbst nicht das Gute tust? Wie willst du ande­ren das Gericht spre­chen, der du selbst dem Gericht ver­fällst? Willst du ohne Furcht sein, tue du das Gute! »Und du wirst Lob von der Obrig­keit emp­fan­gen, denn sie ist Got­tes Die­ne­rin dir zugu­te«. – Nicht als könn­te dies das Motiv unse­res guten Han­delns sein, Lob zu emp­fan­gen, nicht als wäre es auch nur das Ziel; es ist etwas, was hin­zu­kom­men wird und muß, wenn es recht um die Obrig­keit steht. So sehr denkt Pau­lus von der christ­li­chen Gemein­de her, so sehr ist es ihm allein um die christ­li­che Gemein­de und ihr Heil und ihren Wan­del zu tun, daß er – die Chris­ten vor eige­nem Unrecht und Bösen war­nen muß, aber die Obrig­keit ohne Vor­wurf läßt. »Tust du Böses, so fürch­te dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Got­tes Die­ne­rin, eine Räche­rin zur Stra­fe über den, der Böses tut« (V. 4). Alles liegt dar­an, daß nicht in der christ­li­chen Gemein­de Böses gesche­he. Die Chris­ten sind hier ange­re­det, und aber­mals nicht die Obrig­keit. Daß die Chris­ten in der Buße, im Gehor­sam erhal­ten blei­ben, wo sie auch sei­en, wel­che Kon­flik­te ihnen auch dro­hen, nicht daß eine Obrig­keit der Welt gerecht­fer­tigt oder ver­wor­fen wür­de, ist Pau­lus wich­tig! Kei­ne Obrig­keit kann die­sen Wor­ten eine gött­li­che Recht­fer­ti­gung ihrer Exis­tenz ent­neh­men. Trä­fe viel­mehr die­ses Wort wirk­lich ein­mal eine Obrig­keit, so wäre es für sie in eben der­sel­ben Wei­se ein Buß­ruf, wie es in Wahr­heit und hier ein Buß­ruf an die Gemein­de ist. Ein Gewal­ti­ger (ARCHON), der die­ses Wort hör­te, könn­te hier­aus nie­mals die gött­li­che Auto­ri­sie­rung sei­ner Amts­füh­rung ent­neh­men, er müß­te viel­mehr den Auf­trag hören, Got­tes Die­ner zu sein, der Chris­ten­heit die Gutes tut, zugu­te. Und unter die­sem Auf­trag müß­te er in die Buße gehen. Gewiß nicht, weil die Ord­nun­gen der Welt so gut wären, son­dern weil ihre Güte oder Schlech­tig­keit unwich­tig ist gegen­über dem allein Wich­ti­gen, daß in der Gemein­de der Wil­le Got­tes herr­sche und befolgt wer­de, spricht Pau­lus so zu den Chris­ten. Nicht über die Auf­ga­ben der Obrig­keit will er die Chris­ten­heit beleh­ren, son­dern von den Auf­ga­ben der Chris­ten­heit gegen­über der Obrig­keit allein spricht er.

Lob soll der Christ emp­fan­gen von der Obrig­keit! Emp­fängt er es nicht, son­dern statt Lob Stra­fe und Ver­fol­gung, was trägt er für Schuld dar­an? Er hat ja nicht um des Lobes wil­len getan, was ihm nun zur Stra­fe aus­läuft. Er tat ja auch das Gute nicht aus Furcht vor der Stra­fe. Trifft ihn nun Leid statt Lob, so ist er doch vor Gott frei und ohne Furcht, so ist ja doch auf die Gemein­de kei­ner­lei Schan­de gekom­men! Er gehorcht der Obrig­keit nicht um irgend­ei­nes Vor­teils wil­len, son­dern »um des Gewis­sens wil­len« (V. 5). So kann der Feh­ler der Obrig­keit sein Gewis­sen nicht antas­ten. Er bleibt frei und ohne Furcht und kann im unschul­di­gen Lei­den noch der Obrig­keit den schul­di­gen Gehor­sam erwei­sen. Er weiß ja, daß zuletzt nicht die Obrig­keit, son­dern Gott herrscht, daß die Obrig­keit Got­tes Die­ne­rin ist. Die Obrig­keit Got­tes Die­ne­rin – so spricht der Apos­tel, der selbst oft­mals durch die­se Obrig­keit hat unschul­dig Gefan­gen­schaft lei­den müs­sen, der drei­mal die har­te Prü­gel­stra­fe von ihr emp­fan­gen hat, der von der Aus­wei­sung aller Juden aus Rom durch den Kai­ser Clau­di­us wuß­te (Apg. 18,1ff.). Die Obrig­keit Got­tes Die­ne­rin – so spricht der, der weiß, daß schon längst alle Mäch­te und Obrig­kei­ten der Welt ent­mäch­tigt sind, daß Chris­tus sie im Tri­umph ans Kreuz gebracht hat, und daß nur noch kur­ze Zeit ist, bis dies alles offen­bar wer­den muß. Alles Gesag­te steht hier aber unter der Ermah­nung, die Pau­lus den Sät­zen über die Obrig­keit vor­an­ge­stellt hat. »Laß dich nicht das Böse über­win­den, son­dern über­win­de das Böse mit Gutem« (Röm. 12,21). Nicht um die gute oder böse Obrig­keit, son­dern um die Über­win­dung alles Bösen durch die Chris­ten geht es.

