In die­ser Feri­en­zeit ver­öf­fent­li­chen wir hier Abschnit­te aus Bon­hoef­fers Band »Nach­fol­ge« (gemein­frei seit 2016), ins­be­son­de­re aus dem zwei­ten Teil »Die Kir­che Jesus Chris­ti und die Nach­fol­ge« und dazu eini­ge Gedan­ken von mir heu­te, eben Impul­se, die mir bei der Lek­tü­re durch den Kopf gin­gen, und die mög­li­cher­wei­se auch ande­ren nütz­lich wer­den kön­nen.

Die Tau­fe.

Der Begriff der Nach­fol­ge, der bei den Syn­op­ti­kern fast den gesam­ten Inhalt und Umfang der Bezie­hun­gen des Jün­gers zu Jesus Chris­tus aus­zu­drü­cken ver­moch­te, tritt bei Pau­lus stark in den Hin­ter­grund. Pau­lus ver­kün­digt uns nicht in ers­ter Linie die Geschich­te des Herrn in sei­nen Erden­ta­gen, son­dern die Gegen­wart des Auf­er­stan­de­nen und Ver­klär­ten und sein Wir­ken an uns. Dazu bedarf er einer neu­en und eige­nen Begriff­lich­keit. Sie ent­springt aus dem Beson­de­ren des Gegen­stan­des und zielt auf das Gemein­sa­me der Ver­kün­di­gung des Einen Herrn, der leb­te, starb und auf­er­stand. Dem voll­stän­di­gen Chris­tus­zeug­nis ent­spricht eine man­nig­fa­che Begriff­lich­keit. So muß die Begriff­lich­keit des Pau­lus die der Syn­op­ti­ker bestä­ti­gen und umge­kehrt, und kei­ne hat vor der ande­ren an sich einen Vor­zug; denn wir sind nicht »pau­lisch oder apol­lisch oder kephisch oder chris­tisch«, son­dern der Ein­heit des Schrift­zeug­nis­ses von Chris­tus schen­ken wir Glau­ben. Wir spren­gen die Ein­heit der Schrift, woll­ten wir sagen, Pau­lus ver­kün­di­ge den Chris­tus, der auch uns noch eben­so gegen­wär­tig sei, das Zeug­nis aber der Syn­op­ti­ker spre­che von einer Gegen­wart Jesu Chris­ti, die wir nicht mehr ken­nen. So zu reden gilt zwar weit­hin als refor­ma­to­risch-geschicht­li­ches Den­ken, ist aber in Wahr­heit das Gegen­teil davon, näm­lich gefähr­lichs­te Schwär­me­rei. Wer sagt uns, daß wir die Gegen­wart Chris­ti, wie sie Pau­lus ver­kün­digt, noch heu­te haben? Wer anders sagt es uns, als die Schrift selbst? Oder soll­te eben hier von einer frei­en, nicht ans Wort gebun­de­nen Erfah­rung der Chris­tus­ge­gen­wart und ‑wirk­lich­keit gere­det wer­den? Ist es aber allein die Schrift, die uns die Gegen­wart Chris­ti bezeugt, so tut sie es eben als gan­ze, und also zugleich als sol­che, die uns die Gegen­wart des syn­op­ti­schen Jesus Chris­tus bezeugt. Der syn­op­ti­sche Chris­tus ist uns nicht fer­ner und nicht näher als der pau­li­ni­sche Chris­tus. Gegen­wär­tig ist uns der Chris­tus, den uns die gan­ze Schrift bezeugt. Er ist der Mensch­ge­wor­de­ne, Gekreu­zig­te, Auf­er­stan­de­ne und Ver­klär­te, er begeg­net uns in sei­nem Wort. Die ver­schie­de­ne Begriff­lich­keit, in der die Syn­op­ti­ker und Pau­lus die­ses Zeug­nis wei­ter­ge­ben, tut der Ein­heit des Schrift­zeug­nis­ses kei­nen Abbruch (Anm.: Die Ver­wechs­lung von onto­lo­gi­schen Aus­sa­gen und ver­kün­di­gen­dem Zeug­nis ist das Wesen aller Schwarm­geis­te­rei. Der Satz: Chris­tus ist auf­er­stan­den und gegen­wär­tig, ist onto­lo­gisch ver­stan­den die Auf­he­bung der Ein­heit der Schrift. Denn er schlös­se in sich eine Aus­sa­ge über die Exis­ten­zwei­se Jesu Chris­ti, die z. B. von der des syn­op­ti­schen Jesus unter­schie­den ist. Daß Jesus Chris­tus auf­er­stan­den und gegen­wär­tig ist, ist hier ein für sich bestehen­der Satz mit eige­ner onto­lo­gi­scher Bedeu­tung, der zugleich kri­tisch gegen ande­re onto­lo­gi­sche Aus­sa­gen ver­wen­det wer­den könn­te. Er wird zum theo­lo­gi­schen Prin­zip. Ana­log ist z. B. jeder schwär­me­ri­sche Per­fek­tio­nis­mus auf einem sol­chen onto­lo­gi­schen Miß­ver­ständ­nis der Schrift­aus­sa­gen über die Hei­li­gung erwach­sen. Hier wird z. B. die Aus­sa­ge, daß, wer in Gott ist, nicht sün­digt, zum onto­lo­gi­schen Aus­gangs­punkt des Den­kens gemacht; die Aus­sa­ge wird damit aus der Schrift selbst her­aus­ge­löst und zur eigen­stän­di­gen, erfahr­ba­ren Wahr­heit erho­ben. Dem steht der Cha­rak­ter des ver­kün­di­gen­den Zeug­nis­ses abso­lut ent­ge­gen. Der Satz: Chris­tus ist auf­er­stan­den und gegen­wär­tig, ist streng als Zeug­nis der Schrift ver­stan­den nur als Wort der Schrift wahr. Die­sem Wort schen­ke ich Glau­ben. Es gibt für mich hier kei­nen denk­ba­ren ande­ren Zugang zu die­ser Wahr­heit als durch die­ses Wort. Mit die­sem Wort aber ist mir in glei­cher Wei­se die Gegen­wart des pau­li­ni­schen wie des syn­op­ti­schen Chris­tus bezeugt, so daß die Nähe zu dem einen oder ande­ren durch nichts bestimmt wird als durch das Wort, durch das Zeug­nis der Schrift. Damit ist natür­lich nie­mals bestrit­ten, daß Pau­lus ein von den Syn­op­ti­kern durch Gegen­stand und Begriff­lich­keit unter­schie­de­nes Zeug­nis hat, aber es sind bei­de streng im Zusam­men­hang des Schriftgan­zen ver­stan­den. Die­ses alles ist nicht nur eine aprio­ri­sche Erkennt­nis, die von einem stren­gen Kanon­be­griff her­kommt, son­dern jeder ein­zel­ne Fall muß wie­der­um die Rich­tig­keit die­ser Schrift­auf­fas­sung bewäh­ren. So wird im fol­gen­den zu zei­gen sein, wie der Begriff der Nach­fol­ge im Zeug­nis des Pau­lus in ver­än­der­ter Begriff­lich­keit auf­ge­nom­men und wei­ter­ge­führt ist).

