Nach­ge­dacht Novem­ber – P. Rai­ner Prüß­mann

»Sie­he, das Reich Got­tes ist mit­ten unter euch.«
(Lukas 17,21)

Wor­an ist zu mer­ken, dass bald Weih­nach­ten ist? Rich­tig, an Weih­nachts­män­nern, Spe­ku­la­ti­us und weih­nacht­li­chem Gebäck, das es ab Mit­te Sep­tem­ber schon im Super­markt zu kau­fen gibt, an der Leucht­de­ko­ra­ti­on und den win­ter­lich-weih­nacht­lich deko­rier­ten Schau­fens­tern, die ab Ende Novem­ber die Innen­städ­te schmü­cken. Weih­nach­ten ist ein Fest, das sich lan­ge, deut­lich und für jeden sicht­bar weit im Vor­aus ankün­digt, ob man schon in Weih­nachts­stim­mung ist oder nicht.

Wann kommt das Reich Got­tes? Hin­ter die­ser Fra­ge steht für die Juden der dama­li­gen Zeit eine gro­ße Sehn­sucht. Es ist zual­ler­erst die Sehn­sucht, dass Got­tes Herr­schaft in wir­ren Zei­ten Ein­zug hält. Juden schau­ten auf vie­le hun­dert Jah­re wech­seln­de poli­ti­sche Fremd­herr­scher zurück sowie auf einen Bedeu­tungs­ver­lust und eine Ver­wäs­se­rung des jüdi­schen Glau­bens. Man hoff­te, dass Gott von der Fremd­herr­schaft befreit, für alle unüber­seh­bar regiert und dass alle auf die Stim­me Got­tes hören. Je län­ger die wir­ren Zei­ten anhiel­ten, je stär­ker der Bedeu­tungs­ver­lust wur­de, umso grö­ßer wur­den die Erwar­tun­gen, was alles gesche­hen wird, wie deut­lich die Zei­chen aus­fal­len, wenn Got­tes Reich kommt und er regiert.

Wie so oft fällt die Ant­wort Jesu anders aus als gedacht: »Das Reich Got­tes kommt nicht so, dass man’s beob­ach­ten kann; man wird auch nicht sagen: Sie­he, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn sie­he, das Reich Got­tes ist mit­ten unter euch.«

Es ist schon da! Ist das nicht eine Mut machen­de Ant­wort? Trotz so man­cher Irrun­gen und Wir­run­gen, trotz so vie­lem in der Welt, was der Lie­be Got­tes wider­spricht, ist es schon gegen­wär­tig. Das Reich Got­tes ist zwar noch nicht ganz, letzt- und end­gül­tig offen­bart, aber es ist schon mit­ten unter uns. Mit der Mensch­wer­dung Got­tes in Jesus Chris­tus hat es begon­nen. Jesus erteilt jeg­li­chen Spe­ku­la­tio­nen über Zeit und Zei­chen in Hin­blick auf das noch aus­ste­hen­de Reich eine Absa­ge. Das galt für die Juden damals und gilt für uns Chris­ten heu­te, die auf die Wie­der­kunft Chris­ti war­ten (Ver­se 22–37). Die noch aus­ste­hen­de Wie­der­kunft bleibt uns in Raum und Zeit ent­zo­gen, mögen wir noch so vie­le Zei­chen der Zeit ver­su­chen zu deu­ten. Sein Kom­men wird sich nicht so ankün­di­gen, wie sich bei­spiels­wei­se Weih­nach­ten ankün­digt.

Das Reich aber, das wir schon jetzt erle­ben kön­nen, zeigt sich über­all dort, wo in der Nach­fol­ge Jesu der Herr­schaft Got­tes Raum gege­ben wird. Es macht sich am Reden und Han­deln der Men­schen fest, wenn es mit dem Han­deln Got­tes kor­re­spon­diert. Zum Bei­spiel: Wenn auf Gewalt nicht mit Gegen­ge­walt reagiert wird, son­dern nach Mög­lich­kei­ten zur Ver­söh­nung gesucht wird. Wenn Men­schen, durch Got­tes Lie­be berührt, nicht nur ihren eige­nen Wil­len und ihr eige­nes Glück im Blick haben, son­dern auch die Gemein­schaft um sich her­um. Wenn Men­schen durch den Glau­ben eine Hoff­nung erwächst, die auch durch schwe­re Zei­ten des all­täg­li­chen Lebens trägt. Hier ver­wirk­licht sich das Reich Got­tes schon jetzt mit­ten unter uns. Die Ant­wort Jesu ist Trost und Auf­for­de­rung zu gleich: Sie lenkt unse­ren Blick auf die Momen­te, in denen wir schon jetzt Got­tes Reich erle­ben kön­nen, sie zeigt uns: Gott wirkt in die­ser Welt. Doch gilt es, nicht bei die­sen Momen­ten ste­hen zu blei­ben. »Sie­he, das Reich Got­tes steht Euch zur Ver­fü­gung«, for­dert her­aus, der Herr­schaft Got­tes in der eige­nen Nach­fol­ge, im eige­nen Leben Raum und Zeit zu geben.

Ihr/Euer
Rai­ner Prüß­mann