Wäh­rend es für die Juden eine echt ver­su­che­ri­sche Fra­ge war, ob sie dem Kai­ser den Zins geben dür­fen oder nicht, da sie ihre Hoff­nung auf die Zer­stö­rung des römi­schen Kai­ser­tums und auf die Auf­rich­tung einer eig­nen Herr­schaft setz­ten, ist dies für Jesus und die Sei­nen eine lei­den­schafts­lo­se Fra­ge. »Gebet dem Kai­ser, was des Kai­sers ist« (Matth. 22,21), sagt Jesus, »dar­um zahlt auch eure Steu­ern« (Röm. 13,6) – so schließt Pau­lus sei­ne Aus­füh­run­gen. Die­se Pflicht bringt die Chris­ten nicht nur in kei­nen Kon­flikt mit dem Gebot Jesu, sie geben ja dem Kai­ser zurück, was ihm ohne­dies gehört. Ja, als »Die­ner Got­tes« (LEITOURGOI!) sol­len sie die anse­hen, die die Steu­ern von ihnen for­dern und dar­auf bestehen (V. 6). Frei­lich, es kann hier kei­ne Ver­wechs­lung ein­tre­ten: Nicht daß die Chris­ten Got­tes­dienst tun, wenn sie ihre Steu­ern zah­len, sagt Pau­lus, son­dern die die Steu­ern erhe­ben, tun dar­in – ihren! – Got­tes­dienst. Auch nicht zu die­sem Got­tes­dienst for­dert Pau­lus die Chris­ten auf, son­dern dazu, sich zu unter­wer­fen und nie­man­dem etwas schul­dig zu blei­ben, was ihm zukommt (V. 7–8). Jeder Wider­spruch, jeder Wider­stand an die­ser Stel­le wür­de nur deut­lich machen, daß die Chris­ten Got­tes Reich mit einem Reich die­ser Welt ver­wech­seln. Dar­um blei­be der Skla­ve Skla­ve, dar­um blei­be der Christ unter­tan den Obrig­kei­ten, die Gewalt über ihn haben, dar­um räu­me der Christ nicht die Welt (1. Kor. 5,11). Aber frei­lich als Skla­ve lebe er als Frei­ge­las­se­ner Chris­ti; unter der Obrig­keit lebe er als einer, der Gutes tut; in der Welt lebe er als Glied des Lei­bes Chris­ti der neu­ge­wor­de­nen Mensch­heit; dies alles tue er ohne Vor­be­halt, damit gebe er mit­ten in der Welt Zeug­nis von der Ver­lo­ren­heit der Welt und der Neu­schöp­fung in der Gemein­de. Er lei­de allein dafür, daß er Glied am Lei­be Chris­ti ist.

Der Christ blei­be in der Welt. Nicht um der gott­ge­ge­be­nen Güte der Welt wil­len, nicht ein­mal um sei­ner Ver­ant­wor­tung für den Lauf der Welt wil­len, son­dern um des Lei­bes Chris­ti des Mensch­ge­wor­de­nen, um der Gemein­de wil­len. Er blei­be in der Welt um des fron­ta­len Angrif­fes gegen die Welt wil­len, er lebe sein »inner­welt­li­ches Berufs­le­ben«, um sei­ne »Welt­fremd­heit« erst ganz sicht­bar wer­den zu las­sen. Das aber geschieht nicht anders, als durch die sicht­ba­re Glied­schaft an der Gemein­de. Der Wider­spruch gegen die Welt muß in der Welt aus­ge­tra­gen wer­den. Dar­um wur­de Chris­tus Mensch und starb mit­ten unter sei­nen Fein­den. Dar­um – und dar­um allein! – blei­be der Skla­ve Skla­ve, blei­be der Christ der Obrig­keit unter­tan.