Ruf und Ein­tritt in die Nach­fol­ge haben bei Pau­lus ihre Ent­spre­chung in der Tau­fe. Tau­fe ist nicht Ange­bot des Men­schen, son­dern Ange­bot Jesu Chris­ti. Sie ist allein begrün­det in dem gnä­di­gen beru­fen­den Wil­len Jesu Chris­ti. Tau­fe heißt Getauft­wer­den, sie ist ein Erlei­den des Rufes Chris­ti. Der Mensch wird in ihr Eigen­tum Chris­ti. Der Name Jesu Chris­ti wird über dem Täuf­ling genannt, der Mensch wird damit die­ses Namens teil­haf­tig, er wird »in Jes­um Chris­tum« hin­ein­ge­tauft (EIS Röm. 6,3, Gal. 3,27, Mt. 28,19). Nun gehört er zu Jesus Chris­tus. Er ist der Herr­schaft der Welt ent­ris­sen und ist Chris­ti Eigen­tum gewor­den.

So bedeu­tet die Tau­fe einen Bruch. Chris­tus greift in den Macht­be­reich des Satans ein und legt sei­ne Hand auf die Sei­nen, schafft sich sei­ne Gemein­de. Ver­gan­ge­nes und Zukünf­ti­ges sind damit aus­ein­an­der­ge­ris­sen. Das Alte ist ver­gan­gen, es ist alles neu gewor­den. Nicht geschieht der Bruch dadurch, daß ein Mensch sei­ne Ket­ten zer­reißt, weil er nach einer neu­en, frei­en Ord­nung sei­nes Lebens und der Din­ge ein unstill­ba­res Ver­lan­gen trägt. Chris­tus selbst hat längst zuvor den Bruch voll­zo­gen. In der Tau­fe wird die­ser Bruch nun auch an mei­nem Leben voll­streckt. Die Unmit­tel­bar­keit zu den Gege­ben­hei­ten der Welt wird mir geraubt, weil Chris­tus, der Mitt­ler und Herr, dazwi­schen­ge­tre­ten ist. Wer getauft ist, gehört nicht mehr der Welt, dient ihr nicht mehr, ist ihr nicht mehr unter­wor­fen. Er gehört Chris­tus allein an und ver­hält sich zur Welt nur durch Chris­tus.