Nicht anders hat Luther in den ent­schei­den­den Jah­ren der Abwen­dung vom Klos­ter über den welt­li­chen Beruf geur­teilt. Nicht das hat er ver­wor­fen, daß im Klos­ter höchs­te For­de­rung gestellt wur­de, son­dern dies, daß Gehor­sam gegen das Gebot Jesu als Leis­tung Ein­zel­ner ver­stan­den wur­de. Nicht die »Welt­fremd­heit« des klös­ter­li­chen Lebens hat Luther ange­grif­fen, son­dern dies, daß die­se Welt­fremd­heit im Raum des Klos­ters gera­de wie­der zu einer neu­en geist­li­chen Welt­för­mig­keit gewor­den war, die die schänd­lichs­te Ver­keh­rung des Evan­ge­li­ums ist. Die »Welt­fremd­heit« des christ­li­chen Lebens gehört mit­ten in die Welt, in die Gemein­de, in ihr täg­li­ches Leben hin­ein – so hat­te Luther gedacht. Dar­um sol­len die Chris­ten im Beruf ihr christ­li­ches Leben voll­stre­cken. Dar­um sol­len sie im Beruf der Welt abster­ben. Dar­in hat der Beruf für den Chris­ten sei­nen Wert, daß der Christ in ihm durch Got­tes Güte leben und den Angriff auf das Wesen der Welt erns­ter füh­ren kann. Nicht eine »posi­ti­ve­re Bewer­tung« der Welt oder gar der Ver­zicht auf die urchrist­li­che Erwar­tung der nahen Wie­der­kunft Chris­ti begrün­de­te Luthers Rück­kehr in die Welt. Sie hat­te viel­mehr die rein kri­ti­sche Bedeu­tung des Pro­tes­tes gegen die Ver­welt­li­chung des Chris­ten­tums in der Klos­ter­exis­tenz. Indem Luther die Chris­ten­heit in die Welt zurück­ruft, ruft er sie erst in die rech­te Welt­fremd­heit hin­ein. Das hat Luther selbst am eige­nen Lei­be erfah­ren. Luthers Ruf in die Welt war immer ein Ruf zur sicht­ba­ren Gemein­de des mensch­ge­wor­de­nen Herrn. Nicht anders aber war es bei Pau­lus.

Dar­um ist es nun auch klar, daß das Leben im welt­li­chen Beruf für den Chris­ten sei­ne ganz bestimm­ten Gren­zen hat und daß also gege­be­nen­falls dem Ruf in den welt­li­chen Beruf hin­ein der Ruf aus dem welt­li­chen Beruf her­aus fol­gen muß. Das ist pau­li­nisch und auch luthe­risch gedacht. Die Gren­zen sind durch die Zuge­hö­rig­keit der sicht­ba­ren Gemein­de Chris­ti selbst gege­ben. Wo der vom Leib Chris­ti in die­ser Welt bean­spruch­te und ein­ge­nom­me­ne Raum des Got­tes­diens­tes, der kirch­li­chen Ämter und des bür­ger­li­chen Lebens mit dem Raum­an­spruch der Welt kol­li­diert, dort ist die Gren­ze erreicht. Daß sie erreicht ist, wird im sel­ben Augen­blick deut­lich durch die Not­wen­dig­keit des sicht­ba­ren öffent­li­chen Bekennt­nis­ses zu Chris­tus von sei­ten des Gemein­de­glie­des, von sei­ten der Welt aber durch klu­ges Zurück­zie­hen oder durch Gewalt­tat. Hier kommt der Christ ins öffent­li­che Lei­den. Er, der mit Chris­tus starb in der Tau­fe, des­sen heim­li­ches Lei­den mit Chris­tus die Welt nicht erkann­te, wird nun öffent­lich aus dem Beruf in die­ser Welt aus­ge­sto­ßen. Er tritt in die sicht­ba­re Lei­dens­ge­mein­schaft sei­nes Herrn. Nun bedarf er der vol­len Gemein­schaft und der brü­der­li­chen Hil­fe der Gemein­de erst recht.

Nicht immer aber ist es die Welt, die den Chris­ten aus dem beruf­li­chen Leben aus­stößt. Es hat schon in den ers­ten Jahr­hun­der­ten der Kir­che Beru­fe gege­ben, die für unver­ein­bar mit der Zuge­hö­rig­keit zur christ­li­chen Gemein­de ange­se­hen wur­den. Der Schau­spie­ler, der heid­ni­sche Göt­ter und Hel­den dar­stel­len muß, der Leh­rer, der in heid­ni­schen Schu­len die heid­ni­schen Mytho­lo­gi­en zu unter­rich­ten hat, der Gla­dia­tor, der Men­schen­le­ben zum Spiel töten muß, der Sol­dat, der das Schwert führt, der Gen­darm, der Rich­ter – sie alle muß­ten ihren heid­ni­schen Beruf auf­ge­ben, wenn sie die Tau­fe emp­fan­gen woll­ten. Spä­ter gelang es der Kir­che – bzw. der Welt! – den Chris­ten die meis­ten die­ser Beru­fe wie­der frei­zu­ge­ben. Die Abwehr ging nun mehr und mehr von der Sei­te der Gemein­de auf die der Welt über.

Je älter aber die Welt wird, und je schär­fer der Kampf zwi­schen Chris­tus und Anti­chris­tus ent­brennt, des­to gründ­li­cher ver­sucht nun die Welt, sich der Chris­ten zu ent­le­di­gen. Den ers­ten Chris­ten gewähr­te die Welt immer noch den Raum, in dem sie sich von ihrer Hän­de Arbeit ernäh­ren und klei­den konn­ten. Eine voll­kom­men anti­christ­lich gewor­de­ne Welt kann aber den Chris­ten auch die­se pri­va­te Sphä­re beruf­li­chen Wir­kens und Arbei­tens um das täg­li­che Brot nicht mehr über­las­sen. Sie muß von ihnen um jeg­li­chen Stü­ckes Brot wil­len, das sie essen wol­len, die Ver­leug­nung ihres Herrn for­dern. So bleibt den Chris­ten zuletzt nur noch die Flucht aus der Welt oder das Gefäng­nis. Dann aber wird das Ende nahe sein, wenn der Chris­ten­heit der letz­te Raum auf Erden genom­men sein wird.