Der Bruch mit der Welt ist ein voll­kom­me­ner. Er for­dert und bewirkt den Tod des Men­schen (Anm.: Schon Jesus hat sei­nen Tod eine Tau­fe genannt und sei­nen Jün­gern die­se Tau­fe des Todes ver­hei­ßen, Mk. 10,39; Lk. 12,50). In der Tau­fe stirbt der Mensch mit sei­ner alten Welt. Auch die­ser Tod ist im strengs­ten Sinn als lei­dent­li­ches Gesche­hen auf­zu­fas­sen. Nicht der Mensch soll den unmög­li­chen Ver­such machen, sich die­sen Tod zu geben durch aller­lei Ver­zicht und Ent­sa­gung. Ein sol­cher Tod wäre nie­mals der von Chris­tus gefor­der­te Tod des alten Men­schen. Der alte Mensch kann sich nicht selbst töten. Er kann sei­nen Tod nicht wol­len. Der Mensch stirbt allein an Chris­tus, durch Chris­tus, mit Chris­tus. Chris­tus ist sein Tod. Um der Gemein­schaft mit Chris­tus wil­len und in ihr allein stirbt der Mensch. Mit der Chris­tus­ge­mein­schaft in der Tauf­gna­de emp­fängt er sei­nen Tod (Anm.: Schlat­ter bezieht auch 1. Kor. 15,29 auf die Tau­fe des Mar­ty­ri­ums). Die­ser Tod ist die Gna­de, die der Mensch sich nie­mals selbst schaf­fen kann. Zwar ergeht in ihm das Gericht über den alten Men­schen und sei­ne Sün­de, aber aus die­sem Gericht her­aus ersteht der neue Mensch, der der Welt und der Sün­de abge­stor­ben ist. So ist die­ser Tod nicht die letz­te zor­ni­ge Ver­wer­fung des Geschöp­fes durch den Schöp­fer, son­dern er ist gnä­di­ge Annah­me des Geschöp­fes durch den Schöp­fer. Die­ser Tauf­tod ist der durch Chris­ti Tod uns erwor­be­ne gnä­di­ge Tod. Es ist der Tod in der Kraft und Gemein­schaft des Kreu­zes Chris­ti. Wer Chris­ti Eigen­tum wird, muß unter sein Kreuz. Er muß mit ihm lei­den und ster­ben. Wer die Gemein­schaft Jesu Chris­ti emp­fängt, muß den gna­den­vol­len Tod der Tau­fe ster­ben. Das macht das Kreuz Chris­ti, unter das Jesus sei­ne Nach­fol­ger stellt. Chris­ti Kreuz und Tod war hart und schwer, das Joch unse­res Kreu­zes ist sanft und leicht durch die Gemein­schaft mit ihm. Chris­ti Kreuz ist unser ein­ma­li­ger gna­den­vol­ler Tod in der Tau­fe; unser Kreuz, zu dem wir geru­fen sind, ist das täg­li­che Ster­ben in der Kraft des voll­brach­ten Todes Chris­ti. So wird die Tau­fe zum Emp­fang der Kreu­zes­ge­mein­schaft Jesu Chris­ti (Röm. 6,3ff., Kol. 2,12). Der Glau­ben­de kommt unter Chris­ti Kreuz.