So greift zwar der Leib Chris­ti tief hin­ein in die welt­li­chen Lebens­be­rei­che, und doch bleibt an ande­ren Stel­len die völ­li­ge Tren­nung sicht­bar, und sie muß immer sicht­ba­rer wer­den. Aber ob in der Welt oder von ihr geschie­den, es geschieht bei­des im Gehor­sam gegen das eine Wort: »Stellt euch nicht die­ser Welt gleich, son­dern laßt euch zu einer andern Gestalt ver­wan­deln (METAMORPHOUSTHE) durch Erneue­rung des Geis­tes, damit ihr prü­fen könnt, was der Wil­le Got­tes ist« (Röm. 12,2). Es gibt ein Sich-der-Welt-gleich-stel­len in der Welt, aber es gibt auch die selbst­ge­wähl­te geist­li­che »Welt« des Klos­ters. Es gibt ein uner­laub­tes Blei­ben in der Welt und eine uner­laub­te Flucht aus der Welt. In bei­dem stel­len wir uns der Welt gleich. Die Gemein­de Chris­ti aber hat eine ande­re »Gestalt« als die Welt. In die­se Gestalt hin­ein soll sie sich immer mehr ver­wan­deln las­sen. Es ist die Gestalt Chris­ti selbst, der in die Welt kam und die Men­schen in unend­li­cher Barm­her­zig­keit trug und annahm und sich doch der Welt nicht gleich­stell­te, son­dern von ihr ver­wor­fen und aus­ge­sto­ßen wur­de. Er war nicht von die­ser Welt. In der rech­ten Begeg­nung mit der Welt wird die sicht­ba­re Gemein­de der Gestalt des lei­den­den Herrn immer ähn­li­cher wer­den. So müs­sen die Brü­der wis­sen: »Die Zeit ist kurz. Wei­ter ist das die Mei­nung: Die da Wei­ber haben, daß sie sei­en, als hät­ten sie kei­ne; und die da wei­nen, als wein­ten sie nicht; und die sich freu­en, als freu­ten sie sich nicht; und die da kau­fen, als besä­ßen sie es nicht; und die die­se Welt gebrau­chen, daß sie die­sel­be nicht miß­brau­chen; denn das Wesen die­ser Welt ver­geht. Ich woll­te aber, daß ihr ohne Sor­ge wäret« (1. Kor. 7,29–32a). Das ist das Leben der Gemein­de Chris­ti in der Welt. Die Chris­ten leben wie ande­re Men­schen auch. Sie hei­ra­ten, sie wei­nen und sie freu­en sich, sie kau­fen und sie gebrau­chen die Welt zum täg­li­chen Leben. Aber was sie haben, haben sie allein durch Chris­tus und in Chris­tus und um Chris­ti wil­len, und dar­um bin­det es sie nicht. Sie haben es, als hät­ten sie es nicht. Sie hän­gen ihr Herz nicht dar­an. Sie sind ganz frei. Weil sie das sind, dar­um kön­nen sie die Welt gebrau­chen und sol­len sie nicht räu­men (1. Kor. 5,13). Weil sie frei sind, dar­um kön­nen sie auch die Welt ver­las­sen, wo sie sie in der Nach­fol­ge ihres Herrn hin­dert. Sie hei­ra­ten, frei­lich des Apos­tels Mei­nung ist, daß es seli­ger ist, wenn sie frei blei­ben, sofern es im Glau­ben gesche­hen kann (1. Kor. 7,7 u. 33–40). Sie kau­fen und trei­ben Han­del, aber es geschieht allein zur Not­durft des täg­li­chen Lebens. Kei­ne Schät­ze sam­meln sie sich, an denen ihr Herz hängt. Sie arbei­ten, denn sie sol­len nicht müßig gehen. Aber frei­lich ist Arbeit für sie kein Selbst­zweck. Arbeit um der Arbeit wil­len kennt das Neue Tes­ta­ment nicht. Ein jeder soll sich durch Arbeit das Sei­ne ver­die­nen. Er soll auch etwas haben, um sei­nen Brü­dern abzu­ge­ben (1. Thess. 4,11f.; 2. Thess. 3,11f.; Eph. 4,28). Er soll unab­hän­gig sein von denen, »die drau­ßen sind«, den Hei­den (1. Thess. 4,12), wie Pau­lus selbst sei­nen Ruhm dar­ein setz­te, sein eige­nes Brot durch sei­ner Hän­de Arbeit zu erwer­ben und sogar von sei­nen Gemein­den unab­hän­gig zu sein (2. Thess. 3,8; 1. Kor. 9,15). Die­se Unab­hän­gig­keit dient dem Ver­kün­di­ger als beson­de­re Beweis­kraft dafür, daß sei­ne Pre­digt nicht um Gewin­nes wil­len geschieht. Es steht alles ganz im Dienst der Gemein­de. Neben das Gebot der Arbeit tritt das ande­re: »Sor­get nichts! son­dern in allen Din­gen las­set eure Bit­ten im Gebet und Fle­hen mit Dank­sa­gun­gen vor Gott kund wer­den« (Phil. 4,6). Die Chris­ten wis­sen:

»Es ist aber ein gro­ßer Gewinn, wer gott­se­lig ist und läs­set sich genü­gen. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; dar­um offen­bar ist, wir wer­den auch nichts hin­aus­brin­gen. Wenn wir aber Nah­rung und Klei­der haben, so las­set uns genü­gen. Denn die da reich wer­den wol­len, die fal­len in Ver­su­chung und Stri­cke und viel törich­te und schäd­li­che Lüs­te« (1. Tim. 6,6–9). So brau­chen die Chris­ten die Güter die­ser Welt als sol­che, die »sich unter den Hän­den ver­zeh­ren« (Kol. 2,22). Sie tun es mit Dank­sa­gung und Gebet gegen den Schöp­fer aller guten Krea­tur (1. Tim. 4,4). Aber sie sind den­noch frei. Sie kön­nen satt sein und hun­gern, übrig haben und Man­gel lei­den. »Ich ver­mag alles durch den, der mich mäch­tig macht, Chris­tus« (Phil. 4,12f.).