Der Tod in der Tau­fe ist die Recht­fer­ti­gung von der Sün­de. Der Sün­der muß ster­ben, um von sei­ner Sün­de frei zu wer­den. Wer gestor­ben ist, der ist gerecht­fer­tigt von der Sün­de (Röm. 6,7, Kol. 2,20). An den Toten hat die Sün­de kein Recht mehr, ihre For­de­rung ist mit dem Tode begli­chen und erlo­schen. So geschieht Recht­fer­ti­gung von (APO) der Sün­de allein durch den Tod. Ver­ge­bung der Sün­de heißt nicht Über­se­hen und Ver­ges­sen, son­dern heißt wirk­li­che Tötung des Sün­ders und Tren­nung von (APO) der Sün­de. Daß aber der Tod des Sün­ders Recht­fer­ti­gung und nicht Ver­damm­nis wirkt, hat sei­nen ein­zi­gen Grund dar­in, daß die­ser Tod in der Gemein­schaft des Todes Chris­ti erlit­ten wird. Die Tau­fe in den Tod Chris­ti schafft Ver­ge­bung der Sün­den und Recht­fer­ti­gung, sie schafft völ­li­ge Tren­nung von der Sün­de. Die Gemein­schaft des Kreu­zes, in die Jesus sei­ne Jün­ger rief, ist die Gabe der Recht­fer­ti­gung an sie, des Todes und der Ver­ge­bung der Sün­den. Der Jün­ger, der in der Gemein­schaft des Kreu­zes Jesus nach­folg­te, emp­fing kei­ne ande­re Gabe als der Gläu­bi­ge, der nach der Leh­re des Pau­lus die Tau­fe emp­fing. Daß die Tau­fe bei aller Pas­si­vi­tät, in die sie den Men­schen nötigt, doch nie­mals als mecha­ni­scher Vor­gang ver­stan­den wer­den darf, macht die Ver­bin­dung von Tau­fe und Geist ganz deut­lich (Mt. 3,11; Act. 10,47; Joh. 3,5; 1. Kor. 6,11,12,13). Die Gabe der Tau­fe ist der Hei­li­ge Geist. Der Hei­li­ge Geist aber ist der in den Her­zen der Gläu­bi­gen woh­nen­de Chris­tus selbst (2. Kor. 3,17; Röm. 8,9–11,14ff.; Eph. 3,16f.). Die Getauf­ten sind das Haus, in dem der Hei­li­ge Geist Woh­nung gemacht hat (OIKEI). Der Hei­li­ge Geist gewährt uns die blei­ben­de Gegen­wart Jesu Chris­ti und sei­ne Gemein­schaft. Er gibt uns rech­te Erkennt­nis sei­nes Wesens (1. Kor. 2,10) und sei­nes Wil­lens, er lehrt und erin­nert uns an alles, was Chris­tus uns gesagt hat (Joh. 14,26), er lei­tet uns in alle Wahr­heit (Joh. 16,13), daß es uns an Erkennt­nis Chris­ti nicht man­gelt, daß wir wis­sen kön­nen, was uns von Gott gege­ben ist (1. Kor. 2,12; Eph. 1,9). Nicht Unge­wiß­heit, son­dern Gewiß­heit und Klar­heit schafft der Hei­li­ge Geist in uns. Dar­um kön­nen wir im Geist wan­deln (Gal. 5,16.18.25, Röm. 8,1.4) und gewis­se Trit­te tun. Das Maß der Gewiß­heit, das die Jün­ger Jesu in sei­ner irdi­schen Gemein­schaft hat­ten, hat Jesus den Sei­nen nach sei­nem Hin­gang nicht genom­men. Durch die Sen­dung des Hei­li­gen Geis­tes in die Her­zen der Getauf-ten wird die Gewiß­heit der Erkennt­nis Jesu nicht nur erhal­ten, son­dern durch die Nähe der Gemein­schaft noch gestärkt und gefes­tigt (Röm. 8,16; Joh. 16,12f.).