Die Chris­ten sind in der Welt, sie brau­chen die Welt, denn sie sind Fleisch und um ihres Flei­sches wil­len kam Chris­tus in die Welt. Sie tun welt­li­che Din­ge. Sie hei­ra­ten, aber ihre Ehe wird anders aus­se­hen als die Ehe der Welt. Sie wird »im Herrn« sein (1. Kor. 7,39). Sie wird im Dienst des Lei­bes Chris­ti gehei­ligt sein und in der Zucht des Gebe­tes und Ent­halt­sam­keit ste­hen (1. Kor. 7,5). Sie wird dar­in ein Gleich­nis sein der ent­sa­gen­den Lie­be Chris­ti zu sei­ner Gemein­de. Ja, ihre Ehe wird ein Teil des Lei­bes Chris­ti sein. Sie wird Kir­che sein (Eph. 5,32). Die Chris­ten kau­fen und ver­kau­fen, trei­ben Han­del und Gewer­be, aber sie wer­den auch dies anders tun als die Hei­den. Sie wer­den ein­an­der nicht nur nicht über­vor­tei­len (1. Thess. 4,6), ja, sie wer­den sogar das der Welt Unbe­greif­li­che tun, sich lie­ber über­vor­tei­len und Unrecht tun zu las­sen, als um »zeit­li­cher Güter« wil­len vor einem heid­ni­schen Gericht sich ihr Recht zu holen. Sie wer­den, wenn es schon sein muß, ihre Kon­flik­te inner­halb der Gemein­de aus­tra­gen, vor eige­nen Gerich­ten (1. Kor. 6,1–8).

So führt die christ­li­che Gemein­de ihr eige­nes Leben mit­ten in der Welt und gibt in ihrem gan­zen Wesen und Tun jeden Augen­blick Zeug­nis davon, daß »das Wesen die­ser Welt ver­geht« (1. Kor. 7,31), daß die Zeit kurz (1. Kor. 7,23) und der Herr nahe ist (Phil. 4,5). Das erfüllt sie mit höchs­ter Freu­de (Phil. 4,4). Die Welt wird ihr zu klein, die Wie­der­kunft des Herrn ist ihr alles. Noch wan­delt sie im Fleisch. Aber ihr Blick ist auf den Him­mel gerich­tet, von dem der wie­der­kom­men wird, auf den sie war­tet. Hier ist sie im frem­den Lan­de eine Kolo­nie fern von der Hei­mat, eine Fremd­lings­ge­mein­de, die das Gast­recht des Lan­des genießt, in dem sie lebt, die dem Gesetz die­ses Lan­des gehorcht und sei­ne Obrig­keit ehrt. Was zur Not­durft des Lei­bes und Lebens gehört, braucht sie dank­bar, in allen Din­gen erzeigt sie sich ehr­bar, gerecht, keusch, lin­de, still und zum Dienst bereit. Allen Men­schen erweist sie die Lie­be ihres Herrn, »aller­meist aber an des Glau­bens Genos­sen« (Gal. 6,10; 2. Petr. 1,7). Im Lei­den ist sie gedul­dig und fröh­lich und rühmt sich der Trüb­sal. Sie lebt ihr eige­nes Leben unter frem­der Obrig­keit und frem­dem Recht. Sie betet für alle Obrig­keit und tut ihr damit ihren größ­ten Dienst (1. Tim. 2,1). Aber sie ist nur auf dem Durch­zug. Jeden Augen­blick kann das Signal zum Wei­ter­marsch erge­hen. Dann bricht sie auf und ver­läßt alle welt­li­che Freund­schaft und Ver­wandt­schaft und folgt allein der Stim­me, die geru­fen hat. Sie ver­läßt die Frem­de und zieht ihrer Hei­mat ent­ge­gen, die im Him­mel ist. Arm und im Lei­den, hung­rig und durs­tig, sanft­mü­tig, barm­her­zig, fried­fer­tig sind sie, ver­folgt und geschmäht von der Welt, und doch sind sie es, um derent­wil­len allein die Welt noch erhal­ten wird. Sie schüt­zen die Welt vor dem Zor­nes­ge­richt Got­tes. Sie lei­den, damit die Welt noch unter der Geduld Got­tes leben kann. Gäs­te und Fremd­lin­ge sind sie auf Erden (Hebr. 11,13; 13,14; 1. Petr. 2,1). Sie trach­ten nach dem, was dro­ben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist (Kol. 3,3). Denn ihr wah­res Leben ist noch nicht offen­bar gewor­den, es ist noch ver­bor­gen mit Chris­to in Gott. Hier liegt ihnen das Wider­spiel vor Augen von dem, was sie sein wer­den. Hier wird allein ihr Ster­ben sicht­bar, ihr heim­li­ches täg­li­ches Ster­ben am alten Men­schen und ihr öffent­li­ches Ster­ben vor der Welt. Noch sind sie auch sich selbst ver­bor­gen. Die lin­ke Hand weiß nicht, was die rech­te tut. Gera­de als die sicht­ba­re Gemein­de blei­ben sie sich selbst ganz unbe­kannt. Sie sehen allein auf ihren Herrn. Der ist im Him­mel und bei ihm ist ihr Leben, auf das sie war­ten. Wenn aber Chris­tus, ihr Leben, sich offen­ba­ren wird, dann wer­den sie auch offen­bar wer­den mit ihm in der Herr­lich­keit (Kol. 3,4).