Rief Jesus in die Nach­fol­ge, so for­der­te er einen sicht­ba­ren Gehor­sams­akt. Jesus nach­fol­gen war eine öffent­li­che Sache. Ganz eben­so ist die Tau­fe ein öffent­li­ches Gesche­hen; denn in ihr voll­zieht sich die Ein­glie­de­rung in die sicht­ba­re Gemein­de Jesu Chris­ti (Gal. 3,27f.; 1. Kor. 12,13). Der in Chris­tus voll­zo­ge­ne Bruch mit der Welt kann nicht mehr ver­bor­gen blei­ben, er muß äußer­lich in Erschei­nung tre­ten durch die Zuge­hö­rig­keit zum Got­tes­dienst und zum Leben der Gemein­de. Der Christ, der sich zur Gemein­de hält, tut einen Schritt aus der Welt, aus der Arbeit, aus der Fami­lie hin­aus, er steht sicht­bar in der Gemein­schaft Jesu Chris­ti. Er tut die­sen Schritt allein. Aber er fin­det wie­der, was er ver­ließ, Brü­der, Schwes­tern, Häu­ser, Äcker. Der Getauf­te lebt in der sicht­ba­ren Gemein­de Jesu Chris­ti. Was das bedeu­tet und ein­schließt, muß in zwei wei­te­ren Abschnit­ten über den »Leib Chris­ti« und über die »sicht­ba­re Gemein­de« gezeigt wer­den. Die Tau­fe und ihre Gabe ist etwas Ein­ma­li­ges. Mit der Tau­fe Chris­ti kann kei­ner zwei­mal getauft wer­den (Anm.: Die Johan­nes­tau­fe aller­dings muß durch die Chris­tus­tau­fe erneu­ert wer­den, Act. 19,5). Die Unwie­der­hol­bar­keit und Ein­zig­keit die­ser Gna­den­tat Got­tes will der Hebrä­er­brief an jener dunk­len Stel­le ver­kün­di­gen, in der er für Getauf­te und Bekehr­te die Mög­lich­keit einer zwei­ten Buße leug­net (Hebr. 6,4ff.). Wer getauft ist, hat teil­be­kom­men an Chris­ti Tod. Er hat durch die­sen Tod sein Todes­ur­teil emp­fan­gen und ist gestor­ben. Wie Chris­tus ein für alle­mal starb (Röm. 6,10) und wie es kei­ne Wie­der­ho­lung sei­nes Opfers gibt, so erlei­det der Getauf­te mit Chris­tus ein für alle­mal sei­nen Tod. Nun ist er gestor­ben. Das täg­li­che Abster­ben des Chris­ten ist nur noch die Fol­ge des einen Tauf­todes, wie der Baum abstirbt, dem die Wur­zel abge­schnit­ten ist. Hin­fort gilt von den Getauf­ten: »Hal­tet euch dafür, daß ihr der Sün­de gestor­ben seid« (Röm. 6,11). Nur als Tote ken­nen sich die Getauf­ten noch, als sol­che, an denen schon alles zum Heil voll­bracht ist. Es ist die erin­nern­de Wie­der­ho­lung des Glau­bens an die voll­brach­te Gna­den­tat des Todes Chris­ti an uns, nicht aber die rea­le Wie­der­ho­lung der immer neu zu voll­brin­gen-den Gna­den­tat die­ses Todes, aus der der Getauf­te lebt. Er lebt aus dem Ein­ma­li­gen des Todes Chris­ti in sei­ner Tau­fe.

Von der stren­gen Ein­ma­lig­keit der Tau­fe her fällt ein bedeut­sa­mes Licht auf die Kin­der­tau­fe (Anm.: Zu den bekann­ten Stel­len, die die Kin­der­tau­fe schon dem neu­tes­ta­ment­li­chen Zeit­al­ter zuschrei­ben wol­len, darf viel­leicht 1. Joh. 2,12ff. hin­zu­ge­fügt wer­den. Die zwei­ma­li­ge Rei­hen­fol­ge: Kin­der, Väter, Jüng­lin­ge erlaubt die Annah­me, daß TEKNIA v. 12 nicht all­ge­mei­ne Bezeich­nung für die Gemein­de ist, son­dern daß dar­un­ter wirk­lich die Kin­der zu ver­ste­hen sind). Nicht dies wird zwei­fel­haft, ob die Kin­der­tau­fe Tau­fe sei, aber gera­de weil Kin­der­tau­fe Tau­fe, unwie­der­hol­ba­re, ein­ma­li­ge Tau­fe ist, dar­um muß nun ihr Gebrauch bestimm­te Gren­zen fin­den. Es war zwar gewiß kein Zei­chen eines gesun­den Gemein­de­le­bens, wenn sich gläu­bi­ge Chris­ten im zwei­ten und drit­ten Jahr­hun­dert oft erst im Alter oder auf dem Ster­be­bett tau­fen lie­ßen, aber es ver­rät doch zugleich eine Klar­heit der Ein­sicht in die Art der Tauf­gna­de, die uns weit­hin ver­lo­ren gegan­gen ist. Für die Kin­der­tau­fe heißt das, daß die Tau­fe nur dort erteilt wer­den kann, wo die erin­nern­de Wie­der­ho­lung des Glau­bens an die ein für alle­mal voll­brach­te Heils­tat gewähr­leis­tet wer­den kann, d. h. aber in einer leben­di­gen Gemein­de. Kin­der­tau­fe ohne Gemein­de ist nicht nur Miß­brauch des Sakra­ments, son­dern zugleich ver­werf­li­cher Leicht­sinn im Umgang mit dem See­len­heil der Kin­der; denn die Tau­fe bleibt unwie­der­hol­bar.

Eben­so war der Ruf Jesu von ein­ma­li­ger und unwie­der­hol­ba­rer Bedeu­tung für den Geru­fe­nen. Wer ihm folg­te, war sei­ner Ver­gan­gen­heit abge­stor­ben. Dar­um muß­te Jesus von sei­nen Jün­gern for­dern, daß sie alles ver­lie­ßen, was sie hat­ten. Die Unwie­der­ruf­lich­keit der Ent­schei­dung muß­te deut­lich wer­den, zugleich aber auch die Voll­stän­dig­keit der Gabe, die sie von ihrem Herrn emp­fin­gen. »Wo aber das Salz dumm wird, womit soll man’s sal­zen?« Schär­fer konn­te die Ein­ma­lig­keit der Gabe Jesu nicht aus­ge­drückt sein. Er nahm ihnen ihr Leben, aber nun woll­te Er ihnen ein Leben berei­ten, ein gan­zes, vol­les Leben, und er schenk­te ihnen sein Kreuz. Das war die Gabe der Tau­fe an die ers­ten Jün­ger.

Bon­hoef­fers Text wirkt auf mich fast umwer­fend. Dass der Sün­der von der Sün­de durch das Ster­ben (in der Tau­fe) getrennt wird: Das ist von der­ar­ti­ger Tie­fe, dass ich hier dar­auf ver­zich­ten möch­te, Bon­hoef­fer zu kom­men­tie­ren oder zu wie­der­ho­len.

Die kirch­li­che Pra­xis

aber lese ich deut­lich, dass Tau­fe nur dort ihren Ort hat, wo erin­nern­de Wie­der­ho­lung des Glau­bens statt­fin­det. Anders gesagt: Es bedarf, wenn ein Kind getauft wird, einer Teil­nah­me der Fami­lie am Gemein­de­le­ben. Es bedarf über­haupt einer Gemein­de, in der Glau­be prak­ti­ziert wird.

Bei uns, in der EmK, ist ja bei­des üblich: Eine Seg­nung eines klei­nen Kin­des, so dass die­ses Men­schen­kind spä­ter, wenn das dran ist, selbst sich zu Chris­tus beken­nen kann und dann auch getauft wer­den kann. – Wir tau­fen aber auch klei­ne Kin­der, weil eine Ent­de­ckung des Metho­dis­mus ist, dass Got­tes Gna­de stets vor unse­rem Glau­ben unse­rem Erken­nen kommt. Die »vor­lau­fen­de Gna­de« ist nichts wirk­lich Neu­es, aber doch eine radi­ka­le Per­spek­ti­ve auf alles mensch­li­che und gemeind­li­che Tun: Weil es Gott ist, der alles in allem wirkt, kön­nen wir Kin­der tau­fen. Dabei bedeu­tet die Tau­fe kei­ne Glied­schaft, son­dern Got­tes Zusa­ge an alle, eben auch an unmün­di­ge Kin­der, dass er für sie neu­es Leben ermög­licht.

Das sel­be Motiv der vor­lau­fen­den Gna­de ist es auch, dass uns als Kir­che ver­an­lasst, das Abend­mahl »offen« zu fei­ern: Wir laden alle ein, weil es nicht die Kir­che ist, die da ein­lädt, es ist Chris­tus. Alle sind an sei­nem Tisch will­kom­men, wenn sie nur mit ihm Gemein­schaft haben wol­len. So sind Kin­der eben­so will­kom­men wie Chris­ten ande­rer Gemein­den oder auch nicht Getauf­te: Jesus lädt ein.

Mit den Huma­nis­ten ist der Ver­fas­ser übri­gens der Auf­fas­sung, dass es unglück­lich ist, wenn ein (lan­des­kirch­lich) als Kind getauf­ter Mensch, um wie­der aus einer Kir­che (und damit aus der Pflicht zur Kir­chen­steu­er­zah­lung) her­aus zu kom­men, einen kos­ten­pflich­ti­gen Aus­tritt im Stan­des­amt erklä­ren muss. Bei aller Ach­tung elter­li­che Sor­ge: Bei uns ist das nicht der Fall. Und: Red­lich fän­de ich es, wenn die staat­lich erho­be­nen Kos­ten eines Aus­tritts von der ent­spre­chen­den Kir­che getra­gen wür­den.

F.W.

Fort­set­zung folgt