Sie wan­deln auf Erden und leben im Him­mel,
Sie blei­ben ohn­mäch­tig und schüt­zen die Welt;
Sie schme­cken den Frie­den bei allem Getüm­mel,
Sind arm, doch sie haben, was ihnen gefällt.
Sie ste­hen im Lei­den und blei­ben in Freu­den,
Sie schei­nen ertö­tet den äuße­ren Sin­nen
Und füh­ren das Leben des Glau­bens von innen.

Wenn Chris­tus, ihr Leben, wird offen­bar wer­den,
Wenn er einst sich dar in der Herr­lich­keit stellt,
So wer­den sie mit ihm als Fürs­ten der Erden
Auch herr­lich erschei­nen zum Wun­der der Welt.
Sie wer­den regie­ren, mit ihr tri­um­phie­ren,
Den Him­mel als präch­ti­ge Lich­ter aus­zie­ren.
Da wird man die Freu­de gar offen­bar spü­ren.

Aus »Es glän­zet der Chris­ten inwen­di­ges Leben« von Chr. F. Rich­ter.

Das ist die Gemein­de der Her­aus­ge­ru­fe­nen, die Ekkle­sia, der Leib Chris­ti auf Erden, die Nach­fol­ger und Jün­ger Jesu.

Die­ses Kapi­tel Bon­hoef­fers hat bereits fast 8.000 Wör­ter. – Unmög­lich, dass ich hier des Lan­gen und Brei­ten etwas hin­zu­fü­ge. Bloß ein Gedan­ke heu­te: Wer den Leib Chris­ti in der »sicht­ba­ren Gemein­de« so denkt wie Bon­hoef­fer, der kann damit nicht mei­nen, wovon die Kir­chen­ge­mein­de­ord­nung (KGO) redet. Die »sicht­ba­re Gemein­de« ist sicht­bar, weil sie Gemein­schaft lebt. Weil sie Pre­digt und Sakra­ment in Gebrauch nimmt.

Zuneh­mend wird es mir schwie­rig vor­stell­bar, wie Gemein­de als wei­test­ge­hend pas­si­ve Glied­schaft gedacht wer­den kann. – Wie kann ich denn vom ande­ren kon­kret den­ken, wenn ich sie oder ihn nicht vor Augen habe? Mög­lichst öfters als bloß am Sonn­tag! Gemein­de wird für mich sicht­bar zum Bei­spiel in mei­nem Haus­kreis, in der Tee­nie­kir­che. Aber: Die nutzt nie­man­dem, wenn kei­ne Tee­nies da sind. Sie wird auch für die ange­spro­che­nen erst dann attrak­tiv und kon­kret, wenn die ande­ren da sind und Got­tes Geist dort wirkt.

Eine Gemein­de ohne Got­tes Geist ist ein Ver­ein. – Aber eben kei­ne Kör­per­schaft öster­li­chen Rechts. Eine Gemein­de, die nicht da ist, wo gepre­digt, getauft und gemein­sam Abend­mahl gefei­ert wird, aber eben auch da, wo gemein­sam gelebt wird (gefei­ert, gear­bei­tet, ja, Gemein­de geputzt und auch mis­sio­niert wird), die ist nicht vor­han­den. Da ist ja nie­mand »her­aus­ge­ru­fen« (ECCLESIA) aus dem All­tag.

F.W.

Fort­set­zung folgt.